Die Nachfrage nach Wohnungsbauten bleibt die Stütze der Baukonjunktur: Interview

DIW Wochenbericht 1/2 / 2020, S. 14

Claus Michelsen, Erich Wittenberg

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Herr Michelsen, wie ist es aktuell um die Bauwirtschaft in Deutschland bestellt? Die Bauwirtschaft erlebt im Moment goldene Jahre. Die abgelaufenen drei, vier Jahre waren mit starken Umsatzanstiegen verbunden und auch im Jahr 2019 konnten die Bauunternehmen sich über sehr gute Geschäfte freuen. Wir schätzen, dass das auch in den kommenden zwei Jahren so weitergehen wird. Wir rechnen damit, dass der Umsatz im Baugewerbe um mehr als sechs Prozent im Jahresdurchschnitt steigen wird.

Wo liegen die Gründe für diesen Boom im Baugewerbe? Das hat unterschiedliche Gründe. Zum einen gibt es den Wohnungsbau, der nach wie vor sehr kräftig läuft. Die Nachfrage nach Wohnungsbauten ist hoch. Wir haben nach wie vor ein äußerst günstiges Zinsumfeld, die Zinsen haben ein neuerliches historisches Tief erfahren. All das schiebt die Nachfrage nach Wohnungsbauten an und durch die Zuzüge in die großen Städte muss vor allen Dingen dort zugebaut werden. Der zweite Aspekt ist die mittlerweile ausgabenfreudigere öffentliche Verwaltung. Dort gab es in den letzten Jahren ein Umsteuern. Gerade im öffentlichen Bau wird momentan viel Geld in die Hand genommen, um auch Infrastrukturinvestitionen zu tätigen.

In welchen Bereichen des Baugewerbes läuft es weniger gut? Nach wie vor ist der Wohnungsbau die Stütze der Baukonjunktur. Im Wirtschaftsbau ist es etwas verhaltener, aber auch dort sind Zuwächse zu beobachten. Der Wirtschaftsbau leidet vor allen Dingen unter der Industrieschwäche und das macht sich dort durchaus bemerkbar. Bei allem was konsumnah ist, also bei Handelsgebäuden oder Büro- und Verwaltungsgebäuden, sehen wir auch weiterhin kräftige Zuwächse, im industrienahen Bereich ist es dann weniger stark.

Wie sieht es bei den Kapazitäten der Bauwirtschaft aus? Die Kapazitätsauslastung in der Bauwirtschaft ist sehr hoch. Historisch gesehen haben wir einen Stand erreicht, der über dem ist, was wir im Bauboom der 90er Jahre erlebt haben und das hemmt die reale Bautätigkeit etwas. Das merkt man auch, wenn man sich die Preisentwicklung anschaut. Die Unternehmen haben große Preissetzungsspielräume und angesichts knapper Ressourcen nutzen sie diese auch. Das sollte die Unternehmen aber nicht davon abhalten, sich Gedanken darüber zu machen, wie man die Kapazitäten ausweiten kann. Hier gibt es verschiedene Stellschrauben, die man drehen kann: Einerseits über mehr Zuwanderung oder Importe von Bauleistungen aus europäischen Nachbarländern, andererseits kann man auch den Bauunternehmen noch mehr Anreize geben, in den eigenen Maschinenpark zu investieren. Das haben die Unternehmen in den letzten Jahren nicht so kräftig getan, wie man sich das wünschen würde. Hier ist dann vor allen Dingen eine langfristige Perspektive für die Bauunternehmen gefragt, damit sie entsprechend ihre Investitionstätigkeit ausweiten.

Was hindert denn die Bauunternehmen zu investieren, wenn es doch so gut läuft? Prinzipiell müsste man eigentlich denken, dass jetzt der Zeitpunkt ist, zu dem Unternehmer sich für die Zukunft fit machen. Das Problem ist allerdings, dass viele aufgrund der Erfahrungen der Vergangenheit eher Zurückhaltung üben, denn der Bauboom der 90er Jahre mündete in einem Jahrzehnt der Stagnation, in dem viele Insolvenzen zu beobachten waren und viele sich verkalkuliert haben. Diese Erfahrung bremst den unternehmerischen Mut. Hier wäre es wichtig, langfristige Perspektiven aufzuzeigen. Wenn beispielsweise der Staat zusagen würde, dass über die nächsten Jahre viel Geld in die Infrastruktur investiert wird, wären das verlässliche Geschäftsbedingungen und entsprechend würde auch Kapazität aufgebaut.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Audio-Interview (MP3)

Claus Michelsen

Abteilungsleiter in der Abteilung Konjunkturpolitik