Mindestlohn hat deutlichen Einfluss auf Entwicklung der Lohnungleichheit: Interview

DIW Wochenbericht 7 / 2020, S. 98

Markus M. Grabka, Erich Wittenberg

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Herr Grabka, der deutschen Wirtschaft ging es in den letzten Jahren gut, und auch die Beschäftigungszahlen waren ausgesprochen positiv. Wie hat sich das auf die Reallöhne ausgewirkt? Wir haben in unserer Studie die vereinbarten Bruttostundenlöhne der abhängig Beschäftigten betrachtet und festgestellt, dass diese seit dem Jahr 2013 bis zum Jahr 2018 real, also nach Inflationsbereinigung, um mehr als acht Prozent gestiegen sind.

Wie verlief die Entwicklung am unteren Rand der Lohnverteilung? Da muss man den gesamten Beobachtungszeitraum von 1995 bis 2018 in den Blick nehmen. Zumindest bis zum Jahr 2007 kann man feststellen, dass die Lohnschere eindeutig auseinandergegangen ist. Vor allen bei den unteren zehn Prozent der Lohnempfänger gab es bis zum Jahr 2007 deutliche Reallohnverluste. Dann begannen diese untersten Löhne wieder langsam zu steigen und spätestens mit der Einführung des Mindestlohns wurden überdurchschnittliche Lohnsteigerungen erzielt, so dass die untersten Lohnempfänger wieder auf dem Niveau wie zu Beginn der 1995er Jahre angelangt sind.

Wie sieht es am oberen Rand der Lohnverteilung aus? Auch die zehn Prozent der einkommensstärksten Lohnempfänger hatten reale Lohnsteigerungen. Im Vergleich zum Jahr 2013 ist hier der Zuwachs jedoch schwächer als im Durchschnitt. Er liegt bei fünf Prozent.

Was bedeutet das für die Entwicklung der Lohnungleichheit? Hier hat uns der Befund überrascht, weil in Deutschland das Bild einer auseinandergehenden Schere zwischen Arm und Reich dominiert. Bei den vereinbarten Bruttostundenlöhnen gilt das aber nicht mehr. Seit dem Jahr 2006 nimmt die Lohnungleichheit in der unteren Hälfte der Lohnverteilung deutlich und signifikant ab. Betrachtet man die gesamte Lohnverteilung, können wir seit dem Jahr 2013 bis 2018 einen signifikanten Rückgang zwischen den ärmeren und reicheren Arbeitnehmern feststellen.

Inwieweit hat sich die Lage durch die Einführung des Mindestlohns verbessert? Der Mindestlohn hat definitiv einen deutlichen Einfluss auf die Entwicklung der Lohnungleichheit gehabt, gerade für diejenigen Arbeitnehmer, die ausgesprochen niedrige Löhne hatten. Dort gab es zum Teil sogar zweistellige prozentuale Zuwachsraten. Aber es gibt immer noch Arbeitnehmer, die weniger als den Mindestlohn bekommen.

Wie viele anspruchsberechtigte Beschäftigte erhalten weniger als den Mindestlohn? Hier eine valide Abschätzung zu geben, ist ausgesprochen schwierig. Unsere mittlere Schätzvariante basiert auf dem vereinbarten Bruttostundenlohn, und hier kommen wir auf eine Größenordnung von etwa 2,4 Millionen Beschäftigten.

Was könnte dagegen unternommen werden, dass immer noch eine hohe Zahl von Beschäftigten unterhalb des Mindestlohns beschäftigt ist? Hier vertraue ich auf die Politik, da der Europäische Gerichtshof ein entsprechendes Urteil erlassen hat, das die einzelnen europäischen Länder verpflichtet, eine verbindliche Arbeitszeitregelung einzuführen. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat das bereits aufgegriffen und ist dabei, eine entsprechende Gesetzesvorlage vorzubereiten, die dann dafür sorgen wird, dass die Arbeitszeit aller Beschäftigten ordnungsgemäß erfasst werden muss. Das wird auch mit dazu beitragen, dass die Einhaltung des Mindestlohns dann auch gewährleistet wird.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Audio-Interview (MP3)

Markus M. Grabka

Direktorium SOEP und kommissarische Bereichsleitung Wissenstransfer in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel