Gründe für unterschiedliche Kita-Nutzung von Kindern unter drei Jahren sind vielfältig

DIW Wochenbericht 14 / 2020, S. 267-275

Jonas Jessen, C. Katharina Spieß, Sevrin Waights, Andrew Judy

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  • Kita-Nutzung von Kindern unter drei Jahren unterscheidet sich stark nach Bildung der Mutter und Migrationshintergrund der Eltern
  • Sowohl bei weniger gebildeten Müttern als auch bei Eltern mit Migrationshintergrund werden Betreuungswünsche seltener erfüllt als bei anderen Familien
  • Wenn der regionale Mangel an Kita-Plätzen abnimmt, werden Kinder von Müttern ohne Abitur eher in Kitas betreut
  • Unterschiede der Kita-Nutzung nach dem Migrationshintergrund der Eltern könnten sich auch bei besserer Kita-Qualität und leichteren Anmeldemodalitäten verringern
  • Zielgruppenspezifische Ausrichtung von Maßnahmen ist notwendig, um Teilhabe von unter Dreijährigen in Kitas zu gewährleisten

„Bei der Kita-Nutzung von Kindern unter drei Jahren gibt es nach wie vor große Unterschiede nach dem Familienhintergrund. Ein weiterer Ausbau der Kita-Plätze kann dabei helfen, diese Unterschiede zu verringern, aber es sind auch weitere zielgerichtete Maßnahmen erforderlich.“ C. Katharina Spieß

Obwohl der Anteil von Kindern unter drei Jahren in der Kindertagesbetreuung in den letzten Jahren stark gestiegen ist, bestehen immer noch große Unterschiede in der Inanspruchnahme von Kita-Plätzen: Haben Mütter eine geringere Bildung oder beide Eltern einen Migrationshintergrund, dann besuchen ihre Kinder seltener eine Kita. Ein Ziel des im vergangenen Jahr verabschiedeten Gute-KiTa-Gesetzes ist, die Teilhabe im Kita-Bereich zu verbessern. Dieser Bericht untersucht auf Basis der Kinderbetreuungsstudie des Deutschen Jugendinstituts (DJI), welche Gründe dieser unterschiedlichen Inanspruchnahme von Kita-Plätzen zugrunde liegen. Es zeigt sich, dass Mütter mit einer geringeren Bildung seltener Kita-Plätze in Anspruch nehmen wollen als besser gebildete. Wollen weniger gebildete Mütter ihr Kind in einer Kita betreuen lassen, wird ihnen dieser Wunsch seltener erfüllt. Analysen für bevölkerungsreiche Landkreise und Städte zeigen, dass ein weiterer Kita-Ausbau diese bildungsbezogenen Nutzungsunterschiede verringern würde. Betreuungswünsche von Eltern mit Migrationshintergrund werden noch seltener erfüllt. Allerdings scheint dies nicht nur mit einer zu geringen Zahl an Kita-Plätzen zu tun zu haben. Vielmehr geben Familien mit Migrationshintergrund an, eher Kitas zu nutzen, wenn es zum Beispiel mehrsprachige ErzieherInnen gibt. Dies verdeutlicht, wie wichtig eine zielgruppenspezifische Ausrichtung von Maßnahmen ist, um die Teilhabe bei der Betreuung von unter Dreijährigen (U3) zu verbessern.

Auch wenn in den vergangenen Jahren die Nutzung der Kindertagesbetreuung bei Kindern unter drei Jahren nicht zuletzt aufgrund des Ausbaus der öffentlich finanzierten Kindertagesbetreuung stark zugenommen hat, sind nach wie vor große Nutzungsunterschiede zwischen sozioökonomischen Gruppen festzumachen: Kinder aus sozial schlechter gestellten Familien nutzen mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit diese Angebote als diejenigen aus einkommens- und bildungsstärkeren Familien. In der gleichen Altersgruppe sind auch Kinder von Eltern mit Migrationshintergrund in Kindertageseinrichtungen unterrepräsentiert – allerdings nur dann, wenn beide Eltern einen Migrationshintergrund haben. Entsprechende Befunde werden seit einigen Jahren diskutiert.infoVgl. z.B. Pia Schober und C. Katharina Spieß (2012): Frühe Förderung und Betreuung von Kindern: Bedeutende Unterschiede bei der Inanspruchnahme besonders in den ersten Lebensjahren. DIW Wochenbericht 43, 17-31 (online verfügbar; abgerufen am 30. März 2020. Dies gilt auch für alle anderen Online-Quellen dieses Berichts, sofern nicht anders vermerkt); oder Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2013): Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. Bundestagsdrucksache 17/12200. Vor diesem Hintergrund war mit der Vorverlegung des Rechtsanspruchs auf einen Kita-Platz um zwei JahreinfoSeit 2013 haben alle Kinder ab dem zweiten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf einen Platz in der Kindertagesbetreuung, bereits seit 1996 besteht ein Rechtsanspruch auf einen Platz in einer Kindertageseinrichtung für Kinder ab dem vierten Lebensjahr. vielfach die Erwartung verbunden, dass damit auch sozioökonomische Nutzungsunterschiede zurückgehen. Frühere Analysen des DIW Berlin zeigen allerdings, dass dies bisher nicht der Fall war.infoVgl. für eine neuere Studie Jonas Jessen, Sophia Schmitz, C. Katharina Spieß und Sevrin Waights (2018): Kita-Besuch hängt trotz ausgeweitetem Rechtsanspruch noch immer vom Familienhintergrund ab. DIW Wochenbericht 38, 825-835 (online verfügbar). Somit können nach wie vor nicht alle Kinder in gleichem Maße eine außerfamiliale frühe Bildung und Betreuung nutzen.

Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, dass das Gute-KiTa-Gesetz unter anderem auf eine Verbesserung der Teilhabe bei der Kindertagesbetreuung setzt – neben den Zielen, nachhaltig und dauerhaft die Qualität der frühen Bildung, Erziehung und Betreuung weiterzuentwickeln sowie einen Beitrag zu einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu leisten. Auch die Agenda 2030 zu einer nachhaltigen Familienpolitik hat als ein Fortschrittsziel definiert, dass „Kinder in der Breite“, aber besonders jene aus benachteiligten Haushalten von hochwertigen Betreuungsangeboten profitieren sollen. Ein Indikator zur Messung, ob dieses Ziel erreicht ist, ist die Entwicklung der Nutzungsquoten nach dem Bildungshintergrund der Mutter.infoBundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2019): Agenda 2030 – nachhaltige Familienpolitik.

Das Gute-KiTa-Gesetz sieht vor, dass die Länder entsprechend ihres Entwicklungsbedarfs Maßnahmen aus zehn unterschiedlichen Handlungsfeldern identifizieren. Diese Felder umfassen vielfältige Ansatzpunkte zur Verbesserung der pädagogischen Qualität. Eine weitere Maßnahme ist die Entlastung von Eltern bei den Gebühren. Dies kann grundsätzlich zu einer veränderten Teilhabe beitragen, wenn zu hohe Kita-Gebühren der Grund sind, dass die Kindertagesbetreuung nicht in Anspruch genommen wird.infoSiehe dazu § 2 Satz 2 KITa-Qualitäts- und Teilhabeverbesserungsgesetz. Allerdings ist aus früheren Elternbefragungen bekannt, dass es vielfältige Gründe gibt, warum Kitas nicht genutzt werden: Neben zu hohen Kosten werden eine nicht zufriedenstellende Qualität oder eine zu weite Entfernung zur Kita genannt.infoVgl. z.B. Kai-Uwe Müller et al. (2013): Evaluationsmodul Förderung und Wohlergehen von Kindern. DIW Berlin Politikberatung kompakt Nr. 73; und Christian Alt et al. (2019): DJI-Kinderbetreuungsreport 2018. Vielfach wird jedoch auch angegeben, dass kein Kita-Platz zur Verfügung stand, dass also ein bestehender Betreuungswunsch nicht erfüllt wurde. Im ökonomischen Sinne kann hier von einer Rationierung gesprochen werden.infoIn der Ökonomie wird der Begriff der „Rationierung“ verwendet, wenn es aus unterschiedlichen Gründen nicht zu einem Ausgleich von Angebot und Nachfrage kommt. Ist die Nachfrage größer als das Angebot, werden die Nachfrager rationiert. Neben diesen Umfrageergebnissen liegen bisher nur wenige mikrodatenbasierte Forschungsarbeiten vor, die sich systematisch mit Gründen für die Nichtnutzung der Kindertagesbetreuung durch unterschiedliche sozioökonomische Gruppen befassen.infoNeben diesen Arbeiten, die sich auf die direkt erfragten Gründe für die Nichtnutzung beziehen, befassen sich z.B. Henning Hermes, Philipp Lergetporer, Frauke Peter, Simon Wiederhold (2020) mit den Gründen von Nutzungsunterschieden: Information, Assistance, and Childcare Utilization – Evidence From a Randomized Controlled Trial, mimeo. Das ist der Ansatzpunkt dieses Beitrags: Er untersucht insbesondere, inwiefern eine Rationierung der Kita-Plätze ein Grund für die geringere Nutzung bestimmter Gruppen im U3-Bereich ist. Dabei werden zwei Gruppen analysiert, deren Nachfrageverhalten aufgrund der vorhanden Nutzungsunterschiede für die Analyse sehr interessant ist und mit den Daten besonders gut zu untersuchen ist: erstens Kinder von Müttern mit formal geringerer BildunginfoIm Folgenden wird der Einfachheit halber nur von „geringerer Bildung“ geschrieben. und zweitens Kinder, von denen beide Eltern einen Migrationshintergrund haben. Die Analysen basieren auf der Kinderbetreuungsstudie (KiBS) des DJI der Jahre 2012 bis 2016. Diese Daten stehen der Forschung für weitere Analysen zur Verfügung, während neuere Umfragewellen der wissenschaftlichen Öffentlichkeit noch nicht zugänglich sind (Kasten).infoFür eine ausführlichere Darstellung und weitere Analysen vgl. Jonas Jessen, Sophia Schmitz und Sevrin Waights (2019): Understanding Day Care Enrolment Gaps. CEP Discussion Paper No 1650.

Daten. Die Analyse basiert auf den Daten der Kinderbetreuungsstudie (KiBS) des Deutschen Jugendinstituts in München (DJI).infoChristian Alt et al. (2018): Kinderbetreuungsstudie. Längsschnittdatensatz 2012–2016. Version 1. DJI – Deutsches Jugendinstitut. Die Kinderbetreuungsstudie ist eine repräsentative und jährlich durchgeführte Befragung, die seit 2012 private Haushalte mit Kindern erfasst. Die Analysen basieren auf den Daten der Jahre 2012 bis 2016 und beschränken sich auf Haushalte mit Kindern unter drei Jahren. In jedem Jahr werden in allen Bundesländern etwa 800 Haushalte mit Kindern unter drei Jahren befragt. Es werden Fragen zur genutzten Kinderbetreuung, zu Präferenzen bezüglich der Kinderbetreuung und anderen in diesem Kontext relevanten Aspekten gestellt. Insgesamt wurden Informationen zu 62.877 Kindern erfasst.infoAlle Schätzungen in diesem Bericht sind gewichtet vorgenommen. Die Gewichte sind so konstruiert, dass die Kita-Nutzungsquote im KiBS-Datensatz identisch ist mit der Nutzungsquote in jedem Bundesland pro Jahr. Genauere Informationen finden sich in Jessen et. al (2019), a.a.O., Appendix, Tabelle A1.

Für die vorliegenden Analysen ist zentral, dass Eltern gefragt werden, ob sie sich einen Betreuungsplatz wünschen, und zwar unabhängig davon, ob ihr Kind einen Platz in einer Kindertagesbetreuung hat oder nicht.infoDie Auskunftsperson (zu etwa 90 Prozent die Mutter) wird dies für jeden Wochentag gefragt. Sofern sie einen Betreuungswunsch bejaht, wird dies in den Analysen als Betreuungswunsch definiert. Darüber hinaus wird eine weitere Variable konstruiert, die einen Betreuungswunsch restriktiver definiert: Nur dann, wenn Eltern mindestens eine Bewerbung für einen Kitaplatz versandt haben, wird von einem Betreuungswunsch ausgegangen. Nur sieben Prozent der Eltern gaben an, sich nicht um einen Platz beworben zu haben, obwohl ein Betreuungswunsch formuliert ist. Dies zeigt, dass immerhin in 93 Prozent der Fälle von einem Betreuungswunsch ausgegangen werden kann, der mit einer aktiven Kita-Bewerbung verbunden ist.

Methodisches Vorgehen. Die multivariaten Schätzungen beruhen auf linearen Wahrscheinlichkeitsmodellen. Die Stichprobe dieser Analysen (Tabelle 3) ist auf Familien in Stadt- und Landkreisen mit mindestens 50 Beobachtungen pro Jahr beschränkt, um Messfehler in der Rationierungsvariable zu reduzieren, die aufgrund zu kleiner Fallzahlen pro Kreis entstehen würden.infoEs liegen Informationen für 252 Kreise vor. Die genannten Einschränkungen führen dazu, dass die Stichprobe sich auf 95 Kreise reduziert. Robustheitsprüfungen, welche diese Einschränkungen aufheben, zeigen in der Tendenz keine anderen Ergebnisse.infoVgl. Jessen et al. (2019), a.a.O. Fixe Effekte für Kreise und für das Bundesland interagiert mit dem Befragungsjahr werden in den multivariaten Schätzungen berücksichtigt. Darüber hinaus werden die folgenden Kontrollvariablen aufgenommen: Alter und Geschlecht des Kindes und Familienstand der Eltern sowie auf Kreisebene das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf in Terzilen und ein Indikator, ob es sich um Land- oder Stadtkreise handelt. Die Variablen auf regionaler Ebene werden in den jeweiligen Schätzungen entweder mit dem mütterlichen Bildungshintergrund oder dem Migrationshintergrund beider Eltern interagiert.

Kita-Rationierung je nach Alter der Kinder unterschiedlich

Abbildung 1 gibt in Abhängigkeit des Alters der Kinder den Anteil der unter Dreijährigen wieder, die einen Kita-Platz in Anspruch nehmen. Dem wird der Anteil der Kinder gegenübergestellt, deren Eltern einen Betreuungswunsch haben. Es zeigt sich, dass im ersten Lebensjahr die Nutzung sehr gering ist und die Betreuungswünsche nur geringfügig darüber liegen. Für Kinder im zweiten Lebensjahr ist die Rationierung deutlich höher. Hier geben im Mittel aller Jahre 21 Prozent der Eltern an, „rationiert“ zu sein, das heißt einen Betreuungswunsch, aber keinen Platz zu haben (Tabelle 1), wobei dies sowohl 2012 wie auch 2016 knapp 24 Prozent waren. Für Kinder im dritten Lebensjahr zeigt sich eine etwas geringere Rationierung: Knapp 15 Prozent der Eltern geben an, keinen Platz für ihre Kinder zu haben, obwohl ein Betreuungswunsch besteht (2012 waren es 19 Prozent und 2016 knapp 17 Prozent). Neue Berechnungen des DJI auf der Basis einer neuen KiBS-Befragung, die der Wissenschaft zur Analyse noch nicht zugänglich ist, zeigen, dass sich die Rationierung über alle null- bis dreijährigen Kinder kaum verringert hat: 2018 waren es – wie im letzten hier verfügbaren Jahr 2016 – 14 Prozent.infoVgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2020): Kindertagesbetreuung Kompakt. Ausbau und Bedarf 2018 (online verfügbar).

Tabelle 1: Kita-Nutzung, Betreuungswünsche und Rationierung nach Alter des Kindes

In Prozent

Alter der Kinder: 1–2 Jahre Alter der Kinder: 2–3 Jahre Alter der Kinder: 0–3 Jahre
Kita-Nutzung Betreuungswunsch Rationiert Kita-Nutzung Betreuungswunsch Rationiert Kita-Nutzung Betreuungswunsch Rationiert
2012 28,4 51,9 23,5 51,1 70,1 19,0 27,6 44,5 16,9
2013 30,8 52,0 21,2 53,9 69,7 15,8 29,3 41,7 12,4
2014 33,5 50,3 16,8 59,7 70,7 11,0 31,9 41,1 9,2
2015 35,4 54,5 19,1 63,0 74,1 11,1 33,6 43,6 10,0
2016 36,1 60,4 24,3 60,6 77,2 16,6 32,8 47,0 14,2
Alle Jahre 32,9 53,9 21,0 57,7 72,4 14,7 31,0 43,6 12,6
N 26215 26196 26196 21680 21672 21672 62473 62435 62435

Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis von KiBS Panel 2012–2016, gewichtet.

Rationierung besonders ausgeprägt bei Kindern, deren Mütter geringere Schulbildung haben

Weitere Analysen differenzieren nach der Bildung der Mutter und dem Migrationshintergrund der Eltern. Mütter zählen dabei zur Kategorie „mit geringerer Bildung“, wenn sie keine allgemeine Hochschulreife (Abitur) erlangt haben.infoEine Unterscheidung nach der beruflichen Bildung ist aufgrund der Daten nicht möglich. Eine weitere Differenzierung nach Personen, die keine abgeschlossene Schulausbildung haben und denen, die diese haben, ist aus Fallzahlgründen nicht möglich. Ferner gilt: Aus Vereinfachungsgründen wird in diesem Bericht fortwährend „Mutter“ geschrieben, wenn es sich eigentlich um die Auskunftsperson handelt. In fast 90 Prozent der Fälle ist die Auskunftsperson die Mutter. Außerdem werden Kinder betrachtet, von denen beide Elternteile in einem nicht westlichen LandinfoZu der Gruppe westlichen Länder gehören Deutschland, die USA, Kanada, skandinavische Staaten, Großbritannien, Irland, Benelux, Frankreich, Portugal, Spanien, Italien, Österreich, Schweiz und Liechtenstein. geboren wurden. Sie werden im Folgenden als Kinder mit Migrationshintergrund beider Eltern bezeichnet. Diese werden mit Kindern verglichen, von denen kein oder nur ein Elternteil außerhalb Westeuropas beziehungsweise Nordamerikas geboren wurde. In der Stichprobe haben Kinder gemäß der dargestellten Klassifizierung zu 48 Prozent Mütter ohne Abitur und 15 Prozent der Kinder zwei Elternteile, die – gemäß der dargestellten Definition – im Ausland geboren sind.

Sowohl Kinder, deren Mütter formal geringer gebildet sind, als auch Kinder, deren Eltern beide einen Migrationshintergund haben, nutzen die Kindertagesbetreuung im U3-Bereich mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit (Abbildung 2), was frühere Analysen bestätigt,infoVgl. z.B. Jessen et al. (2018), a.a.O. auch wenn der absolute Unterschied in den Nutzungsquoten über das dritte Lebensjahr eher gleich bleibt.

Für die Interpretation der Unterschiede ist es wichtig, dass der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz erst im August 2013 in Kraft trat. Davor bekamen in dieser Altersgruppe beispielsweise Kinder mit zwei erwerbstätigen Eltern eher einen Kita-Platz. Dies war im Tagesbetreuungsausbaugesetz (TAG) und Kinderförderungsgesetz (KiföG) geregelt. Da Mütter mit höherer Bildung häufiger erwerbstätig sind, ist es möglich, dass sich 2012 und 2013 hinter dem „Bildungseffekt“ diese Bedarfsregelung verbirgt. Allerdings sollten dann mit dem Rechtsanspruch die Nutzungsunterschiede abnehmen. Dies ist nicht der Fall, vielmehr steigen zwischen 2012 und 2016 die bildungsbedingten Unterschiede von zwölf auf 15 Prozentpunkte (Tabelle 2). Auch in Hinblick auf den Migrationshintergrund nehmen die Unterschiede in der Nutzung im selben Zeitraum von elf auf 18 Prozentpunkte zu.

Tabelle 2: Kita-Nutzung von unter Dreijährigen und Betreuungswünsche nach Jahr Familienhintergrund

In Prozent

Mutter kein Abitur Mutter mit Abitur Beide Eltern mit Migrationshintergrund Kein/ein Elternteil mit Migrationshintergrund
Kita-Nutzung Betreuungswunsch Rationiert Kita-Nutzung Betreuungswunsch Rationiert Kita-Nutzung Betreuungswunsch Rationiert Kita-Nutzung Betreuungswunsch Rationiert
2012 22,2 41,4 19,2 34,3 48,4 14,1 18,3 43,4 25,1 29,7 44,7 15,1
2013 23,2 37,8 14,6 35,1 45,4 10,3 21,8 39,6 17,8 31 42,2 11,2
2014 23,9 35,9 12 39 45,7 6,7 21,8 39,6 17,8 34 41,4 7,4
2015 26 40 14 39,9 46,6 6,7 25,1 42,7 17,6 35,4 43,8 8,4
2016 24,2 41,8 17,6 39,3 50,9 11,6 16,7 42,1 25,4 35 47,6 12,6
Alle Jahre 23,8 39,4 15,6 37,7 47,5 9,8 20,9 41,4 20,5 33,1 44,1 11
N 28749 28714 28714 33724 33721 33721 8910 8886 8886 53564 53549 53549

Anmerkung: Der 2016er Datensatz enthält eine leicht veränderte Variable zum Migrationshintergrund der Eltern.

Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis von KiBS Panel 2012–2016.

Es lässt sich demnach festhalten, dass insbesondere jene Gruppen, die von einer qualitativ guten Bildung und Betreuung in einer Kindertagesbetreuung besonders profitieren könnten,infoDas ergeben übereinstimmend nationale und internationale Studien aus dem Bereich der Bildungsökonomie, z.B. Christopher Ruhm und Jane Waldfogel (2012): Long-Term Effects of Early Childhood Care and Education. Nordic Economic Policy Review, Economics of Education, 23–51; und für den europäischen Kontext C. Katharina Spiess. (2017): Early Childhood Education and Care Services and Child Development: Economic perspectives for universal approaches. Emerging Trends (online verfügbar). diese mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit nutzen. Damit können beispielsweise Sprachförderprogramme, gerade für Kinder, die zu Hause vorrangig nicht Deutsch sprechen,infoVgl. zum Beispiel Birgit Becker (2010): Wer profitiert mehr vom Kindergarten? Die Wirkung der Kindergartenbesuchsdauer und Ausstattungsqualität auf die Entwicklung des deutschen Wortschatzes bei deutschen und türkischen Kindern. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 62 (1), 139–163; und Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Acatech und Union der deutschen Akademien der Wissenschaften (2014): Frühkindliche Sozialisation. Biologische, psychologische, linguistische, soziologische und ökonomische Perspektiven. Schriftenreihe zur wissenschaftsbasierten Politikberatung. oder auch andere Maßnahmen zur Förderung der kognitiven und nicht-kognitiven Fähigkeiten im frühen Kindesalter nicht alle Kinder in gleichem Ausmaß erreichen. Die Teilhabe an außerfamiliärer früher Bildung und Betreuung ist insofern nicht für alle in gleichem Ausmaß gewährleistet.

Kita-Nutzungsunterschiede sind nur teilweise mit abweichenden Betreuungswünschen erklärbar

Tabelle 2 verdeutlicht, wie sich die Wünsche nach Betreuung und die tatsächliche Nutzung nach Qualifikationsniveau der Mütter und Migrationshintergrund der Eltern unterscheiden. Es zeigt sich, dass sowohl Kinder von Müttern ohne Abitur als auch Kinder, deren Eltern beide einen Migrationshintergrund haben, in einem höheren Maße keinen Kita-Platz nutzen (können) als die jeweilige Referenzgruppe, obwohl sie einen Betreuungswunsch haben. Während über alle Jahre gemittelt nahezu 16 Prozent aller Mütter ohne Abitur einen Betreuungswunsch für ihre Kinder äußern, aber keinen Platz für ihr Kind haben, sind es bei den Müttern mit Abitur etwa zehn Prozent. Wenn beide Eltern einen Migrationshintergrund haben, berichten etwa 21 Prozent der Eltern einen unerfüllten Betreuungswunsch, während es bei der Referenzgruppe nur elf Prozent sind. Dabei finden sich über die Jahre keine gravierenden Unterschiede im Anteil der Gruppen, deren Betreuungswünsche nicht realisiert werden (können), sowohl in Hinblick auf Unterschiede nach mütterlicher Schulbildung als auch nach Migrationshintergrund der Eltern (Tabelle 2).

Im Mittel aller Jahre zeigt sich in Abbildung 3, dass 24 Prozent der Kinder mit geringer gebildeten Müttern einen Platz in der Kindertagesbetreuung nutzen, während dies bei 38 Prozent der Kinder mit höher gebildeten Müttern der Fall ist. Dieser Unterschied von 14 Prozentpunkten ist deutlich größer als die Differenz in den Betreuungswünschen, die lediglich acht Prozentpunkte beträgt. Dies weist darauf hin, dass abweichende Betreuungswünsche nur einen Teil der Unterschiede in der Kita-Nutzung erklären. Der Anteil nicht realisierter Betreuungswünsche ist bei Kindern geringer gebildeter Mütter um 19 Prozentpunkte höher.

Ein anderes Bild zeigt sich bei den Unterschieden nach Migrationshintergrund der Eltern: Hier beträgt die Differenz in den Betreuungswünschen zwischen Eltern mit Migrationshintergrund und der Referenzgruppe lediglich zwei Prozentpunkte. Diese kleine Abweichung erklärt nicht den großen Unterschied in den Nutzungsquoten von zwölf Prozentpunkten. Tatsächlich ist der Anteil nicht realisierter Betreuungswünsche für Kinder von Eltern, die beide einen Migrationshintergrund haben, genauso hoch wie der Anteil realisierter Betreuungswünsche (etwa 21 Prozent). Demnach besuchen nur die Hälfte der Kinder, für die ein Betreuungswunsch angegeben ist, eine Kita. Gleichzeitig ist der Anteil nicht realisierter Betreuungswünsche 25 Prozentpunkte höher, wenn beide Eltern einen Migrationshintergrund haben.

Für beide Gruppen lässt sich festhalten, dass die Unterschiede in den Betreuungswünschen nicht die Unterschiede in der Kita-Nutzung vollständig erklären können. Deshalb wird im Weiteren untersucht, inwiefern angebotsspezifische Faktoren eine Bedeutung haben. Dabei wird insbesondere die lokale Rationierung – also der Mangel an verfügbaren Plätzen auf regionaler Ebene – betrachtet. Wenn sich viele Eltern auf wenig verfügbare Plätze bewerben, ist es möglich, dass sich zum Beispiel Eltern mit einer höheren Schulbildung eher einen Platz sichern können. Sollte dies der Fall sein, würde die Rationierung bestimmter Nachfrager Teile der Nutzungsunterschiede erklären.

Rationierung auf Ebene der Landkreise und kreisfreien Städte variiert deutlich

Die Rationierung der Nachfrage erfassen wir als die Differenz zwischen den Betreuungswünschen der Eltern und den genutzten Plätzen. Insgesamt sind in der Stichprobe 31 Prozent der Kinder unter drei Jahren in einer Kindertagesbetreuung. Jedoch wünschen sich knapp 44 Prozent der Eltern für ihr Kind einen Platz in einer Kita. Das bedeutet, dass im bundesdeutschen Mittel knapp 13 Prozent rationiert sind, also ihren Betreuungswunsch nicht realisieren können.

Mit den vorliegenden KiBS-Daten kann das Ausmaß der Rationierung auf Kreisebene bestimmt werden. Allerdings setzt dies voraus, dass auf Kreisebene genügend Beobachtungen vorliegen. Daher beschränken sich auf Kreisebene die folgenden Analysen auf eine Teilstichprobe bevölkerungsstarker Kreise (Kasten).

Im Durchschnitt aller analysierten Landkreise und kreisfreien Städte fehlen 15 Plätze pro 100 Kinder unter drei Jahren. Abbildung 4 zeigt, dass sich das Ausmaß der Rationierung für die einzelnen Kreise deutlich unterscheidet: Viele Kreise (92 Prozent) haben einen Platzmangel, der zwischen fünf bis 25 Plätzen pro 100 Kinder variiert. Nur bei vier Prozent der Kreise hingegen fehlen weniger als fünf Plätze pro 100 Kinder. Die Variation über Kreise und über die Zeit wird ausgenutzt, um die Bedeutung der regionalen Rationierung auf die Nutzungsunterschiede zu schätzen.

Da Nutzungsunterschiede auch von anderen Faktoren abhängen, werden in den Schätzungen zum Beispiel das Alter des Kindes, der Familienstand der Eltern und regionale Charakteristika, etwa die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Kreises, hinzugezogen (Kasten).

Mehr Kita-Plätze würden Nutzungsunterschiede nach mütterlicher Bildung reduzieren

Tabelle 3 stellt die Ergebnisse der Schätzungen dar (Kasten), die die Wahrscheinlichkeit einer Kita-Nutzung von Kindern unter drei Jahren erklären. Die ersten beiden Schätzungen (Spalten 1 und 2) legen den Fokus auf die Nutzungsunterschiede nach mütterlichem Bildungshintergrund. Die Ergebnisse bestätigen, dass Kinder von Müttern ohne Abitur mit geringerer Wahrscheinlichkeit zur Kita gehen als die der höher gebildeten. Der Koeffizient der Rationierungsvariable besagt, dass eine Reduzierung der Rationierung um zehn Prozentpunkte die Kita-Nutzung um fünf Prozentpunkte erhöht.infoDer Zusammenhang ist nicht eins zu eins, da nur knapp die Hälfte der Auskunftspersonen einen Betreuungswunsch angeben. Wenn die Schätzung auf die Personen beschränkt wird, die einen Betreuungswunsch angeben, ist dieses Verhältnis gegeben. In der zweiten Spalte wird ein Interaktionsterm der Rationierungsvariable und dem mütterlichen Bildungshintergrund hinzugefügt. Dieser Term gibt an, inwiefern sich Rationierung unterschiedlich auf Kita-Nutzung für Kinder mit geringer gebildeten Müttern auswirkt. Die Schätzung zeigt, dass eine Reduzierung der Rationierung um zehn Prozentpunkte die Kita-Nutzung für Kinder geringer gebildeter Mütter um vier Prozentpunkte im Vergleich zu dem Effekt für Kinder von höher gebildeten Müttern zusätzlich erhöhen würde. Dies bedeutet, dass die Unterschiede in der Nutzung in Abhängigkeit von der mütterlichen Bildung kleiner sind, wenn der Nachfrageüberschuss auf Kreisebene geringer ist. Dies könnte daran liegen, dass es für Eltern beziehungsweise Mütter mit niedrigerem Schulabschluss schwieriger sein dürfte, einen Platz zu erhalten, wenn sie mit höher gebildeten Müttern darum „konkurrieren“. Wenn jedoch weniger Plätze fehlen und dadurch der „Wettbewerb“ um freie Kita-Plätze geringer ist, können sie ihre Betreuungswünsche eher realisieren.

Tabelle 3: Familienhintergrund, Kita-Nutzung und regionaler Mangel an Kita-Plätzen bei unter Dreijährigen

Familienhintergrund (1) (2) (3) (4)
Mutter kein Abitur −0,097*** −0,038
(0,021) (0,025)
Mutter kein Abitur x Rationierung −0,004***
(0,001)
Beide Eltern mit Migrationshintergrund −0,098*** −0,092***
(0,013) (0,023)
Beide Eltern mit Migrationshintergrund x Rationierung 0,000
(0,001)
Rationierung −0,005*** −0,003*** −0,004*** −0,004***
(0,001) (0,001) (0,001) (0,001)
N 43691 43691 43691 43691

Anmerkungen: Dargestellt sind die Regressionskoeffizienten. Standardfehler in Klammern. Abhängige Variable ist Kita-Nutzung eines Kindes. Rationierung ist auf Kreisebene berechnet. Die Stichprobe ist auf Kreise mit mehr als 50 Beobachtungen pro Jahr beschränkt. ***,**,*: Signifikanz auf dem Ein-, Fünf- und Zehn-Prozent-Niveau.

Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis von KiBS Panel 2012–2016, gewichtet.

Die Analyse des Einflusses der Rationierung auf die Nutzungswahrscheinlichkeit in Abhängigkeit vom Migrationshintergrund ergibt ein anderes Bild (Tabelle 3, Spalten 3–4): Der Interaktionsterm ist nahe bei null. Das heißt, ein nach Migrationshintergrund differenzierter Einfluss der Rationierung lässt sich nicht nachweisen. Eine Reduzierung in dem regionalen Nachfrageüberschuss hat die Nutzungsunterschiede nach elterlichem Migrationshintergrund nicht bzw. kaum reduziert.infoDa alle Kreise von einer Rationierung betroffen sind, kann der Effekt von „keiner Rationierung“ letztlich nicht identifiziert werden, daher muss die Effektinterpretation relativiert werden.

Qualitätsaspekte haben für Eltern mit Migrationshintergrund eine große Bedeutung

Da bei einer Differenzierung nach Migrationshintergrund kein Effekt in Hinblick auf die regionale Angebotsknappheit identifiziert wird und nur geringe Unterschiede in Betreuungswünschen nach Migrationshintergrund sichtbar sind, kommt die Frage nach weiteren Gründen auf. Andere Studien weisen darauf hin, dass die Ursachen auch mit der Qualität der Angebote zusammenhängen könnten.infoVgl. z.B. SVR [Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration] (Hrsg.) (2013): Hürdenlauf zur Kita: Warum Eltern mit Migrationshintergrund ihr Kind seltener in die frühkindliche Tagesbetreuung schicken. Policy Brief; oder Müller et al. (2013). a.a.O. In der DJI-Kinderbetreuungsstudie werden Eltern, deren Kind nicht in die Kita geht, danach gefragt, ob sie unter bestimmten Bedingungen eine Kita nutzen würden. Dabei werden Kosten, Betreuungsumfang, räumliche Entfernung, Anmeldungsmodalitäten und verschiedene Gründe im Kontext der Qualität nachgefragt.

Für Eltern mit Migrationshintergrund zeigt Tabelle 4, dass sie eher als andere Eltern angeben, dann eine Kita für ihr Kind in Anspruch zu nehmen, wenn die Qualität in bestimmten Bereichen besser wäre. Neben längeren Öffnungszeiten, einer größeren örtlichen Nähe und leichteren Anmeldungsmodalitäten sind dies Gründe dafür, dass sie ihr Kind in eine Kita geben würden. So sind für sie mehrsprachige ErzieherInnen, kleinere Gruppen und Einrichtungen, die die Kultur oder Religion stärker berücksichtigen, von großer Bedeutung.infoJedoch ist es grundsätzlich möglich, dass Eltern mit Migrationshintergrund in Nachbarschaften leben, in denen die Kita-Qualität geringer ist, weshalb sie häufiger Qualitätskriterien als Gründe angeben. Auf der anderen Seite geben einige Bundesländer mehr Fördermittel in soziale Brennpunkte, um dort eine gute Kita-Qualität zu gewährleisten. vgl. z.B. Nina Hogrebe (2014): Bildungsfinanzierung und Bildungsgerechtigkeit. Der Sozialraum als Indikator für eine bedarfsorientierte Finanzierung von Kindertageseinrichtungen?. Springer VS. Dies bestätigt, dass für Familien mit Migrationshintergrund vielfach auch die Qualität der Kitas, insbesondere die Mehrsprachigkeit von ErzieherInnen oder die Berücksichtigung kultureller Vielfalt eine große Bedeutung für die Nutzung einer Kindertagesbetreuung hat. Von zentraler Bedeutung sind leichtere Anmeldemodalitäten und die räumliche Nähe.

Tabelle 4: Gründe dafür, dass bei unter Dreijährigen keine Kita genutzt wird

In Prozent

Schulbildung der Mutter Migrationshintergrund beider Eltern
kein Abitur Abitur Differenz Ja Nein Differenz
Kita genutzt, …
... wenn der Besuch für Ihr Kind kostenlos wäre? 17,7 12,4 5,3*** 21,6 13,8 7,8***
... wenn Sie für Ihr Kind einen Ganztagsplatz bekommen hätten? 10,2 7,5 2,6*** 13,5 7,8 5,7***
... wenn Sie für Ihr Kind einen Halbtagsplatz bekommen hätten? 17,1 12,6 4,5*** 22,7 13,2 9,5***
... wenn Betreuungszeiten passender wären? 19,5 13,7 5,8*** 25,3 14,8 10,5***
... wenn es in Ihrer Nähe eine Betreuungseinrichtung gäbe? 16,6 10,4 6,1*** 25,8 11,2 14,6***
... wenn die Anmeldung leichter wäre? 21,7 14,0 7,7*** 34,4 15,3 19,1***
... wenn es in der Einrichtung mehrsprachige Erzieherinnen gäbe? 8,7 5,3 3,4*** 17,7 4,9 12,8***
... wenn die Gruppen kleiner wären? 20,2 16,4 3,8*** 26,7 16,6 10,1***
... wenn Ihre Kultur / Religion stärker berücksichtigt würde? 6,7 2,9 3,8*** 13,0 3,2 9,8***
N 9051 8727 17778 2547 14653 17200

Anmerkungen: Die Stichprobe ist auf Eltern beschränkt, deren Kind keine Kita besucht. Die Frage zur leichteren Anmeldung hat eine geringe Beobachtungszahl (N=4.582). Mehrfach affirmative Antworten sind möglich. ***,**,*: Signifikanz auf dem Ein-, Fünf- und Zehn-Prozent-Niveau.

Quelle: Eigene Berechnung auf Basis von KiBS Panel 2012–2016, gewichtet.

Ferner zeigt Tabelle 4, dass auch zwischen geringer und höher gebildeten Müttern Unterschiede in der Bewertung der Umstände bestehen, wann sie eine Kita nutzen würden. Allerdings ist die Differenz zwischen den Gruppen deutlich kleiner als bei der Unterscheidung nach Migrationshintergrund. Eines fällt jedoch auf: Wenn der Kita-Platz kostenlos, die Anmeldung leichter und die Betreuungszeiten passender wären, geben Mütter ohne Abitur häufiger als jene mit Abitur an, für ihr Kind die Kita nutzen zu wollen.

Unterschiedliche Ansätze nötig, um Teilhabe im Kita-Bereich zu verbessern

Nachdem in der Vergangenheit immer wieder auf die sozioökonomischen Unterschiede in der Nutzung von Kindertageseinrichtungen hingewiesen wurde, zeigen die Analysen dieses Berichts, dass sich die Gründe dafür zwischen den Gruppen unterscheiden. Wenn – wie im Gute-KiTa-Gesetz formuliert – die Teilhabe bestimmter Gruppen in der frühen Bildung und Betreuung verbessert werden soll, ist die Frage, wie vorhandene Unterschiede in den Nutzungsquoten nach Familienhintergrund reduziert werden können.

Geringer gebildete Mütter haben seltener einen Betreuungswunsch als andere Familien. Dies kann sehr unterschiedliche Gründe haben. Zum einen werden Kinder geringer gebildeter Mütter aufgrund fehlender Plätze, also infolge der Platzrationierung, seltener in Kitas betreut. Dies gilt zumindest in den hier analysierten bevölkerungsreichen Kreisen. Ein weiterer Ausbau der Plätze für Kinder unter drei Jahren kann demnach dazu beitragen, dass Kinder geringer gebildeter Mütter vermehrt Kitas nutzen und der Rückstand zu den anderen Familien verringert wird. Zum anderen könnte es sein, dass die Bedeutung der frühen Bildung und Betreuung für die Entwicklung von Kindern anders bewertet wird. Hier könnten Informationen über potenzielle Effekte einer qualitativ guten Kindertagesbetreuung für die Entwicklung von Kindern ansetzen, die von Familien-Experten bereitgestellt werden. Leichtere Anmeldungsmodalitäten, passendere Betreuungszeiten und eine Kostenreduzierung würden diese Maßnahmen unterstützen.infoJessen et al. (2019), a.a.O. liefern am Beispiel der Kostenreduzierung in Hamburg im Jahr 2014 empirische Evidenz dafür, dass eine Verringerung der Elternbeiträge die Nutzungsunterschiede nach Bildungshintergrund der Mutter auf knapp die Hälfte reduziert – nach Migrationshintergrund der Eltern haben sich Nutzungsunterschiede infolgedessen jedoch nicht verringert.

Der unterdurchschnittliche Anteil von in Kitas betreuten Kindern, deren Eltern einen Migrationshintergrund aufweisen, liegt nicht an geringeren Betreuungswünschen. Die pauschale Reduzierung des Unterangebots an Kita-Plätzen kann hier auch nicht allein Abhilfe schaffen. Hier wären zusätzliche Maßnahmen, wie kleinere Gruppen und mehrsprachige ErzieherInnen in den Einrichtungen sinnvoll. Vor allem leichtere Anmeldemodalitäten, nahe gelegene Einrichtungen und passendere Betreuungszeiten könnten helfen. Es ist zu vermuten, dass auch hier Informationen über Kita-Zugänge hilfreich sein könnten, wie sie in unterschiedlichen Modellprojekten vermittelt werden.infoVgl. dazu z.B. das Bundesprogramm Kita-Einstieg: Brücken bauen in frühe Bildung (online verfügbar). Darüber hinaus könnte es sein, dass andere Gründe eine Bedeutung haben. Im Kontext anderer Bildungsinstitutionen oder auch dem Wohnungsmarkt wird eine mögliche Diskriminierung gegenüber Familien mit Migrationshintergrund diskutiert.infoVgl. z.B. Katrin Auspurg, Thomas Hinz und Laura Schmid (2017): Contexts and conditions of ethnic discrimination: Evidence from a field experiment in a German housing market. Journal of Housing Economics, 35, 26–36; und Elke Lüdemann und Guido Schwerdt (2013): Migration background and educational tracking. Journal of Population Economics, 26(2), 455–481. Auch dies ist im Bereich der Kindertagesbetreuung grundsätzlich nicht auszuschließen.

Insgesamt zeigt sich, dass die Teilhabe im Kita-Bereich nur dann verbessert werden kann, wenn Maßnahmen für verschiedene Zielgruppen konzipiert und umgesetzt werden. Dies sollten die Träger, Kommunen, Länder und der Bund bedenken, wenn neue Programme aufgelegt werden. Eine Reduktion der Kita-Kosten, wie sie als explizite Maßnahme im Gute-KiTa-Gesetz benannt ist, ist als einzige Maßnahme zur Steigerung der Teilhabe zu wenig. Es müssen weitere Schritte folgen, vom weiteren Kita-Ausbau bis zu zusätzlichen Qualitätsverbesserungen, wie sie in den unterschiedlichen Handlungsfeldern des Gute-KiTa-Gesetzes vielfach vorgesehen sind. Allerdings sind auch hier die Handlungsfelder und die damit verbundenen Maßnahmen zielgruppenspezifisch zu differenzieren, wenn die Wirkung verbessert werden soll.

Sevrin Waights

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Bildung und Familie

Jonas Jessen

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Bildung und Familie

C. Katharina Spieß

Abteilungsleiterin in der Abteilung Bildung und Familie



JEL-Classification: I24;I28;J13
Keywords: child care, early education, attendance, socio-economic differences, day care policy, migration background
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2020-14-1