Gerechtigkeit im europäischen Vergleich: Verteilung nach Bedarf und Leistung in Deutschland besonders befürwortet

DIW Wochenbericht 45 / 2019, S. 817-825

Jule Adriaans, Philipp Eisnecker, Stefan Liebig

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  • Studie untersucht Gerechtigkeitsempfinden in Deutschland und dem Rest Europas anhand des European Social Survey (ESS)
  • Niedrige Bruttoerwerbseinkommen werden europaweit von Mehrheit als ungerechterweise zu niedrig bewertet
  • Hohe Einkommen werden in Deutschland seltener als ungerechterweise zu hoch bewertet als im sonstigen Europa
  • Das eigene Bruttoerwerbseinkommen wird in Deutschland besonders häufig als gerecht bewertet
  • Große Mehrheit befürwortet Leistungs- und Bedarfsprinzip, in Deutschland noch häufiger als in Europa

„Die Verteilung von Gütern und Lasten in einer gerechten Gesellschaft sollte sich nach Meinung der EuropäerInnen und stärker noch der Befragten in Deutschland an Bedarf und Leistung orientieren. Es ist also nicht nur wichtig, Löhne zu zahlen, die den individuellen Bedarf decken können, sondern auch Löhne, die die individuelle Leistung wertschätzen und anerkennen.“ Jule Adriaans

Anhand aktueller Daten des European Social Survey (ESS) wird die Wahrnehmung der nationalen Erwerbseinkommensgerechtigkeit in Deutschland und mit derjenigen im Rest Europas verglichen. Die große Mehrzahl der europäischen Befragten schätzt niedrige Bruttoerwerbseinkommen als ungerechterweise zu niedrig ein. Hohe Einkommen hingegen werden in Deutschland seltener als zu hoch eingeschätzt als im Rest Europas. Knapp die Hälfte der Europäerinnen und Europäer bewertet das eigene Bruttoerwerbseinkommen als gerecht, wobei gilt: Je höher das eigene Einkommen, desto eher wird dieses als gerecht bewertet. Auffällig ist, dass in Deutschland dieser Zusammenhang besonders stark ist. Grundsätzlich empfinden es die Befragten in Europa und insbesondere in Deutschland als gerecht, dass Güter und Lasten nach Bedarf und Leistung verteilt werden. Das Gleichheitsprinzip wird in Deutschland dagegen häufiger als in anderen europäischen Ländern abgelehnt. Bedarfs- und leistungsgerechte Löhne sind also nötig, damit die Ungleichheit bei den Erwerbseinkommen nicht als zu ungerecht empfunden wird.

Nach dem Schock der Finanz- und Wirtschaftskrise in den Jahren ab 2008 hat sich die wirtschaftliche Situation in den meisten Ländern der EU wieder entspannt. Insbesondere Deutschland verzeichnete in den letzten Jahren eine starke Konjunktur und eine deutliche Zunahme der Beschäftigtenquote. Dies heißt allerdings nicht, dass ein solcher Aufschwung auch bei allen gesellschaftlichen Gruppen gleichermaßen angekommen ist. Stattdessen könnten nur bestimmte Gruppen profitiert haben. Große Unterschiede zwischen den Ländern der EU bestehen beispielsweise bei der ungleichen Verteilung von Einkommen (Abbildung 1): So hat sich etwa die bestehende Ungleichheit in den südeuropäischen Ländern seit der Krise bis 2015 nochmals vergrößert. In Deutschland ist spätestens seit dem Jahr 2012 ebenfalls eine ansteigende Einkommensungleichheit zu beobachten.infoZu der zunehmenden Ungleichheit von Haushaltseinkommen siehe auch Markus M. Grabka, Jan Goebel und Stefan Liebig (2019): Wiederanstieg der Einkommensungleichheit – aber auch deutlich steigende Realeinkommen. DIW Wochenbericht Nr. 19, 343–353 (online verfügbar, abgerufen am 18. Oktober 2019. Dies gilt für alle Onlinequellen in diesem Bericht, sofern nicht anders vermerkt). Auch die Ungleichheit von Vermögen in Deutschland hat im Vergleich der Zeiträume 2008-2011 und 2011–2015 zugenommen. Vgl. Stefan Bach, Andreas Thiemann und Aline Zucco (2018): Looking for the Missing Rich: Tracing the Top Tail of the Wealth Distribution. DIW Discussion Paper Nr. 1717 (online verfügbar).

Ungleichheit wird jedoch nicht zwangsläufig als Ungerechtigkeit wahrgenommen. Einkommensunterschiede können beispielsweise als legitimes Resultat von Leistungsunterschieden bewertet werden und somit „gerechte Ungleichheiten“ widerspiegeln. Die empirische Gerechtigkeitsforschung zeigt allerdings: Wenn Ungleichheiten als ungerecht bewertet werden, reagieren die Personen mit einer Verminderung ihrer Leistung am Arbeitsplatz, zeigen geringere politische Beteiligung, geringeres Vertrauen zu anderen und weisen häufiger psychische und physische Krankheitssymptome auf.infoSiehe hierzu Jule Adriaans und Stefan Liebig (2018): Ungleiche Einkommensverteilung in Deutschland grundsätzlich akzeptiert, aber untere Einkommen werden als ungerecht wahrgenommen. DIW Wochenbericht Nr. 37, 802–807 (online verfügbar); Reinhard Schunck, Carsten Sauer, und Peter Valet (2015): Unfair Pay and Health: The Effects of Perceived Injustice of Earnings on Physical Health. European Sociological Review 31 (6), 655–666; Carsten Sauer und Peter Valet (2013): Less is Sometimes More: Consequences of overpayment on job satisfaction and absenteeism. Social Justice Research 26 (2), 132–150; Jason A. Colquitt und Jessica B. Rodell. (2011): Justice, Trust, and Trustworthiness: A Longitudinal Analysis Integrating Three Theoretical Perspectives. Academy of Management Journal 54 (6), 1183–1206.

Auf Basis aktueller europaweiter Daten des European Social Survey (ESS; Kasten 1) wird daher in dieser Studie untersucht, wie die objektiven Einkommensungleichheiten in Europa subjektiv bewertet werden. Dabei interessiert vor allem, wie sich diese Bewertungen in Deutschland vom europäischen Durchschnitt unterscheiden. Wird die Situation im eigenen Land von den Befragten in Deutschland negativer oder positiver wahrgenommen als in anderen Ländern Europas? Im Fokus steht dabei eine bestimmte Form sozialer Ungleichheit: die Ungleichheit der Erwerbseinkommen. Befragt wurden 33972 Bürgerinnen und Bürger Europas – Erwerbstätige und nicht Erwerbstätige –, wie sie die Bruttoerwerbseinkommen Vollzeitbeschäftigter am oberen und unteren Rand der Einkommensverteilung in ihrem jeweiligen Land und gegebenenfalls ihr eigenes Erwerbseinkommen bewerten.

Das European Social Survey (ESS) ist eine länderübergreifende Befragung, die seit 2002 im Zwei-Jahres-Rhythmus durchgeführt wird. In jeder Welle des ESS werden für alle beteiligten Länder repräsentative Bevölkerungsstichproben gezogen. Ein Teil der Fragen bleibt dabei in jeder Welle gleich und wird durch Fragen zu wechselnden thematischen Schwerpunkten ergänzt. Dabei werden im ESS sehr hohe methodische Standards sowohl bei der Erstellung des Fragebogens als auch bei der Stichprobenziehung und Datenerhebung eingehalten. Die Daten werden allen interessierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auf Anfrage zur Verfügung gestellt.infoSiehe zum Beispiel Christian Schnaudt et al. (2014): The European Social Survey: Contents, Design, and Research Potential. Schmollers Jahrbuch 134, 487–506. Nach vorheriger Registrierung können die Daten online abgerufen werden (online verfügbar). In der neuesten, in Deutschland zwischen September 2018 und März 2019 durchgeführten Befragungsrunde wurden die Teilnehmenden erstmals ausführlich zu ihren Einstellungen in Bezug auf soziale Gerechtigkeit und Fairness interviewt.infoEuropean Social Survey (2018): ESS Round 9 Module on Justice and Fairness – Question Design Final Module in Template, London: ESS ERIC Headquarters, City, University of London. In Deutschland wurden dafür 2358 Personen befragt; zusammen mit den anderen europäischen TeilnehmerInnen beruht dieser Bericht auf Angaben von 33972 Befragten.infoFür die Kategorie „Sonstiges Europa“ wurden in diesem Bericht Daten aus folgenden Ländern verwendet: Belgien, Bulgarien, Estland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Irland, Italien, Niederlande, Norwegen, Österreich, Polen, Schweiz, Slowenien, Tschechien, Ungarn, Zypern. Dieser Bericht beruht auf der Datensatzversion ESS9 v1.0. Die 9. Welle des ESS bietet somit repräsentative Daten, die einen einmaligen, vergleichenden Blick auf die Wahrnehmung von Gerechtigkeit in Europa erlauben.

Außerdem wird der Frage nachgegangen, welche grundlegenden Prinzipien der Verteilung von Gütern und Lasten in einer Gesellschaft die Befragten unterstützen: Sollen Güter und Lasten auf alle gleich verteilt werden oder sollen die individuellen Leistungen, die Bedürfnisse oder die erworbenen Anrechte entscheidend sein?

Befragte in Deutschland bewerten hohe Einkommen seltener als zu hoch

Insbesondere die Einkommen am oberen und unteren Rand der Einkommensverteilung, also sehr hohe und sehr niedrige Einkommen, sind häufig Gegenstand von Gerechtigkeitsdebatten. Um herauszufinden, wie die Befragten diese Einkommen wahrnehmen, erhielten sie Informationen zur Höhe der niedrigsten und der höchsten Bruttoerwerbseinkommen der Vollzeitangestellten in ihrem jeweiligen Land und wurden gebeten, diese zu bewerten (Kasten 2). Die Abfrage auf Basis objektiver Informationen zur Einkommensverteilung ermöglicht somit eine Einschätzung, als wie gerecht die tatsächliche Einkommensspanne im jeweiligen Land empfunden wird.

Einkommensverteilung und eigenes Einkommen

Die Bewertung der Einkommensverteilung wurde in zwei Schritten erhoben: Die Befragten wurden zunächst gebeten, an die zehn Prozent der höchstverdienenden Vollzeitangestellten in ihrem Befragungsland zu denken und die Gerechtigkeit dieser Einkommen zu bewerten. Um die Bewertungen zwischen Personen (und Ländern) vergleichbar zu machen, wurden den Befragten Kontextinformationen zum tatsächlichen Bruttoverdienst der obersten zehn Prozent im Befragungsland präsentiert. In Deutschland betrug dieser beispielsweise über 5800 Euro. Die Gerechtigkeitsbewertung erfolgte anhand einer neunstufigen Skala von −4 (äußerst ungerecht niedrig) bis +4 (äußerst ungerecht hoch). Die Skalenmitte (0) markiert eine gerechte Bezahlung. Eine Frage lautete beispielsweise: „Bitte denken Sie an die obersten zehn Prozent der Vollzeitbeschäftigten in Deutschland, die mehr brutto als 5800 Euro pro Monat verdienen. Würden Sie sagen, dass diese Einkommen ungerecht niedrig, gerecht oder ungerecht hoch sind? Bitte denken Sie ganz allgemein an die Menschen, die Einkommen in dieser Höhe erhalten“ (Tabelle).

Tabelle: Neunstufige Skala zur Gerechtigkeitsbewertung

Ungerecht niedrige(s) Einkommen Ungerecht hohe(s) Einkommen
äußerst ungerecht sehr ungerecht etwas ungerecht ein wenig ungerecht gerechte(s) Einkommen ein wenig ungerecht etwas ungerecht sehr ungerecht äußerst ungerecht
−4 −3 −2 −1 0 +1 +2 +3 +4

Quelle: Eigene Darstellung.

Mit Hilfe derselben Antwortskala wurden die Teilnehmenden gebeten, ihre Einschätzungen bezüglich der untersten zehn Prozent der Einkommen der Vollzeitangestellten in ihrem Land abzugeben. Auch für diese Abfrage wurden Kontextinformationen zum tatsächlichen Einkommen präsentiert (unter 1700 Euro für Deutschland).

Erwerbstätige Befragte bewerteten ebenfalls die Gerechtigkeit ihres eigenen Bruttoerwerbseinkommens. Auch diese Einschätzung konnte anhand der neunstufigen Skala von −4 (äußerst ungerecht niedrig) bis +4 (äußerst ungerecht hoch) abgestuft werden. Die Skalenmitte (0) markiert dabei eine gerechte Bezahlung.

Prinzipien der gerechten Verteilung

Die Zustimmung zu den vier VerteilungsprinzipieninfoDie Abfrage folgt Sebastian Hülle, Stefan Liebig und Meike J. May (2018): Measuring Attitudes Toward Distributive Justice: The Basic Social Justice Orientations Scale. Social Indicators Research 136(2), 663–692. wurde über je eine Aussage pro Prinzip gemessen.

  • Gleichheitsprinzip: „Eine Gesellschaft ist gerecht, wenn Einkommen und Vermögen gleichmäßig auf alle Menschen verteilt sind.“
  • Leistungsprinzip: „Eine Gesellschaft ist gerecht, wenn hart arbeitende Menschen mehr verdienen als andere.“
  • Bedarfsprinzip: „Eine Gesellschaft ist gerecht, wenn sie sich um Arme und Bedürftige kümmert, unabhängig davon, was diese der Gesellschaft zurückgeben.“
  • Anrechtsprinzip: „Eine Gesellschaft ist gerecht, wenn Menschen aus Familien mit hoher gesellschaftlicher Stellung Privilegien in ihrem Leben genießen.“

Befragte konnten ihre Zustimmung oder Ablehnung mit Hilfe von fünf Antwortkategorien abstufen: (1) „Stimme stark zu“, (2) „Stimme zu“, (3) „Weder noch“, (4) „Lehne ab “, (5) „Lehne stark ab “. Die Antwortkategorien (1) und (2) werden in diesem Bericht als Zustimmung zusammengefasst.

Befragungsergebnisse einer deutschen Erwerbstätigenbefragung aus dem Jahr 2017 haben bereits gezeigt, dass die Bruttoerwerbseinkommen am unteren Ende der Einkommensverteilung übereinstimmend als ungerecht wahrgenommen werden.infoAdriaans und Liebig (2018), a.a.O. Auch in der aktuellen ESS-Befragung bewertet ein Großteil der Befragten in Deutschland niedrige Einkommen, wie sie die untersten zehn Prozent der Vollzeiterwerbstätigen erhalten (in Deutschland ein Bruttomonatseinkommen von unter 1700 Euro), als ungerechterweise zu niedrig. Dies entspricht dem europäischen Durchschnitt (Abbildung 2): 84 Prozent in Deutschland und ebenfalls 84 Prozent im sonstigen Europa sehen ein solches Einkommen als zu gering an. Nur eine kleine Minderheit von acht Prozent der Befragten in Deutschland (zehn Prozent im sonstigen Europa) bewerten sie als gerecht. Anhand der vorgegebenen Antwortkategorien konnten die Befragten auch angeben, wie stark sie die Ungerechtigkeit einschätzen. Die empfundene Intensität der ungerechten Unterbezahlung ist in Deutschland demnach tendentiell etwas größer als im europäischen Durchschnitt.

Deutlichere Unterschiede zwischen Deutschland und dem europäischen Mittel zeigen sich bei der Bewertung hoher Einkommen, wie sie die obersten zehn Prozent der Vollzeitbeschäftigen verdienen. Dies entspricht einem Bruttomonatseinkommen von über 5800 Euro in Deutschland (Abbildung 3). 41 Prozent der Befragten in Deutschland und 39 Prozent der Befragten im Rest Europas schätzen solch hohe Einkommen durchaus als gerecht ein – wohingegen 42 Prozent in Deutschland und 47 Prozent im sonstigen Europa solche Einkommen als ungerechterweise zu hoch bewerten. Im Vergleich mit deutschen Befragten nehmen die ESS-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer aus den anderen europäischen Ländern im Schnitt hohe Einkommen deutlicher als ungerechte Überbezahlung wahr. Schließlich bewerten sogar 18 Prozent der Deutschen die hohen Einkommen in ihrem Land als zu niedrig, was nur 14 Prozent der Befragten im Rest Europas so sehen.

Während Befragte in Deutschland die Erwerbseinkommen am unteren Ende der Verteilung zwar eindeutig als zu niedrig bewerten und sich darin mit den Befragten in den anderen europäischen Ländern einig sind, unterscheiden sie sich darin, die Einkommen am oberen Ende der Einkommensspanne eher als gerecht anzusehen – in dem Fall handelt es sich um „gerechte Ungleichheiten“.

Je höher das eigene Einkommen, umso gerechter wird es empfunden

Doch wie bewerten die Befragten – in Deutschland wie im Rest Europas – ihre eigene Einkommenssituation? Hier zeigt sich zunächst ein durchaus positives Bild (Abbildung 4). Rund 49 Prozent der Befragten in Deutschland schätzen ihr eigenes Bruttoerwerbseinkommen als gerecht ein. Im sonstigen Europa sind es mit etwa 45 Prozent etwas weniger. Während sich nur ein sehr geringer Anteil ungerechterweise überbezahlt fühlt, schätzen 45 Prozent der Befragten in Deutschland (50 Prozent im sonstigen Europa) ihr Bruttogehalt als ungerechterweise zu niedrig ein.

Die Bewertung des eigenen Einkommens hängt dabei – wie zu erwarten – mit der eigenen Einkommensposition zusammen. Der Anteil jener, die ihr eigenes Bruttoeinkommen als gerecht bewerten, nimmt europaweit mit steigendem Bruttoeinkommen zu. Liegt der Anteil der gerecht bezahlten Personen im untersten Fünftel der Einkommensverteilung bei rund 35 Prozent, steigt dieser Anteil auf rund 63 Prozent bei den Personen im obersten Fünftel der Verteilung (Abbildung 5).

Auch in Deutschland steigt der Anteil derjenigen, die sich gerecht entlohnt fühlen, mit dem eigenen Einkommen stetig an. Am unteren Ende der Einkommensverteilung zeigt sich jedoch eine bemerkenswerte Abweichung zu den europäischen Ergebnissen: Befragte, deren monatliches Bruttoerwerbseinkommen zu den niedrigsten 20 Prozent in Deutschland zählt, bewerten ihr eigenes Bruttoeinkommen zu 51 Prozent überraschend häufig als gerecht. Beschränkt man jedoch die Untersuchungspersonen auf Vollzeitbeschäftigte, sinkt dieser Anteil auf 36 Prozent. Dass in Deutschland die Geringverdienenden ihre Einkommen so unerwartet positiv bewerten, lässt sich somit weitgehend durch einen großen Anteil von Teilzeitkräften in dieser Gruppe erklären, die ihr niedriges monatliches Einkommen angesichts der geringeren Zahl der Arbeitsstunden als gerecht ansehen.infoDer Anteil der Teilzeitarbeitskräfte ist in Deutschland deutlich höher als im europäischen Vergleich. Siehe hierzu Dietmar Hobler, Svenja Pfahl und Sandra Horvath (2017): Teilzeitquoten im Europavergleich 2002–2016. WSI GenderDatenPortal, Hans-Böckler-Stiftung (online verfügbar).

Betrachtet man den Zusammenhang zwischen Einkommensposition und Gerechtigkeitsbewertung des eigenen Bruttoeinkommens genauer, fällt auf: Ab dem dritten Quintil verläuft die Linie in Deutschland deutlich steiler als im europäischen Durchschnitt (Abbildung 5). Dies bedeutet, dass in Deutschland der Anteil derjenigen, die sich gerecht entlohnt fühlen, stärker mit der eigenen Einkommensposition steigt. Im restlichen Europa hängt dagegen die Bewertung des eigenen Einkommens weniger stark mit der eigenen Position in der Einkommensverteilung zusammen. Diese Unterschiede deuten möglicherweise darauf hin, dass in Deutschland Einkommensvergleiche mit anderen besonders relevant für die Bewertung des eigenen Einkommens sind.

Deutsche befürworten im europäischen Vergleich stärker eine Bedarfsabsicherung

Wovon hängt es ab, ob Ungleichheiten – wie bei aus Erwerbstätigkeit resultierenden Einkommen – als gerecht oder ungerecht bewertet werden? Ein Grund liegt darin, dass diese Verteilungsergebnisse den normativen Vorstellungen, nach welchen Prinzipien Güter und Lasten in einer Gesellschaft verteilt werden sollten, zuwiderlaufen oder damit übereinstimmen.

In der empirischen Gerechtigkeitsforschung werden vier grundlegende Verteilungsprinzipien unterschieden: Das Gleichheitsprinzip fordert, Güter und Lasten gleich zu verteilen. Dem Bedarfsprinzip entspricht eine Verteilung, die grundlegende Bedürfnisse deckt. Das Leistungsprinzip fordert, denjenigen mehr zu geben, die höhere Leistungen erbracht haben. Schließlich werden nach dem Anrechtsprinzip Güter und Lasten anhand von Statusmerkmalen wie Familienansehen oder Herkunft verteilt – hier spielen in der Vergangenheit Erreichtes oder die Herkunft eine Rolle.infoSebastian Hülle, Stefan Liebig und Maike Janina May (2018): Measuring attitudes toward distributive justice: the basic social justice orientations scale. Social Indicators Research, Vol. 136(2), 663–692; Philipp Eisnecker, Jule Adriaans und Stefan Liebig (2018): Was macht Gerechtigkeit aus? Deutsche WählerInnen befürworten über Parteigrenzen hinweg das Leistungs- und das Bedarfsprinzip. DIW aktuell Nr. 17 (online verfügbar). Neben der Bewertung des eigenen Einkommens und der Einkommensspanne wurden die Umfrageteilnehmerinnen und -teilnehmer auch gefragt, wie stark sie diesen vier Gerechtigkeitsprinzipien jeweils zustimmen (Kasten 2).

Grundsätzlich zeigen sich zwar ähnliche Bewertungsmuster in Deutschland und dem Rest Europas (Abbildung 6): Das Leistungsprinzip und das Bedarfsprinzip finden die breiteste Unterstützung, dem Gleichheitsprinzip stehen die Bürgerinnen und Bürger hingegen eher ambivalent gegenüber und das Anrechtsprinzip wird in der Regel abgelehnt. Im Detail zeigen sich aber Bewertungsunterschiede: Befragte in Deutschland stimmen im europäischen Vergleich häufiger dem Bedarfs- und dem Leistungsprinzip zu. Das Gleichheitsprinzip wird hingegen in Deutschland vergleichsweise seltener unterstützt.

Betrachtet man die Zustimmung zu den vier Prinzipien differenziert nach Haushaltsnettoeinkommen zeigt sich für Bedarf, Leistung und Anrecht ein recht stabiles Bild (Abbildung 7). Personen mit hohen Einkommen, die finanziell gut abgesichert sind, unterstützen ebenso eindeutig das Bedarfsprinzip wie Personen ganz unten in der Verteilung. Das Anrechtsprinzip, von dem eher jene profitieren, die bereits oben stehen, wird von Personen mit hohen Einkommen ebenso deutlich abgelehnt wie vom Rest der Verteilung. Dies legt nahe, dass die Präferenz für die Verteilungsprinzipien Bedarf und Anrecht nicht primär durch Eigeninteresse geprägt ist. Lediglich das Gleichheitsprinzip, welches starke Umverteilung für höhere Einkommen bedeuten würde, findet in den oberen Einkommensschichten deutlich seltener Zustimmung. Eine Verteilung nach dem Leistungsprinzip gilt in allen Einkommensgruppen als gerecht.

Fazit: Bedarfs- und leistungsgerechte Löhne stärken

Die Ergebnisse der Befragungen zeigen sehr starke Ähnlichkeiten zwischen Deutschland und dem europäischen Durchschnitt. So werden beispielsweise die niedrigen Einkommen überall als ungerechterweise zu niedrig bewertet. Relativ einig ist man sich auch, dass Güter und Lasten in einer Gesellschaft nach den Kriterien Bedarf und Leistung verteilt werden sollten.

Trotz vieler Übereinstimmungen gibt es aber auch Abweichungen: Unterschiede gibt es bei der Bewertung des eigenen Einkommens. Zwar steigt europaweit mit dem eigenen Einkommen auch der Anteil derjenigen, die sich gerecht entlohnt fühlen. Aber in Deutschland ist dieser Zusammenhang besonders stark ausgeprägt, was auf eine hohe Relevanz der eigenen Einkommensposition hinweist.

Außerdem werden in Deutschland die obersten zehn Prozent der Einkommen seltener als ungerechterweise zu hoch bewertet als im restlichen Europa. Damit nehmen insbesondere Befragte aus Deutschland eine Spreizung der Erwerbseinkommen nicht per se als ungerecht wahr. Dies spiegelt sich auch in der Bewertung der Verteilungsprinzipien wider. Deutschland befürwortet häufiger als der europäische Durchschnitt das Leistungsprinzip. Ungleiche Einkommen gelten durchaus als legitim, wenn sie auf anerkannten Verteilungsprinzipien basieren.infoEinschränkend ist anzumerken, dass die Untersuchung keine Aussage über die Bewertung von extrem hohen Einkommen zulässt, wie sie etwa die obersten ein Prozent in der Einkommensverteilung verdienen. Insgesamt ist die Gleichheitsorientierung in Deutschland deutlich geringer als im restlichen Europa.

Zu niedrige Einkommen verstoßen gegen das besonders in Deutschland breit befürwortete Bedarfsprinzip und werden entsprechend übereinstimmend als ungerechterweise zu niedrig bewertet. Vollzeitbeschäftige, die ihren Bedarf nicht sichern können, entsprechen auch nicht der Vorstellung einer leistungsgerechten Entlohnung. Gerade in Deutschland ist der Niedriglohnbereich aber sehr groß. Mit dem Mindestlohn wurde in Deutschland zwar ein Instrument zur Anhebung der Löhne am unteren Rand der Einkommensverteilung geschaffen, dieser wird jedoch nicht in allen Beschäftigungsverhältnissen auch ausbezahlt.infoAlexandra Fedorets, Markus M. Grabka und Carsten Schröder (2019): Mindestlohn: Nach wie vor erhalten ihn viele anspruchsberechtigte Beschäftigte nicht. DIW Wochenbericht Nr. 28, 483–491 (online verfügbar). So ist die Zahl der AufstockerInnen unter den Hartz-IV-Berechtigten trotz guter Konjunktur und Einführung des Mindestlohns kaum gesunken. Bedarfs- und leistungsgerechte Löhne sowie eine stärkere Kontrolle der Einhaltung des Mindestlohns sind nötig, damit die Ungleichheit bei den Erwerbseinkommen nicht als zu ungerecht empfunden wird.

Jule Adriaans

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel

Stefan Liebig

Direktorium in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel

Philipp Eisnecker

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel



JEL-Classification: D31;D63;J30
Keywords: Europe, Earnings Justice, Principles of Justice, Social Justice
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2019-45-1