Pressemitteilung/Press Release

Pressemitteilung vom 26.09.2018

Wärmemonitor 2017: Haushalte profitieren von weiter sinkenden Heizkosten, stagnierender Verbrauch führt zu Stillstand beim Klimaschutz

Ralf Gosch (Copyright)  Balkon Balkone Balkons
Copyright: Ralf Gosch

DIW Berlin berechnet Raumwärmebedarf auf Basis von Daten des Energiedienstleisters ista Deutschland GmbH: Die „zweite Miete“ sinkt im Jahr 2017 zum vierten Mal in Folge – Heizenergieverbrauch stagniert auf Niveau von 2010 – Effizienzanforderungen bei Neubauten weiter wichtig, für Gebäudebestand sollten zusätzliche Maßnahmen ergriffen werden

Die deutschen Privathaushalte haben im Jahr 2017 knapp sieben Prozent weniger für Heizkosten ausgegeben als im Vorjahr. Dies ermittelte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) auf Grundlage von Daten des Energiedienstleisters ista Deutschland GmbH berechneten „Wärmemonitor 2017“. Die Berechnungen basieren auf den Heizkostenabrechnungen von 300.000 Mehrfamilienhäusern in Deutschland und erfolgten klima- und witterungsbereinigt.

Die Ersparnisse bei den Heizkosten entsprechen mit 6,7 Prozent fast exakt dem Rückgang bei den Heizenergiepreisen von 6,8 Prozent. Grund hierfür ist der weiterhin auf dem Niveau von 2010 liegende Verbrauch. Dies bedeutet, dass das ursprüngliche Ziel der Bundesregierung, den Wärmebedarf von Gebäuden bis 2020 gegenüber 2008 um 20 Prozent zu reduzieren auch bei den betrachteten Mehrfamilienhäusern deutlich verfehlt wird.

Großer Verlierer Klimaschutz

 „Der Gebäudebestand steht für ein Drittel der deutschen Treibhausgasemissionen. Ohne eine deutliche Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden sind daher die Klimaziele nicht zu erreichen“, warnt DIW-Immobilienökonom Claus Michelsen, der die Studie zusammen mit Jan Stede und Puja Singhal erstellt hat. „Effizienzanforderungen bei Neubauten sollten nicht aufgeweicht, für den Gebäudebestand zusätzliche Maßnahmen ergriffen werden.“ Allein der Wärmebedarf privater Haushalte für Heizung und Warmwasser übersteigt mit rund 560 TWh pro Jahr den gesamten deutschen Stromverbrauch von jährlich 520 TWh.

Nach der Jahrtausendwende sank der Heizenergieverbrauch zunächst deutlich. Im Jahr 2017 lag der Energiebedarf jedoch immer noch auf dem Niveau von 2010. Um das ursprüngliche Ziel der Bundesregierung für 2020 bei Mehrfamilienhäusern zu erreichen, wäre in den kommenden Jahren noch ein Rückgang von 16,5 Prozent gegenüber dem aktuellen Stand nötig.

„Die gute Nachricht ist, dass die Mieter weniger für das Heizen ausgeben mussten“, kommentiert Thomas Zinnöcker, CEO von ista, die Studie. „Die schlechte Nachricht ist, dass beim Klimaschutz keine Fortschritte erzielt wurden. Wir müssen als Gesellschaft lernen, noch wesentlich effizienter mit Energie umzugehen. Beim Heizen kann jeder Einzelne von uns einen wichtigen Beitrag dazu leisten.“

Ost- und Süddeutschland mit dem geringsten Wärmebedarf

Der Energiebedarf im Osten lag im Jahr 2017 um gut sechs Prozent niedriger als im Westen. Leichte Rückgänge gegenüber dem Vorjahr gab es ebenfalls fast ausschließlich in den ostdeutschen Bundesländern – nur in Hessen ging die Nachfrage um 0,4 Prozent zurück. Den nach Bundesland größten Zuwachs gab es mit 2,9 Prozent in Hamburg, das ohnehin bereits Spitzenreiter ist. Im Süden und Westen stagnierte der Energiebedarf, wenn auch im Süden auf niedrigerem Niveau.

Die bezüglich der Heizkosten günstigste Region ist – wie schon im Vorjahr – das Allgäu mit jährlich 4,55 Euro je Quadratmeter. Am anderen Ende Deutschlands steht nicht nur räumlich der Südwesten Schleswig-Holsteins mit 12,20 Euro je Quadratmeter: Hier fällt der höchste Energiebedarf mit den zweithöchsten Preisen pro Kilowattstunde zusammen.

Gründe in den regionalen Unterschieden sehen die Wissenschaftler bei den ostdeutschen Bundesländern vor allem in der Sanierungswelle Anfang der 90er Jahre. Im Süden dürfte vor allem der höhere Neubaubestand eine Rolle spielen.

Steigende Preise erwartet

In der kommenden Abrechnungsperiode dürften die Heizenergiepreise wieder anziehen. Grund hierfür sind die inzwischen wieder gestiegenen Preise für Heizöl, die sich voraussichtlich mit einer gewissen Zeitverzögerung in den Energiekosten der Haushalte widerspiegeln werden.

„Sollten die Heizkosten wie erwartet steigen, kann eine höhere Energieeffizienz die negativen Auswirkungen auf Mieterinnen und Mieter abfedern“, so Studienautor Jan Stede. „Positiv aufgefallen sind uns daher die Investitionen in energetische Sanierungen, die nach einigen Jahren des Rückgangs nun das zweite Jahr in Folge wieder kräftig anstiegen. Dabei sollten aber Modernisierungen verhindert werden, die nicht auf das Einsparpotential bei Heizkosten abzielen, sondern lediglich verdeckte Luxussanierungen darstellen.“

Die ista Deutschland GmbH bietet Wärmedienstleistungen an, insbesondere die Abrechnung von Heizkosten. Sie liefert die Datengrundlage für den Wärmemonitor. Sie ist weder Eigentümerin der betreffenden Wohnungen, noch führt sie energetische Sanierungen durch; insofern besteht kein Interessenkonflikt in Bezug auf die hier präsentierten Analysen. Die Auswertung und Interpretation der Daten sowie die energie- und klimapolitischen Schlussfolgerungen liegen in der alleinigen Verantwortung der Autoren des DIW Wochenberichts.

Links

Studie im DIW Wochenbericht 38/2018 | PDF, 3.31 MB

Interview mit Jan Stede: "Klimaziele können nur durch eine Mischung aus Effizienz und erneuerbaren Energien erreicht werden" (Print | PDF, 123.98 KB und Podcast | MP3, 3.75 MB

Lade Player...
)

Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin)

Das DIW Berlin (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) ist seit 1925 eines der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in Deutschland. Es erforscht wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Zusammenhänge in gesellschaftlich relevanten Themenfeldern und berät auf dieser Grundlage Politik und Gesellschaft. Das Institut ist national und international vernetzt, stellt weltweit genutzte Forschungsinfrastruktur bereit und fördert den wissenschaftlichen Nachwuchs. Das DIW Berlin ist unabhängig und wird als Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft überwiegend aus öffentlichen Mitteln finanziert.

Weitere Pressemitteilungen finden Sie hier.

Pressestelle DIW Berlin

TelefonMobilE-Mail
Renate Bogdanovic+49-30-897 89-249+49-174-319-3131
Claudia Cohnen-Beck+49-30-897 89-252+49-174-314-9583
Sebastian Kollmann+49-30-897 89-250+49-162-105-2159
Mathilde Richter+49-30-897 89-152+49-172-154-0646

Referentin Kommunikation Sozio-oekonomisches Panel (SOEP)

TelefonE-Mail
Monika Wimmer+49-30-897 89-251

Die Weiterverwertung des oben angezeigten Bildmaterials ist nicht gestattet. Angezeigte Abbildungen und Tabellen sind zur Veröffentlichung freigegeben. Falls Sie die Rohdaten benötigen, wenden Sie sich bitte an die Pressestelle des DIW Berlin.