Haushaltsüberschuldung hängt mit zu hohen Einkommenserwartungen und gelockerter Kreditvergabe zusammen

DIW Wochenbericht 11 / 2020, S. 175-181

Theres Klühs, Melanie Koch, Wiebke Stein

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  • Anzahl überschuldeter Privathaushalte wächst weltweit; Thailand ist Schwellenland mit höchster Haushaltsschuldenquote
  • Untersuchung in Thailand identifiziert mögliche Faktoren, die Überschuldung befördern
  • Ergebnisse legen nahe, dass zu hohe Einkommenserwartungen zur überoptimistischen Aufnahme von Konsumentenkrediten führen
  • Ergebnisse lassen sich wegen großem Niedriglohnsektor und vereinfachtem Kreditzugang auf Deutschland übertragen
  • Politik sollte Überschuldung mit Maßnahmen gegen prekäre Beschäftigung entgegentreten und Banken sollten Einkommensunsicherheit bei Konsumentenkrediten sorgfältig abwägen

„Wer in einem unsicheren Arbeitsverhältnis steht, kann sein künftiges Einkommen nur schwer einschätzen. Gerade bei denjenigen, die dann noch zu Selbstüberschätzung und Überoptimismus neigen, ist die Gefahr groß, durch leichtfertige Kreditaufnahme in eine Überschuldungsfalle zu geraten.“ Melanie Koch

Weltweit steigt die Anzahl überschuldeter Privathaushalte. Die möglichen Gründe für diesen Anstieg sind nicht hinreichend erforscht. Der vorliegende Bericht verdeutlicht, dass überhöhte Einkommenserwartungen, die durch unsichere Einkommensverhältnisse befördert werden, zu überoptimistischen Konsumentscheidungen und verstärkter Kreditaufnahme führen können. In einer Umgebung ohne starke Regulierung, in der Konsumentenkredite ohne hinreichende Überprüfung zur Verfügung stehen, kann dies schnell mit einer Überschuldung privater Haushalte einhergehen. Dies zeigen zumindest Untersuchungen in Thailand, ein Land, in dem die Einkommensunsicherheit und die Verschuldungsquote hoch sind. Die Ergebnisse der Untersuchung sind auch für Deutschland relevant, da auch hierzulande der Niedriglohnsektor groß und in einigen Teilen der Bevölkerung die Arbeitsmarktunsicherheit hoch ist. Gleichzeitig ist es für private Haushalte so einfach wie nie, Kredite zu erhalten. Neue Firmen locken mit Online-Krediten „für alle“, und auch konventionelle Banken haben ihr Kreditangebot auf sogenannte Risikogruppen erweitert. Vor diesem Hintergrund erscheinen aus Sicht des Verbraucherschutzes konkrete Maßnahmen seitens der Politik erforderlich, um Überschuldung privater KreditnehmerInnen durch überhöhte Erwartungen zu vermeiden.

Etwa zehn Prozent der deutschen Bevölkerung gelten nach gängigen Definitionen als überschuldetinfoCreditreform Wirtschaftsforschung (Hrsg.) (2019): SchuldnerAtlas Deutschland, Jahr 2019. Neuss (online verfügbar, abgerufen am 07. Februar 2020. Dies gilt auch für alle anderen Onlinequellen dieses Berichts, sofern nicht anders vermerkt). – mit ökonomischen und sozialen Folgen auf VerbraucherseiteinfoVgl. Oshrat Hochman, Nora Müller und Klaus Pforr (2019): Debts, Negative Life Events and Subjective Well-Being: Disentangling Relationships. In: Gael Brulé und Christian Suter (Hrsg.): Wealth(s) and Subjective Well-Being. Social Indicators Research Series, Vol 76. Springer, 377–399. Cham; Aapo Hiilamo und Emily Grundy (2020): Household debt and depressive symptoms among older adults in three continental European countries. Ageing & Society. Vol 40, 412–438. und Finanzmarkt-risiken auf der makroökonomischen Seite. Seit den 2000er Jahren ist diese Quote in Deutschland kaum gestiegen, während sie in einigen Schwellenländern, insbesondere auch in Thailand, zugenommen hat. Allerdings steigt hierzulande seit dem Jahr 2016 die „weiche“ Überschuldungsquote, die Rückzahlungsschwierigkeiten ohne juristische Überschuldung umfasst (Abbildung 1). Aktuelle Studien aus Deutschland gehen zudem davon aus, dass sich auch die Gesamtquote vor allem wegen der sich abschwächenden Konjunktur in den kommenden Jahren erhöhen wird.infoSiehe z.B. Creditreform Wirtschaftsforschung (2019), a.a.O. Daher stellt sich auch für Deutschland die Frage, welche Gründe und Auslöser letztendlich zu Überschuldung führen. Die Wirtschaftsforschung hat potentielle Ursachen hierzulande bisher nur unzureichend erforscht. Allerdings gibt es Erkenntnisse aus anderen Ländern, wie zum Beispiel Thailand als dem Schwellenland mit der höchsten HaushaltsschuldenquoteinfoDie Haushaltsschuldenquote misst die gesamte Schuldenlast (inklusive Sicherheiten) aller privaten Haushalte eines Landes in Relation zum Bruttoinlandsprodukt., die für Deutschland ebenfalls relevant sind.

In Deutschland sind insbesondere einkommensschwache Haushalte und Haushalte, die eine plötzliche Veränderung der Einkommenssituation durch Arbeitslosigkeit, Trennung oder Krankheit erleben, von Überschuldung betroffen.infoVgl. Dirk Ulbricht, Laura Hebebrand und Matthias Butenob (2016): iff-Überschuldungsreport 2016. Überschuldung in Deutschland. institut für finanzdienstleistungen e.V. (iff) Hamburg (online verfügbar). Hinzu kommt, dass in Deutschland mehr als jede oder jeder fünfte Beschäftigte dem Niedriglohnsektor angehörtinfoSiehe Alexandra Fedorets et al. (2020): Lohnungleichheit in Deutschland sinkt. DIW Wochenbericht Nr. 7, 91–97 (online verfügbar). und gar keine oder sogar negative Vermögensentwicklungen verzeichnet.infoMarkus M. Grabka und Christoph Halbmeier (2019): Vermögensungleichheit in Deutschland bleibt trotz deutlich steigender Nettovermögen anhaltend hoch. DIW Wochenbericht Nr. 40, 736–745 (online verfügbar). Zusätzlich stehen die Personen im Niedriglohnsektor häufig in atypischen BeschäftigungsverhältnisseninfoSiehe Peter Krause, Christian Franz und Marcel Fratzscher (2017): Einkommensschichten und Erwerbsformen seit 1995. DIW Wochenbericht Nr. 27, 551–564 (online verfügbar). und erleben damit im Allgemeinen öfter Arbeitsmarktunsicherheiten wie beispielsweise befristete Arbeitsverträge.

Eine Studie des Deutschen Instituts für Sozialwirtschaft beschreibt die „Flexibilisierung und Prekarisierung von Arbeit“infoAus Harald Ansen et al. (2017): Bericht zum Forschungsvorhaben Herausforderungen moderner Schuldnerberatung. Kiel/Hamburg (online verfügbar). als einen Grund für Überschuldung aufgrund erhöhter Armutsgefährdung. In dem vorliegenden Bericht soll eine weitere Konsequenz von flexibler und prekärer Arbeit beleuchtet werden: die erhöhte Schwierigkeit, das zukünftige Einkommen und damit die eigene Rückzahlungsfähigkeit einzuschätzen. Diese Schwierigkeit kann Haushalte zu Selbstüberschätzung oder Überoptimismus verleiten.

Finanzielle Neuerungen erweitern den Zugang zu Konsumentenkrediten

Diese Art Selbstüberschätzung kann für Verbraucherinnen und Verbraucher dann verheerend sein, wenn Kreditinstitute die Kreditrückzahlungsfähigkeit nicht ausreichend prüfen, wie in Thailand, oder trotz erhöhter Einkommensrisiken vergeben. In Deutschland haben sich die Geschäftspraktiken mancher Kreditinstitute in den letzten Jahren zu ersterem hin geändert, vor allem mit dem Aufkommen neuer Internet-Plattformen und Online-Kreditmöglichkeiten. Eine Analyse des Instituts für Finanzdienstleistungen e.V. zeichnet sogar ein eher negatives Bild konventioneller Banken in Bezug auf Kreditvergabe in Deutschland. Wichtige Faktoren wie Monatsgehälter, Miete oder individuelle Risiken würden bei der Kreditvergabe oft unzureichend berücksichtigt.infoDirk Ulbricht et al. (2019): Faire Kreditvergabe. Schlussbericht. institut für finanzdienstleistungen e.V. (iff) Hamburg im Auftrag von Bürgerbewegung Finanzwende e.V. (online verfügbar). Dies könnte auf die Kreditausweitung auf sogenannte Risikogruppen und das damit einhergehende Vertrauen auf simplere, aggregierte Statistiken zurückzuführen sein. Durch finanzielle Innovationen erhalten selbst bei ausreichender Prüfung Personen, die ein höheres Rückzahlungsrisiko aufweisen, eher einen Kredit als zuvor. Banken können sich mit Instrumenten wie RestschuldversicherungeninfoUlbricht et al. (2019), a.a.O. vor Ausfallrisiken schützen beziehungsweise diese miteinkalkulieren und beispielsweise höhere Zinsen nehmen.infoIgor Livshits, James C. Mac Gee und Michèle Tertilt (2016): The Democratization of Credit and the Rise in Consumer Bankruptcies. Review of Economics Studies Nr. 83, 1673–1710 (online verfügbar). In jedem Fall wird damit eine größere Überschuldungsquote in Kauf genommen.

Die im Folgenden vorgestellte Studie untersucht am Beispiel Thailands das potentielle Risiko einer Überschuldung, wenn Einkommenserwartungen unter großer Unsicherheit entstehen und gleichzeitig die Kreditvergabe ohne ausreichende Prüfung oder Beratung erfolgt.infoEine ausführlichere Version dieser Studie findet sich in Theres Klühs, Melanie Koch und Wiebke Stein (2019): Don’t Expect Too Much – High Income Expectations and Over-Indebtedness. CRC TRR 190 Discussion Paper Nr. 200 (online verfügbar). Ein Problem, das angesichts der oben genannten Faktoren vermutlich auch in Deutschland verstärkt auftreten wird. Die Studie analysiert anhand von Umfragedaten und einem ökonomischen Experiment, inwieweit hohe Einkommenserwartungen mit vielschichtigen Überschuldungsindikatoren (Kasten 1) zusammenhängen.

Überschuldung ist mehrdimensional und hat Auswirkungen auf ökonomischer, sozialer und psychologischer Ebene. Obwohl es für Haushalte oft sinnvoll ist, Schulden aufzunehmen, können zu viele Schulden negative Konsequenzen für die jeweiligen Haushalte, aber auch für die gesamte Volkswirtschaft haben. Neben den negativen Auswirkungen auf die finanzielle Situation des Haushalts haben Studien mit Daten aus Deutschland gezeigt, dass Schulden sich negativ auf das subjektive Wohlbefinden auswirken und sogar mit einem verstärkten Auftreten von depressiven Symptomen einhergehen können.infoVgl. Oshrat Hochman, Nora Müller und Klaus Pforr (2019): Debts, Negative Life Events and Subjective Well-Being: Disentangling Relationships. In: Gael Brulé und Christian Suter (Hrsg.): Wealth(s) and Subjective Well-Being. Social Indicators Research Series, Vol 76. Springer, 377–399. Cham; Aapo Hiilamo und Emily Grundy (2020): Household debt and depressive symptoms among older adults in three continental European countries. Ageing & Society. Vol 40, 412–438. Die Finanzkrise der Jahre 2008/2009 hat zudem verdeutlicht, dass eine systematische Überschuldung von Haushalten zu makroökonomischen Risiken führen kann.

Angesichts der zahlreichen Dimensionen von Überschuldung gibt es keinen einzelnen allgemeingültigen Indikator, der ein komplettes Bild über die Verschuldungssituation eines einzelnen Privathaushalts zeichnen könnte.infoSiehe z.B. Christa Fricke et al. (2007): Überschuldung ist ein Problem fehlender Netzwerke. DIW Wochenbericht Nr. 7, 95–100 (online verfügbar). Die Studie definiert deshalb zwei Sets an standardisierten Überschuldungsmaßen. Das erste Maß beinhaltet vier objektive Überschuldungsindikatoren, die die Fähigkeit des Privathaushalts zum Schuldendienst abbilden. Der erste Indikator misst, ob die Schuldendienstquote (Summe des Schuldendienstes im Verhältnis zum verfügbaren Einkommen) im Bezugsjahr größer als 0,4 ist. Ein weiterer Indikator gibt an, ob der Schuldendienst im Verhältnis zum verfügbaren Haushaltseinkommen der letzten zwei Jahre größer als 0,4 ist, der dritte Indikator, ob der Haushalt zurzeit mehr als zwei Kredite zurückzahlen muss, und der vierte Indikator, ob im Bezugsjahr Kredite zu spät oder gar nicht zurückbezahlt wurden. Das zweite Maß kombiniert drei subjektive Überschuldungsindikatoren, die die eigentlichen (psychologischen) Ursachen hinter Überschuldung näher beleuchten und somit auch ein Maß für finanzielle Sorgen sind. Der erste Indikator misst, ob der Haushalt selbst empfindet, zu viele Schulden zu haben, der zweite Indikator, ob die Befragten wegen Geldmangel auf bestimmte essentielle Dinge des täglichen Bedarfs verzichten müssen, und der dritte Indikator, ob der Haushalt empfindet, Schwierigkeiten bei der Rückzahlung der Schulden zu haben. Alle verwendeten Überschuldungsindikatoren sind in der Literatur etabliert, die spezifischen Grenzwerte und essentiellen Dinge des täglichen Bedarfs aber auf die thailändischen Bedingungen abgestimmt.

Untersuchung in Thailand zeigt Zusammenhang zwischen Einkommenserwartung und Überschuldung

Die vorliegende Studie basiert auf Umfragedaten, die im Rahmen einer Zusatzerhebung zum Thailand Vietnam Socio Economic PanelinfoSiehe Website des Thailand Vietnam Socio Economic Panel (online verfügbar). (TVSEP) im Jahr 2017 erhoben wurden. Das TVSEP, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert wird, erhebt seit 2007 regelmäßig Umfragen in je drei Provinzen in Thailand und Vietnam. Befragt werden rund 4000 ländliche Haushalte in 440 Dörfern. Ziel des Panels ist es, die Lebenssituation von ländlichen Haushalten abzubilden und so Fragen im Hinblick auf die langfristige Entwicklung von Schwellenländern zu untersuchen.

Im Rahmen der vorliegenden Studie wurde eine Zusatzbefragung in einer der thailändischen TVSEP-Provinzen, genauer in Ubon Ratchathani, durchgeführt. Insgesamt wurden 750 Haushalte in 97 Dörfern befragt. Zweck der Erhebung war es, Umfragedaten zur finanziellen Situation und zum Finanzverhalten ländlicher Haushalte zu erhalten. Daher enthält der Fragebogen unter anderem umfangreiche Abschnitte zu den Themen objektive und subjektiv empfundene Haushaltsüberschuldung, Fragen zu Kenntnissen finanzieller Allgemeinbildung, Sparverhalten und Kreditaufnahme sowie zu zukünftigen Einkommenserwartungen (Kasten 2). In einem zusätzlichen ökonomischen Experiment wurden weitere Daten zum Verhalten der Befragten in Bezug auf Einkommenserwartungen und Überschuldung erhoben. Das Experiment und die Umfrage wurden mit denselben Befragten durchgeführt.

In der vorliegenden Studie werden sogenannte subjektive Einschätzungen der Einkommenserwartungen mit visuellen Hilfsmitteln erfasst. Diese Methode hat im Kontext der Studie Vorteile gegenüber anderen Methoden zur Schätzung von Erwartungen. Sie bietet eine hohe Informationsdichte und ist grundsätzlich leicht verständlich. Zwei weitere Gründe sprechen für die Anwendung dieser Methode.

Erstens gibt es verschiedene sogenannte Momente eines Schätzwerts, wie beispielsweise Durchschnitt oder Median. Ihre Unterscheidung ist wichtig, um eine saubere Analyse zu gewährleisten, aber nicht alle Befragten kennen den Unterschied. In der angewendeten Methode ist diese Kenntnis nicht notwendig. Zweitens setzen Standardverfahren, die Erwartungsmomente abfragen, Kenntnis über und routinierten Umgang mit Wahrscheinlichkeiten aufseiten der Befragten voraus, die in der untersuchten Stichprobe aufgrund der geringen Schulbildung nicht in jedem Fall gegeben sind. Eine Visualisierung von Wahrscheinlichkeiten ist daher hilfreich.

Zur konkreten Ermittlung der Einkommenserwartung erhalten die Befragten je zehn Kugeln, die sie auf vier verschiedene Becher, die jeweils ein Einkommensintervall darstellen, verteilen sollen. Die Verteilung soll auf Grundlage der Frage „Wie sicher sind Sie, dass Ihr monatliches Haushaltseinkommen im nächsten Jahr im Bereich zwischen x und y liegt?“ erfolgen. Dies bedeutet beispielsweise, wenn sich eine befragte Person vollkommen sicher ist, dass das zukünftige Einkommen in nur einem der vier möglichen Einkommensintervalle liegt, alle zehn Kugeln in diesen Becher gelegt werden sollten. Bei einer großen Unsicherheit sollte eine gleichmäßige Verteilung auf alle Becher erfolgen. So kann man die erwartete individuelle Einkommensverteilung anhand der in den Bechern verteilten Kugeln abbilden und daraus unter anderem sowohl das erwartete monatliche Durchschnitts- als auch das Medianeinkommen errechnen. Die Einkommensintervalle wurden aus Einkommensdaten einer älteren Erhebung der Panelstudie gebildet.

In dieser Studie werden die individuellen erwarteten monatlichen Durchschnittseinkommen in Relation zu den tatsächlich erwirtschafteten Einkommen im Vorjahr gesetzt. Positive Einkommenserwartungen ergeben sich, wenn Privathaushalte mehr zukünftiges Einkommen erwarten, als sie im laufenden Jahr verdienen. Allerdings wird nicht der absolute Unterschied betrachtet, sondern der relative. Dafür wird eine Variable erstellt, die das erwartete Einkommen als Prozentsatz des aktuellen Einkommens wiedergibt. In der Stichprobe erwartet der Median-Haushalt einen durchschnittlichen Rückgang des zukünftigen Einkommens um 51 Prozent. Wegen dieser eher pessimistischen Sicht auf zukünftige Einkommen stehen gerade die Haushalte, die ihre Einkommensentwicklung positiv beurteilen, im Fokus der Studie. Deshalb werden die Haushalte anhand der konstruierten Variable in fünf Gruppen (Quintile) unterteilt: Haushalte mit sehr negativen, negativen, leicht negativen, neutralen und positiven Einkommenserwartungen. Die Privathaushalte machen ebenfalls Angaben dazu, wie sicher sie sind, dass die erwarteten zukünftigen Einkommen tatsächlich auch eintreten würden. Mögliche Antwortmöglichkeiten sind „sehr unsicher“, „unsicher“, „sicher“ und „sehr sicher“. 28 Prozent der befragten Haushalte geben dabei an, sehr sicher zu sein. Ländliche Haushalte in Thailand sind sowohl anfällig für makroökonomische als auch für individuelle Schocks. In diesem Zusammenhang sind Haushalte, die sehr sicher über ihre Einkommensrealisierung sind, möglicherweise anfällig für eine spezielle Form verzerrter Erwartungen, nämlich „Überpräzision“.

Zudem werden sozioökonomische Daten der Befragten in die Analyse eingebunden. In Bezug auf den sozioökonomischen Hintergrund ergibt sich folgendes Bild: Die Befragten sind im Durchschnitt 57 Jahre alt, weiblich, haben eine Schulbildung von 5,7 Jahren und geringe finanzielle Kenntnisse. Im Vergleich zu Deutschland ist das Bildungsniveau damit deutlich geringer. Deutschland gehört zu den Ländern mit der höchsten finanziellen Allgemeinbildung weltweit.infoSiehe Leora Klapper, Annamaria Lusardi und Peter van Oudheusden (2015): Financial Literacy Around the World: Insights from the Standard & Poor’s Ratings Services Global Financial Literacy Survey. Standard & Poor's Ratings Services (online verfügbar).

Um den Zusammenhang zwischen überhöhten Einkommenserwartungen und Überschuldung zu analysieren, wurden verschiedene Maße zur Einkommenserwartung sowie zur objektiven und subjektiven Überschuldungsquote der Haushalte gemessen und gebildet.

Die finanzielle Inklusion in Thailand ist ausgesprochen hoch

In Thailand hat die finanzielle Inklusion in den letzten Jahren stetig zugenommen, so dass inzwischen mehr als 80 Prozent der Bevölkerung ein Bankkonto besitzen. Gleichzeitig hat sich der Kreditmarkt entwickelt, wodurch es vielfältige Kreditoptionen für Privathaushalte gibt. Die größten Kreditinstitute sind in staatlicher Hand, aber auch semiformale Optionen wie zum Beispiel der Village Fund, eine Art Mikrofinanzlösung, werden in Anspruch genommen. Dieses Bild spiegelt sich in den befragten Haushalten wider: Rund 78 Prozent der Haushalte haben ein Bankkonto bei einem kommerziellen Kreditinstitut. In Bezug auf Kredite sind staatliche Banken sowie der Village Fund die wichtigsten kreditgebenden Institutionen unter den Umfragehaushalten.infoIm Rahmen der Studie werden die Befragten nach allen kreditgebenden Einheiten gefragt. Dies können staatliche oder private Banken, Mikrofinanzinstitute oder informelle Kreditgebende wie Verwandte oder Freunde sein. Die Mehrheit der befragten Haushalte (73 Prozent) hat mindestens einen Kredit. Diese hohe Quote ist ein Resultat der fast universalen Verfügbarkeit von Krediten und der meist komplett fehlenden oder unsystematischen Überprüfung der Kreditrückzahlungsfähigkeit der Haushalte im ländlichen Thailand.

Statistische Analyse bestätigt einen Zusammenhang zwischen hohen Erwartungen und Überschuldung in mehreren Dimensionen

Um den Zusammenhang zwischen Einkommenserwartungen und Haushaltsüberschuldung zu analysieren, nutzt die Studie multivariate lineare Regressionsanalysen. Hierbei sind die verschiedenen Schuldenmaße die abhängigen Variablen. Die Maße zur Einkommenserwartung, das heißt die Einkommenserwartungsgruppen und die Sicherheit über die Einkommenserwartung, werden als unabhängige Variablen eingesetzt (Kasten 2). Zusätzlich wird eine Reihe von Kontrollvariablen in die Analyse integriert, wie zum Beispiel monatliches Haushaltseinkommen, Anzahl der berufstätigen Haushaltsmitglieder und Haupterwerbsart, aber auch eine Reihe von Einkommensschocks wie durch Arbeitslosigkeit oder Krankheit.infoSchockindikatoren bilden verschiedene plötzliche Einkommenseinbußen ab, die ein Haushalt im letzten Jahr erfahren hat, wie zum Beispiel Jobverlust, Krankheit oder Umweltkatastrophen. Letztere miteinzubeziehen ist wichtig, um auszuschließen, dass erhöhte Erwartungen nur mit Überschuldung korrelieren, weil ein plötzlicher Einkommensschock sowohl zu Überschuldung führen kann als auch Einkommenserwartungen verfälscht.

Die Ergebnisse der Analyse (Abbildung 2) zeigen einen deutlichen Zusammenhang zwischen positiven Einkommenserwartungen und einer höheren Überschuldung. Zwar haben nur 25 Prozent der Befragten eine positive Einkommenserwartung, aber der Grad der Überschuldung ist bei der positiven Gruppe deutlich höher als im Vergleich zu allen anderen Einkommensgruppen. Hierbei ist der Effekt besonders stark in Bezug auf die objektive Überschuldung. Der objektive Index, der Werte zwischen −1 und 3 annimmt, ist 0,33 Punkte höher als bei der Referenzgruppe mit einer leicht negativen Einkommenserwartung. Bei Haushalten, die sich besonders sicher über ihre Einkommenserwartungen sind, ist der Index 0,46 Punkte höher als bei Haushalten, die sich sehr unsicher sind (Abbildung 3).

Die Effekte in Bezug auf die subjektive Überschuldung sind leicht abgeschwächt. Dennoch ist auch hier zu sehen, dass positive Einkommenserwartungen zu einer höheren subjektiv empfundenen Überschuldung führen. Andere Spezifikationen bestätigen diesen Zusammenhang für objektive und subjektive Schuldenmaße.

Aus den Ergebnissen lässt sich ableiten, dass objektive und subjektive Schuldenmaße, auch wenn sie stark miteinander zusammenhängen, verschiedene Dimensionen von Überschuldung abdecken und sich somit ergänzen. In weiteren Analysen zu Haushaltsüberschuldung sollten daher immer beide Dimensionen berücksichtigt werden.

Auch Experiment spricht für Überschuldungsmechanismus

In einem Experiment wurde anschließend versucht, die beschriebenen Ergebnisse der Analyse zu untermauern. Dazu wurde den Befragten die Möglichkeit gegeben, Einkommen zu generieren, um es für den Kauf verschiedener Produkte zu nutzen. Ihre Kaufentscheidung mussten sie aufgrund einer bloßen Einkommenserwartung treffen, die auf einer mit Unsicherheit behafteten Selbsteinschätzung basierte. Ein Zusammenhang zwischen zu hohen Erwartungen und zu viel Konsum, der durch Schulden finanziert werden muss, kann auch hier gezeigt werden. Die in der Realität verschuldeten Haushalte „überschulden“ sich auch im Experiment häufiger.

Zusätzlich zeigt sich, dass Haushalte, die zu hohe Erwartungen haben, diese auch nur unzureichend korrigieren. Parallel zu den Ergebnissen aus der obigen Analyse zeigt sich im Experiment, dass sich Haushalte ihrer Erwartungen tendentiell zu sicher sind.

Einkommensunsicherheit wirkt nicht nur durch plötzliche Schocks auf Überschuldung

Insgesamt zeigt die Studie in Thailand, dass Überschuldung insbesondere Haushalten mit positiven Einkommenserwartungen droht. Die befragten Haushalte erleben hierbei eine Art Doppelunsicherheit. Zum einen sind sie durch teils prekäre Einkommensverhältnisse eher von etwaigen Schocks betroffen, die negative Auswirkungen auf den Schuldenstand haben. Zum anderen haben sie ein ungewisses Einkommen, das sie zumindest teilweise zu Selbstüberschätzung oder Überoptimismus verleitet. Gepaart mit der kaum vorhandenen Überprüfung der Kreditrückzahlungsfähigkeit und der leichten Verfügbarkeit von Konsumentenkrediten können diese positiven Einkommenserwartungen schnell zur Überschuldungsfalle werden.

Gefahr durch zu hohe Erwartungen tritt nicht nur in Schwellenländern auf

Einige Studien zeigen, dass auch Teile der deutschen Bevölkerung aufgrund von Überoptimismus oder Selbstüberschätzung finanzielle Schwierigkeiten haben können: Ein Experiment aus Deutschland belegt zum Beispiel einen kausalen Zusammenhang zwischen überhöhten Einkommenserwartungen und höherer Schuldenaufnahme im Labor.infoSiehe Antonia Grohmann et al. (2019): Earn More Tomorrow: Overconfident Income Expectations and Consumer Indebtedness. CRC TRR 190 Discussion Paper Nr. 152 (online verfügbar). Ähnlich zu dem bereits beleuchteten Experiment in Thailand wurde die Selbsteinschätzung der Einkommenserwartungen variiert. Dies führte dazu, dass Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Experiments, die ihr Einkommen überschätzten, mehr konsumierten und dadurch mehr Schulden aufnehmen mussten. Zudem wurde in derselben Studie eine Korrelation zwischen allgemeiner Selbstüberschätzung und Schuldenaufnahme in der SOEP-Innovations-StichprobeinfoDavid Richter und Jürgen Schupp (2015): The SOEP Innovation Sample (SOEP IS). Schmollers Jahrbuch 135 (3), 389–399 (online verfügbar). nachgewiesen.

Berechnungen aus einem Forschungsprojekt, ebenfalls basierend auf der SOEP-Innovations-StudieinfoVgl. Christoph Breunig et al. (2019): Long-run Expectations of Households. CRC TRR 190 Discussion Paper Nr. 218 (online verfügbar)., zeigen, dass manche Personen, die eher dem einkommensschwachen Teil der Bevölkerung angehören (zum Beispiel mit befristeten Arbeitsverträgen) höhere langfristige Einkommenserwartungen haben als andere Teile der Bevölkerung. Berichte aus der Schuldnerberatung unterstreichen die Beobachtung, dass KundInnen aufgrund von überoptimistischen Einkommenserwartungen teils zu viele Schulden aufnahmen.

Fazit: Zu hohe Einkommenserwartungen und unsichere Arbeitsverhältnisse begünstigen Überschuldungsfalle

Sowohl in der Umfrage als auch im Experiment hat sich gezeigt, dass zu hohe Einkommenserwartungen zu überhöhtem Konsum führen können. Dieser Überoptimismus ist nicht nur in unsicheren Einkommensverhältnissen häufiger anzutreffen, sondern dort ist auch die Gefahr externer Schocks wie Einkommensausfall größer. Wenn dann noch die Kreditvergabe großzügig gehandhabt wird, entsteht die Gefahr der Überschuldung. Diese Ergebnisse sind nicht allein für Thailand gültig, sondern auch für den hiesigen Kontext relevant: Sie liefern wertvolle Hinweise für den Verbraucherschutz und die Politik in Deutschland.

Aufgrund des vereinfachten Zugangs zu Konsumentenkrediten wäre aus Sicht des Verbraucherschutzes zu fragen, ob Geldinstitute nicht stärker den zum Teil überhöhten Einkommenserwartungen ihrer Kundschaft entgegensteuern müssten. Statt sich nur auf Statistiken zu verlassen, könnten sie detailliertere individuelle Prüfungen durchführen. Teile der deutschen Bevölkerung sind von starker Einkommensunsicherheit betroffen und daher häufig nicht in der Lage, ihr künftiges Einkommen realistisch einzuschätzen. Eine intensive Beratung und die Bereitstellung von allgemeinverständlichen Informationen könnten daher eine Überschuldungsfalle aufgrund zu hoher Erwartungen verhindern.

Auch unter dem Aspekt der teils prekären Beschäftigungsverhältnisse könnte sich die Politik des Problems annehmen, da unsichere Arbeitsverhältnisse und die damit verbundene Einkommensunsicherheit die Überschuldungsgefahr enorm verstärken.

Melanie Koch

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Weltwirtschaft



JEL-Classification: D14;D84;D91
Keywords: Household over-indebtedness; Lab-in-the-field experiment; expectations
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2020-11-3