DIW Konjunkturbarometer Juni 2016: Wachstum vor Brexit stabil – aber schlechtere Aussichten für die kommenden Quartale

Pressemitteilung vom 29. Juni 2016

Das Konjunkturbarometer des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) zeigt weiterhin ein stabiles Wachstum für die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal an. Der Wert für Juni hält sich mit knapp 100 Punkten auf dem Niveau vom Mai und signalisiert damit ein Wachstum, das dem langfristigen Quartalsdurchschnitt entspricht, also etwa 0,3 Prozent. „Im ablaufenden zweiten Quartal dürfte sich die deutsche Wirtschaft noch stabil entwickelt haben – aber das war vor der Entscheidung über den Brexit!“, sagt DIW-Konjunkturchef Ferdinand Fichtner. „In der zweiten Jahreshälfte könnte die Konjunktur deutlich an Schwung verlieren, vor allem weil die Exporte nach Großbritannien merklich zurückgehen könnten.“

Zwar haben sich im zweiten Quartal nach DIW-Einschätzung die eher binnenwirtschaftlich orientierten Dienstleistungsbereiche günstig entwickelt, da sie von dem kräftigen Beschäftigungsaufbau in Deutschland und der  Lohnentwicklung profitieren. Dagegen konnte die Industrie das hohe Produktionsniveau vom Jahresbeginn im zweiten Quartal nicht halten; deswegen fiel das Wachstum wohl verglichen mit dem kräftigen Jahresauftakt deutlich geringer aus. „Schon vor der Entscheidung Großbritanniens, die EU zu verlassen, hatte sich nur ein moderater Aufwärtstrend in der Industrie abgezeichnet“, sagt DIW-Deutschlandexperte Simon Junker. „Die Wachstumsperspektiven in wichtigen Absatzmärkten waren ohnehin schon eingetrübt und haben sich mit der Brexit-Entscheidung noch einmal gravierend verschlechtert.“

Die Entscheidung für den Brexit dürfte die deutschen Exporte zunächst vor allem wegen der zu erwartenden Produktionsrückgänge bei britischen Unternehmen sowie der bereits zu beobachtenden deutlichen Abwertung des britischen Pfunds belasten. Ein Rückgang der britischen Importe um ein Achtel würde nach DIW-Berechnungen die deutschen Exporte für sich genommen um einen Prozentpunkt dämpfen. Ohne Berücksichtigung indirekter Effekte würde dies das Wachstum der deutschen Wirtschaft um einen halben Prozentpunkt drücken. „Für die exportabhängige deutsche Industrie ist die Entscheidung, das Brexit-Verfahren in Gang zu setzen, eine Hiobsbotschaft“,  sagt Fichtner. „Die ohnehin nur geringe Bereitschaft zu Investitionen, aber auch zur Schaffung von Arbeitsplätzen dürften in der deutschen Industrie in den nächsten Monaten deutlich nachlassen.“ Hinzu kommen viele weitere Effekte des Brexit, die überwiegend negativ wirken dürften – etwa Reibungsverluste bei der Umstrukturierung der Wertschöpfungsketten und mögliche Verwerfungen an den Finanzmärkten, die derzeit kaum zu benennen sind.

Themen: Konjunktur