Die deutsche Wirtschaft durchlebt schwere Zeiten: Interview

DIW Wochenbericht 12 / 2020, S. 230

Claus Michelsen, Erich Wittenberg

get_appDownload (PDF  74 KB)

get_appGesamtausgabe/ Whole Issue (PDF  4.2 MB)

Herr Michelsen, Preiskampf auf den Ölmärkten, die Aktienmärkte erlebten eine schwarze Woche und das alles beherrschende Thema ist das Corona-Virus. Wie können Sie überhaupt Prognosen erstellen, wenn sich die Lage praktisch täglich ändert? Das ist in der Tat eine große Herausforderung, jetzt eine fundierte Prognose abzugeben. Wir haben es hier mit drei Unsicherheiten zu tun. Einerseits haben wir sehr wenige offizielle Daten, die in den Zeitraum fallen, in dem das Corona-Virus aufgetreten ist. Zweitens nutzen wir Modelle, die aus der Vergangenheit lernen. Wir wissen aber nicht, ob diese Modelle adäquat sind, um die jetzige Entwicklung abzubilden. Das Dritte ist politische Unsicherheit, denn wir wissen nicht, wie die künftigen politischen Reaktionen auf das sind, was sich derzeit abspielt.

Wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, dass die deutsche Wirtschaft in eine Rezession abgleiten könnte? Die Wahrscheinlichkeit einer Rezession ist sehr hoch. Wir erwarten, dass die deutsche Wirtschaft mindestens in den kommenden beiden Quartalen schwere Zeiten durchleben wird. Es kommt nun darauf an, wie lange und wie weit sich dieses Virus verbreitet, ob es vielleicht im dritten Quartal zu einer Normalisierung der wirtschaftlichen Aktivitäten kommt oder ob sich diese Pandemie über den Sommer hinzieht. Das sind wichtige Parameter, die wir derzeit kaum einschätzen können. In unserem berechneten Szenario gehen wir davon aus, dass es sich um einen Verlauf handelt, der Epidemien aus der Vergangenheit ähnelt, etwa der Schweinegrippe. Also ein kurzfristiges Hochschnellen der Infektionszahlen, das einen Einbruch der wirtschaftlichen Aktivität nach sich zieht, und dann geht es relativ zügig wieder nach oben. Das wäre ein sogenannter V-Verlauf. Es kann jedoch auch sein, dass es zu einem Einbruch kommt, der wie ein L verläuft, der also erstmal nicht aufgeholt wird. Dann fiele die Rezession noch deutlich tiefer aus.

Auf den Ölmärkten ist es zu einem Preiskampf gekommen. Welche Effekte ergeben sich dadurch? Das sind eigentlich ganz gute Nachrichten für alle Volkswirtschaften, die kein Öl exportieren, denn ein niedrigerer Ölpreis erhöht die Profitabilität bestimmter Wirtschaftsaktivitäten hierzulande und sollte eigentlich konjunkturstimulierend wirken. Allerdings ist fraglich, ob dieser Impuls aufgenommen wird: Denn Unternehmen, die nicht produzieren, können auch nicht von den gesunkenen Kosten profitieren. All die Länder, die auf den Ölexport angewiesen sind, werden Probleme bekommen.

Es ist zu einem starken Einbruch an den Börsen gekommen. Worauf ist das zurückzuführen? Das ist in erster Linie Ausdruck angepasster Gewinnerwartungen. Die Finanzmarktakteure rechnen damit, dass die Unternehmen in der Zukunft nicht mehr so gute Geschäfte machen können. Das Ganze kann sich aber selbst verstärken, denn Finanzmärkte reagieren häufig viel stärker, als die realen ökonomischen Effekte dann letztlich sind. Das führt zu einer Verunsicherung, die die Investitionstätigkeit und wirtschaftliche Aktivität zusätzlich erheblich bremsen kann.

Welche positiven Aspekte gäbe es denn bezüglich der deutschen Konjunktur zu berichten? Wir haben nach wie vor eine Sonderkonjunktur in der Bauwirtschaft. Die profitiert vor allem von der Anhebung der Investitionsmittel der öffentlichen Hand. Kurzfristig fehlen aber auch hier Arbeitskräfte, die wegen der Corona-Krise nicht auf die Baustellen kommen können. Der Arbeitsmarkt hat sich entgegen aller Erwartungen auch im vergangenen Jahr weiterhin positiv entwickelt und wir rechnen in dem von uns unterstellten Szenario damit, dass es zu keinen größeren Entlassungen kommt – die Unternehmen also lieber die Belegschaft zusammenhalten, um dann, wenn sich wieder alles normalisiert hat, auf diese Arbeitskräfte zurückgreifen zu können. Wir haben auch Impulse von der Finanzpolitik, die die Kaufkraft stärken. Das schiebt alles ein bisschen an, aber überlagert wird all das durch die Auswirkung des Corona-Virus.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Claus Michelsen

Abteilungsleiter in der Abteilung Konjunkturpolitik

Themen: Konjunktur