Ausbau der Kitas und bessere Qualität können Teilhabe unterrepräsentierter Gruppen verbessern: Interview

DIW Wochenbericht 14 / 2020, S. 276

C. Katharina Spieß, Erich Wittenberg

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Frau Spieß, Sie haben untersucht, inwieweit die Kita-Nutzung und der Wunsch nach Betreuung der Kinder vom Bildungsgrad oder einem Migrationshintergrund der Eltern abhängen. Wie groß sind die Nutzungsunterschiede zwischen den verschiedenen sozioökonomischen Gruppen? Im ersten Lebensjahr gibt es keine Nutzungsunterschiede zwischen den verschiedenen Bildungs- und Migrationsgruppen, allerdings sind sie ab dem zweiten Lebensjahr durchaus groß. Schauen wir uns Kinder im Alter von ein bis drei Jahren an, sehen wir, dass in den Kindertageseinrichtungen insbesondere Kinder mit höher gebildeten Müttern vertreten sind. Kinder, bei denen beide Eltern einen Migrationshintergrund haben, sind in Kindertageseinrichtungen unterrepräsentiert.

Ist der Wunsch nach Betreuung in allen Gruppen gleich groß? Nein. Interessanterweise konnten wir feststellen, dass der Betreuungswunsch von Müttern ohne Abitur etwas geringer ist als der von Müttern mit Abitur. Bei der Unterscheidung nach dem Migrationshintergrund ist aber wiederum interessant, dass wir keine signifikanten Unterschiede bei den Betreuungswünschen finden, wenn es um Eltern geht, die beide einen Migrationshintergrund haben und Eltern, von denen kein oder nur ein Teil einen Migrationshintergrund hat.

Inwieweit werden die Betreuungswünsche der verschiedenen Gruppen erfüllt? Da finden wir große Unterschiede. Es werden eher die Betreuungswünsche von den Eltern beziehungsweise Müttern erfüllt, die Abitur haben oder bei denen ein oder kein Elternteil einen Migrationshintergrund hat. Dabei sind die Kita-Nutzungsunterschiede keinesfalls nur mit den Unterschieden in Betreuungswünschen zu erklären. Bei der Gruppe, die sich nach dem Migrationshintergrund unterscheidet, überhaupt nicht und bei den Gruppen mit Bildungsunterschieden nur teilweise.

Vielerorts reicht die Zahl der Kita-Plätze nicht aus. Welche Gruppe hat am ehesten das Nachsehen? Das betrifft insbesondere Mütter mit geringerer Bildung. Bei den Müttern und Vätern, die beide einen Migrationshintergrund haben, ist die Angebotsknappheit zwar auch eine Ursache, warum sie die Kita nicht nutzen. Insbesondere für sie spielen aber auch andere Gründe eine Rolle.

Welche Gründe könnten das sein? Wir wissen aus Befragungen, dass dabei die Qualität der Kindertageseinrichtung eine Bedeutung hat. Es geht zum Beispiel darum, dass sich insbesondere Eltern, die beide einen Migrationshintergrund haben, mehrsprachige ErzieherInnen wünschen. Es hängt auch damit zusammen, dass sich Eltern mit Migrationshintergrund eine leichtere Kita-Anmeldung wünschen. Es liegt außerdem an der Entfernung und bei bestimmten Gruppen auch an den Kosten der Einrichtung.

Wie kommt es, dass die Eltern mit geringerer Bildung, weniger Chancen auf einen Kita-Platz haben? Die Mütter, die kein Abitur haben, sagen zu fast 22 Prozent, dass sie eine Kita nutzen würden, wenn die Anmeldung leichter wäre. Bei der Gruppe derjenigen, die Abitur haben, sagen das zum Beispiel nur 14 Prozent. Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass eine Form der Diskriminierung vorliegt, wenn wir beispielsweise Unterschiede nach Migrationshintergrund erklären wollen. Das ist jedoch nur eine Vermutung, die wir anhand der Daten weder verifizieren noch falsifizieren können.

Welche Maßnahmen könnten helfen, die Teilhabe im Kita-Bereich zu verbessern? Ein weiterer Ausbau der Tageseinrichtungen für Kinder unter drei Jahren oder auch Erleichterungen bei der Anmeldung würden helfen. Bei der Qualität sollte zum Beispiel über mehrsprachige ErzieherInnen, kleinere Gruppen und passendere Betreuungszeiten nachgedacht werden, um die Teilhabe im Kita-Bereich zielgruppenspezifisch zu verbessern.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

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Audio-Interview (MP3)

C. Katharina Spieß

Abteilungsleiterin in der Abteilung Bildung und Familie