Atomkraft ist gefährlich, unwirtschaftlich und für Klimaschutz ungeeignet: Interview

DIW Wochenbericht 30 / 2019, S. 521

Christian von Hirschhausen, Erich Wittenberg

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Herr von Hirschhausen, vor dem Hintergrund der Klimadiskussion werden immer wieder Stimmen laut, die Atomkraft als saubere Energie bezeichnen. Ist die Atomkraft eine CO2-freie Technologie, die helfen könnte, den Ausstoß von Klimagasen zu senken? Die Atomkraft ist eindeutig keine saubere Energie, sondern die schmutzigste aller verfügbaren Energiequellen. Sie emittiert lebensgefährliche radioaktive Strahlen, sie führt zu erheblichen gesundheitlichen Problemen, sie führt zu Problemen beim Betrieb, beim Rückbau und bei der langfristigen Lagerung. Die Idee, mit der Atomkraft den Klimawandel bekämpfen zu können ist zwar eine alte Idee, sie ist jedoch falsch und irreführend.

Sind die Risiken der Atomkraft also größer als die Klimavorteile? Die Atomkraft hat keine Klimavorteile. Zum einen emittiert sie entlang des Lebenszyklus ca. 70 Gramm CO2 je Kilowattstunde, das sind ungefähr 20 Prozent eines Gaskraftwerks. Zum anderen erhält aber der atomare Komplex auch den fossilen Komplex, weil die Betreiber von Atomkraftwerken oftmals gleichzeitig Kohle und Gaskraftwerke betreiben. Deshalb führt die Förderung der Atomkraft zu mehr Klimawandel und nicht zu weniger.

Wie sieht es bei der Kosteneffizienz und der ökonomischen Wettbewerbsfähigkeit der Atomkraft aus? Es gibt in der Energiewirtschaft einen seltenen Konsens, dass Atomkraft niemals wettbewerbsfähig gewesen ist, es zurzeit nicht ist und, wie wir zeigen, auch nicht werden wird. Zum anderen ist das Ziel der Entwicklung der Atomkraft niemals gewesen, Strom zu produzieren. Sie war ein Koprodukt militärischer Entwicklungen, das allerdings nie den Weg in die Wettbewerbsfähigkeit geschafft hat. Unter den gegenwärtigen und den absehbaren CO2-Preisen ist Atomkraft selbst mit fossilen Energieträgern nicht wettbewerbsfähig. Atomkraft ist ungefähr um über das Doppelte teurer als Kohlekraft.

Inwieweit erhöht sich die Rentabilität von Atomkraftwerken durch Laufzeitverlängerungen? Laufzeitverlängerungen sind keine Option. Zum einen sind sie teuer. Man spricht von 25 bis 50 Euro pro Kilowattstunde, also teilweise mehr als der gegenwärtige Großhandelspreis. Zum anderen sind sie gefährlich, weil Atomkraftwerke in der Regel auf 40 Jahre ausgelegt sind. Das Material ermüdet, es kommt zu Mikrorissen und die Gefahr steigt. Wir haben bereits jenseits unserer Grenzen wenig Abstand zu alten Meilern, die hochriskant sind.

Wie teuer müsste Atomstrom sein, um wirklich kostentragend zu sein? Unsere Modellrechnungen zeigen, dass wir, je nach Rahmenbedingungen, Strompreise von 120 bis 150 Euro pro Megawattstunde bräuchten. Das liegt um das drei- bis vierfache über den aktuellen Strompreisen.

Wie steht es um die Rentabilität von neuen Atomkraft-Technologien? Man spricht heutzutage gerne und viel von neuen Technologien. Bei genauerem Hinsehen stellt man fest, das dies überwiegend Konzepte aus den 1950er Jahren sind. Zum Beispiel wurde der „Schnelle Brüter“ in den fünfziger Jahren gefeiert, in den siebziger Jahren ans Netz genommen und in den neunziger Jahren abgeschaltet. Auch die Mini-Atomkraftwerke gehen auf Konzepte der Fünfzigerjahre zurück. Sie haben keine technologische und schon gar keine ökonomische Perspektive.

In Deutschland soll 2022 das letzte Atomkraftwerk vom Netz gehen. Wie sollte sich die Politik gegenüber den Atomkraftbefürwortern verhalten? Zum einen muss klar sein, dass Atomkraft nicht sauber ist, sondern schmutzig. Zum zweiten sollte die Subventionierung von Atomkraft unterbleiben. Zum dritten sollte sich insbesondere die deutsche Bundesregierung in den internationalen Gremien gegen die Verharmlosung der Risiken der Atomkraft aussprechen. Aus der Atomkraft kann man nicht aussteigen, die Risiken bleiben für Jahrmillionen bestehen. Das ist wie in dem Song „Hotel California“: „You can check out any time you like, but you can never leave.“

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Audio-Interview (MP3)