Coronabedingte Belastungen für Familien dürften vor allem die Mütter betreffen: Interview

DIW Wochenbericht 19 / 2020, S. 341

Julia Schmieder, Erich Wittenberg

get_appDownload (PDF  86 KB)

get_appGesamtausgabe/ Whole Issue (PDF  3.03 MB)

Frau Schmieder, Mitte März wurden auch Schulen und Kitas geschlossen, um die Corona-Virus-Pandemie einzudämmen. Wie viele Familien und Kinder sind davon insgesamt betroffen? Es gibt in Deutschland ungefähr sechs Millionen Familien mit mindestens einem Kind im Alter von bis zu zwölf Jahren, darunter rund 900000 Alleinerziehende. In diesen Familien leben knapp neun Millionen Kinder, die eigentlich eine Kita oder eine Schule besuchen.

Vor welche Probleme stellt diese Situation erwerbstätige Eltern? Bei etwa zwei Drittel aller Familien sind der alleinerziehende Elternteil oder beide Elternteile erwerbstätig. Der Wegfall außerfamiliärer Betreuungsmöglichkeiten stellt für diese Familien, insbesondere für Alleinerziehende, natürlich ein großes Problem für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie dar. Dazu kommt, dass durch die Kontaktbeschränkungen auch andere Betreuungsmöglichkeiten, zum Beispiel die Betreuung durch Großeltern, wegfallen. Daher müssen diese Eltern zusätzlich zur Erwerbstätigkeit noch die ganztägige Betreuung und mitunter sogar den Schulunterricht für ihrer Kinder übernehmen. Wenn sich das nicht mit der Erwerbstätigkeit beider Elternteile vereinbaren lässt, dann muss zumindest in der mittleren Frist ein Partner entweder die Arbeitsstunden reduzieren oder vielleicht sogar den Job zeitweise aufgeben. Es liegt relativ nahe, dass es häufig die Frau ist, die ihren Erwerbsumfang reduziert, da sie tendenziell weniger verdient, was Geschlechterunterschiede auf dem Arbeitsmarkt noch verstärkt.

Kinderbetreuung und Hausarbeit gingen auch schon vor der Corona-Zeit eher zu Lasten der Mütter. Ist dieses Ungleichgewicht durch die Corona-Beschränkungen noch größer geworden? Es gibt derzeit noch keine repräsentativen Daten, die es erlauben, sich das im Detail anzuschauen. Es war schon vor der Corona-Zeit so, dass die Mütter tendenziell mehr Kinderbetreuung und Hausarbeit übernommen haben und zwar auch, wenn beide Eltern den gleichen Erwerbsumfang hatten. Wir vermuten, dass die gleichen Mechanismen, die zu dieser Ungleichverteilung in Vor-Corona-Zeiten geführt haben, zur Folge haben, dass auch die zusätzlichen Lasten jetzt stärker von Frauen getragen werden. Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein Grund ist, dass Männer mehrheitlich in Vollzeit arbeiten oder auch, dass Männer meist mehr verdienen als ihre Partnerinnen.

Welche Konzepte wären denkbar, um Kitas und Schulen wieder zu öffnen, ohne dabei den Gesundheitsschutz zu vernachlässigen? Um allen Kindern, ganz unabhängig vom Erwerbsstatus der Eltern, den Zugang zu Bildung und sozialen Kontakten zu ermöglichen, könnte man beispielsweise die Kinder tageweise in kleinen festen Gruppen betreuen und unterrichten. Das würde aus bildungspolitischer Sicht sehr viel Sinn machen, die Vereinbarkeitsproblematik aber an vielen Tagen trotzdem nicht lösen.

Was könnte die Politik tun, um sowohl Elternpaare als auch Alleinerziehende zu entlasten? Wir schlagen eine Corona-Elternzeit in Kombination mit einem Corona-Elterngeld vor. Das sollte konkret so ausgestaltet sein, dass alleinerziehende Erwerbstätige oder Familien, in denen beide Eltern zusammen mehr als 40 Stunden arbeiten, einen Rechtsanspruch auf Arbeitszeitreduzierung erhalten. Diese Arbeitszeitreduzierung sollte von staatlicher Seite durch Einkommensersatzleistungen kompensiert werden. Um die Geschlechterungleichheiten in den Paarhaushalten nicht zu verstärken, sollte aber auf jeden Fall die Leistung an die Bedingung geknüpft werden, dass beide Elternteile ihre Arbeitszeit reduzieren.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg

Audio-Interview (MP3)

Julia Schmieder

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsgruppe Gender Economics