Die Realeinkommen steigen in der Breite: Interview

DIW Wochenbericht 18 / 2020, S. 324

Markus M. Grabka, Erich Wittenberg

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Herr Grabka, wie hat sich die Zahl der Erwerbstätigen in den letzten Jahren entwickelt? In den frühen 2000er Jahren hat sich die Zahl der Erwerbstätigen aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit bis ungefähr zum Jahr 2005 eher schwach entwickelt. Seitdem und vor allem nach der Finanzmarktkrise gab es einen starken Zuwachs der Beschäftigung in Deutschland. Das ist im Vergleich zum Jahr 2000 eine Zunahme der Erwerbstätigen von mehr als 13 Prozent.

Wie ist die Zunahme der Zahl der Erwerbstätigen zu erklären? Die verschiedenen Arbeitsmarktreformen, die in Deutschland eingeführt wurden, haben maßgeblich zum Beschäftigungsaufbau beigetragen. Zum anderen wirkt sich die Erhöhung des Renteneintrittsalters wie auch die deutliche Zunahme der Erwerbstätigkeit von Frauen positiv auf die Beschäftigung aus. Das gilt auch für die Zuwanderung, weil gerade junge Migranten aus dem europäischen Ausland eine hohe Qualifikation aufweisen und direkt in den Arbeitsmarkt einwandern.

Wie wirkt sich die Zunahme der Erwerbstätigen auf das Einkommen der privaten Haushalte aus? Die obersten zehn Prozent der einkommensstärksten Haushalte in Deutschland haben in den letzten 18 Jahren die stärksten Zuwächse erfahren. Bis zum Jahr 2017 sind das real etwa 22 Prozent. In der Mitte der Verteilung liegen die realen Einkommenszuwächse noch zwischen sieben und zwölf Prozent und selbst am unteren Rand, im zweiten Einkommensdezil, hat diese Einkommensgruppe immer noch das gleiche Niveau wie im Ausgangsjahr. Erfreulicherweise zeigt sich selbst im untersten Einkommensdezil nach einer langen Durststrecke in den letzten drei Jahren eine aufsteigende Tendenz beim realen Haushaltsnettoeinkommen.

Was bedeutet das für die Entwicklung der Einkommensungleichheit? Da muss man zwei Phasen unterscheiden. Bis zum Höhepunkt der Arbeitslosigkeit im Jahr 2005 ist die Ungleichheit der Haushaltsnettoeinkommen stark gestiegen. Aber seit dem Jahr 2005 steigt die Einkommensungleichheit in Deutschland nur leicht, sodass das heutige Niveau im Grunde dem des Jahres 2005 gleicht.

Wie hat sich die Niedrigeinkommensquote entwickelt? Hier muss man zwischen der in Deutschland und der im Ausland geborenen Bevölkerung unterscheiden. Gerade für die in den letzten Jahren Zugewanderten ist die Niedrigeinkommensquote teilweise auf Werte von knapp 30 Prozent deutlich angestiegen, während wir in der in Deutschland geborenen Population seit über zwölf Jahren eine Stabilisierung beobachten. Zusätzlich nach Altersgruppen differenziert erhalten wir den sehr überraschenden und erfreulichen Befund, dass sich die guten Entwicklungen im Arbeitsmarkt bei fünf von neun Altersgruppen seit 2010 in rückläufigen Niedrigeinkommensquoten zeigen.

Lässt sich abschätzen, wie sich die aktuelle Corona-Krise auf die Zahl der Erwerbstätigen und auf die Einkommensungleichheit auswirken wird? Mit den zur Verfügung stehenden Daten ist das derzeit noch nicht möglich, aber man kann aus der Vergangenheit Lehren ziehen. Es gab in Deutschland in den letzten 15 Jahren mit dem höchsten Stand der Arbeitslosigkeit 2005, der Finanzkrise 2008 und der Zuwanderung von mehreren Millionen Menschen ab 2010 drei große Herausforderungen. Der Sachverständigenrat geht zumindest derzeit auch von einem Rückgang des BIP für das Jahr 2020 aus, der in etwa in der Größenordnung der Finanzmarktkrise des Jahres 2008 liegen dürfte. Damals zeigte die Krise kaum dauerhafte Effekte, weil die Bundesregierung die negativen Auswirkungen eindämmen konnte. Ich bin optimistisch, dass die aktuell beschlossenen Maßnahmen wie Kurzarbeitergeld auch hier wieder die schlimmsten Auswüchse der Krise deutlich abfedern können.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Markus M. Grabka

Direktorium SOEP und kommissarische Bereichsleitung Wissenstransfer in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel