Die Erholung der Wirtschaft wird sich sehr lange hinziehen: Interview

DIW Wochenbericht 24 / 2020, S. 437

Claus Michelsen, Erich Wittenberg

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Herr Michelsen, die Corona-Pandemie stellt weite Teile der Weltwirtschaft und auch Deutschland vor große wirtschaftliche Probleme. Wie stark hat es die deutsche Wirtschaft erwischt? Wir erleben einen Einbruch, der in der Nachkriegsgeschichte der deutschen Wirtschaft einmalig ist und rechnen damit, dass das Bruttoinlandsprodukt beträchtlich einbrechen wird. Wahrscheinlich werden wir in diesem Jahr einen Rückgang von mehr als neun Prozent erleben.

Welche Wirtschaftsbereiche in Deutschland sind besonders betroffen? Der soziale Konsum, also Gastronomie, Tourismuswirtschaft, aber auch Bereiche wie der Einzelhandel sind durch den Lockdown ganz unmittelbar betroffen. Wir stellen aber fest, dass der Einbruch breit ist und mittlerweile in viele Bereiche ausstrahlt. Er trifft sowohl die Industrie als auch die Dienstleistungen. Auch die Bauwirtschaft kommt nicht ungeschoren davon.

Wie stark ist die Auslandsnachfrage beeinträchtigt? Die deutsche Exportwirtschaft ist spezialisiert auf die Produktion und den Export von Maschinen, Anlagen und Kraftfahrzeugen. Das ist der Bereich, der global am schärfsten von dieser Rezession betroffen ist, und das bekommen wir besonders stark zu spüren. Auch die Anschaffung langlebiger Konsumgüter wird von den Haushalten zurückgestellt und das trifft natürlich auch die Automobilindustrie. Wir rechnen damit, dass gerade die Exporttätigkeit unter die Räder kommt und dass wir uns auf absehbare Zeit nicht aus dieser Krise heraus exportieren können, denn wir rechnen nicht damit, dass die Absatzmärkte eine schnelle Erholung erleben.

Wann ist mit einer wirtschaftlichen Erholung in Deutschland zu rechnen? Die Erholung wird sich unserer Einschätzung nach sehr lange hinziehen. Wir rechnen damit, dass wir erst im Jahr 2022 ungefähr das Vorkrisenniveau erreicht haben werden. Die Wirtschaft zu stoppen ist sehr schnell möglich, aber das Anfahren der Wirtschaft umso schwieriger. Das hängt einerseits damit zusammen, dass Lieferketten unterbrochen sind und die Produktion nicht reibungsfrei wieder hochgefahren werden kann. Andererseits spielt auch eine Rolle, dass die Unternehmen große Verluste machen und Haushalte geringere Einkommen haben. Das macht sich in der Nachfrage bemerkbar. Der dritte Aspekt ist die Unsicherheit. Viele werden sich Gedanken darüber machen, welche Einkommen sie in Zukunft erzielen können und ihr Geld entsprechend zusammenhalten.

Was ist zu tun, damit sich die deutsche Wirtschaft wieder erholt? Wir sind der Auffassung, dass ein Konjunkturprogramm für die Inlandsnachfrage wichtig ist, aber auch ein europäischer Impuls gebraucht wird, der einen Weg aus der Krise zeigt. Unternehmen und Haushalte sind auf verlässliche Rahmenbedingungen angewiesen und auf das Signal, dass man dem Standort Deutschland, aber auch dem europäischen Standort trauen kann. Und hierfür braucht es einen Impuls, der die Nachfrage anregt und gleichzeitig zukünftige Probleme adressiert. Wir reden schon seit längerer Zeit über Dekarbonisierung, Digitalisierung und Fragen im Bereich der Bildung. Jetzt wäre die Gelegenheit, diese offensichtlichen Schwächen auch in Deutschland zu adressieren und mit einem großen Konjunkturprogramm an der Lösung dieser Probleme zu arbeiten. Das von der Bundesregierung beschlossene Konjunkturprogramm geht in die richtige Richtung, allerdings noch nicht weit genug. Wir machen weitergehende Vorschläge für ein Investitionsprogramm, mit dem die Krise bewältigt und das Wachstumspotential gestärkt werden kann. Investitionen zahlen sich, im Gegensatz zu Konsumgutscheinen oder Überweisungen an Haushalte, langfristig aus und machen die wirtschaftliche Aktivität in Deutschland nachhaltig rentabler.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Audio-Interview (MP3)

Claus Michelsen

Abteilungsleiter in der Abteilung Konjunkturpolitik

Themen: Konjunktur