Zu wenig Bildungs- und Betreuungsinvestitionen im Konjunkturpaket: Kommentar

DIW Wochenbericht 25 / 2020, S. 464

C. Katharina Spieß

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Das Konjunkturpaket der Bundesregierung ist insgesamt größer geworden als gedacht. Vieles steckt darin: So soll es beispielsweise einen Kinderbonus in Höhe von 300 Euro pro Kind geben, außerdem rund drei Milliarden Euro für den Ausbau von Kitas und Ganztagsschulen sowie die Digitalisierung der Schulen. Das klingt nach etwas, doch es reicht nicht aus. Während der Kinderbonus wenig zielgenau ist und auch Familien zugutekommt, die finanziell nicht auf ihn angewiesen sind, während er für andere nicht ausreicht, ist die zweite Maßnahme nicht ambitioniert genug. Bereits jetzt ist absehbar, dass es eine Corona-Generation geben wird, deren Bildung – nicht nur in der Schule, sondern schon in der Kita – durch Unterbrechungen gekennzeichnet ist, weil Kitas und Schulen für längere Zeit geschlossen hatten, teilweise noch haben oder nur tageweise wenige Fächer unterrichten. Und wer weiß, was im Herbst und Winter noch passiert. Die Auswirkungen könnten sich in vielen Jahren noch auf dem Arbeitsmarkt und auch den Gehaltszetteln der heutigen Kinder widerspiegeln.

Das wichtigste für viele Familien und Kinder ist daher, spätestens nach den Sommerferien wieder flächendeckenden Präsenzunterricht zu ermöglichen. Damit wäre auch den Eltern mehr geholfen als mit jedem Kinderbonus. Denn allein mit Geld lässt sich Beruf und Kinderbetreuung noch nicht besser unter einen Hut bekommen. Notfalls sollte der Unterricht in angemieteten Räumen stattfinden, denn wenn in kleineren Lehreinheiten unterrichtet werden soll, braucht es mehr Räume und auch größere Räume. Da Lernen nicht nur in der Schule stattfindet, sondern auch in der Kita, braucht es auch dort schnell eine Aufstockung der räumlichen Kapazitäten. Doch dazu findet sich leider nichts Konkretes im Konjunkturpaket.

Es braucht aber auch mehr Lehrerinnen und Lehrer, mehr pädagogisches Fachpersonal, zumindest dann, wenn nicht zu viele Fächer oder ganze Bereiche der frühen Bildung wegfallen sollen. Wer soll sonst in den zusätzlichen Räumen unterrichten, wenn die anderen Lehrkräfte in den Schulräumen sind? Hier sollte man sich am Gesundheitsbereich orientieren und diejenigen heranziehen, die sich in Ausbildung befinden – in diesem Fall angehende pädagogische Fachkräfte für Kitas oder Lehramtsanwärterinnen und -anwärter für Schulen. Sie könnten einen Teil ihrer erforderlichen Praxiserfahrung nun sammeln.

Das Praktische an Investitionen in Räume und Personal zum Lernen in Kitas und Schulen ist, dass sie sowohl kurzfristig als auch langfristig wirken. Kurzfristig, weil Alleinerziehende und Eltern, die beide erwerbstätig sind, dadurch Beruf und Familie miteinander vereinbaren können. Dabei geht es um immerhin zwei Drittel der Familien mit Kindern im Alter von bis zu zwölf Jahren. Den Unternehmen fehlen durch die Kita- und Schulschließungen nicht nur wertvolle Arbeitskräfte und Arbeitsstunden, sondern dem Fiskus auch Einnahmen im Bereich der Einkommensteuer und der Sozialversicherungen.

Langfristig wirken Bildungsinvestitionen, weil weniger Schulbildung nicht nur den Schülerinnen und Schülern selbst schaden kann, sondern auch für die Gesellschaft und Volkswirtschaft erhebliche Kosten verursacht. Geht etwa ein Drittel eines Schuljahres verloren, liegen die späteren Erwerbseinkommen der Betroffenen – so die Berechnungen – um drei bis vier Prozent niedriger. Mit Bildung gehen zudem nicht nur monetäre Erträge einher, sondern vielfach auch nichtmonetäre, etwa im Bereich der physischen Gesundheit oder beim Demokratieverständnis. Aber auch hier darf die frühe Bildung nicht vergessen werden. Sie hat ebenfalls eine hohe Rendite, insbesondere Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien profitieren von ihr.

Bildungsinvestitionen lohnen sich kurz- und langfristig, sie wären jetzt zudem eine Investition in jene Generationen, die die Schulden, die jetzt auch für das Konjunkturpaket gemacht werden, zumindest in Teilen noch werden zurückzahlen müssen. Deshalb hätten sie mehr Gewicht im Konjunkturprogramm der Bundesregierung verdient gehabt.

Dieser Kommentar ist in einer längeren Version am 6. Juni 2020 in der Frankfurter Rundschau erschienen.

C. Katharina Spieß

Abteilungsleiterin in der Abteilung Bildung und Familie

Themen: Konjunktur, Bildung