Bis zu 60 Prozent aller Berechtigten nehmen Grundsicherung nicht in Anspruch: Interview

DIW Wochenbericht 49 / 2019, S. 909-917

Peter Haan, Erich Wittenberg

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Herr Haan, wie viele Menschen in Deutschland nehmen Grundsicherung im Alter in Anspruch und wie hat sich diese Zahl in den letzten Jahren entwickelt? Derzeit sind das ungefähr 560 000 Personen. Das entspricht ungefähr drei Prozent aller Seniorinnen und Senioren. Im Vergleich zu den vorherigen Jahren hat sich die Zahl sehr stark erhöht. Als die Grundsicherung im Jahr 2003 eingeführt wurde, waren es etwas mehr als 250 000 Personen. Das heißt, wir sehen hier einen sehr starken Anstieg, wobei wir uns auf einem niedrigen Niveau bewegen.

Können Sie abschätzen, wie viele Menschen keine Grundsicherung in Anspruch nehmen, obwohl sie einen Anspruch hätten? Das haben wir in der Studie gemacht. Allerdings ist das nicht ganz einfach, weil dabei viel Unsicherheit im Spiel ist. Wir schätzen, dass etwa 60 Prozent der Menschen, die Anspruch haben, diesen nicht in Anspruch nehmen.

Das ist eine sehr hohe Zahl. Haben Sie eine Erklärung dafür? Zum einen spielt Unwissenheit sicherlich eine große Rolle. Viele Leute wissen gar nicht, dass sie anspruchsberechtigt sind. Auch bei geringen Ansprüchen im Bereich von 50 oder 100 Euro beobachten wir häufig, dass Menschen den Anspruch nicht geltend machen. Ein anderer wichtiger Grund ist aber auch Stigmatisierung. Die Leute trauen sich nicht, anderen Menschen zu zeigen, dass sie bedürftig sind, und nehmen deswegen keine Grundsicherung in Anspruch. Ein weiterer Grund ist Komplexität. Den Leuten ist es zu anstrengend, sie wissen nicht genau, wie es geht, und beantragen deswegen die Grundsicherung nicht.

Wie stark könnten diese Personen ihr Einkommen steigern, wenn sie nicht auf diese Leistung verzichten würden? Das ist sehr unterschiedlich, weil die Anspruchshöhe natürlich variiert. Im Durchschnitt würde sich das Nettoeinkommen der Haushalte ungefähr um 30 Prozent erhöhen. Das entspricht pro Monat etwa 200 Euro. Für manche Gruppen können es aber bis zu 50 Prozent sein. Das sind diejenigen Gruppen, die diese Leistung besonders wenig in Anspruch nehmen.

Im Grunde genommen spart der Staat dadurch Geld. Wie viel würde es den Staat kosten, wenn alle ihren Anspruch auf Grundsicherung wahrnehmen würden? Ja, das ist richtig, der Staat spart dadurch Geld. Wir haben das berechnet und kommen auf Werte von jährlich etwa zwei Milliarden Euro. Diese Kosten fallen sehr stark für die Einkommen in den untersten beiden Dezilen an. Das heißt, dieses Geld fehlt aktuell den einkommensschwächsten Haushalten in der Einkommensverteilung.

Was könnte getan werden, damit weniger anspruchsberechtigte Menschen auf die Grundsicherung verzichten? Man könnte versuchen, die Menschen besser zu informieren, wobei man sagen muss, dass die Rentenversicherung schon Briefe an Leute verschickt, die eine Rente in der Nähe der Bedürftigkeitsschwelle beziehen. Eine andere wichtige Maßnahme wäre, das ganze Verfahren zu vereinfachen. Man könnte überlegen, Grundsicherungsleistungen über längere Zeiträume als zwölf Monate zu bewilligen. Zudem wäre zu prüfen, ob man nicht auf eine Vermögensprüfung verzichten kann, wenn man eine sehr ausführliche Einkommensprüfung macht. Vermögen ist im unteren Einkommensbereich wenig verbreitet und über die Kapitaleinkünfte dürfte man das hinreichend genau erfassen. Besonders wichtig wäre es, häufiger klar zu machen, dass die Grundsicherungsleistung ein Recht ist und nicht mit Almosen verwechselt werden sollte. Wenn man die Grundsicherung eher als gesellschaftliche Errungenschaft präsentiert, könnte dies das Stigma des Grundsicherungsbezugs relativieren.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Audio-Interview (MP3)

Peter Haan

Abteilungsleiter in der Abteilung Staat