EU-Ziele und nationale Kohleausstiege ermöglichen stringentere Ausgestaltung des Emissionshandels: Interview

DIW Wochenbericht 27 / 2020, S. 492

Aleksandar Zaklan, Erich Wittenberg

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Herr Zaklan, aktuell wird eine Anhebung des europäischen Klimaschutzziels von derzeit 40 Prozent auf 50 bis 55 Prozent bis zum Jahr 2030 diskutiert. An welchen Stellschrauben muss gedreht werden, um dieses Ziel zu erreichen? Wir haben in Europa unterschiedliche Ansätze, um Klimaschutz zu betreiben. Vom europäischen Emissionshandel erfasst sind insbesondere die Energieerzeugung, also Strom und Wärme, aber auch eine Reihe von Industriesektoren, beispielsweise Stahl, Zement, Glas und Papier. Der Emissionshandel wird gesteuert über die Obergrenze, das sogenannte Cap. Diese Begrenzung wiederum wird über den sogenannten linearen Kürzungsfaktor (LKF) gesteuert. Dieser Faktor führt dazu, dass diese Obergrenze Jahr für Jahr um eine bestimmte, feststehende Menge an Emissionen gesenkt wird. Aktuell ist dieser lineare Kürzungsfaktor auf 2,2 Prozent des Caps im relevanten Jahr festgelegt für den Zeitraum von 2021 bis 2030. Das entspricht in etwa einer jährlichen Absenkung der Gesamtemissionen um rund 48 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente im kommenden Jahrzehnt.

Inwieweit muss diese Obergrenze (Cap) angepasst werden, um die neuen Klimaziele erreichen zu können? Zunächst muss man sich entscheiden, welches Klimaziel man eigentlich erreichen will. Der Europäischen Kommission geht es um Emissionssenkungen von 50 bis 55 Prozent, im Europäischen Parlament werden sogar 65 Prozent diskutiert. Wir berechnen ein sogenanntes Emissionsbudget. Das ist die Gesamtmenge der Emissionen von 2016 bis 2050, die dazu führt, dass der europäische Beitrag zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels, im Einklang mit dem Pariser Klimaabkommen, erreicht werden kann. Wir haben hierfür bewusst einen Ansatz gewählt, der die Mindestanforderungen für den Emissionshandel formuliert. Um das im idealen Fall zu erreichen, müsste der lineare Kürzungsfaktor von etwa 2,2 Prozent auf etwa vier Prozent im Jahr angehoben werden. Das heißt, wir sprechen hier fast von einer Verdoppelung der Geschwindigkeit der Emissionssenkung bereits ab 2021, um mit dem von uns berechneten Pfad im Einklang zu sein.

Wie realistisch ist eine starke Verschärfung dieser Obergrenze, dieses Caps, was ist da möglich? Wenn man die auf europäischer Ebene bereits festgelegten Ziele für den Anteil an erneuerbaren Energien im europäischen Energiemix und für Verbesserungen in der Energieeffizienz in Betracht zieht und die Potenziale aus den nationalen Kohleausstiegen mit einbezieht, dann können wir den Kürzungsfaktor des Cap von 2,2 Prozent im Jahrzehnt 2021 bis 2030 auf 3,6 Prozent anheben, ohne irgendwelche Mehrbelastungen für die Anlagen im Emissionshandelsbereich. Das heißt, wir sind damit schon sehr nahe an diesen vier Prozent, die wir als Mindestanforderung berechnen.

Sollte man also zeitnah damit beginnen, das Cap anzupassen und den linearen Kürzungsfaktor anzuheben? Sofort. In unseren Szenarien ergeben sich die vier Prozent unter der Annahme, dass wir das Cap schon im Jahr 2021 anpassen können, also praktisch sofort. Wenn wir das erst fünf Jahre später anpassen können, dann müssen wir ab 2026 sehr viel mehr machen, um dann noch auf diesen kosteneffizienten Pfad zu gelangen.

Müsste mehr getan werden, damit die Anhebung der europäischen Klimaziele auch wirklich erreicht werden kann? Wir finden, dass die Ambition gesteigert werden muss, damit wir einen angemessenen Beitrag beim Emissionshandel zum 1,5-Grad-Ziel leisten können. Allerdings sind wir überzeugt davon, dass diese Anpassung auch möglich ist. Die Energiepolitik ist auf europäischer Ebene und auch auf nationaler Ebene in Deutschland und anderen europäischen Ländern schon einige Schritte vorangegangen. Der Spielball liegt jetzt beim Emissionshandel.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

O-Ton von Aleksandar Zaklan
EU-Ziele und nationale Kohleausstiege ermöglichen stringentere Ausgestaltung des Emissionshandels - Interview mit Aleksandar Zaklan

Aleksandar Zaklan

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt