Das Märchen von der freiwilligen Entscheidung für ein Vermögen

Blog Marcel Fratzscher vom 30. August 2019

Die Sicherheitsnetze eines starken Sozialstaats sind nicht schuld daran, dass Menschen keine Rücklagen bilden. Deutschland hat ein ganz anderes Problem.

In der aktuellen Diskussion um die Vermögensteuer heißt es oft, unser starker Sozialstaat sei verantwortlich für die hohe Ungleichheit der privaten Vermögen. Häufig fällt dabei der Verweis auf die nordischen Länder, die meist auch eine hohe Ungleichheit aufweisen. Denn Menschen, die sozial abgesichert sind, müssen weniger selbst vorsorgen und entscheiden sich deshalb dafür, wenig oder kein Vermögen anzuhäufen – so zumindest die Argumentation. Aber ist die Tatsache, dass 40 Prozent der Menschen in Deutschland praktisch kein Vermögen haben, wirklich deren freie Entscheidung und die Folge eines starken Sozialstaats?

Kolumne

Dieser Beitrag ist am 30. August in der ZEIT ONLINE–Kolumne Fratzschers Verteilungsfragen erschienen. Hier finden Sie alle Beiträge von Marcel Fratzscher.


Die nordischen Länder eignen sich gut für einen Vergleich mit Deutschland. Der dortige Gesellschaftsvertrag ist unserer sozialen Marktwirtschaft sehr ähnlich, mit einer Betonung von Chancengleichheit, Teilhabe und Solidarität. Skandinavien ist nicht nur wirtschaftlich erfolgreich, sondern seine Bürgerinnen und Bürger haben die höchste Lebenszufriedenheit der Welt.

Und tatsächlich gibt es in Dänemark, Finnland, Schweden und Norwegen verglichen mit uns einen ähnlich hohen Anteil an Einwohnern, die wenig privates Nettovermögen haben, zum Beispiel eine Immobilie, Finanzanlagen oder Erspartes (abzüglich von Verbindlichkeiten). Hier hören die Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und den nordischen Ländern jedoch auf, wie Zahlen der OECD eindrucksvoll zeigen.

In den nordischen Ländern gehören Menschen ohne Nettovermögen einer ganz anderen gesellschaftlichen Gruppe an als in Deutschland. Es sind häufig Menschen, die signifikante Bruttovermögen, aber gleichzeitig auch eine hohe Verschuldung haben. So mag in Norwegen eine junge Familie mit zwei sehr gut ausgebildeten Eltern, die ein Eigenheim erwirbt, zumindest eine Zeit lang höhere Schulden haben als Vermögen – also unter dem Strich ein negatives Nettovermögen. Und dies mag in der Tat eine freie, bewusste und auch sinnvolle Entscheidung dieser Familie sein, wenn es nur eine Zeit lang anhält und die Grundlage für den Vermögensaufbau ist.

Hier liegt der entscheidende Unterschied zu Deutschland: In unserem Land sind die 40 Prozent ohne Nettovermögen meist Familien oder Alleinstehende mit niedrigen Einkommen, geringen Qualifikationen und wenig Chancen auf den sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg. Es sind meist Menschen, die kaum darauf hoffen können, zum Beispiel über Erbschaften oder Schenkungen zu Vermögen zu kommen. In den nordischen Ländern haben Menschen ohne Nettovermögen viel häufiger mittlere oder hohe Einkommen, sind besser ausgebildet und haben bessere Chancen, etwas zu erben.

In Deutschland sind mehr Menschen von Einkommensarmut bedroht

Hinzu kommt, dass der Sozialstaat in Deutschland bei Weitem nicht so leistungsfähig ist wie in den nordischen Ländern. In Deutschland sind mehr als doppelt so viele Menschen von Einkommensarmut bedroht — dies gilt vor allem für Kinder und andere Gruppen wie alleinerziehende Eltern (meist Mütter).

Der Sozialstaat legt in den nordischen Ländern einen hohen Wert auf Chancengleichheit. So ist die Ungleichheit der sogenannten Markteinkommen (vor Steuern und Transfers, also vor der Umverteilung) dort sehr viel geringer. In Deutschland sind vor allem die Aufstiegschancen für Menschen aus einkommensschwachen und bildungsfernen Familien ungleich geringer. Der deutsche Sozialstaat ist eher "deaktivierend". Er versucht, im Nachhinein die großen Ungleichheiten am Arbeitsmarkt (Deutschland hat beispielsweise einen sehr viel größeren Niedriglohnsektor als vergleichbare Länder) und im Bildungssystem durch Umverteilung zu ebnen.

Die Vorsorgesysteme der nordischen Länder garantieren auch meist eine bessere Absicherung, vor allem für Menschen mit geringen Einkommen und wenig Vermögen. So ist Deutschland eines der wenigen Industrieländer, in denen die gesetzliche Rentenversicherung Menschen mit geringen Lebenseinkommen nicht besser, sondern durch eine geringere Lebenserwartung sogar schlechter stellt.

All das bedeutet zweierlei: Erstens, die meisten Menschen in Deutschland treffen, anders als in den nordischen Ländern, keine Entscheidung, nur geringe oder keine Vermögen aufzubauen. Sondern sie haben eben keine Wahl, weil sie durch geringe Einkommen und wenig Aufstiegschancen ihr gesamtes monatliches Einkommen benötigen, um den Lebensunterhalt ihrer Familie zu bestreiten.

Zweitens, der deutsche Sozialstaat ist weit weniger erfolgreich dabei, den Menschen eine ausreichende soziale Absicherung zu gewährleisten. Die nordischen Länder nutzen ihren Sozialstaat deutlich besser, um Chancengleichheit und soziale Mobilität zu fördern und somit ihren Bürgerinnen und Bürgern mehr Freiheit in Bezug auf ihre Lebensentscheidungen und Vermögensbildung zu geben.