Ökonominnen sind in der wirtschaftspolitischen Beratung deutlich seltener vertreten als ihre Kollegen

Pressemitteilung vom 17. Juni 2020

Frauen sind in der ökonomischen Politikberatung oftmals unterrepräsentiert – Ihr Anteil liegt im Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesfinanz- und beim Bundeswirtschaftsministerium bei nur 14 und 15 Prozent – Unter den Wirtschaftsweisen und in interdisziplinären Beiräten liegt der Frauenanteil deutlich höher – Initiativen wie Expertinnenlisten könnten Ökonominnen sichtbarer machen

In der Corona-Pandemie hat die wissenschaftsbasierte Politikberatung an Bedeutung und Sichtbarkeit gewonnen. Wie beratende Gremien zusammengesetzt sind, wurde zuletzt jedoch kontrovers diskutiert, beispielsweise im Fall einer Arbeitsgruppe der Nationalen Akademie der Wissenschaften, der Leopoldina. Nur 2 der 26 Mitglieder waren Frauen. Forscherinnen am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) haben nun untersucht, inwiefern Frauen in der wirtschaftspolitischen Beratung vertreten sind. Die Analyse zeigt: In Gremien, die fast nur mit ÖkonomInnen besetzt sind, ist der Frauenanteil häufig sogar geringer als der an allen Professuren der Volkswirtschaftslehre in Deutschland.

So sind im Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesministerium der Finanzen nur 14 Prozent der Mitglieder Frauen, im Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie lediglich 15 Prozent. Der Frauenanteil an der VWL-Professorenschaft in Deutschland beträgt hingegen 18 Prozent. Anders ist es beim Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, den fünf sogenannten Wirtschaftsweisen: Durch die Berufung von Veronika Grimm und Monika Schnitzer hat sich der Frauenanteil im Juni 2020 von 20 auf 40 Prozent erhöht. „In den ersten 40 Jahren nach Gründung gab es keine Ökonomin im Sachverständigenrat. Nach 56 Jahren sind nun erstmals zwei Frauen vertreten“, stellt Katharina Wrohlich, Leiterin der Forschungsgruppe Gender Economics am DIW Berlin, fest und empfiehlt: „Auch in anderen Gremien sollte die Politik den Frauenanteil erhöhen, um in ihrer Beratung unterschiedliche Perspektiven zu hören.“


Grafik: DIW Berlin

Frauen sind in interdisziplinären Gremien stärker repräsentiert als in ökonomisch ausgerichteten Räten

Die DIW-Wissenschaftlerinnen haben auch Beratungsgremien untersucht, in denen neben der Ökonomie auch andere Fachbereiche vertreten sind. In diesen interdisziplinären Beiräten liegt der Frauenanteil deutlich höher ­– und zwar auch unter den ÖkonomInnen. Beim Wissenschaftlichen Beirat für Familienfragen, der das Bundesfamilienministerium berät, beträgt der Frauenanteil 63 Prozent. Zudem sind 80 Prozent der ÖkonomInnen im Gremium Frauen. Im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), deren Mitglieder vom Bundesbildungs- und Bundesumweltministerium besetzt werden, liegt der Frauenanteil bei 71 Prozent. Im WBGU sind sogar alle ÖkonomInnen Frauen. Ein ähnliches Bild zeigt sich in acht untersuchten Fachkommissionen, wie der Monopolkommission und dem FinTechRat: Je stärker interdisziplinär ein Rat besetzt ist, desto höher ist der Frauenanteil.

„Nach 56 Jahren sind nun erstmals zwei Frauen im Sachverständigenrat vertreten. Auch in anderen Gremien sollte die Politik den Frauenanteil erhöhen, um in ihrer Beratung unterschiedliche Perspektiven zu hören.“ Katharina Wrohlich

Initiativen wie Expertinnenlisten könnten die Expertise von Frauen sichtbarer machen

Politikberatung erfolgt nicht nur in Gremien. Auch über die Medien können wissenschaftsbasierte Politikempfehlungen vermittelt werden. „Vorliegende Analysen haben gezeigt, dass Frauen als Expertinnen sowohl vor als auch während der Corona-Pandemie in den Medien kaum zu Wort kamen“, stellt Wrohlich fest. Die Gründe, warum Frauen in der Politikberatung so selten vertreten sind, sind vermutlich vielfältig. Es könnte beispielsweise daran liegen, dass Wissenschaftlerinnen mehr Zeit für Sorgearbeit aufbringen müssen als ihre Kollegen, deren Partnerinnen häufiger in Teilzeit arbeiten. „Politikberatung – ob über Beratungsgremien oder Medien – ist meist ein ehrenamtlicher Job. Universitäten könnten es Wissenschaftlerinnen erleichtern, diesen auszuüben, indem sie sie an anderer Stelle entlasten, zum Beispiel Lehrverpflichtungen reduzieren“, empfiehlt Wrohlich. Um die Expertise von Frauen noch sichtbarer zu machen, sind auch Expertinnenlisten oder -rankings als sinnvolle Initiativen geeignet. „Solche Maßnahmen könnten die Vielfalt der Inhalte und Perspektiven in der wirtschaftspolitischen Beratung und der öffentlichen Debatte erhöhen. Dadurch könnten zudem geschlechterstereotype Vorstellungen in der Gesellschaft sukzessive abgebaut werden.“

Links

  • Studie im DIW Wochenbericht 25/2020
  • Infografik in hoher Auflösung (JPG, 1.12 MB)
  • Interview mit Katharina Wrohlich
  • O-Ton von Katharina Wrohlich
    In der Politikberatung und in den Medien sind Ökonominnen noch zu selten vertreten - Interview mit Katharina Wrohlich

Themen: Gender

Katharina Wrohlich

Leiterin in der Forschungsgruppe Gender Economics

Denise Barth

Studentische Hilfskraft in der Forschungsgruppe Gender Economics