Einkommensmittelschichten schrumpfen in Deutschland und den USA etwa gleich schnell

Pressemitteilung vom 6. Mai 2016

Bitte beachten Sie: Diese Pressemitteilung ist eine korrigierte Version.

Studie des DIW Berlin vergleicht die Anteile der BezieherInnen mittlerer Einkommen in den USA und in Deutschland im zeitlichen Verlauf – Die Anteile am Gesamteinkommen sinken in beiden Ländern – Auch die Höhe der mittleren Einkommen ist seit dem Jahr 2000 gesunken

In Deutschland und den USA schrumpfen die Mittelschichten. Das zeigt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Um mehr als fünf Prozentpunkte sank zwischen 1991 und 2013 in beiden Ländern der Anteil der Mittelschicht an der Gesamtbevölkerung. Zur Einkommensmittelschicht zählen alle Erwachsenen, deren gesamtes Haushaltseinkommen vor Steuern und Sozialabgaben zwischen 67 und 200 Prozent des Medians beträgt. Der Median trennt die einkommensstärkere von der einkommensschwächeren Bevölkerungshälfte. In Deutschland zählten vor allem die ausländischen BürgerInnen zu den AbsteigerInnen aus der Mitte der Einkommensverteilung. In den USA waren es überwiegend aus Lateinamerika eingewanderte Menschen, die abstiegen. Weiße US-BürgerInnen schafften hingegen überdurchschnittlich oft den Sprung in die Gruppe der hohen Einkommen. Der in den vergangenen Jahren zu beobachtende Beschäftigungsaufbau habe in Deutschland nicht zu einer Stabilisierung der mittleren Einkommen beigetragen, sagen die SOEP-Verteilungsexperten am DIW Berlin, Markus M. Grabka, Jan Goebel, Carsten Schröder und Jürgen Schupp.

Erläuterung zu den Messverfahren und der Korrektur

In Deutschland wird die Einkommensmittelschicht üblicherweise anders berechnet als dies in der für den Vergleich mit den USA genutzten Studie der Fall ist. Für Deutschland liegt – internationalen Konventionen folgend – typischerweise das verfügbare Haushaltseinkommen zu Grunde, inklusive des Mietwerts selbstgenutzten Wohneigentums und unter Berücksichtigung der modifizierten OECD-Äquivalenzskala. Bedarfe unterschiedlich großer Haushalte sind damit vergleichbar. Alle im Haushalt lebenden Personen werden berücksichtigt und ausgewiesen.

Im Gegensatz dazu wurde in der US-Vergleichsstudie das Haushaltsmarkteinkommen inklusive staatlicher Transfers und unter Berücksichtigung von Renten, aber vor Steuern und Sozialabgaben berechnet. Die Bedarfsgewichtung erfolgt anhand der Quadratwurzel der Haushaltsgröße. Dabei werden nur die erwachsenen Personen ausgewiesen. Das Ergebnis wird zudem auf einen Drei-Personen-Haushalt normiert.

Bei der Anwendung der spezifischen US-Methodik auf die deutschen Daten war uns bedauerlicherweise ein Fehler unterlaufen. Er hatte bewirkt, dass alle Haushaltseinkommen so behandelt wurden, als würden sie von Drei-Personen-Haushalten erzielt. Dadurch war nicht nur das Niveau der normierten Durchschnittseinkommen unterschätzt, sondern auch der Einkommensvorteil größerer Haushalte durch die Kostendegression nicht berücksichtigt worden.

Auch bei Verwendung des in Deutschland üblichen und in früheren DIW Wochenberichten verwendeten Konzepts zeigt sich eine ähnliche Entwicklung der in dieser Pressemitteilung und im DIW Wochenbericht dargestellten Trends. Zum Vergleich finden Sie diese Werte ebenfalls in der nachfolgenden Tabelle.

Eine Version dieser Pressemitteilung, in der die korrigierten Zahlen den in einer früheren Version fehlerhaften gegenübergestellt sind, finden Sie hier.

Für ihre Studie haben die Forscher neueste Zahlen der im DIW Berlin angesiedelten Langzeitstudie Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) mit Daten aus den USA verglichen. Betrachtet wurden dabei die gesamten, realen Haushaltseinkommen inklusive Renteneinkünften und staatlichen Transfers. Durch das Ausklammern von Steuern und Sozialabgaben wurde sichergestellt, dass sich institutionelle Unterschiede wie auch Änderungen der Steuergesetze nicht verzerrend auswirken. Insgesamt war die Entwicklung in den USA extremer, da die relativen Einkommensverluste der AbsteigerInnen beziehungsweise die Einkommensgewinne der AufsteigerInnen aus der Mittelschicht deutlich größer waren als in Deutschland. Das Medianeinkommen in der Einkommensmitte stieg in den USA von rund 55.000 Dollar im Jahr 1970 auf etwa 77.000 Dollar im Jahr 2000. Bis 2014 ging es allerdings um etwa vier Prozent zurück. In Deutschland stieg es von 1991 bis 2000 um sieben Prozent auf rund 54.500 Euro und sank im Folgenden bis 2013 um ein Prozent auf 53.500 Euro.

Anteil der Einkommensstarken in Deutschland auf 31 Prozent gestiegen

Betrachtet man die Einkommensanteile der Mittelschicht am Gesamteinkommen in den USA, so lag dieser Anteil 1980 bei rund 60 Prozent, 1990 über 54 Prozent und 2014 noch bei 43 Prozent. Seit 2010 fällt der Anteil, der auf die einkommensstarken US-BürgerInnen entfällt, größer aus als der der mittleren Einkommensgruppe. Während der ganzen Zeit verharrte der Anteil der Einkommensschwachen bei rund zehn Prozent, während die Einkommensstarken ihren bis 2014 auf 49 Prozent steigern konnten. In Deutschland hingegen stellen die BezieherInnen mittlerer Einkommen über den gesamten Untersuchungszeitraum die größte Gruppe. Allerdings konnte die Gruppe der Einkommensstarken ihren Anteil am Gesamteinkommen von 22 Prozent im Jahr 1991 auf 31 Prozent im Jahr 2013 steigern. Der Anteil der mittleren Einkommen am Gesamteinkommen hingegen sank seit 1991 von rund 68 Prozent um annähernd zehn Prozentpunkte ab.

In beiden Ländern waren es besonders die 30- bis 44-Jährigen, die aus der mittleren Einkommensschicht herausfielen. In Deutschland sank ihr Anteil seit 1983 um mehr als zehn Prozentpunkte. Auffällig ist den DIW-Forschern zufolge, dass der Bevölkerungsanteil der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 29 Jahren vor allem in der unteren Einkommensgruppe zunahm, während der Anteil der 30- bis 44-Jährigen sowohl in der unteren als auch in der oberen Einkommensgruppe anstieg.