Pressemitteilung/Press Release

Pressemitteilung vom 21.03.2018

Deutschland und der Euroraum profitieren kurzzeitig von einer Zinserhöhung in den USA

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DIW Berlin: Kein Grund zu übertriebener Sorge vor einem wirtschaftlichen Dämpfer

Die Euromitgliedstaaten können von Zinserhöhungen in den USA kurzzeitig wirtschaftlich profitieren, so das Ergebnis einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Dank der Abwertung des Euros steigen die Exporte und können so die wegen der höheren Zinsen geringere Nachfrage aus den USA überkompensieren. Dies gilt insbesondere für Deutschland. Mittelfristig folgen die Zinsen des Euroraums denen der USA und sorgen dann auch hierzulande wieder für einen Rückgang der Wachstumsraten. „Der positive Effekt besteht zwar nur temporär. Dennoch sollte dieses Ergebnis dazu beitragen, die Befürchtungen zu verringern, dass sich bei einer Anhebung des Leitzinses in den USA die wirtschaftliche Abschwächung auf den Euroraum überträgt“, sagt DIW-Ökonom Max Hanisch.

Seit etwa zwei Jahren hebt die US-Notenbank (Fed) schrittweise die Zinsen an. Die Maßnahmen zielen an erster Stelle auf die US-amerikanische Wirtschaft ab. Dennoch sind ihre Auswirkungen auch international spürbar. Wenn die Fed den Leitzins um 50 Basispunkte erhöht, reagiert das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in allen großen Volkswirtschaften des Euroraums zunächst positiv, jedoch unterschiedlich stark. In Deutschland steigt das BIP stärker an als in den meisten anderen Ländern und erreicht nach vier Quartalen mit 0,6 Prozent seinen maximalen Wert. Um diesen Effekt besser zu verstehen, ist es sinnvoll, einen Blick auf die internationalen Übertragungswege zu werfen.

Die Eurozone ist zum einen über den Handel – knapp 14 Prozent ihrer Exporte gehen in die USA – und zum anderen über die Finanzmärkte wirtschaftlich eng mit den USA verflochten. Mit der US-Zinserhöhung geht eine Aufwertung des US-Dollars einher, was gleichbedeutend mit einer Abwertung des Euros gegenüber dem Dollar ist und damit Produkte und Dienstleistungen aus dem Euroraum für die USA billiger macht. Während für die meisten Euroländer Exporte innerhalb des Euroraums die größere Bedeutung haben, sind die USA für Deutschland der größte einzelne Exportmarkt. Die deutschen Exporte reagieren deshalb am stärksten auf den US-amerikanischen Impuls. Dieser Effekt wird noch dadurch verstärkt, dass sich bis zu 80 Prozent aller Währungen weltweit am US-Dollar orientieren. Zusätzliche Exportnachfrage ist daher nicht nur aus den USA zu erwarten, sondern aus allen Ländern, deren Währungen dem Dollar folgen. Die Übertragung über die Finanzmärkte setzt dagegen erst nach circa drei Quartalen voll ein. Durch diese zeitliche Verzögerung kann die gestiegene Exportnachfrage, hervorgerufen durch die Euroabwertung, kurzfristig eine expansive Wirkung entfalten, bevor sich höhere Zinsen auch im Euroraum durchsetzen und die wirtschaftliche Dynamik bremsen.


Dabei ist zu beachten, dass die DIW-Studie eine empirische, strukturelle Analyse ist, die den durchschnittlichen Zusammenhang zwischen US-Geldpolitik und den Ländern der Eurozone von 1999 bis 2015 untersucht. Neben der Geldpolitik wirken zahlreiche weitere Einflussgrößen auf das BIP der Eurozone und den Wechselkurs ein, die die beschriebenen Zusammenhänge dämpfen oder sogar konterkarieren können. So hat der Euro in den vergangenen zwölf Monaten trotz US-Zinserhöhungen um fast 20 Prozent aufgewertet. Als jüngstes Beispiel sei hier auch die Entscheidung der USA, Strafzölle auf ausgewählte US-Importe zu verhängen, genannt. Eine derartige Maßnahme kann vor allem die Wirkungen, die über den Handel übertragen werden, massiv beeinträchtigen.

Der europäische Integrationsprozess kann den Einfluss externer Schocks abmildern

Allerdings greifen Überlegungen zu kurz, diese kurzfristig positiven Effekte wissentlich zuzulassen. Denn Zentralbanken und Regierungen streben stabile wirtschaftliche Wachstumspfade an und richten ihre Geld- und Fiskalpolitik entsprechend aus. Die US-Zinsentscheidung droht die Projektion, die die Europäische Zentralbank (EZB) und die nationalen Wirtschaftsplaner für die nähere Zukunft erstellen, zu stören und die Wirtschaft des Euroraums in eine unvorhergesehene Richtung zu lenken. So steigen beispielsweise nach einer Zinserhöhung in den USA auch die Zinsen im Euroraum, worauf die EZB außerplanmäßig reagieren muss. Diese Reaktion kann gezwungenermaßen nur eine einheitliche für alle Mitgliedsstaaten sein, obwohl die wirtschaftlichen Effekte der Zinserhöhung in den USA auf die einzelnen Länder sehr heterogen sind. Dies birgt das Risiko von Verwerfungen, da die EZB mit einer gemeinsamen Gegenreaktion nicht allen Mitgliedsstaaten gerecht werden kann. Daher sollte es trotz der kurzfristig positiven Effekte das Ziel sein, den Einfluss solcher externen Impulse zu verringern.

Hier kommt dem europäischen Integrationsprozess eine besondere Bedeutung zu. Denn wie die DIW-Analyse ebenfalls zeigt, reagiert die Eurozone weniger sensibel auf solche externen Schocks als die einzelnen Länder vor der Einführung des Euros. „Eine Empfehlung für die EZB wäre, den politischen und wirtschaftlichen Integrationsprozess innerhalb der Eurozone fortzuführen und zu intensivieren, denn das scheint dazu zu führen, dass die Eurozone als Ganzes weniger anfällig für Schocks von außen ist, und das ist langfristig vorteilhafter als die kurzfristigen positiven Effekte“, schlussfolgert Hanisch.

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DIW Wochenbericht 12/2018 | PDF, 2.52 MB

DIW Wochenbericht 12/2018 als E-Book | EPUB, 2.86 MB

Video-Blog: "Nachgeforscht" bei Max Hanisch

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Interview mit Max Hanisch: "Die Eurozone als Ganzes ist weniger anfällig für Schocks von außen" (Print | PDF, 66.92 KB und Audio) | MP3, 4.7 MB

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