Tesla-Werk in der Nähe von Berlin ist gute Nachricht für die deutsche Automobilindustrie: Kommentar

DIW Wochenbericht 47 / 2019, S. 866

Alexander Schiersch

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Tesla hat überraschend angekündigt, seine nächste „Gigafactory“ in Brandenburg in der Nähe von Berlin zu bauen. Dort will der E-Auto-Pionier nicht nur Fahrzeuge montieren, sondern auch die Kernkomponenten für Elektroautos produzieren: moderne Lithium-Ionen-Akkus und die Antriebsstränge. Das ist nicht nur eine gute Nachricht für die Region Berlin-Brandenburg, sondern für Deutschland insgesamt – und vor allem auch für die hiesige Automobilindustrie.

Tesla ist eines der technologisch führenden Unternehmen in der Batteriekonstruktion. Ein zuletzt angemeldetes Patent in diesem Bereich war ein weiterer Beweis hierfür. Wenn es in die Praxis umgesetzt werden kann, könnte es die Lebensdauer von Akkus ebenso erhöhen wie die Ladegeschwindigkeit. Tesla ist somit auf bestem Weg, die langen Ladezeiten und damit eines der Hauptprobleme von E-Autos zu reduzieren. Der Automobilstandort Deutschland gewänne somit ein technologisch führendes Unternehmen.

Hiesige Unternehmen müssen sich deshalb keine Sorgen machen. Im Gegenteil: Von einer Tesla-Produktion in Deutschland könnte vor allem die heimische Zuliefererindustrie profitieren. Diese befindet sich derzeit in rauen Gewässern. Der Umbau der Automobilproduktion und die Schwäche der globalen Automobilproduktion haben zu teilweise massiven Umsatzeinbrüchen geführt. Durch den technologischen Wandel werden einige der Zulieferer ihre Produktion gänzlich umstellen oder sogar aufgeben müssen. Mit Tesla tritt jedoch ein neuer Nachfrager auf den Markt. Die zusätzliche Nachfrage kann den deutschen Zulieferern in dieser Situation nur recht sein. Zudem ist gerade bei wichtigen Komponenten ein technologischer Austausch zwischen Autokonzernen und Zulieferern erforderlich. Die Kooperation mit Tesla kann so zusätzliches Know-how schaffen und der deutschen Zuliefererindustrie beim Umbau helfen.

Etwas überraschend ist die Entscheidung für den Standort an der Stadtgrenze von Berlin. Weder die Hauptstadt, noch das angrenzende Brandenburg sind ein im nationalen Maßstab relevanter Automobilstandort. Für beide Bundesländer zusammen führt die Statistik gerade mal 34 Betriebe im Kraftfahrzeugbau auf, in denen insgesamt etwas mehr als 9200 Personen tätig sind. Zum Vergleich: Laut Statistischem Bundesamt gibt es im gesamten deutschen Kraftfahrzeugbau fast 1000 Betriebe und die Zahl der dort tätigen Personen liegt bei knapp einer Million.

Warum also Berlin? Die Details der Verhandlungen sind noch nicht bekannt. Was nach außen dringt, deutet darauf hin, dass die verfügbare Fläche im vergleichsweise leeren Brandenburg eine Rolle gespielt hat. Auch wird der Konzern scharf gerechnet und die möglichen Beihilfen im strukturschwachen Ostdeutschland berücksichtigt haben. Die Subventionen werden jedoch nicht der Hauptgrund sein. Die möglichen Beihilfen in Polen oder Ungarn, das sich in den zurückliegenden Jahren zu einem wichtigen Standort der europäischen Automobilproduktion entwickelt hat, würden wahrscheinlich noch deutlich höher ausfallen.

Als die Entscheidung für Deutschland stand und Dörpen im Emsland gegen Berlin abgewogen wurde, wird bei Tesla und Herrn Musk auch die Ausstrahlung Berlins eine Rolle gespielt haben. Die Hauptstadt wird international als Ort einer vitalen Start-up-Szene verbunden mit einer großen Forschungslandschaft wahrgenommen – und als interessanter Ort zum Leben. Auch die direkte Lage in der Nähe zum BER dürfte eine Rolle gespielt haben, da Geschäftspartner und Verantwortliche von Tesla relativ schnell und problemlos an- und abreisen könnten. Dafür müsste der neue Flughafen natürlich auch mal fertig werden – am besten, bevor Tesla seine Fabrik gebaut hat.

Dieser Beitrag ist in einer kürzeren Version am 16. November 2019 in der Fuldaer Zeitung erschienen.

Alexander Schiersch

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Unternehmen und Märkte