Die Corona-Angst kann uns in die nächste Finanzkrise stürzen

Blog Marcel Fratzscher vom 3. März 2020

Handelskonflikte, Brexit: Schon vor dem Corona-Ausbruch ging es der Weltwirtschaft nicht gut. Durch die Virus-Angst droht eine globale Finanzkrise, warnt der DIW-Chef im Gastbeitrag. Er fordert von der Bundesregierung drei Gegenmaßnahmen.

Hat die Weltwirtschaft gerade ihren „Corona-Moment“ erlebt, also den Beginn eines systemischen, weltweiten Wirtschaftsabschwungs? Ähnlich wie nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 könnte der massive Einbruch der globalen Finanzmärkte – verursacht durch die Ausweitung des Coronavirus nach Europa und in die USA – der Auslöser für eine Verhaltensveränderung von Investoren, Unternehmen und Konsumenten weltweit sein, die im Extremfall eine Rezession auslösen könnte.

Man kann nur hoffen, dass die Politik aus den eigenen Fehlern der globalen Finanzkrise 2008/09 gelernt hat und diesmal dem Abschwung entschlossen entgegenwirkt.

Viele mögen den Vergleich zwischen der Insolvenz von Lehman Brothers 2008 und der jüngsten Korrektur der Finanzmärkte für übertrieben halten. Zugegeben, die Ausgangslage damals war eine andere als heute: Viele Banken und Schattenbanken hatten hohe Risiken in ihren Bilanzen und nicht das nötige Eigenkapital, um sich gegen Verluste abzusichern. Das Finanzsystem und seine Institutionen sind heute ungleich stärker und stabiler.

Dieser Gastbeitrag ist am 3. März 2020 in der WELT erschienen.

Allerdings befindet sich die Weltwirtschaft auch ohne den Coronavirus bereits in einer prekären Lage. Handelskonflikte, Brexit, geopolitische Konflikte und Probleme einiger Branchen wie der deutschen Automobilbranche machen die Weltwirtschaft enorm verletzlich. Hinzu kommen Finanzmärkte, die sich in den vergangenen Jahren – auch getrieben durch die global expansive Geldpolitik – von der Realwirtschaft abgekoppelt haben und in vielen Segmenten massiv überbewertet sind.

Dabei entsteht der bei Weitem größte wirtschaftliche Schaden nicht durch die Ansteckung mit dem Coronavirus, sondern durch die Ansteckung mit einem psychologischen Virus: der Angst vor dem Ungewissen. Für den Einzelnen in Europa mag das Risiko größer sein, mit Grippe als durch den Coronavirus angesteckt zu werden. Wirtschaftlich ist das größte Risiko, dass ein Herdenverhalten der Finanzmarktteilnehmer und Verbraucher die Wirtschaft in eine Abwärtsspirale ziehen könnte, die schwer zu stoppen ist.

Bis Anfang Februar hatten die Investoren an den weltweiten Finanzmärkten den Coronavirus noch fast völlig ignoriert, und die Aktienindizes jagten von Rekord zu Rekord. Erst die Ansteckung einiger Menschen in Italien hat dann dieses Herdenverhalten umgedreht und einen massiven Einbruch an den Finanzmärkten verursacht, der schwer zu stoppen sein könnte. Narrative, Gerüchte und Ängste könnten dieses Verhalten über zwei Mechanismen stark potenzieren.

Zum einen entsteht ein Vertrauensverlust bei Unternehmen, die sich sorgen, ob sie notwendige Vorleistungen noch erhalten, ob sie für ihre eigenen Produkte noch bezahlt werden oder ob sie notwendige Kredite erhalten. Dies reduziert die Investitionen, den Welthandel und kostet auch Arbeitsplätze. Für Deutschland könnte dies vor allem mehr Kurzarbeit und möglicherweise einen Anstieg der Arbeitslosigkeit bedeuten.

Hinzu kommt die zunehmende Sorge von Verbraucherseite über die Ausbreitung des Coronavirus. Gerüchte zirkulieren, manche Güter oder Dienstleistungen könnte knapp werden. Wichtige Messen wie die ITB Tourismusmesse in Berlin wurden abgesagt. Verbraucher verschieben den Kauf eines neuen Autos, eine Reise oder den nächsten größeren Einkauf im Shoppingcenter.

So ist beispielsweise die Nachfrage nach Neuwagen in China in den letzten beiden Monaten um bis zu 90 Prozent im Vergleich zum Vorjahr eingebrochen. Nicht nur einzelne Branchen wie Fluglinien und Reiseveranstalter oder Städte wie Berlin leiden unter der einbrechenden Nachfrage – es wird die gesamte Volkswirtschaft treffen.

Was jetzt zu tun ist

Drei Prioritäten sollte die Bundesregierung aus wirtschaftlicher Perspektive setzen.

Erstens muss sie versuchen, Stabilität zu gewährleisten, und darf nicht selbst eine Panik und das Herdenverhalten befeuern. Grenzschließungen zum Beispiel könnten über das Ziel hinausschießen: Sie wären wohl nicht nur recht ineffektiv, sondern könnten eine Überreaktion noch verstärken.

Als Zweites sollte die Bundesregierung ein Konjunkturprogramm ankündigen und umsetzen. Der Fokus sollte auf Investitionen liegen, selbst wenn viele der Maßnahmen erst nach Monaten oder Jahren greifen mögen. Dies wäre jedoch ein wichtiges Signal, dass die Politik nicht nur die Dringlichkeit verstanden hat, sondern auch langfristig die Perspektiven der Unternehmen verbessern hilft. Steuersenkungen für Unternehmen wären dabei wohl recht ineffektiv, denn diese würde nichts an der Nachfrageschwäche ändern. Eine Entlastung von Konsumenten mit geringen Einkommen dagegen könnte zumindest einen kleinen stabilisierenden Effekt haben.

Als Teil dieses Pakets sollte die Politik den Unternehmen helfen, Arbeitsplätze zu sichern und Kurzarbeit zu finanzieren. Dies war ein wichtiges Erfolgsrezept während der globalen Finanzkrise 2008. Dies erfordert auch, dass die Politik den Menschen reinen Wein einschenkt und sich endlich von der schwarzen Null verabschiedet.

Das dritte Element einer wirtschaftspolitischen Antwort auf den Coronavirus ist eine internationale Kooperation der G-20-Länder, um den globalen Handel zu stärken, Handelskonflikte auszusetzen und gemeinsam mit abgestimmten Konjunkturprogrammen die Weltwirtschaft zu stabilisieren.

Wenn das größte wirtschaftliche Risiko des Coronavirus das Herdenverhalten der Marktteilnehmer und im schlimmsten Fall eine Panik an Finanzmärkten sind, bei Unternehmen und Bürgerinnen und Bürgern, dann ist Vertrauen in diesen Zeiten der Unsicherheit die allerwichtigste Währung. Dieses Vertrauen muss die Politik vermitteln, indem sie deutlich signalisiert, dass sie alle Möglichkeiten zur Stabilisierung der Märkte ergreifen wird. Ein kluges und international abgestimmtes Konjunkturprogramm sollte hierfür ein zentrales Element der Strategie der Bundesregierung sein.