Mobile Money trägt zur finanziellen Inklusion bei und kann negative Schocks abpuffern: Interview

DIW Wochenbericht 22 / 2020, S. 382

Katharina Lehmann-Uschner, Erich Wittenberg

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Frau Lehmann-Uschner, was versteht man unter Mobile Money und welche Rolle spielt es in Afrika? Mobile Money sind Finanzdienstleistungen, die nicht von etablierten Banken, sondern von Telefon-Anbietern über das Handy angeboten werden. Anfangs konnte man nur Geld per Handy schicken, mittlerweile kann man auch über Mobile Money sparen, einen Kredit aufnehmen oder Gebühren bezahlen. Für die Entwicklung in Afrika hat das eine große Bedeutung, weil es gerade in ländlichen Regionen keine Banken gibt. Bislang mussten viele Leute Geld persönlich überbringen oder haben ihr Geld unter dem Kopfkissen gespart.

Wie haben sich die Nachfrage und die Verbreitung von Mobile Money in Afrika entwickelt? Angefangen hat es 2007 in Kenia. Seitdem sind die Zahlen der Nutzer stark gestiegen. In Uganda, das wir uns angeschaut haben, wurde Mobile Money 2009 eingeführt. Mittlerweile haben dort fast 90 Prozent der Leute, die wir befragt haben, zumindest ein Mobile-Money-Konto. In Kenia haben mittlerweile eigentlich fast alle einen Zugang zu Mobile Money. In anderen ostafrikanischen Ländern sind die Entwicklungen ähnlich.

Welche Personen nutzen Mobile Money und wer hat keinen Zugang? Mobile Money wird am häufigsten von Personen genutzt, die auch schon Zugang zu anderen Finanzdienstleistungen haben. Unter den Individuen, die bislang „unbanked“ sind, ist die Nutzung prozentual gesehen geringer. Aber dennoch sehen wir auch hier eine Nutzung von Mobile Money, das somit zur finanziellen Inklusion beiträgt.

Welche Bedeutung hat die Nutzung von Mobile Money für die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas? Einerseits trägt es zur finanziellen Entwicklung bei, weil Mobile Money viele Individuen erreichen kann, die bislang keinen Zugang zu Finanzdienstleistungen hatten. Zudem stellen die vielen Telefonanbieter in diesem Bereich eine Konkurrenz zu etablierten Banken dar, die in der Folge eventuell ihre Kostenstrukturen überdenken. Oft gibt es einen Minimalbetrag, den man einzahlen muss, um ein Konto eröffnen zu können. Das können sich viele Personen nicht leisten. Ein anderer Punkt ist, dass Mobile Money erwiesenermaßen zur Pufferung großer negativer Schocks beitragen kann. Durch die Möglichkeit, sehr leicht Geld schicken zu können und nicht erst persönlich reisen zu müssen, können Familienmitglieder in anderen Landesteilen unterstützt werden. Das verringert die Wahrscheinlichkeit, dass diese in Notsituationen ihre Güter verkaufen oder ihre Kinder aus der Schule nehmen müssen.

Wo gibt noch Verbesserungsbedarf? Zum Teil sind die Kosten für kleine Transaktionsbeträge noch sehr hoch. Hier könnte man den Wettbewerb stärken. Sicherlich spielt auch die Regulierung eine Rolle. Um mögliche Bankruns zu vermeiden, könnte es staatliche Vorgaben für eine Einlagensicherung geben. Außerdem spielt auch der Verbraucherschutz eine Rolle. Wir haben gesehen, dass die Zahlungsbereitschaft schwankt, je nachdem wie die Kosten angegeben sind, ob in Prozent oder in Ugandischen Schilling. Das zeigt, dass vielen Individuen die tatsächlichen Kosten nicht klar sind. Daher sollten die Anbieter von Mobile Money zu mehr Transparenz in ihren Kostenstrukturen aufgefordert werden. Zudem könnte man hier auch mit einer Stärkung der finanziellen Bildung etwas erreichen, indem man finanzielle Bildungsprogramme anbietet, die speziell auf Mobile Money zugeschnitten sind, um die Risiken und die Vorteile von Mobile Money gezielt zu erklären.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg

Audio-Interview (MP3)

Katharina Lehmann-Uschner

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Weltwirtschaft