Deutsche Wirtschaft: Industrie kämpft sich mühsam aus der Krise: Grundlinien der Wirtschaftsentwicklung im Winter 2019

DIW Wochenbericht 50 / 2019, S. 936-950

Claus Michelsen, Marius Clemens, Max Hanisch, Simon Junker, Laura Pagenhardt, Thore Schlaak

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Die deutsche Wirtschaft befindet sich nach wie vor in einer Schwächephase. Die Industrieproduktion setzt die Talfahrt zunächst fort, allerdings gibt es Zeichen, die auf eine langsame Erholung hinweisen. Ab dem Jahreswechsel dürfte das verarbeitende Gewerbe die Produktion allmählich ausweiten – ein Ausstrahlen der Industrierezession auf den Dienstleistungssektor und die Bauwirtschaft wird deshalb weniger wahrscheinlich. Letztere Sektoren profitieren von der recht kräftigen Nachfrage der privaten Haushalte, die durch die weiterhin günstige Arbeitsmarktlage und finanzpolitische Stimuli angeregt wird. Deswegen dürfte der Zuwachs beim Bruttoinlandsprodukt, nach 0,5 Prozent in diesem Jahr, mit 1,2 Prozent im kommenden Jahr und 1,4 Prozent im Jahr 2021 wieder höher ausfallen.

Die Wirtschaftsleistung wird im Schlussquartal dieses Jahres voraussichtlich schrumpfen, um gut 0,1 Prozent (Abbildung 1). Die industrielle Wertschöpfung dürfte weiter eingebrochen sein. Im kommenden Jahr wird sie aber wohl bei einem soliden Auslandsgeschäft allmählich wieder hochgefahren (Tabelle 1). Die deutsche Wirtschaft wird dann wieder kräftiger wachsen (Abbildung 2 und Tabelle 2). Insgesamt sinkt gleichwohl die Auslastung der gesamtwirtschaftlichen Produktionskapazitäten und wird im Prognosezeitraum in etwa dem langjährigen Durchschnitt entsprechen (Abbildung 3).

Tabelle 1: Quartalsdaten zur Entwicklung der Verwendungs- und Entstehungskomponenten des realen Bruttoinlandsprodukts

Veränderung gegenüber dem Vorquartal in Prozent; saison- und kalenderbereinigt

2019 2020 2021
I II III IV I II III IV I II III IV
Privater Verbrauch 0,8 0,1 0,4 0,2 0,5 0,4 0,4 0,3 0,6 0,5 0,3 0,3
Öffentliche Konsumausgaben 0,6 0,6 0,8 0,4 0,5 0,5 0,5 0,5 0,5 0,5 0,5 0,5
Bruttoanlageinvestitionen 1,6 −0,3 −0,1 0,3 0,9 0,8 0,6 0,6 1,0 0,7 0,5 0,5
Bauten 2,5 −1,1 1,2 0,5 0,8 0,8 0,5 0,5 0,7 0,7 0,4 0,4
Ausrüstungen 1,5 0,3 −2,6 −0,2 0,9 0,6 0,6 0,6 1,2 0,6 0,6 0,6
Sonstige Investitionen −0,6 0,9 1,0 0,9 1,3 0,9 0,8 0,8 1,3 0,7 0,7 0,7
Lagerveränderung1 −0,9 0,2 −0,7 −0,2 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0
Inländische Verwendung 0,0 0,0 0,0 0,9 −0,1 0,5 0,4 0,4 0,7 0,5 0,4 0,4
Außenbeitrag1 0,4 −0,6 0,5 −0,1 −0,2 −0,1 −0,1 0,0 −0,2 −0,2 −0,1 0,0
Export 1,6 −1,3 1,0 0,9 0,6 0,5 0,5 0,4 0,4 0,5 0,5 0,5
Import 0,8 −0,1 0,1 1,3 1,0 0,9 0,8 0,6 1,0 1,0 0,7 0,7
Bruttoinlandsprodukt 0,5 −0,2 0,1 −0,1 0,4 0,3 0,3 0,3 0,5 0,3 0,3 0,3
Bruttowertschöpfung 0,4 −0,3 −0,1 −0,1 0,4 0,3 0,3 0,3 0,5 0,3 0,3 0,3
Verarbeitendes Gewerbe −1,1 −1,3 −1,1 −1,4 0,7 0,5 0,5 0,5 0,6 0,5 0,5 0,5
Baugewerbe 1,1 −0,8 2,0 −0,7 1,0 0,8 0,5 0,5 0,8 0,7 0,4 0,4
Handel, Gastgewerbe, Verkehr 2,5 −0,6 −0,1 0,3 0,6 0,5 0,5 0,4 1,0 0,5 0,4 0,4
Unternehmensdienstleister 0,6 −0,1 −0,2 −0,1 0,4 0,4 0,4 0,4 0,5 0,4 0,4 0,4
Öffentliche Dienstleistungen, Erziehung, Gesundheit −0,1 0,5 0,4 0,4 0,3 0,2 0,2 0,1 0,1 0,1 0,1 0,1

1 Wachstumsbeitrag in Prozentpunkten.

Quellen: Statistisches Bundesamt; DIW Wintergrundlinien 2019. Prognose ab dem vierten Quartal 2019.

Tabelle 2: Eckdaten zur Wirtschaftsentwicklung in Deutschland

2016 2017 2018 2019 2020 2021
Reales Bruttoinlandsprodukt1 (Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent) 2,2 2,5 1,5 0,5 1,2 1,4
Erwerbstätige im Inland (1000 Personen) 43655 44248 44854 45252 45408 45584
Erwerbslose, ILO 1775 1621 1469 1356 1338 1285
Arbeitslose, BA 2691 2533 2340 2266 2278 2226
Erwerbslosenquote, ILO2 4,1 3,8 3,4 3,2 3,2 3,0
Arbeitslosenquote, BA2 6,1 5,7 5,2 5,0 5,0 4,8
Verbraucherpreise3 0,5 1,5 1,8 1,4 1,5 1,6
Lohnstückkosten4 1,2 1,2 2,5 3,4 1,6 1,5
Finanzierungssaldo des Staates5
in Milliarden Euro 37,1 40,3 62,4 51,7 24,6 6,3
in Prozent des BIP 1,2 1,2 1,9 1,5 0,7 0,2
Leistungsbilanzsaldo in Prozent des BIP 8,5 8,1 7,4 7,6 7,4 6,8

1 In Preisen des Vorjahres.

2 Bezogen auf die inländischen Erwerbspersonen insgesamt (ILO) bzw. zivilen Erwerbspersonen (BA).

3 Verbraucherpreisindex.

4 Im Inland entstandene Arbeitnehmerentgelte je Arbeitnehmerstunde bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt in Preisen des Vorjahres je Erwerbstätigenstunde.

5 In der Abgrenzung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (ESVG).

Quellen: Angaben nationaler und internationaler Institutionen; DIW Wintergrundlinien 2019. Prognose ab 2019.

Die Abkühlung der Weltkonjunktur hat die deutsche Exportindustrie zwischenzeitlich relativ stark belastet, zuletzt legten die Ausfuhren jedoch schon wieder zu. Ein großer Teil dieser Nachfrage dürfte aus den gut gefüllten Lagern bedient worden sein. Die Industrieproduktion – allen voran bei den für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft besonders wichtigen Automobilherstellern und den Maschinenbauern – ging bis zuletzt deutlich zurück. Die Auslandsnachfrage dürfte im Prognosezeitraum ihren moderaten Aufwärtstrend aber fortsetzen und damit die Industrieproduktion beleben. Die Zuwächse dürften sich im Vergleich zur vorangegangenen Aufschwungphase in etwa halbieren. Geprägt von Handelskonflikten, einer zyklischen Abkühlung der Investitionsgüternachfrage, aber auch strukturellen Faktoren, wie einer gemächlicheren Gangart der chinesischen Wirtschaft, dürfte der Welthandel einem merklich flacheren Wachstumspfad folgen. Die mit den Handelskonflikten verbundenen Risiken bleiben bestehen, sind aber etwas zurückgegangen. Dies dürfte dazu beigetragen haben, dass sich die Stimmung im verarbeitenden Gewerbe zuletzt leicht aufgehellt hat. Die Auftragslage hat sich stabilisiert.

Im Zuge der Flaute im verarbeitenden Gewerbe ist die Beschäftigung in der Industrie und in manchen industrie- nahen Dienstleistungszweigen zuletzt zurückgegangen. Ab dem Jahreswechsel dürfte die Zahl der Erwerbstätigen aber auch dort kaum noch sinken und im späteren Verlauf wieder steigen. Der Beschäftigungsaufbau insgesamt fällt in den kommenden beiden Jahren mit durchschnittlich je 160 000 Personen allerdings deutlich schwächer aus als im Aufschwung der vergangenen Jahre. Die Arbeitslosigkeit wird im Jahr 2021 unter fünf Prozent sinken. Qualifizierte Arbeitskräfte bleiben knapp und der Lohnauftrieb entsprechend hoch.

Schon allein die steigenden Lohneinkommen kurbeln den Konsum und damit die konsumnahen Dienstleister an, die nach wie vor kräftig zum Wachstum der deutschen Wirtschaft beitragen. Zudem profitieren die privaten Haushalte wie bereits in diesem Jahr weiter von spürbaren Einkommensschüben durch die Finanzpolitik: So werden die Renten recht kräftig steigen, Steuererleichterungen auf den Weg gebracht und besonders der weitgehende Abbau des Solidaritätszuschlags lässt die verfügbaren Einkommen steigen. Auch die moderate Inflation belastet mit Raten von etwa anderthalb Prozent die Kaufkraft nur wenig.

Von der dynamischen Einkommensentwicklung und den günstigen Finanzierungsbedingungen wird weiterhin auch der Wohnungsbau profitieren. Die Ausrüstungsinvestitionen dürften zunächst schwach bleiben und auch im späteren Verlauf angesichts der anhaltenden Unsicherheiten nur allmählich an Dynamik gewinnen.

Inflation: Preisentwicklung weiter moderat

Die Verbraucherpreise ziehen leicht an. Die stark schwankenden Energiepreise überdecken dies allerdings – sie sanken im dritten Quartal und werden voraussichtlich auch im vierten Quartal nachgeben. Deswegen ist auch die Teuerungsrate auf zuletzt 1,1 Prozent zurückgegangen. Die Kernrate, die die Energiepreisentwicklung ausblendet, lag indes höher, bei gut anderthalb Prozent. Während die Energiepreise im weiteren Verlauf bei annahmegemäß sinkenden Ölpreisen (Tabelle 3) nicht zur Teuerung beitragen, dürfte die Kernrate von knapp 1,5 Prozent im kommenden Jahr auf 1,8 Prozent im Jahr 2021 zulegen. Die Unternehmen werden angesichts des kräftigen privaten Verbrauchs und insgesamt in etwa normal ausgelasteten Kapazitäten die Lohnsteigerungen zumindest teilweise an die Verbraucherinnen und Verbraucher weitergeben. Alles in allem dürfte die Inflation in diesem Jahr bei 1,4 Prozent liegen und im weiteren Verlauf etwas – über 1,5 Prozent im kommenden Jahr auf 1,6 Prozent im Jahr 2021 – ansteigen.

Tabelle 3: Annahmen dieser Prognose

2019 2020 2021
EZB-Leitzins Prozent 0,0 0,0 0,0
Geldmarktzins EURIBOR-Dreimonatsgeld in Prozent −0,4 −0,4 −0,4
Kapitalmarktzins Rendite für Staatsanleihen im Euroraum mit zehnjähriger Restlaufzeit 0,4 0,3 0,4
Kapitalmarktzins Rendite für Staatsanleihen in Deutschland mit zehnjähriger Restlaufzeit −0,2 −0,3 −0,2
Wechselkurs US-Dollar/Euro 1,12 1,11 1,11
Tarifliche Monatslöhne Änderung gegenüber Vorjahr in Prozent 3,0 2,5 2,5
Erdölpreis US-Dollar/Barrel 63,9 59,5 57,6
Erdölpreis Euro/Barrel 57,1 53,8 52,1

Quelle: DIW Herbstgrundlinien 2019.

Arbeitsmarkt: Industrieflaute macht sich bemerkbar

Der Arbeitsmarkt erweist sich insgesamt als eine Stütze der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland, obgleich vor allem der Beschäftigungsaufbau eine deutlich schwächere Dynamik als noch in den Vorjahren verzeichnet. Sowohl im verarbeitenden Gewerbe als auch bei den Unternehmensdienstleistern wurden im dritten Quartal jeweils knapp 20000 Stellen abgebaut. Dennoch waren insgesamt rund 40000 Personen mehr erwerbstätig als im Vorquartal, da insbesondere im Bereich der öffentlichen Dienstleister Neueinstellungen zu verzeichnen waren. Auch die konjunkturell bedingte Kurzarbeit bewegt sich auf einem sehr niedrigen Niveau.

Der Beschäftigungsaufbau setzt sich auch im Winter 2019 fort (Abbildung 4). Die monatliche Erwerbstätigenstatistik verzeichnete im Oktober ein Plus von 30000 Personen und auch die Beschäftigungsbarometer des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und des ifo Instituts deuten auf eine Ausweitung der Erwerbstätigkeit hin. Im weiteren Prognoseverlauf wird die Beschäftigung weiter kontinuierlich steigen. Das Beschäftigungsplus wird jedoch, entsprechend der schwächeren Produktionsausweitung, in den beiden kommenden Jahren mit rund 160000 und 175000 Personen geringer ausfallen als noch in der jüngeren Vergangenheit.

Gedämpft wurde die Arbeitsmarktentwicklung durch leicht steigende Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung. Im dritten Quartal stiegen beide Größen um rund 20000 Personen an, auch wenn zu berücksichtigen ist, dass dieser Anstieg aufgrund einer Korrektur der Arbeitslosenstatistik im Mai 2019 überzeichnet sein dürfte. Im Winterhalbjahr 2019 dürfte die Arbeitslosigkeit vorrübergehend sogar ansteigen, nicht zuletzt, weil im produzierenden Gewerbe und bei den industrienahen Dienstleistern zunächst weiter Stellen abgebaut werden. Ab dem Frühjahr 2020 dürfte die Arbeitslosigkeit jedoch wieder sinken – wenngleich nur mit geringem Tempo. Zu Buche schlägt dabei auch, dass das Erwerbspersonenpotential allenfalls noch geringfügig steigt. Die Arbeitslosigkeit wird in diesem und im kommenden Jahr bei etwa 2,3 Millionen Personen liegen; im Jahr 2021 dürfte sie auf 2,2 Millionen sinken. Dies entspricht einer Arbeitslosenquote von 5,0 Prozent in den Jahren 2019 und 2020 sowie 4,8 Prozent im Jahr 2021.

Die Löhne je Beschäftigten sind im dritten Quartal um 1,0 Prozent gegenüber dem zweiten Quartal gestiegen. Hier dürfte sich insbesondere das in der Tarifrunde 2018 vereinbarte Zusatzgeld der IG Metall bemerkbar gemacht haben, jedoch verzeichneten auch andere Wirtschaftszweige, etwa Handel, Verkehr und Gastgewerbe, überdurchschnittliche Gehaltssteigerungen. Die Bruttomonatslöhne dürften im laufenden Jahr recht deutlich zulegen, um rund 3,0 Prozent, und damit unter dem Strich in etwa so stark wie im vergangenen Jahr. Die Tariflöhne (inklusive Sonderzahlungen) steigen mit rund 3,1 Prozent in gleicher Größenordnung an.infoFür die Jahre 2020 und 2021 liegen bereits für rund 75 beziehungsweise 25 Prozent der Beschäftigten (in tarifgebundenen Unternehmen) gültige Tarifvereinbarungen vor. Auslaufende Tarifverträge werden im Normalfall nicht nahtlos verlängert. Deswegen liegt der Anteil der ArbeitnehmerInnen mit gültigen Tarifverträgen durchschnittlich bei 83 Prozent. In den beiden kommenden Jahren schwächt sich die Lohnentwicklung – sowohl von Effektiv- als auch von Tariflöhnen – etwas ab. Dennoch ergibt sich eine leicht steigende Lohndrift, denn die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer befinden sich angesichts weiterhin bestehender Knappheiten auf dem Arbeitsmarkt nach wie vor in einer guten Verhandlungsposition. Dass die Lohndrift nicht stärker ausfällt, liegt daran, dass die konjunkturelle Entwicklung verhalten bleibt.

Privater Verbrauch schaltet einen Gang höher

Der private Verbrauch hat im bisherigen Jahresverlauf kräftig zugelegt. Nach wie vor hat dazu maßgeblich die gute Arbeitsmarktentwicklung beigetragen; die Löhne steigen in der Summe in diesem Jahr um voraussichtlich gut vier Prozent. Der Beschäftigungsaufbau hat allerdings zuletzt Schwung eingebüßt und wird auch im weiteren Verlauf verhaltener sein als in den vergangenen Jahren. Brutto legen die Löhne deswegen dann nur noch um gut drei Prozent zu. Netto steigen sie indes in jedem Jahr deutlich stärker an als brutto, weil die Bundesregierung eine Reihe von Entlastungen auf den Weg gebracht hat. Bereits zu Jahresbeginn 2019 gab es steuerliche Entlastungen, vor allem hat aber die Wiederherstellung der paritätischen Krankenkassenfinanzierung einen Teil der Beitragslast von den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern auf die Arbeitgeber abgewälzt. Auch in den kommenden beiden Jahren steht eine Reihe entlastender Maßnahmen an – dazu zählen ein Abbau der kalten Progression und die Anhebung von steuerlichen Freibeträgen. Die Nettolöhne steigen nach 4,6 Prozent im laufenden Jahr um 3,5 Prozent im kommenden Jahr und um 4,2 Prozent im Jahr 2021, dann steigen sie – gerade auch im Vergleich zu den Bruttolöhnen – besonders dynamisch, weil der Abbau des Solidaritätszuschlags durchschlägt.

Hinzu kommen einmal mehr kräftig steigende Renten. So hoch wie in diesem Jahr, als zudem auch die Mütterrente ausgeweitet wurde, fallen die Zuwächse in den kommenden Jahren zwar nicht aus, sie bleiben aber überdurchschnittlich. Die staatlichen Transfers kompensieren damit alles in allem die gedämpften Lohneinkommen; die Masseneinkommen dürften ihr hohes Tempo der vergangenen Jahre – von etwa vier Prozent – deswegen halten. Die Einkommen aus unternehmerischer Tätigkeit und aus Vermögen sind dagegen vor allem aufgrund der konjunkturellen Abkühlung in diesem Jahr gesunken. Weil sich diese im Zuge der günstigeren gesamtwirtschaftlichen Entwicklung aber normalisieren dürften, legen die verfügbaren Einkommen in den kommenden beiden Jahren mit deutlich über drei Prozent wieder dynamischer zu als in diesem Jahr.

Bei im Wesentlichen konstanter Sparquote – diese dürfte lediglich in Reaktion auf die Soli-Abschmelzung im Jahr 2021 etwas zulegen – und weiter moderater Teuerung dürfte der Konsum der privaten Haushalte kräftig steigen und die Nachfrage nach heimischen Gütern und Dienstleistungen, aber auch die Importe, anregen.

Ausrüstungsinvestitionen: Unternehmen üben sich weiter in Zurückhaltung

Die Investitionstätigkeit der Unternehmen hat sich zuletzt stabilisiert, nachdem sie im zweiten Quartal noch rückläufig war. Die staatlichen Ausgaben für neue Maschinen, Anlagen und Geräte sind hingegen um rund 36 Prozent gesunken, sodass auch im dritten Quartal unter dem Strich weniger in neue Ausrüstungen investiert wurde. Nach wie vor drücken die Rezession in der Industrie und die Unsicherheiten auf die Investitionsbereitschaft.

Auch im Schlussquartal des Jahres 2019 werden die Ausrüstungsinvestitionen – darauf deuten die vorliegenden Indikatoren hin (Kasten) – allenfalls stagnieren und Ersatzanschaffungen im Vordergrund stehen. Erst im Verlauf des kommenden Jahres dürften die Investitionstätigkeit bei allmählich anziehender gesamtwirtschaftlicher Dynamik wieder etwas stärker zulegen. So hat die Entwicklung bei den Geschäftserwartungen zuletzt ins Positive gedreht, und die mittlerweile wohl etwas unterausgelasteten Kapazitäten im verarbeitenden Gewerbe dürften dann wieder etwas stärker beansprucht werden. Während die Finanzierungskonditionen weiterhin sehr günstig sind, dämpft die wirtschaftspolitische Unsicherheit die Investitionstätigkeit. Erst im Jahr 2021 – wenn die gesamtwirtschaftliche Aktivität in etwa mit dem Produktionspotential wächst – dürfte sich auch jahresdurchschnittlich wieder eine höhere Rate bei den Ausrüstungsinvestitionen ergeben.

Bauinvestitionen: Lebhaftes Herbstgeschäft

Auch in den Sommermonaten wurden auf den Baustellen in Deutschland weiter lebhaft die Kellen geschwungen. Vor allem der Wohnungsbau legte nach der Verschnaufpause im zweiten Quartal mit rund zwei Prozent kräftig zu. Auch die staatlichen Bauinvestitionen wurden deutlich ausgeweitet – lediglich im Wirtschaftsbau fiel die Entwicklung etwas weniger kräftig aus. Im Prognosezeitraum dürfte die Bautätigkeit in allen Bereichen aufwärtsgerichtet bleiben (Tabelle 4). Für das Schlussquartal des Jahres 2019 deuten die Indikatoren allerdings nur auf eine Ausweitung der Bautätigkeit um ein halbes Prozent hin.

Tabelle 4: Reale Bauinvestitionen

Konstante Preise, Veränderung in Prozent

2018 2017 2018 2019 2020 2021
Anteile in Prozent Veränderungen gegenüber dem Vorjahr
Wohnungsbau 61 0,6 3,0 4,3 4,1 3,0
Nichtwohnungsbau 39 0,9 1,7 3,5 2,1 1,9
Gewerblicher Bau 27 1,1 0,6 2,5 1,5 1,5
Öffentlicher Bau 12 0,6 4,3 5,7 3,2 2,6
Bauinvestitionen 100 0,7 2,5 4,0 3,3 2,6
Ausrüstungen 4,0 4,4 0,7 1,7 3,4

Quellen: Statistisches Bundesamt; DIW Wintergrundlinien 2019.

Gerade die Bedingungen für Wohnungsbauinvestitionen bleiben vorteilhaft: Die Zinsen für Baugeld haben in den Sommermonaten neue Tiefststände erreicht. Aktuell müssen Haushalte über alle Laufzeiten hinweg einen durchschnittlichen Zinssatz von rund 1,28 Prozent zahlen. Zudem stärkt die Finanzpolitik die ohnehin recht kräftigen Realeinkommenszuwächse mit Entlastungen, die teilweise wohl auch für Investitionen in den Wohnungsbestand genutzt werden. Etwas bremsen dürfte die Tatsache, dass die Dynamik bei den neu genehmigten Projekten seit geraumer Zeit recht gering ist. Belasten dürfte zudem die fortwährende Debatte über zusätzliche Regulierungen wie den Mietendeckel.

Der Wirtschaftsbau dürfte weiterhin durch die konjunkturelle Schwäche gebremst sein. Trotz der niedrigen Zinsen werden sich gerade Industrieunternehmen zurückhalten, wenn es um die Erweiterung ihrer baulichen Anlagen geht. Bei Büro- und Verwaltungsgebäuden dürfte die Dynamik hingegen stärker ausfallen – die Nachfrage in den konsumnahen Bereichen wird aller Voraussicht nach weiterhin robust bleiben. Im Trend legen auch die Auftragseingänge im Tiefbau zu. Hierzu zählen auch Maßnahmen im Bereich des Netz- und Mobilfunkausbaus sowie Investitionen der Deutschen Bahn.

Vor allem der Bund hat seinen Investitionsetat erneut ausgeweitet und auch die finanzielle Lage der Kommunen eröffnet vielerorts zusätzliche Investitionsspielräume. Gestärkt werden diese zudem durch Mittel des Bundes für die Sanierung von Schulen und im Rahmen des Kommunalinvestitionsförderungsfonds

Die Preise werden voraussichtlich weiter kräftig steigen. Die Marktlage eröffnet den Unternehmen des Baugewerbes derzeit erhebliche Preissetzungsspielräume – gleichzeitig sind auch die Löhne deutlich gestiegen. Etwas dämpfen dürften die nach Rückgängen künftig wohl wieder stabileren Energiepreise, die in der Bauwirtschaft und bei ihren Vorleistern eine wichtige Rolle spielen.

Außenhandel: Exporterwartungen etwas aufgehellt

Die außenwirtschaftliche Entwicklung trug im dritten Quartal positiv zum Wirtschaftswachstum bei: Die Exporte stiegen in realer Rechnung um 1,0 Prozent im Vergleich zum zweiten Quartal 2019, in dem allerdings ein deutlicher Rücksetzer der Warenausfuhren zu verzeichnen war. Positive Impulse kamen vor allem aus den EU-Ländern, wohingegen die Ausfuhren in die Vereinigten Staaten nachgaben. Entsprechend der gedämpften Investitionstätigkeit auf wichtigen Absatzmärkten, etwa in den Vereinigten Staaten oder im Vereinigten Königreich, war die Ausfuhr von Investitionsgütern zuletzt das zweite Quartal in Folge rückläufig. Demgegenüber stützte die ausländische Nachfrage nach Konsumgütern die Warenausfuhren.

Für das Schlussquartal deuten vorliegende Indikatoren einen Zuwachs bei den Ausfuhren an (Kasten). Demnach dürften die Exporte im vierten Quartal wohl um knapp ein Prozent expandieren. Für einen im weiteren Verlauf hingegen nur moderaten Anstieg der Ausfuhren spricht, dass die ausländische Nachfrage nach Konsumgütern vorübergehend der wichtigste Treiber der Konjunktur auf den deutschen Absatzmärkten bleiben dürfte. Die Investitionsgüternachfrage dürfte weiterhin dämpfen, auch wenn sich zuletzt aufgrund der gesunkenen Wahrscheinlichkeit eines harten Brexit und aufgrund einer sich andeutenden Einigung im Handelsstreit zwischen den USA und China eine leichte Erholung abzeichnet.

Allerdings sollte die jüngste Entspannung dieser Konflikte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Expansionsraten der Ausfuhren im weiteren Prognoseverlauf unter den Zuwächsen der Auslandsnachfrage bleiben dürften. Grund dafür ist eine geringere Investitionsgüternachfrage. Dies dürfte die deutsche Exportwirtschaft in besonderem Maße beeinträchtigen, da Investitionsgüter einen hohen Anteil an den Gesamtausfuhren ausmachen.

Die deutschen Importe stagnierten im dritten Quartal nahezu. Hier dürfte sich insbesondere die Schwäche der inländischen Anlageinvestitionen bemerkbar gemacht. Bei – teils recht deutlich – steigender Konsumgüternachfrage und solider Exportentwicklung dürften die Importe im weiteren Verlauf aber kräftig zulegen.

Die Importpreise sind im dritten Quartal aufgrund der rückläufigen Ölpreise gesunken, was – bei in etwa stabilen Exportpreisen – eine Verbesserung der Terms of Trade nach sich zog. Im vierten Quartal und auch im weiteren Prognosezeitraum laufen die Effekte aber nach und nach aus, sodass die Terms of Trade in den kommenden beiden Jahren in etwa neutral ausfallen.

Öffentliche Finanzen: Überschüsse sind bereits bis 2021 verplant

Der gesamtstaatliche Finanzierungssaldo beträgt bis zum dritten Quartal des Jahres 2019 53 Milliarden Euro und wird im Gesamtjahr wohl ähnlich hoch sein. Bis zum Ende des Prognosezeitraums im Jahr 2021 wird er jedoch kontinuierlich sinken (Tabelle 2).infoSiehe dazu in dieser Wochenberichtsausgabe Marius Clemens (2019): Öffentliche Finanzen: Haushaltsspielräume verflüchtigen sich nach und nach – Investitionsprogramm wäre sinnvoll. DIW Wochenbericht Nr. 50, 952–960. Zum einen dämpft die schwächere Konjunktur die Zuwächse bei den Steuereinnahmen und Sozialbeträgen. Zum anderen werden die privaten Haushalte durch verschiedene Maßnahmen, beispielsweise die schrittweise Abschaffung des Solidaritätszuschlags und die Minderung der kalten Progression, bis 2021 entlastet. Demgegenüber stehen Mehreinnahmen aus der CO2-Bepreisung im Rahmen des Klimaschutzpakets. Alles in allem steigen die gesamtstaatlichen Einnahmen in diesem Jahr um 3,2 Prozent. Der Anteil der Staatseinnahmen am nominalen Bruttoinlandsprodukt beträgt rund 46,8 Prozent. In den nächsten Jahren expandieren die Einnahmen dann mit jeweils 2,8 Prozent deutlich langsamer, sodass auch der Anteil leicht sinkt, auf dann 46,5 Prozent.

Die Ausgaben des Staates werden im Jahr 2019 deutlich steigen. Zum einen ist dies auf die expansiv ausgerichtete Finanzpolitik zurückzuführen, zum anderen trägt auch die verspätete Regierungsfindung aus dem letzten Jahr dazu bei. Besonders dynamisch haben sich dabei die Vorleistungskäufe und die investiven Ausgaben entwickelt, die sich um 5,2 beziehungsweise 9,2 Prozent erhöht haben dürften. In den Folgejahren wird sich die Dynamik mit 4,7 und 4,2 Prozent (Vorleistungen) beziehungsweise 6,8 und 5,9 Prozent (Investitionen) etwas abschwächen. Auch die monetären Sozialleistungen expandieren im laufenden Jahr mit 4,9 Prozent recht kräftig. Dies geht vor allem auf finanzpolitische Maßnahmen wie die Erweiterung der Mütterrente oder die Erhöhung des Kindergelds zurück. Auch in den nächsten Jahren dürfte die Dynamik nur leicht abnehmen, denn Rentenerhöhungen stehen erneut an. Außerdem soll wohl zum 1. Januar 2021 die Grundrente eingeführt werden. Zusammengenommen nehmen die Ausgaben damit kräftig zu, dieses und nächstes Jahr um 4,1 beziehungsweise 4,6 Prozent. Im Jahr 2021 werden die Ausgaben dann im Zuge der sich verschlechternden Kassenlage nicht mehr ganz so stark steigen.

Nach Bereinigung um konjunkturelle und Einmaleffekte dürfte der strukturelle Finanzierungssaldo im Jahr 2019 wohl rund 49 Milliarden Euro (1,4 Prozent in Relation zum Produktionspotential) betragen und im Jahr 2020 auf 23 Milliarden Euro (0,7 Prozent in Relation zum Produktionspotential) sinken.infoSiehe dazu auch Tabelle 4 in Clemens (2019), a.a.O. Im Jahr 2021 sinkt der strukturelle Finanzierungssaldo nochmals, auf dann drei Milliarden Euro. Der Bruttoschuldenstand des Staates in Relation zum nominalen Bruttoinlandsprodukt dürfte ohne zusätzliche Neuverschuldung bis 2021 auf 54 Prozent sinken und damit deutlich unterhalb des Maastricht-Referenzwertes liegen.

Um eine modellbasierte Prognose der wirtschaftlichen Entwicklung am aktuellen Rand für jede Verwendungskomponente des Bruttoinlandsprodukts zu erstellen, sollte möglichst vielen relevanten Einflussfaktoren Rechnung getragen werden. Aus diesem Grund übersteigt in der Praxis die Zahl der vorliegenden Indikatorvariablen für die jeweilige Verwendungskomponente bei weitem die Anzahl der Variablen, die aus statistischen Gründen in traditionelle Eingleichungsmodelle aufgenommen werden können. Die Prognosen des DIW Berlin beruhen deshalb auf den Vorhersagen aus zwei Modellklassen, die durch die Möglichkeit zur Aufnahme einer hohen Anzahl erklärender Variablen charakterisiert sind. Einerseits kommen Faktormodelle zur Prognose der Verwendungskomponenten des Bruttoinlandsprodukts zur Anwendung. Andererseits werden die Verwendungskomponenten mit sogenannten Model-Averaging-Ansätzen prognostiziert.

Für das Bruttoinlandsprodukt deuten die Modelle auf eine nahezu stagnierende Wirtschaftsleistung hin. Die Produktionsindizes sind bis zuletzt deutlich gesunken – auch wenn man berücksichtigt, dass aufgrund des Brückentags nach dem Tag der deutschen Einheit die tatsächliche Entwicklung unterzeichnet sein mag, wird die Industrie die Ausbringungsmenge erneut deutlich zurückfahren. Dies spricht für ein sinkendes Bruttoinlandsprodukt im Schlussquartal. Ein kräftiger Rückgang ist indes nicht zu befürchten, denn die Indikatoren für die konsumnahen Dienstleister haben zuletzt wieder etwas zugelegt. Auch hat sich die Stimmung im verarbeitenden Gewerbe bereits aufgehellt.

Der private Konsum dürfte auch nach dem kräftigen Vorquartal erneut zulegen, allerdings verhaltener. Die Einzelhandelsumsätze sind zuletzt eingebrochen, auch die Umsatzsteuereinnahmen haben sich im Oktober eher mäßig entwickelt. Die Verbraucherinnen und Verbraucher blicken mittlerweile aber wieder zuversichtlicher in die Zukunft.

Die Ausrüstungsinvestitionen dürften im Schlussquartal sinken. Die inländischen Umsätze der Investitionsgüterhersteller lagen im Oktober unter dem Durchschnitt des dritten Quartals – die Auftragslage hat sich in den vergangenen Monaten hingegen nach und nach verbessert. Allerdings kam es auch bei den Bestellungen im Oktober zu einem Rücksetzer. Die Unsicherheit, etwa gemessen am „Economic Policy Uncertainty“-Index, ist hingegen etwas zurückgegangen (siehe dazu auch Abbildung 5 in diesem Bericht).

Die Bauinvestitionen dürften weiterhin expandieren. Die Indikatoren legen eine Ausweitung um rund 0,5 Prozent nahe, nachdem bereits in den Sommermonaten deutlich mehr in Bauten investiert wurde. Die Zahl der neuen Aufträge und der Auftragsbestand sprechen für eine rege Aktivität – der Produktionsindex hingegen gab im Oktober deutlich nach. Die Lagebewertung und auch die Erwartungen an die zukünftige Geschäftsentwicklung bleiben weiterhin weit überwiegend positiv.

Die Exporte dürften im vierten Quartal erneut zulegen. Die Warenausfuhren haben im Oktober ihren Aufwärtstrend fortgesetzt und neben den Exporterwartungen haben sich auch die Auftragseingänge aus dem Ausland stabilisiert. Überbordend dürften die Ausfuhren aber nicht zulegen: Indikatoren deuten darauf hin, dass die globale Abkühlung zwar weitestgehend gestoppt ist, aber dennoch nur verhaltene Zuwächse zu erwarten sind: Die globale Industrieproduktion hat zuletzt etwas zugelegt, der Welthandel kommt jedoch kaum vom Fleck. Gleichermaßen stagniert der Bundesbank-Frühindikator, der verschiedene globale Indikatoren verdichtet, um konjunkturelle Wendepunkte der weltweiten Industrieproduktion anzuzeigen.

Laura Pagenhardt

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Konjunkturpolitik

Marius Clemens

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Konjunkturpolitik

Thore Schlaak

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Konjunkturpolitik

Claus Michelsen

Abteilungsleiter in der Abteilung Konjunkturpolitik

Simon Junker

Stellvertretender Abteilungsleiter in der Abteilung Konjunkturpolitik

Themen: Konjunktur



JEL-Classification: E32;E66;F01
Keywords: Business cycle forecast, economic outlook
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2019-50-3