Weg zur Geschlechterparität in Spitzenpositionen ist nach wie vor weit: Interview

DIW Wochenbericht 4 / 2020, S. 56

Katharina Wrohlich, Vikki Schaefer

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Frau Wrohlich, das DIW Berlin untersucht jedes Jahr, wie Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten von etwa 500 großen Unternehmen in Deutschland repräsentiert sind. Wie sieht das Ergebnis für 2019 aus? Unsere Erhebungen im Rahmen des DIW Managerinnen-Barometers zeigen, dass im letzten Jahr der Frauenanteil in den Vorständen stärker gestiegen ist als in den Jahren zuvor und in fast allen Unternehmensgruppen auch stärker als in den Aufsichtsräten. Das war in den Jahren zuvor meist anders herum. Zwar sehen wir in den Aufsichtsräten ebenfalls einen Anstieg, allerdings hat er im Vergleich zu den Vorjahren etwas nachgelassen.

Welche Unternehmen werden in die Untersuchung einbezogen? Gibt es signifikante Unterschiede in den Branchen? In unseren Erhebungen untersuchen wir die umsatzstärksten 200 Unternehmen, also die Top-200-Unternehmen, die Top-100-Unternehmen, sämtliche DAX-Unternehmen in den vier Gruppen DAX-30, MDAX, SDAX und TecDAX, dann die 100 größten Banken, die 60 größten Versicherungen sowie alle Unternehmen, an denen der Bund beteiligt ist. Das sind insgesamt etwa 500 Unternehmen. Ja, es gibt Unterschiede zwischen den Gruppen. Auffällig ist beispielsweise, dass der Finanzsektor zurückliegt. So sind in den Aufsichtsräten von Banken und Versicherungen anteilig deutlich weniger Frauen vertreten als andernorts. Mit Blick auf die Vorstände sieht man, dass die DAX-30-Konzerne eine gewisse Vorreiterrolle innehaben. Nur die Unternehmen mit Bundesbeteiligung haben mehr Frauen in Vorständen als sie.

Wie wirkt sich die verbindliche Geschlechterquote für Aufsichtsräte inzwischen aus? Die Quote wirkt: Unternehmen, die der Geschlechterquote unterliegen, haben einen höheren Frauenanteil in Aufsichtsräten als von der Größe her vergleichbare Unternehmen.

Auf welchem Platz liegt Deutschland im europäischen Vergleich? Im europäischen Ranking liegt Deutschland auf Platz acht, über dem EU-Durschnitt. Spitzenreiterländer wie Island, Frankreich oder Norwegen sind allerdings noch deutlich voraus.

Beeinflusst die Geschlechterquote für Aufsichtsräte auch den Anteil von Frauen in Vorstandspositionen? Das ist eine sehr spannende Frage. Nach dem derzeitigen Forschungsstand können wir noch nicht ganz klar sagen, ob die Quote für Aufsichtsräte auch wirklich direkt die Entwicklung des Frauenanteils in Vorständen beeinflusst. Wir können aber zeigen, dass es eine Korrelation gibt zwischen dem Frauenanteil im Aufsichtsrat eines Unternehmens und dem Frauenanteil im Vorstand einige Jahre später. Im Managerinnen-Barometer stellen wir auch die Ergebnisse eines Forschungsprojekts der Freien Universität Berlin vor, in dem sehr viele Aufsichtsrätinnen und Aufsichtsräte interviewt wurden. Die Befragungsergebnisse zeigen, dass Aufsichtsratsmitglieder vielfältige Möglichkeiten haben, Vorstandsentscheidungen zu beeinflussen. Sie können beispielsweise auf mehr Geschlechterdiversität im Vorstand einwirken.

Wie könnte der Anteil von Frauen in Führungspositionen nachhaltig erhöht werden? Dafür sind mindestens zwei Dinge nötig. Zum einen müssen sich in der Gesellschaft Geschlechterstereotype, die nach wie vor vorherrschen, verändern. Zum anderen muss es in der Arbeitsorganisation Veränderungen geben, insbesondere bezüglich der Erwartungen, die an Personen in hohen Führungspositionen gestellt werden. Ist es wirklich notwendig, dass diese Stellen mit einer so enormen Arbeitsbelastung und großen zeitlichen Belastungen einhergehen? Oder ließe sich das auch anders organisieren? Wenn sich hier etwas verändert, dann würde vermutlich der Frauenanteil in diesen Positionen nachhaltig steigen. Bis zur Geschlechterparität ist es aber noch ein weiter Weg.

Das Gespräch führte Vikki Schaefer.

Audio-Interview (MP3)

Katharina Wrohlich

Leiterin in der Forschungsgruppe Gender Economics