Wieso der Staat bei den Start-up-Hilfen genau hinsehen sollte: Kommentar

DIW Wochenbericht 21 / 2020, S. 372

Alexander S. Kritikos

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Anfang April schlug der Bundesverband Deutsche Startups Alarm und verlangte für Start-ups einen „ganzheitlichen Schutzschirm“, darunter auch einen staatlichen Matching-Fonds, der Investitionen im Verhältnis 80 zu 20 Prozent „matched“: Für jede neu investierte Million Euro privater Wagniskapitalgeber sollte der Staat vier Millionen Euro drauflegen. Kaschiert wurde diese maßlose Forderung mit der ökonomisch kaum zu rechtfertigenden Analogie, dies entspräche den im Rahmen des Corona-Hilfspakets bereitgestellten KfW-Krediten, für die der Bund (zu der Zeit noch) 80 Prozent des Ausfallrisikos übernahm.

Startups seien, so die Begründung, in der Regel von Liquiditätshilfen, Kurzarbeitergeld und den mittlerweile zu 100 Prozent abgesicherten KfW-Krediten ausgeschlossen. Daher die Notwendigkeit für den Schutzschirm, der nicht nur bonitätslose Frühphasen-Start-ups umfassen soll, sondern auch Scale-ups, also Start-ups in der Wachstumsphase, die prinzipiell für Fremdkapital in Frage kommen, und sogar Wagniskapitalfonds. Nur so würde der „Fortbestand des deutschen Startup-Ökosystems“ gesichert und ein „Startup-Sterben“ verhindert, lauteten die Warnungen des Verbands. Nach mehrwöchigen Verhandlungen hat der Bund nun beschlossen, eine „Corona-Matching-Fazilität“ (CMF) bereitzustellen, die unter anderem Investitionen privater Kapitalgeber im Verhältnis drei (private Mittel) zu sieben (finanziert mit Steuergeldern) „matched“.

Natürlich sollte der Staat Start-ups wie anderen Unternehmen in Zeiten der Pandemie das Überleben sichern, indem er ihnen Liquiditätshilfen gewährt. Insofern überrascht vor allem die Form, wie die Mittel der CMF-Fazilität zugeteilt werden sollen. Dabei fällt in der Diskussion um die zusätzlichen Hilfen auf, dass weniger die Start-up-Unternehmen selbst nach Hilfen riefen, sondern ihre Wagniskapitalgeber. Deren Kalkül ist klar: Je mehr Start-ups durch Staatshilfen am Leben gehalten werden, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie Wagniskapital nachschießen oder gar Investitionen abschreiben müssen.

Insbesondere Investitionen statt Liquiditätshilfen in sogenannte Scale-ups sollten kritisch beleuchtet werden, wenn nicht gar unterbleiben. Dies sind in der Regel umsatzgenerierende Unternehmen, die teils weit länger als fünf Jahre am Markt sind, in Deutschland etwa Marktführer sind oder sich als „Europas größten Händler“ in ihrem Segment bezeichnen. Es ist nicht nachvollziehbar, warum für solche Scale-ups das Kurzarbeitergeld und die Zuschüsse zu gering und die KfW-Kredite nicht zugänglich sein sollten, sie dürften mittlerweile kreditwürdig sein. Und es ist schwierig, anderen Bestandsunternehmen ähnlichen Alters zu erklären, warum Unternehmen, die sich mit dem Label „Start-Up“ schmücken, in einer solchen Krise zusätzliche finanzielle Unterstützung erhalten sollen. Die Hilfe vom Bund für solche Scale-ups sollte sich daher auf Liquiditätshilfen konzentrieren, die ausschließlich dazu dienen, diese schwierige Phase zu überstehen.

Gleichzeitig muss für die staatlichen Ko-Investitionen eine klare Start-up-Definition zugrunde gelegt werden. Darüber hinaus sollte der Bund bei der Vergabe darauf hinwirken, dass Innovationen von gesamtgesellschaftlicher Relevanz unterstützt werden. Das können Start-ups sein, die an für Covid-19 relevanten Innovationen arbeiten oder für den deutschen Industriestandort „Deep tech“ Zukunftstechnologien entwickeln. Zumindest sollte eine große sektorale und technologische Bandbreite abgedeckt werden, da derzeit der Löwenanteil an investiertem Wagniskapital in E-Commerce-Geschäftsmodelle fließt. Zu guter Letzt sollten die ausführenden Stellen genau darauf achten, dass nicht nur die „Platzhirsche“, sondern auch die Frühphasen-Start-ups bedacht werden, da sie weder auf Wagnis- noch Fremdkapital zugreifen können.

Die Diskussion um den Start-up-Schutzschirm ist ein guter Zeitpunkt, um auch generell die Förderung von Unternehmertum und Start-ups in Deutschland kritisch zu beleuchten. Insbesondere für die Erneuerung des Industriestandorts sind disruptive Innovationen zu wichtig, als dass man sie allein dem Markt überlassen kann.

Der Beitrag ist in einer längeren Fassung am 15. Juni 2020 bei Business Insider erschienen.

Alexander S. Kritikos

Leiter in der Forschungsgruppe Entrepreneurship