Von einer gleichmäßigen Aufteilung der Elternzeit zwischen Müttern und Vätern kann keine Rede sein: Interview

DIW Wochenbericht 35 / 2019, S. 614

Katharina Wrohlich, Erich Wittenberg

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Frau Wrohlich, im Jahr 2007 wurde in Deutschland das Elterngeld eingeführt. Ein Ziel war die gleichmäßigere Aufteilung der Kinderbetreuung zwischen Müttern und Vätern. Wie hat sich seitdem die Beteiligung von Vätern an der Elternzeit entwickelt? Der Anteil der Väter, die Elternzeit nehmen, ist seit Einführung des Elterngeldes stark gestiegen. Wir hatten davor einen Anteil von unter drei Prozent, der mittlerweile auf einen Anteil von fast 40 Prozent gestiegen ist. Allerdings nimmt der überwiegende Teil der Väter, die Elternzeit in Anspruch nehmen, nur die zwei sogenannten Partnermonate.

Das heißt, das Elterngeld wird immer noch häufiger und länger von Müttern genutzt? Ja genau, von einer gleichmäßigen Aufteilung der Elternzeit zwischen Müttern und Vätern kann nach wie vor keine Rede sein. Wie gesagt, es nehmen mittlerweile zwar mehr Väter Elternzeit, aber nur sehr kurz.

Wie groß sind die Unterschiede der Bezugsdauer bei Vätern und Müttern? Wir sehen, dass zum Beispiel im Jahr 2018 über 70 Prozent aller Väter, die überhaupt in Elternzeit waren, nur zwei Monate Elterngeld bezogen haben. Unter den Müttern beziehen über 90 Prozent mindestens zehn Monate Elterngeld.

Worin liegen die Gründe für die ungleiche Aufteilung von Elternzeit zwischen Vätern und Müttern? Wenn man die Väter nach den Gründen fragt, warum sie gar kein Elterngeld bezogen haben oder nur für das Minimum von zwei Monaten, dann gibt ein großer Teil der Väter finanzielle Motive an. Sie sagen, dass sich die Familie die Elternzeit nicht leisten kann, beziehungsweise äußern Sorgen vor negativen beruflichen Konsequenzen.

Inwieweit ist denn diese Angst der Väter vor negativen beruflichen Konsequenzen berechtigt? Das ist eine sehr interessante Frage. Um sie zu beantworten brauchen wir speziell für Deutschland noch sehr viel mehr Forschung. Angesichts der Tatsache, dass Väter in Elternzeit ein eher neueres Phänomen sind, gibt es noch gar nicht sehr viele Untersuchungen dazu für Deutschland. Die wenigen quantitativen Studien, die es gibt, zeigen bisher keine negativen Effekte für Väter, die in Elternzeit waren. Die Evidenz dafür ist aber noch sehr spärlich. Wir brauchen definitiv noch mehr Forschung dazu, wie sich Elternzeit für Väter auswirkt.

Im Jahr 2015 wurde das Elterngeld Plus eingeführt, das es Müttern und Vätern erleichtert, Elternzeit und Teilzeiterwerbstätigkeit zu verbinden. Was hat sich dadurch verändert? Wir sehen in den Daten, dass tatsächlich ein erheblicher Anteil der Mütter jetzt von dieser Möglichkeit Gebrauch macht und den Elterngeldbezug mit einer Teilzeiterwerbstätigkeit verbindet. Das sehen wir auch bei Vätern. Auch der Anteil der Väter, die in Elternzeit gehen, Elterngeld beziehen und gleichzeitig teilzeiterwerbstätig sind, ist gestiegen. Aber der Anteil der Väter, die überhaupt Elterngeld beziehen, ist dadurch zunächst einmal kaum gestiegen.

Was könnte die Politik tun, um die Beteiligung von Vätern an der Elternzeit zu erhöhen? Wir sehen ja, dass für Väter finanzielle Sorgen ein wichtiger Grund dafür sind, dass sie nicht in Elternzeit gehen, beziehungsweise nur kurz Elterngeld beziehen. Daraus kann man schon ableiten, dass eine Erhöhung der Lohnersatzrate, die derzeit 65 Prozent beträgt, ein Mittel wäre, um die Väterbeteiligung zu erhöhen. Angesichts knapper fiskalischer Ressourcen könnte man auch darüber nachdenken, die Lohnersatzrate insbesondere im unteren Einkommensbereich zu erhöhen. Zwar steigt diese Lohnersatzrate für Bezieherinnen und Bezieher niedriger Einkommen schon jetzt von 65 Prozent sukzessive auf 100 Prozent an, aber diese Einkommensgrenze sollte nach oben verschoben werden.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Audio-Interview (MP3)

Katharina Wrohlich

Leiterin in der Forschungsgruppe Gender Economics