Erbschaften in Europa: Wer viel verdient, erbt häufiger

Pressemitteilung vom 27. April 2016

DIW-Studie: Bis 2010 hatten 27 bis 40 Prozent aller Haushalte in vielen Euroländern geerbt oder eine Schenkung erhalten – Steuern auf Erbschaften und Schenkungen in Deutschland durch Ausnahmeregelungen geprägt

Einkommensstarke Personen erben öfter und erhalten deutlich höhere Beträge als einkommensschwache. Ein größeres Vermögen bauen die Gutverdiener aber auch deswegen auf, weil sie auf Grund ihrer sozialen Herkunft selbst bessere Verdienstchancen haben. Das zeigt eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), die von der Hans-Blöcker-Stiftung in Auftrag gegeben wurde. „Wer aus vermögendem Hause kommt, erzielt überdurchschnittlich oft selbst ein hohes Einkommen und kann sich darüber hinaus öfter über Erbschaften und Schenkungen freuen“, sagen die DIW-Ökonomen Christian Westermeier und Markus Grabka sowie ihre Kollegin Anita Tiefensee von der Hertie School of Governance. Sie haben untersucht, welche Rolle Erbschaften und Schenkungen für die Vermögensposition der Haushalte und die Vermögensungleichheit im Euroraum spielen. Weil sich die Datenqualität stark unterscheidet und nicht für alle Euroländer dieselben Informationen vorliegen, beschränkt sich die Untersuchung auf acht Länder: Griechenland,  Spanien, Portugal, Zypern, Frankreich, Österreich, Belgien und Westdeutschland – für Ostdeutschland liegen keine verlässlichen Zahlen zur Bewertung von vor der Wiedervereinigung geerbten Vermögenswerten vor.

Bildung, Einkommen und sozialer Status entscheiden

Bis 2010 war, je nach Land, in 27 bis 40 Prozent aller analysierten Haushalte mindestens eine Erbschaft oder eine Schenkung angefallen, wobei nur Transfers gemeint sind, die von außerhalb des eigenen Haushalts kamen. Die Summe aller Erbschaften und Schenkungen entspricht in Westdeutschland einem Drittel der aktuellen Haushaltsnettovermögen – und ist im Vergleich zu allen anderen Euroländern dieser Studie am höchsten. Nur auf die Empfängerhaushalte bezogen liegt der Anteil in Westdeutschland bei 52 Prozent. Die Studie, die im DIW Wochenbericht 17/2016 erschienen ist, zeigt, dass mit zunehmendem Einkommen auch die Wahrscheinlichkeit steigt, einen solchen Transfer zu erhalten – zumindest in Österreich, Belgien, Frankreich und Westdeutschland. Mit Blick auf Westdeutschland und Österreich stellen die StudienautorInnen fest: „In den einkommensstärksten 20 Prozent aller Haushalte wurde doppelt so häufig geerbt oder eine Schenkung erhalten wie in den einkommensschwächsten 20 Prozent.“ Entscheidend hierfür seien die niedrige Bildungs- und Einkommensmobilität. Das heißt: Bildung, Einkommen und sozialer Status von Personen unterscheiden sich kaum von dem ihrer Eltern – Vermögen wird angespart, vererbt oder verschenkt und damit die starke Vermögensposition über Generationen hinweg gehalten. In den Mittelmeerländern Griechenland, Portugal, Spanien und Zypern gibt es hingegen weniger Unterschiede zwischen den Einkommensgruppen in Bezug auf die Häufigkeit. In allen untersuchten Ländern wurden in einkommensstarken Haushalten jedoch höhere Beträge geerbt als in einkommensschwachen.

Deutsche Steuerpolitik von Entlastungen geprägt

Westermeier, Grabka und Tiefensee argumentieren, dass die deutsche Steuerpolitik der vergangenen beiden Jahrzehnte von Entlastungen hoher Vermögen und Einkommen geprägt war: Das Aussetzen der Vermögensteuer, Erleichterungen bei der Unternehmens- und Kapitalertragsbesteuerung sowie niedrige Spitzensteuersätze auf hohe Einkommen haben die ökonomische Ungleichheit erhöht. Auch die Besteuerung von Erbschaften und Schenkungen ist derzeit von Ausnahmeregelungen geprägt und nicht geeignet, der Kluft zwischen Arm und Reich entgegenzuwirken. „Soll die soziale Herkunft ihren Einfluss auf die ökonomische Position verlieren, müssen politische Instrumente gewählt werden, die die Chancengleichheit erhöhen. Zusätzliche Einnahmen aus vermögensbezogenen Steuern könnten gezielt dazu genutzt werden, die Bildungs- und Einkommensmobilität zu erhöhen.“, resümiert Westermeier.

Grundlage der Studie sind die Daten der Studie Household Finance and Consumption Survey (HFCS), die von der Europäischen Zentralbank (EZB) und den Zentralbanken des Euroraums erstmals erhoben wurden. Das HFCS ist eine repräsentative Befragung von Personen in privaten Haushalten.

Links

  • DIW Wochenbericht 17/2016 (PDF, 0.56 MB)
  • Interview mit Christian Westermeier (Print (PDF, 348.47 KB) und 
    O-Ton von Christian Westermeier
    Die Höhe der vererbten Beträge unterscheidet sich deutlich zwischen den Ländern - Acht Fragen an Christian Westermeier