Effekte von gebührenfreien Kitas auf das Erwerbsverhalten der Mütter sind verhältnismäßig klein: Interview

DIW Wochenbericht 48 / 2019, S. 879

Mathias Huebener, Erich Wittenberg

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Herr Huebener, im Rahmen des „Gute-KiTa-Gesetzes“ sollen in verschiedenen Bundesländern mehr Kita-Jahrgänge als bisher von den Gebühren befreit werden. Sie haben untersucht, wie sich diese Gebührenbefreiung auf die Erwerbstätigkeit von Müttern auswirkt. Wie sind Sie dabei vorgegangen? Da wir sehr wenige empirische Befunde darüber haben, wie sich diese Gebührenbefreiungen auf die Nutzung von Kitas, aber auch auf das Erwerbsverhalten der Eltern auswirken, haben wir in die Vergangenheit geschaut und dabei Reformen betrachtet, bei denen zwischen 2006 und 2011 in einigen Bundesländern schon die Gebühren für das letzte Kita-Jahr vor der Einschulung abgeschafft wurden. Dabei haben wir analysiert, inwiefern sich die Kita-Nutzung, aber auch das Erwerbsverhalten der Eltern an die Gebührenentlastung angepasst hat.

Wie wirken sich die Gebührenbefreiungen auf die Nutzung der Kita aus? Im letzten Kita-Jahr ist der Anteil von Kindern, die eine Kindertagesstätte besuchen, bereits sehr hoch. Deshalb gehen aufgrund der Gebührenbefreiung nicht mehr Kinder als zuvor in eine Kita. Allerdings zeigt sich, dass jene Kinder, die bereits in der Kita sind, häufiger ganztags statt halbtags betreut werden – der Betreuungsumfang steigt also durch die Gebührenbefreiung.

Wie wirkt sich die Gebührenbefreiung auf das Erwerbsverhalten der Mütter aus? Dabei haben wir zwei Aspekte betrachtet. Zum einen, ob sich aufgrund der Befreiung von Kita-Gebühren mehr Mütter dafür entscheiden, überhaupt einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Da finden wir keine Effekte. Des Weiteren haben wir betrachtet, ob jene Mütter, die bereits erwerbstätig waren, aufgrund der Gebührenbefreiung ihren Erwerbsumfang ausdehnen. Dort zeigt sich, dass Mütter ihren Stundenumfang erhöhen und mehr Stunden pro Woche arbeiten und dadurch auch häufiger einer Vollzeiterwerbstätigkeit nachgehen können. Dieser Effekt ist allerdings verhältnismäßig klein.

Inwieweit unterscheiden sich die Effekte, wenn man nach sozialen Faktoren wie Einkommen, Bildung oder Familienstand unterscheidet? Die beschriebenen Effekte beobachten wir hauptsächlich bei Müttern, die kein Kind unter drei Jahren in ihrem Haushalt haben. Zudem sind es alleinerziehende Mütter, die auf Gebührenbefreiungen eher reagieren und Mütter, bei denen der Partner nicht arbeitet; weiterhin sind es vor allem Mütter mit einem hohen Bildungsabschluss.

Wie effizient sind die Gebührenbefreiungen im Rahmen des „Gute-KiTa-Gesetzes“? Bei unserer Betrachtung der vergangenen Reformen zeigen sich vornehmlich kleine Effekte auf das Erwerbsvolumen bei vereinzelten Gruppen von Müttern. Vor diesem Hintergrund betrachten wir die Maßnahme als ineffizient, wenn sie zum Ziel hat, die Erwerbstätigkeit von Müttern zu steigern. Jetzt muss man beachten, dass in den vergangenen zehn Jahren der Betreuungsumfang von Kindern ohnehin gestiegen ist und auch immer mehr jüngere Kinder trotz Kita-Gebühren eine Kindertageseinrichtung besuchen. Mit Blick auf Gebührenbefreiungen im Rahmen des „Gute-KiTa-Gesetzes“ erwarten wir ebenfalls nur sehr kleine Effekte auf das Erwerbsangebot der Mütter – wenn sie denn überhaupt nachweisbar sein werden. Ob sich durch die Gebührenbefreiungen beispielsweise Eltern mit einem Migrationshintergrund oder Eltern mit niedrigerem Bildungsabschluss früher oder häufiger entscheiden, ihr Kind in einer Kita betreuen zu lassen, bleibt eine offene Frage, die wir mit unserer Untersuchung noch nicht abschließend beantworten können. Insgesamt halten wir aber fest, dass Gebührenbefreiungen für alle keine effiziente Maßnahme sind, um die Erwerbstätigkeit von Eltern zu fördern.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Audio-Interview (MP3)

Mathias Huebener

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Bildung und Familie