Schmutzige Braunkohle für saubere E-Autos? Brandenburg vor einem Dilemma: Kommentar

DIW Wochenbericht 50 / 2019, S. 962

Christian von Hirschhausen

get_appDownload (PDF  76 KB)

get_appGesamtausgabe/ Whole Issue (PDF  3.01 MB)

Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach steht vor einem Dilemma: Da hat er gerade gegen eine große Anzahl Mitbewerber eine Absichtserklärung von Elon Musk errungen, die erste europäische Giga-Factory für Batterien und E-Autos im brandenburgischen Grünheide zu bauen und damit tausende neue Arbeitsplätze zu schaffen. Doch muss er nun die Bedingung für diesen Erfolg erfüllen: Elon Musk wurde zugesagt, die zukünftige Fabrik würde mit sauberem Strom versorgt, was nichts anderes bedeutet als 100 Prozent aus erneuerbaren Energien.

Etwas vorschnell möglicherweise, denn Brandenburg ist deutscher Braunkohlemeister und hat mit 750 g CO2 pro erzeugter Kilowattstunde den schmutzigsten Strom aller Bundesländer. Dies liegt vor allem an den großen Braunkohlekraftwerken in Jänschwalde und Schwarze Pumpe, die noch über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, durchgeschleppt werden sollen.

Symptomatisch für das Dilemma ist der Absturz von Brandenburg im Bundesländer-Ranking zu erneuerbaren Energien. Hatte das Land vor einigen Jahren noch die Auszeichnung für das progressivste Bundesland in Bezug auf Erneuerbare gewonnen, ist es inzwischen bei allen Indikatoren ins Mittelfeld abgerutscht und belegt in der Gesamtbewertung nur noch Platz sechs. Trotz der großen Potentiale liegt der Anteil der Stromerzeugung aus Erneuerbaren erst bei einem Drittel, auch hier unter dem Bundesdurchschnitt von 40 Prozent.

Minister Steinbach und der ganzen Landesregierung bieten sich nun zwei Optionen, mit dem Tesla-Dilemma umzugehen: Sie können das Problem vertuschen und auf eine angeblich „grüne Stromversorgung“ in Grünheide und einigen Nachbardörfern verweisen; tatsächlich verfügt die Gemeinde Grünheide über Windräder und einige Solaranlagen und hat angeblich eine Erneuerbaren-Quote von 125 Prozent, das heißt sie erzeugt mehr Strom aus Erneuerbaren, als sie verbraucht. Nur: Die Giga-Factory mit vielen tausend Arbeitsplätzen wird ein Vielfaches von Grünheide verbrauchen. Und: Wer sich an die „Kirchhoff’schen Gesetze“ aus der Schule erinnert, weiß, dass sich der Strom im gesamten Netz verteilt. Das heißt im Klartext: Nach aktuellem Datenstand ist der Strommix in Grünheide mit ca. 680 g CO2/Kilowattstunde noch etwas unter dem brandenburgischen Schnitt, aber noch fast auf dem Niveau eines Steinkohlekraftwerks.

Nein, mit dieser Option könnte sich Minister Steinbach selbst ein Bein stellen. Er hat nur eine einzige Chance, die Ansiedlung der Giga-Factory nicht noch in letzter Minute zu vermasseln: Er muss den Braunkohleausstieg forcieren und an der hundertprozentigen Vollversorgung mit Erneuerbaren arbeiten. Gleichzeitig muss er sich auch auf Bundesebene für den Ausbau erneuerbarer Energien einsetzen. Derzeit steht der Braunkohleausstieg in Brandenburg unter dem Vorbehalt eines deutschlandweiten Kohleausstiegsplans; dabei könnten bereits vor Weihnachten 2019 alle Bagger und Braunkohlekraftwerke abgestellt werden, ohne dass die Versorgungssicherheit oder die Versorgung der Giga-Factory gefährdet würde.

Auch der Verweis auf eine „bilanzielle“ Vollversorgung mit 100 Prozent Erneuerbaren hilft hier nicht weiter. Tatsächlich hätte Tesla die Möglichkeit, die Fabrik durch einen unabhängigen Stromversorger beliefern zu lassen. Dieser Typ von Versorgungsvertrag wird neudeutsch als „Power Purchase Agreement“ (PPA) bezeichnet und ist international durchaus üblich. In Deutschland entsteht der Markt für PPA jedoch gerade erst, und technische sowie rechtliche Fragen stellen noch Hürden dar. Doch selbst in diesem Fall verbleibt die Tatsache, dass die physische Lieferung am Standort Grünheide zu großen Teilen aus Strom aus den großen Braunkohlekraftwerken besteht, mit anderen Worten: Giga-Watt-Braunkohlestrom für die Giga-Factory.

Wir sollten Elon Musk dankbar sein: Er schafft nicht nur tausende Arbeitsplätze im brandenburgisch-Berliner Speckgürtel, sondern könnte auch für den nötigen politischen Druck sorgen, die Energieversorgung von Braunkohle auf Erneuerbare umzustellen. Dann klappt’s auch in Zukunft wieder mit einer Spitzenposition im Ländervergleich.

Der Beitrag ist am 10.12.2019 im Tagesspiegel erschienen.