Rückblick auf die 4. Gender Studies Tagung

am 27. September 2018

Am 27. September veranstaltete das DIW Berlin in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung die 4. Gender Studies Tagung zum Thema "(Un)gleich besser?! - Die Dimension Geschlecht in der aktuellen Ungleichheitsdebatte". Auch in diesem Jahr fand die Tagung wieder bei vollem Haus statt. Alle Interessierten, die es nicht in die Räumlichkeiten der FES geschafft hatten, konnten die Konferenz über einen Livestream mitverfolgen und unter dem Hashtag #Gender2018 auf Twitter zur Diskussion beitragen.





Eröffnet wurde die Veranstaltung vom geschäftsführenden Vorstandmitglied der FES, Roland Schmidt. Seitens des DIW Berlin begrüßte Präsident Marcel Fratzscher die Gäste. Er betonte die positive gesamtgesellschaftliche Bedeutung einer Chancengleichheit zwischen Frauen und Männern.

Die Moderation übernahm zum vierten Mal Claudia Neusüß, geschäftsführende Gesellschafterin der Agentur compassorange.



 Katharina Wrohlich, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsbereich Gender Studies am DIW Berlin, führte inhaltlich in die Thematik ein und fragte danach, wer von politischen Maßnahmen zur Geschlechtergerechtigkeit profitiere – alle Frauen oder vor allem diejenigen, die sowieso schon eine privilegierte Stellung besitzen?


Die Moderation übernahm zum vierten Mal Claudia Neusüß, geschäftsführende Gesellschafterin der Agentur compassorange.



Die erste Keynote gab Angela McRobbie, Professorin für Cultural Studies an der University of London. In ihrem Vortrag zu Frauen in der Kreativbranche warnte sie vor den negativen Konsequenzen von „passionate work“ und einer „Romantisierung“ von Erwerbsarbeit. Eine derartige Arbeitskultur führe oft dazu soziale Ungleichheit noch zu verstärken, da Frauen und Männer, insbesondere zu Beginn ihrer Karriere, unentgeltlich beispielsweise in Form von „Praktika“ tätig seien. Um einer solchen unentgeltlichen Tätigkeiten nachgehen zu können, benötigen die jungen Menschen bereits ein gewisses Ausgangskapital. Hinzu käme, dass für viele Frauen in der Kreativbranche Alltagssexismen „part of the job“ und als notwendiges Übel für den Erfolg angesehen würden.



Welche Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt im Hinblick auf Verdienste, Führungspositionen und Vermögen existieren, führte Markus Grabka vom DIW Berlin an. Er zeigte auf, dass nur acht Prozent der Vorstandsmitglieder deutscher börsennotierter Unternehmen Frauen sind und Frauen im Durchschnitt über 30 Prozent weniger Vermögen verfügen. Kinder seien der entscheidende Aspekt, der zu einer dauerhaft hohen Verdienstlücke führt. In der tatsächlichen Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen und Männer ohne negative Konsequenzen für die beruflichen Chancen, sieht er die entscheidende Stellschraube auch für politische Maßnahmen.



Über Kinder als Treiber von Geschlechterungleichheiten sprach anschließend ausführlich auch Lena Hipp vom WZB. Sie zeigte, dass sich Väter überwiegend aus finanziellen und beruflichen Gründen gegen eine Elternzeit entscheiden. Sie sagte aber auch, dass Elternzeitregelungen speziell für Männer großes Potenzial haben und Ungleichheiten reduzieren können. In ihrer Forschung konnte sie bereits zeigen, dass Väter nach der Elternzeit durchschnittlich vier Stunden weniger arbeiten in der Woche und eine Stunde mehr pro Woche mit den Kindern verbringen.



Einen internationalen Blick auf soziale und Geschlechterungleichheiten warf Monika Queisser, Head of Social Policy der OECD. Sie betonte die große Bedeutung frühkindlicher Bildung – gerade für Haushalte mit einem geringen Einkommen. Die Subventionierung qualitativ hochwertiger Kinderbetreuung sei eine politische Maßnahme, die sowohl positive Auswirkungen auf die Gleichstellung der Geschlechter wie auch die Förderung der Chancengleichheit insgesamt hätte. Sie plädierte für eine starke subventionierte Kinderbetreuung als wichtiges Instrument, um sozialer Ungleichheiten entgegenzuwirken.


Die Pausen wurden für intensives Netzwerken genutzt. Kontakte wurden neu geknüpft bzw. aufgefrischt.



Nach der Mittagspause regte die Spoken Word-Künstlerin Leila El-Amaire zum Nachdenken an. Mit zwei Texten zur Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf sowie zu Alltagsrassismus und Diskriminierung machte sie auf wichtige Themen aufmerksam, die das alltägliche Leben der jungen Mutter bewegen.  



Die Session am Nachmittag begann Anja Kirsch von der FU Berlin mit der Frage, ob die Geschlechterquote in Aufsichtsräten zur Verringerung der Ungleichheit beiträgt. Sie berichtete, dass rund 100 Unternehmen zu einer festen Geschlechterquote verpflichtetet seien, darüber hinaus 1747 eine Zielgröße für den Frauenanteil in ihrem Vorstand zu nennen hätten. 750 Unternehmen hätten sich eine Zielgröße von null Prozent Frauen gesetzt. Ihre Befragungen von Aufsichtsrätinnen hätten gezeigt, dass sie sich durchaus für andere Frauen im Unternehmen engagierten. Auch würden Vertreter*innen der Anteilseigner*innen und Arbeitnehmer*innen sich öfter vor Sitzungen des Aufsichtsrats abstimmen. Ob das zu mehr Frauen in Führungspositionen führe, könne jedoch erst die Zukunft zeigen.



Ein erstes Ergebnis des Vortrags über die Auswirkungen von Arbeitszeitpolitik von Kai-Uwe Müller vom DIW Berlin war, dass sich die Beschäftigungsstrukturen von Müttern und Väter in den letzten Jahren kaum verändert hätten. Wunsch und Wirklichkeit von Arbeitszeiten würden teilweise weit auseinanderklaffen. Dabei zeigten sich sowohl für Frauen als auch für Männer ähnliche Tendenzen: Im Schnitt wünschten sich Teilzeitbeschäftigte eine Aufstockung der wöchentlichen Arbeitszeit, während Vollzeitbeschäftigte im Durchschnitt weniger arbeiten möchten.



Einen Blick auf den Einfluss unterschiedlicher Steuern auf die Geschlechtergerechtigkeit eröffnete Ulrike Spangenberg vom Gleichstellungsinstitut. Frauen seien besonders stark von der Umsatzsteuer betroffen, da sie überproportional häufig in unteren Einkommensgruppen zu finden seien und somit einen höheren Anteil des Einkommens auf den Konsum von beispielsweise Lebensmittel verwenden müssten. Dies führe zu einer stark regressiven Wirkung der Umsatzsteuer im Vergleich zur Einkommenssteuer. Eine gezieltere Besteuerung hingegen habe erhebliches Potenzial die Ungleichheiten zu reduzieren, wenn die Wirkung auf die Geschlechterverhältnisse mitgedacht und analysiert wird.



Im Anschluss daran diskutierten Julia Borggräfe, Abteilungsleiterin für „Digitalisierung und Arbeitswelt“ im Bundesministerium für Arbeit (BMAS), Iris Plöger, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des BDI, Anne-Marie Descotes, Botschafterin Frankreichs in Berlin, Anja Weusthoff vom Bundesvorstand des DGB und Elke Holst, Forschungsdirektorin der Gender Studies des DIW Berlin, zu Geschlechterungleichheiten aus der Perspektive von Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften und Wissenschaft. Einigkeit gab es dahingehend, dass noch einiges getan werden muss, um die Gleichstellung von Frauen und Männern zu erreichen. Uneinig waren sich die Referentinnen allerdings in der Umsetzung. Welche Maßnahmen sind am vielversprechendsten: Mehr Regulierungen für den Arbeitsmarkt durch die Politik bis hin zur Schaffung von mehr Handlungsspielräumen für Unternehmen. Auch die Digitalisierung und flexiblere Arbeitszeitmodelle - im Sinne der Beschäftigten - wurden diskutiert.



Die Tagung rundete am späten Nachmittag Bundesministerin Franziska Giffey mit ihrer Keynote ab. Sie zeigte auf, was bisher bereits im Bereich der Gleichstellungspolitik erreicht wurde und nannte als Beispiele etwa die Verdreifachung der Väteranteile, die Elterngeld in Anspruch nehmen, sowie die flächendeckende Ausbildungsvergütung für Pflegeberufe ab 2020. Die Ministerin mahnte jedoch auch an, dass noch viel zu tun sei und rief dazu auf, dass es mehr als nur gute Worte benötige, damit Geschlechtergerechtigkeit vorangetrieben werde.



Abschließend bedankten sich Stefanie Elies von der FES und Katharina Wrohlich für den spannenden Tag, die interessanten Vorträge, Diskussionen und zahlreichen Anregungen zu neuen Denkansätzen. „Der rege Austausch zwischen den unterschiedlichen Vertreter*innen aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft hat uns alle motiviert, uns weiterhin mit dem Thema Gleichstellung und soziale Ungleichheit zu befassen. Wir freuen uns schon auf die nächste Gender Studies Tagung in zwei Jahren!“


Die Teilnehmer*innen hatten am Abend noch viel Energie die Anregungen des Tages zu diskutieren. Das Netzwerken kam dabei nicht zu kurz. Nicht zuletzt wegen des leckeren Essens und ausreichender Getränke – dafür hatte die FES den ganzen bis zuletzt gesorgt.

Wir danken allen Aktiven und allen Teilnehmer*innen für die gelungene Veranstaltung!