Forschung und Entwicklung im Ausland: Deutsche Unternehmen haben ähnliche Schwerpunkte wie in der Heimat

DIW Wochenbericht 36 / 2019, S. 631-639

Heike Belitz, Anna Lejpras, Maximilian Priem

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  • Studie untersucht auf Basis von Patentdaten Umfang und Ausrichtung der FuE-Aktivitäten deutscher Unternehmen im Ausland
  • Mehr als jedes vierte Patent, das deutsche Unternehmen anmelden, basiert auf Erfindungen in deren Forschungslaboren im Ausland
  • In den meisten Fällen ergänzen und erweitern Aktivitäten im Ausland in der Heimat erworbenes Wissen, Unterstützung der Markterschließung ist weiteres Motiv
  • Forschungsstandort Deutschland verliert durch internationale FuE-Aktivitäten deutscher Unternehmen also nicht an Bedeutung, keine Hinweise auf „Verlagerungen“
  • Defizite bei neuen Digitalisierungstechnologien müssen aber zunehmend im Ausland ausgeglichen werden, Forschung in diesem Bereich sollte in Deutschland gestärkt werden

„Die Leistungsfähigkeit der Forschung und Entwicklung am Heimatstandort bestimmt immer noch weitgehend die Innovationskraft der weltweit tätigen deutschen Unternehmen. Der Forschungsstandort Deutschland verliert durch die internationalen Aktivitäten insgesamt nicht an Bedeutung, Hinweise auf teilweise befürchtete Verlagerungen gibt es kaum“ Heike Belitz

Mehr als jedes vierte Patent, das große deutsche Unternehmen anmelden, basiert auf Erfindungen in deren Forschungslaboren im Ausland. In drei Viertel der Fälle konzentrieren sich die Unternehmen dabei auf Technologien, in denen sie auch in Deutschland besonders stark sind. Die technologische Leistungsfähigkeit der Forschung und Entwicklung am Heimatstandort bestimmt somit weitgehend die Innovationskraft der weltweit tätigen deutschen Unternehmen. Wie dieser Wochenbericht auf Basis von Patentdaten außerdem zeigt, ergänzen die meisten ausländischen Forschungsaktivitäten entweder die inländischen oder sie dienen dem Absatz und der Produktion im Ausland. Einen geringen Anteil haben Internationalisierungsstrategien, die technologische Defizite im Heimatland ausgleichen sollen. Sie werden von deutschen Unternehmen vor allem in der Informations- und Kommunikationstechnologie verfolgt, deren Bedeutung im Zuge der Digitalisierung steigt. Um das von den Unternehmen im Ausland erworbene Wissen besser aufnehmen und nutzen zu können, sollte die Forschung in diesen Zukunftstechnologiefeldern auch in Deutschland gestärkt werden. Von der fortschreitenden Internationalisierung seiner weltweit aktiven Unternehmen kann der Forschungsstandort Deutschland profitieren, wenn die öffentliche Forschung, beispielsweise an Universitäten, ihre technologische Basis erweitert und so als Kooperationspartner für die Unternehmen attraktiv bleibt.

Wenn deutsche Unternehmen Forschung und Entwicklung (FuE) im Ausland betreiben, wird dies oft als Verlust für den heimischen Standort interpretiert.infoSo beschreibt etwa das Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Peter Bofinger, Beispiele des Aufbaus anwendungsorientierter Forschungseinrichtungen deutscher Unternehmen wie Siemens, Bosch und Schaeffler in China als Verlagerung. Er sieht darin eine Bestätigung der These, wonach Unternehmen ihre FuE-Aktivitäten in Länder verlagern, die hierfür bessere FuE-Infrastrukturen und eine günstigere finanzielle Förderung vorweisen können. Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (2018): Vor wichtigen wirtschaftspolitischen Weichenstellungen. Jahresgutachten 2018/2019, 79 (online verfügbar; abgerufen am 21. August 2019. Dies gilt auch für alle anderen Online-Quellen dieses Berichts, sofern nicht anders vermerkt). Dabei ist es aus Sicht der Unternehmen sinnvoll, ihre Produkte und Prozesse auch in den ausländischen Zielmärkten weiterzuentwickeln und an lokale Bedingungen und Kundenwünsche anzupassen. Der Aufbau von eigenen Forschungslaboren im Ausland kann zudem dazu dienen, neues technologisches Wissen bei den dortigen Wettbewerbern, Hochschulen und Forschungsinstituten zu beobachten oder dort selbst neue Produkte und Prozesse zu entwickeln. Schließlich ist auch das Know-how des Forschungspersonals im Zielland ein wichtiges Motiv für FuE im Ausland.infoSiehe unter anderem Walter Kuemmerle (1997): Building effective R&D capabilities abroad. Harvard Business Review, March-April, 61–70; Parimal Patel und Modesto Vega (1999): Patterns of internationalisation of corporate technology: location vs. home country advantages. Research Policy 28, 145–155; UNCTAD (2005): World Investment Report: Transnational corporations and the internationalisation of R&D. United Nations; OECD (2008): The Internationalisation of Business R&D: Evidence, Impacts and Implications.

Für die Hans-Böckler-Stiftung wurde am DIW Berlin gemeinsam mit DIW EconinfoDIW Econ ist ein Tochterunternehmen des DIW Berlin für volkswirtschaftliches Consulting. der Umfang und die technologische Ausrichtung der FuE-Aktivitäten deutscher Unternehmen im In- und Ausland untersucht.infoHeike Belitz, Anna Lejpras, Anselm Mattes und Maximilian Priem (2019): Forschung deutscher Unternehmen im In- und Ausland, Technologische Schwerpunkte und Zielregionen. Working Paper der Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung Nr. 156 (online verfügbar). Aus Patentdaten wurden für die 104 forschungsstärksten deutschen Großunternehmen Informationen darüber gewonnen, welche technologischen Forschungsschwerpunkte sie im Heimatland und in den verschiedenen Zielländern im Ausland haben. Untersucht werden konnte der Zeitraum von 2012 bis 2014 (Kasten 1). Die technologischen und regionalen Verteilungen der FuE-Tätigkeit deutscher Unternehmen im In- und Ausland geben Anhaltspunkte zu den Motiven für deren Internationalisierung. Wird sie durch den Erwerb von neuem technologischem Wissen oder durch die Anforderungen der Kundinnen und Kunden und die Bedingungen im Zielmarkt getrieben? Erweitern die Unternehmen ihr Wissen im Ausland in Technologien, in denen sie zu Hause bereits stark sind? Oder handelt es sich um Technologien, in denen sie im Rückstand sind und deshalb an ausländischen Standorten forschen müssen?

Zur unternehmensbezogenen Analyse der weltweiten FuE- und Patentaktivitäten der 104 forschungsstärksten deutschen Unternehmen nach Technologiefeldern und Zielländern werden zwei Datensätze verbunden:

Ein Datensatz mit Informationen zu den FuE-Aufwendungen und Patentanmeldungen der 2 000 weltweit forschungsstärksten Unternehmen in den Jahren 2012 bis 2014 („EC-JRC/OECD COR&DIP© database, v.1. 2017“ des EC-JRC Institute for Prospective Technological Studies und des OECD Directorate for Science, Technology and Innovation) und die Patentdatenbank des Europäischen Patentamtes mit bibliografischen Daten zu Patenten (EPO Worldwide Patent Statistical Database PATSTAT, Frühling 2018).

Um Doppelzählungen bei Mehrfachanmeldungen von Erfindungen bei mehreren Patentämtern zu vermeiden, wird die Auswertung auf Ebene der so genannten Patentfamilien vorgenommen. Patentfamilien fassen hier die verschiedenen Patentanmeldungen einer Erfindung an den fünf weltweit größten Patentämtern zusammen. Die technologische Ausrichtung der hinter den Erfindungen stehenden FuE-Aktivitäten wird anhand von 35 Technologiefeldern abgebildet.infoUlrich Schmoch (2008): Concept of a Technology Classification for Country Comparisons. Final Report to the World Intellectual Property Organisation (WIPO). Fraunhofer Institute for Systems and Innovation Research. Der Ort der Erfindung für eine Patentfamilie wird über den Wohnort des Erfinders oder der Erfinderin ermittelt. Da eine Erfindung, abgebildet in einer Patentfamilie, unter Umständen mehreren Erfinderinnen und Erfindern an verschiedenen Orten, mehreren Patenten, mehreren Anmeldeunternehmen und mehreren Technologiefeldern zugeordnet werden kann, werden die Patentfamilien mittels einer fraktionierten Zählweise gewichtet.

Jede vierte ErfinderIn deutscher Unternehmen arbeitet im Ausland

Unter den 2 000 weltweit forschungsstärksten Unternehmen im Zeitraum von 2012 bis 2014 befinden sich 114 deutsche Unternehmen, auf die elf Prozent der globalen FuE-Aufwendungen entfallen. Das waren 2014 gut 62 Milliarden Euro und damit etwa so viel wie die gesamten FuE-Aufwendungen aller Unternehmen in Deutschland.infoDie FuE-Aufwendungen aller Unternehmen in Deutschland (interne und externe FuE-Aufwendungen außerhalb des Wirtschaftssektors) lagen im Jahr 2015 bei knapp 67 Milliarden Euro, siehe SV Wissenschaftsstatistik (2017): ɑ:r ən ˈdi: Zahlenwerk 2017, Forschung und Entwicklung in der Wirtschaft 2015. Patente meldeten 1 668 der weltweit forschungsstärksten Unternehmen an, darunter 104 Unternehmen aus Deutschland mit einem Patentanteil von acht Prozent.

Der Auslandsanteil bei den Erfindungen deutscher Unternehmen lag im Untersuchungszeitraum von 2012 bis 2014 bei 27 Prozent (Tabelle 1). Etwa jede vierte Erfinderin beziehungsweise jeder vierte Erfinder aus deutschen Unternehmen arbeitete also im Ausland. Der Auslandsanteil der FuE-Aufwendungen lag im Jahr 2013 bei 31 Prozent.infoSiehe SV Wissenschaftsstatistik (2015): ɑ:r ən ˈdi: Zahlenwerk 2015, Forschung und Entwicklung in der Wirtschaft 2013. Im Ausland betriebene FuE führt also kaum weniger zu Patenten als FuE in der Heimat der Unternehmen. Originalität und Qualität der Unternehmensforschung im Ausland dürften somit kaum geringer sein als in Deutschland.

Tabelle 1: Weltweite FuE-Aufwendungen und Patentanmeldungen deutscher Unternehmen in den Jahren 2012 bis 2014 nach Branchen

Anteile in Prozent

FuE-Aufwendungen Gewichtete Patentanmeldungen Auslandsanteil der Patente
Verarbeitendes Gewerbe 86,5 88,7
Darunter:
Chemische Erzeugnisse 5,9 9,8 29
Pharmazeutische Erzeugnisse 13,9 5,4 36
Gummi-, Kunststoffe, Glas, Keramik 3,6 4,9 36
Datenverarbeitungsgeräte, Elektronik, Optik 3,2 12,2 32
Elektrische Ausrüstungen 1,6 3,3 24
Maschinenbau 10,0 18,5 30
Fahrzeugbau 45,7 29,2 20
Sonstige Branchen 13,5 11,3
Darunter:
Handel; Instandhaltung/Reparatur von Kfz 2,2 3,0 16
Freiberufliche und technische Dienste 2,5 5,2 29
Insgesamt 100,0 100,0 27

Quellen: Institute for Prospective Technological Studies und OECD Directorate for Science, Technology and Innovation (EC-JRC/OECD COR&DIP© database, v.1. 2017); Europäisches Patentamt (PATSTAT v5.11); eigene Berechnungen.

Auf die forschungsintensiven Branchen Fahrzeugbau, Maschinenbau, Datenverarbeitung, Elektronik und Optik sowie auf die Chemie- und Pharmaindustrie entfallen zusammen drei Viertel aller weltweiten Erfindungen deutscher Unternehmen. Die meisten Erfindungen haben deutsche Unternehmen der Branche Fahrzeugbau angemeldet (gut 29 Prozent), gefolgt vom Maschinenbau (rund 19 Prozent), sowie der Datenverarbeitung, Elektronik und Optik (gut zwölf Prozent, Tabelle 1). Während in Unternehmen des Fahrzeugbaus jedoch nur jede fünfte Erfindung im Ausland getätigt wird, sind es in der pharmazeutischen Industrie sogar 36 Prozent.

Die Erfindungen sind auf wenige Unternehmen konzentriert. Nur sechs große Unternehmen melden gut die Hälfte aller Patente der 104 deutschen Unternehmen an, unter denen mit Erfinderinnen und Erfindern im Ausland sind es sogar gut 60 Prozent (Tabelle 2). Zwischen den sechs forschungsstärksten Unternehmen unterscheiden sich die Auslandsanteile stark. Infineon hat mit 44 Prozent den größten Auslandsanteil, bei Volkswagen ist er dagegen mit gut 19 Prozent weniger als halb so groß.

Tabelle 2: Patentanmeldungen im In- und Ausland in den Jahren 2012 bis 2014 nach den sechs patentstärksten deutschen Unternehmen

In Prozent

Gewichtete Patentanmeldungen deutscher Unternehmen
Unternehmen Weltweit In Deutschland Im Ausland Anteil im Ausland
Bosch 17,2 17,9 15,4 23,8
Siemens 11,6 9,6 17,2 39,3
Infineon 7,2 5,5 12,0 44,2
Volkswagen 7,2 7,9 5,2 19,3
Continental 4,8 4,1 6,5 36,4
BASF 4,2 3,5 6,1 39,0
Insgesamt 52,2 48,5 62,4

Quellen: Institute for Prospective Technological Studies und OECD Directorate for Science, Technology and Innovation (EC-JRC/OECD COR&DIP© database, v.1. 2017); Europäisches Patentamt (PATSTAT v5.11); eigene Berechnungen.

Dies hängt auch mit den unterschiedlichen Auslandsanteilen der Erfindungen in den einzelnen Technologiefeldern zusammen, die zwischen 15 Prozent in der Fördertechnik und 48 Prozent in der Datenverarbeitung liegen. Besonders hohe Auslandsanteile haben allerdings einige Technologiefelder, die nur eine geringe Bedeutung für die forschungsstärksten deutschen Unternehmen haben, darunter die Datenverarbeitung, die grundlegende Kommunikationstechnik, die Biotechnologie, die Nahrungsmittelchemie und die Analyse biologischer Materialien (Abbildung 1).

USA, Österreich und Frankreich sind die wichtigsten ausländischen Forschungsstandorte

Die Erfinderinnen und Erfinder der in Deutschland ansässigen Unternehmen sind weltweit verteilt und dabei regional wenig konzentriert. Ihre Verteilung auf die Zielländer spiegelt näherungsweise die Verteilung der FuE-Aufwendungen im Ausland wider.infoFür 17 Zielländer der FuE deutscher Unternehmen vorwiegend in Europa gibt es in den dortigen nationalen Statistiken auch Informationen über die FuE-Aufwendungen der Unternehmen aus Deutschland in diesen Ländern. Der Zusammenhang zwischen diesen FuE-Aufwendungen im Jahr 2015 und den gewichteten Erfindungen der deutschen Unternehmen im Zeitraum von 2012 bis 2014 in diesen Ländern ist mit einem Korrelationskoeffizienten von 0,984 sehr eng, siehe Belitz, Lejpras, Mattes und Priem (2019), a.a.O. Die beiden wichtigsten Forschungsregionen für deutsche Unternehmen im Ausland sind die Europäische Union und die USA mit Anteilen von zwölf beziehungsweise neun Prozent an den weltweiten Erfindungen in den Jahren 2012 bis 2014 (Abbildung 2). Danach folgt mit deutlichem Abstand Asien (fünf Prozent). In Europa sind die Nachbarn Österreich mit 3,4 Prozent und Frankreich mit 1,8 Prozent die größten Zielländer für FuE deutscher Unternehmen. Bereits an vierter Stelle der Rangfolge steht China mit 1,5 Prozent. Sowohl Indien als auch osteuropäische Länder, an denen zuweilen auch wichtige Forschungsstandorte deutscher Unternehmen vermutet werden, haben nur sehr geringe Anteile an den Patentanmeldungen.

In den Technologiebereichen der Elektrotechnik und des Maschinenbaus dominiert die EU als wichtigste ausländische Forschungsregion, gefolgt von den USA (Abbildung 3). Diese sind der weltweit wichtigste Standort für FuE in den chemischen Technologien. In Asien dominieren klar die FuE-Aktivitäten im Feld der Elektrotechnik.

Ähnliche technologische Spezialisierung im In- und Ausland

Um zu analysieren, in welchen Technologiefeldern die Unternehmen Stärken oder Schwächen haben, wird mit Patentdaten ein relativer technologischer Spezialisierungsindex (RTA, Revealed Technological Advantage) berechnet (Kasten 2). Demnach sind die global tätigen deutschen Unternehmen im Vergleich zu ihren Wettbewerbern besonders auf die „klassisch deutschen“ Technologiebereiche im Maschinenbau (zu dem auch die Fahrzeugtechnik gehört) sowie in der Chemie und im Pharmabereich spezialisiert. Dagegen weisen sie im gesamten Bereich der Elektrotechnik, der auch Informations- und Kommunikationstechnologien einschließt, Spezialisierungsnachteile auf (Abbildung 4).

Um zu analysieren, auf welche Technologiefelder sich einzelne Unternehmen oder Unternehmensgruppen in Ländern oder Regionen spezialisiert haben, wird ein relativer technologischer Spezialisierungsindex herangezogen (RTA, Revealed Technological Advantage). Er wurde ursprünglich zur Messung der internationalen Handelsspezialisierung entwickelt, bald aber unter anderem auch zur Erfassung der technologischen Spezialisierung mit Patentdaten genutzt.infoKeld Laursen (2015): Revealed comparative advantage and the alternatives as measures of international specialization. Eurasian Business Review, 5, 99–115. Der RTA misst die relative Konzentration der Erfindertätigkeit (Patentfamilien p) der ausgewählten Unternehmen auf bestimmte Technologien im Vergleich zu einer Grundgesamtheit von Unternehmen und ist wie folgt definiert:

RTAtr= (ptr/tptr)/(tptr/trptr)

Dabei steht t für den Index des Technologiefeldes und r für den Index der jeweiligen Unternehmensauswahl. Zur Klassifizierung der Internationalisierungsstrategien wird hier etwa die Spezialisierung eines einzelnen Unternehmens in seinem Heimatland (RTA Heimat) und die technologische Spezialisierung aller Unternehmen eines Ziellandes (RTA Zielland) gemessen.

Da die Skala des RTA zwischen 0 und unendlich liegt und intuitiv schwer interpretierbar ist, wird er wie folgt transformiert:

RTA_modtr = 100 × tanh ln(RTAtr )

Durch die Umformung mit dem Tangens hyperbolicus und die Logarithmierung wird der RTA ein symmetrisches Maß mit Werten zwischen -100 und +100.

Ein Wert von 0 bedeutet, dass der Anteil eines Technologiefeldes in den ausgewählten Unternehmen dem durchschnittlichen Anteil des Feldes in allen Unternehmen entspricht. Der Index nimmt einen negativen Wert an (maximal -100), wenn der Anteil der Patentanmeldungen der untersuchten Unternehmen im betrachteten Technologiefeld kleiner ist als der Anteil in allen Unternehmen und somit keine Spezialisierung vorliegt. Positive Werte (maximal 100) zeigen einen höheren Anteil von Patenten in diesem Feld als im Durchschnitt und somit eine relative technologische Spezialisierung der ausgewählten Unternehmen auf das jeweilige Technologiefeld.

Dabei konzentrieren sich die deutschen Unternehmen im Inland und im Ausland im Großen und Ganzen auf die gleichen Technologiefelder. Ausnahmen bilden die für sie relativ kleinen Bereiche Biotechnologie und die Nahrungsmittelchemie, auf die deutsche Unternehmen nur im Ausland spezialisiert sind. In der Grundlegenden Kommunikationstechnik und der Datenverarbeitung haben sie zwar im Heimatland Spezialisierungsnachteile, im Ausland jedoch nicht.

Mit den Patentinformationen kann untersucht werden, welche Strategien deutsche Unternehmen mit ihren FuE-Aktivitäten im Ausland verfolgen: Ob sie im Ausland besonders in den Technologien forschen, bei denen die Zielländer technologische Vorteile haben, auf die sie also im weltweiten Vergleich besonders spezialisiert sind. Dies wäre ein Anhaltspunkt dafür, dass deutsche Unternehmen in diesen Ländern vor allem neues technologisches Wissen suchen, das ihnen im Heimatland nicht zur Verfügung steht. Forschen sie dagegen in Technologiebereichen, auf die diese Zielländer nicht spezialisiert sind, in denen sie also keine ausgeprägte Wissensbasis haben, dann dürften eher marktbezogene Motive vorliegen.

Zur Charakterisierung der Internationalisierungsstrategie deutscher Unternehmen in den Technologien und Zielländern wird ein Klassifizierungsschema verwendet, das die Patentportfolios der Unternehmen nutzt und in der Fachliteratur bereits mehrfach angewendet wurde.infoSiehe Patel und Vega (1999), a.a.O.; Christian Le Bas und Christophe Sierra (2002): Location versus home country advantages in R&D activities: some further results on multinationals’ locational strategies. Research Policy, 31, 589–609. Die Strategien der Unternehmen in der jeweiligen Zielregion werden dabei anhand von zwei technologischen Spezialisierungsmaßen identifiziert (Kasten 2):

  • Um die technologische Spezialisierung eines Unternehmens im Heimatland (RTA Heimat) zu bestimmen, werden zwei Anteile in Relation gesetzt: Erstens der Anteil der von einem Unternehmen in einem Technologiefeld erforschten Patentanmeldungen an allen Patentanmeldungen des Unternehmens. Zweitens der Anteil der in diesem Technologiefeld von allen Unternehmen angemeldeten Patente an allen Patenten weltweit.
  • Um die technologische Spezialisierung des Ziellandes beziehungsweise der Zielregion (RTA Zielland) zu bestimmen, werden ebenfalls zwei Anteile in Relation gesetzt: Erstens der Anteil der Patentanmeldungen aller dort forschenden Unternehmen in einem bestimmten Technologiefeld an allen Patentanmeldungen in dem Zielland. Zweitens der Anteil der weltweit in diesem Technologiefeld angemeldeten Patente an allen Patenten.

    Je nach Ausprägung der beiden Spezialisierungsmaße können vier Internationalisierungsstrategien für ein Technologiefeld in einer ausländischen Zielregion unterschieden werden (Tabelle 3):

Tabelle 3: Internationalisierungsstrategien der Forschung von Unternehmen

Technologische Spezialisierung … … des Ziellandes
stark schwach
... der Unternehmen im Heimatland stark (1) Wissensergänzend (2) Wissensnutzend
RTA1 Heimat > 0 RTA Heimat > 0
RTA Ziel > 0 RTA Ziel < 0
schwach (3) Technologiesuchend (4) Marktorientiert
RTA Heimat < 0 RTA Heimat < 0
RTA Ziel > 0 RTA Ziel < 0

1 Relativer technologischer Spezialisierungsindex, siehe Kasten 2 in diesem Bericht.

Quelle: Eigene Zusammenstellung in Anlehnung an Christian Le Bas und Christophe Sierra (2002): Location versus home country advantages in R&D activities: some further results on multinationals’ locational strategies. Research Policy, 31.

  1. In der wissenserweiternden beziehungsweise -ergänzenden Strategie ist das Unternehmen im jeweiligen Technologiefeld in der Heimat stark und auch das Zielland verfügt über Vorteile. Das Unternehmen nutzt damit die komplementäre Stärke im Ausland zur Erweiterung und Ergänzung der in der Heimat aufgebauten technologischen Stärke.
  2. In der wissensnutzenden Strategie ist die Forschung im Zielland relativ schwach und das Unternehmen nutzt dort die in der Heimat erarbeiteten technologischen Vorteile. Damit wird im Ausland eher technische Unterstützung für den Absatz und die dortige Produktion des eigenen Unternehmens geleistet.
  3. Mit einer technologiesuchenden Strategie versucht das Unternehmen, seine technologische Schwäche am Heimatstandort durch Forschung in den Ländern auszugleichen, die in diesen Feldern stark sind. So kann ihnen Forschung an Spitzenstandorten den Zugang zu neuen Hochtechnologien erschließen.
  4. In der marktorientierten Strategie spielen technologische Motive keine wichtige Rolle, weil weder das Heimatland des Unternehmens auf das jeweilige Forschungsfeld spezialisiert ist, noch das Zielland. Die Forschung im Ausland könnte etwa Resultat einer Unternehmensübernahme sein, bei der nichttechnologische Gründe ausschlaggebend waren.

    Wissensergänzende Internationalisierungsstrategie dominiert

    In der Internationalisierung dominiert die wissensergänzende beziehungsweise wissenserweiternde Strategie, auf die knapp die Hälfte der Erfindungstätigkeit im Ausland entfällt (Tabelle 4). Ein weiteres Viertel der Aktivitäten ist der wissensnutzenden Strategie zuzurechnen. Somit finden drei Viertel der FuE-Aktivitäten deutscher Unternehmen im Ausland in Forschungsfeldern statt, in denen sie am Heimatstandort im internationalen Vergleich technologische Spezialisierungsvorteile haben.infoIm Vergleich mit einer älteren ähnlichen Untersuchung für 87 deutsche Unternehmen ist damit der Anteil der beiden Strategien seit Mitte der 1990er Jahre etwa gleich geblieben. Dabei ist der Anteil der wissensergänzenden Strategie zulasten der wissensnutzenden Strategien etwas gestiegen. Siehe Patricia Laurens et al. (2015): Internationalisation of European MNCs R&D. Management international, 19(4), 18–33. Forschung im Ausland beruht also in den meisten Fällen auf der technologischen Stärke der Forschung in Deutschland.

    Nur zwölf Prozent der Patente im Ausland weisen auf eine technologiesuchende Strategie hin, bei der das Unternehmen im Ausland in Feldern forscht, auf die es in der Heimat nicht spezialisiert ist, das Zielland jedoch über technologische Vorteile verfügt. Es ist zu vermuten, dass Unternehmen so versuchen, für sie neues technologisches Wissen an ausländischen Spitzenforschungsstandorten zu erwerben. Überdurchschnittlich oft verfolgen Unternehmen aus Deutschland die technologiesuchende Strategie in der Computertechnik, der Optik, der Datenverarbeitung und der digitalen Kommunikationstechnik. Sehr selten wird diese Strategie dagegen in den Technologiefeldern Maschinenbau und Chemie gewählt.

    Während die Unternehmen in der Elektrotechnik alle vier Internationalisierungsstrategien in ähnlichem Maße verfolgen, liegt der Schwerpunkt im Maschinenbau, in der Chemie und bei den Instrumenten klar bei der wissensergänzenden Strategie, bei der sowohl die Unternehmen am Heimatstandort als auch die Zielländer auf die jeweiligen Technologien spezialisiert sind. Dort werden also technologische Vorteile der Unternehmen in der Heimat mit entsprechenden technologischen Vorteilen im Ausland kombiniert.

    Technologiesuchende Strategien deutscher Unternehmen haben in den USA, Österreich, Dänemark und Südkorea einen überdurchschnittlichen Anteil, also in besonders forschungsintensiven Ländern. Wissenserweiterung streben deutsche Unternehmen eher in benachbarten europäischen Ländern an. In der Forschung in China dominiert eindeutig die wissensnutzende Strategie, die vor allem der Anpassung der Produkte und Prozesse an die Bedingungen des Ziellandes dient.

    Auch in den sechs patentstärksten deutschen Unternehmen dominiert die wissensergänzende Strategie. Deutliche Unterschiede bestehen in der Bedeutung der technologiesuchenden Strategie. Bei BASF, Siemens und Infineon hat sie mit einem Anteil von jeweils etwa einem Fünftel ein deutlich höheres Gewicht als im Durchschnitt aller Unternehmen. Bosch sticht mit einem überdurchschnittlichen Anteil der wissensnutzenden Internationalisierungsstrategie hervor, forscht also im Ausland in vielen Technologien zur Unterstützung des Absatzes und der lokalen Produktion.

    Fazit: Auslandsforschung erweitert technologische Stärken in Deutschland, zeigt aber auch Defizite bei Digitalisierungstechnologien

    Obwohl bereits gut jede vierte Erfindung weltweit tätiger deutscher Unternehmen im Ausland entsteht, wird ihre Innovationskraft immer noch überwiegend von der Leistungsfähigkeit der FuE am Heimatstandort bestimmt. Im Ausland betreiben Unternehmen aus Deutschland FuE meistens aus einer Position der technologischen Stärke im Heimatland. In den besonders leistungsfähigen Forschungsschwerpunkten in Deutschland im Maschinenbau, der Chemie sowie in der Mess- und Steuertechnik ergänzen und erweitern die Aktivitäten im Ausland das in der Heimat entwickelte Wissen. Weitere wichtige Motive sind die Nutzung des heimischen Wissensvorsprungs zur Anpassung der Prozesse und Produkte an Bedingungen im Ausland und Wünsche der Kundinnen und Kunden.

    Der Forschungsstandort Deutschland verliert durch die internationalen Aktivitäten nicht an technologischer Stärke. Forschung, die im Ausland zusätzlich zu technologischen Aktivitäten im Heimatland oder zur Unterstützung der Markterschließung betrieben wird, weist nicht auf „Verlagerungen“ hin. Es gibt jedoch auch Internationalisierungsstrategien, mit denen Unternehmen im Ausland technologische Defizite im Heimatland ausgleichen. Sie haben zwar ein relativ geringes Gewicht, werden aber in Technologien verfolgt, deren Bedeutung im Zuge der Digitalisierung steigt, etwa in der Computertechnik, der Datenverarbeitung und der digitalen Kommunikationstechnik. Diese Forschungsfelder sollten in Deutschland gestärkt werden, um das im Ausland erworbene Wissen auch am Heimatstandort besser aufnehmen und für Innovationen nutzen zu können.

Tabelle 4: Internationalisierungsstrategien deutscher Unternehmen nach Technologiebereichen, Ländern und Unternehmen in den Jahren 2012 bis 2014

Anteile in Prozent

Internationalisierungsstrategien
wissensergänzend wissensnutzend technologiesuchend marktorientiert Insgesamt
Insgesamt 50 27 12 11 100
In Technologiebereichen:
Elektrotechnik 31 26 18 25 100
Instrumente 61 20 14 5 100
Chemie 57 29 9 5 100
Maschinenbau 60 28 6 6 100
Andere Felder 37 42 16 5 100
In Zielländern:
USA 47 26 16 11 100
Österreich 54 15 14 17 100
Frankreich 61 24 4 11 100
China 12 79 5 5 100
Vereinigtes Königreich 50 22 6 22 100
Schweden 63 27 2 8 100
Italien 67 11 8 14 100
Schweiz 56 25 8 11 100
Dänemark 50 21 20 9 100
Japan 41 47 9 3 100
Südkorea 27 29 36 8 100
Restliches Ausland 56 22 12 10 100
In Unternehmen:
Siemens 43 27 19 12 100
Bosch 45 39 8 9 100
Infineon 53 5 19 23 100
Volkswagen 59 21 6 14 100
Continental 55 16 11 18 100
BASF 42 28 20 11 100

Quellen: Institute for Prospective Technological Studies und OECD Directorate for Science, Technology and Innovation (EC-JRC/OECD COR&DIP© database, v.1. 2017); Europäisches Patentamt (PATSTAT v5.11); eigene Berechnungen.

Heike Belitz

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Unternehmen und Märkte



JEL-Classification: D24;F21;L60;O31
Keywords: R&D, Patents, Globalisation, German Multinationals
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2019-36-3