Das Elternhaus spielt bei Geschlechterstereotypen im MINT-Bereich eine wichtige Rolle: Interview

DIW Wochenbericht 13 / 2020, S. 261

Julia Schmieder, Erich Wittenberg

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Frau Schmieder, Sie haben untersucht, inwieweit Berufswünsche, Interessen und selbsteingeschätzte Fähigkeiten von Mädchen in den sogenannten MINT-Fächern mit geschlechterspezifischen Vorurteilen zusammenhängen. Inwieweit entscheiden sich denn junge Menschen für „typische“ Mädchen- oder Jungenberufe? Wir sehen immer noch, dass Mädchen und Jungen beziehungsweise junge Frauen und Männer geschlechterspezifische Bildungswege wählen. Bei den Auszubildenden in Deutschland beträgt der Anteil an jungen Frauen in MINT-Bereichen, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, nur gut zehn Prozent. Das heißt, ungefähr jede zehnte Person in einem MINT-Ausbildungsberuf ist eine Frau.

Und wie sieht es bei den Studienfächern aus? Auch da beobachten wir, dass junge Männer und Frauen zu sehr unterschiedlichen Studiengängen tendieren. Der Frauenanteil in MINT-Studiengängen liegt mit gut 30 Prozent deutlich über dem Anteil bei den Auszubildenden, trotzdem sind Frauen auch an den Hochschulen im MINT-Bereich stark unterrepräsentiert.

Wo liegen die Gründe dafür? Zum einen ist es so, dass Mädchen ihre Fähigkeiten im MINT-Bereich relativ zu anderen Bereichen geringer einschätzen als Jungen. Die höhere Selbsteinschätzung von Jungen geht einher mit einer höheren Tendenz, einen technischen Beruf ergreifen zu wollen. Zudem geben Jungen deutlich häufiger an, sich für Technik zu interessieren, weshalb sie sich eher einen technischen Beruf vorstellen können. Diese beiden Zusammenhänge sind aber auch abhängig von anderen Faktoren. Geschlechterstereotype Denkweisen in Bezug auf Technik, also die Vorstellung, dass Mädchen sich weniger für Technik interessieren oder weniger für Technik talentiert sind, kann dazu führen, dass Mädchen auch schon im jungen Alter weniger mit Technik konfrontiert werden. Das hat zur Folge, dass sie weniger Interesse entwickeln können und ihre eigenen Fähigkeiten unterschätzen.

Welche Rolle spielen dabei die Eltern? Das Elternhaus spielt dabei eine sehr wichtige Rolle. Wir können beobachten, dass Kinder, deren Eltern mit ihnen über Technik sprechen, sich eher vorstellen können, später einen technischen Beruf auszuüben. Gleichzeitig beobachten wir, dass Eltern weniger oft mit Mädchen über Technik sprechen als mit Jungen. Und Mädchen, deren Eltern sich mit ihnen über Technik unterhalten, neigen weniger zu dieser stereotypen Denkweise.

Wird sich diese Tendenz in der Berufs- oder Studienwahl auch in Zukunft nicht ändern? Diese Tendenz, dass sich die Bildungswege auch weiterhin nach Geschlechtern stark unterscheiden, ist da. Wir haben dazu aktuelle Pisa-Daten ausgewertet und Schülerinnen und Schüler gefragt, was sie glauben, in welchem Beruf sie im Alter von 30 Jahren arbeiten werden. Mehr als die Hälfte aller Jungen hat angegeben, dass sie erwarten, in einem MINT-Beruf zu arbeiten. Der Anteil für Mädchen war hier nur 16 Prozent. Im Gegensatz dazu erwarten 36 Prozent aller Mädchen, in den Bereichen Bildung, Gesundheit oder Soziales zu arbeiten. Der Anteil ist hier für Männer mit etwa sieben Prozent deutlich geringer.

Wie könnte man diesen stereotypen Rollenbildern entgegenwirken? Diesen stereotypen Rollenbildern kann entgegengewirkt werden, indem junge Menschen mit Rollenvorbildern konfrontiert werden, zum Beispiel, indem sie weibliche Rollenvorbilder aus dem Bereich MINT kennenlernen. Wir haben dazu einen halbtägigen Workshop in Wien analysiert, der Schülerinnen und Schüler explizit mit weiblichen Rollenvorbildern konfrontiert. Wir können zeigen, dass bereits solch ein kurzer Workshop geschlechterstereotype Denkweisen reduzieren kann und infolgedessen sowohl Jungen als auch Mädchen geschlechterstereotypen Aussagen weniger zustimmen.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Audio-Interview (MP3)

Julia Schmieder

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsgruppe Gender Economics