Deutschland muss dazu beitragen, das Klimaschutzziel 2030 in Richtung 65 Prozent anzupassen: Interview

DIW Wochenbericht 28 / 2020, S. 507

Christian von Hirschhausen, Erich Wittenberg

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Herr von Hirschhausen, was ist der „European Green Deal“ und auf welche Aspekte haben Sie sich in Ihrem Bericht fokussiert? Der European Green Deal ist ein Maßnahmenpaket auf europäischer Ebene, welches das Ziel der Klimaneutralität, der Kreislaufwirtschaft und der verringerten Umweltverschmutzung bis 2050 vorsieht. Wir haben uns insbesondere mit den besonders CO₂-intensiven Aspekten, wie zum Beispiel den Sektoren Energie, Verkehr, Industrie, aber auch der Finanzierung des Strukturwandels beschäftigt. Der Green Deal ist auch dem Pariser Klimaschutzabkommen verpflichtet, das heißt, der Reduktion der mittleren Erdtemperatursteigerung auf weit unter zwei Grad, nach Möglichkeit 1,5 Grad.

Was sind die Kernergebnisse Ihres Gutachtens? Zum einen muss die Reduktion von Treibhausgasemissionen um 65 Prozent bis 2030 gegenüber 1990 beschleunigt werden, zum anderen müssen fossile und atomare Energieerzeugung vollständig durch erneuerbare Energien ersetzt werden und zwar nicht nur in der Perspektive 2050, sondern ab sofort, so dass wir spätestens 2040 die Klimaneutralität erreicht haben.

Wie viel CO₂ könnte mit einem solchen Szenario gegenüber der aktuellen Entwicklung eingespart werden? Unsere Szenariorechnungen ergeben ein Einsparpotential von ungefähr 50 bis 60 Milliarden Tonnen CO₂. Hierfür muss zur Kompensation der fossilen Energieträger das Wachstum der erneuerbaren Energien stark beschleunigt werden. Das gilt nicht nur für Länder, die ideale Voraussetzungen haben. Auch Länder wie Deutschland, Polen und das Vereinigte Königreich können Erneuerbare günstiger produzieren als fossile Energien, ganz zu schweigen von der teuren und gefährlichen Atomkraft.

Welche Investitionen müssten für eine Umsetzung des Green Deals getätigt werden? Wir rechnen mit Investitionen von rund 3 000 Milliarden Euro. Unser Szenario geht von stark wachsender Energieeffizienz, von ungefähr drei Prozent Gebäudesanierung pro Jahr und von gesteigerter Effizienz auch im Verkehrssektor aus, zudem brauchen wir auch Flexibilitätsoptionen. Dazu gehören Speicher, Lastmanagement und ein den Umständen angepasster Netzumbau, sodass wir hier erhebliches Investitionspotential haben. Die Corona-Konjunkturpakete bieten eine gute Grundlage für die Umsetzung des European Green Deal.

Inwieweit würden diese Investitionen die Konjunktur ankurbeln? Wir können über zukunftsgerichtete Investitionen sowohl in Forschung und Entwicklung als auch in Anlagen und Infrastruktur relativ schnell konjunkturwirksame Effekte erzielen. Die Konjunkturprogramme sollten sich aber auch in eine mittelfristige Investitionsstrategie einpassen und kompatibel mit der Klimaneutralität sein. Dazu gehören keine Finanzierung von fossiler Infrastruktur und natürlich auch keine weitere Subvention von Atomkraft.

Vor welchen energiepolitischen Herausforderungen steht die deutsche EU-Ratspräsidentschaft? Der deutschen Ratspräsidentschaft kommt im nächsten Halbjahr bei der Verknüpfung von Klimaschutz, Konjunkturerholung und europäischer Einheit eine besondere Bedeutung zu. Deutschland muss dazu beitragen, das Klimaschutzziel in Richtung 65 Prozent anzupassen. Zurzeit liegt es nur bei 40 Prozent, das reicht bei weitem nicht aus. Deutschland und Frankreich als Taktgeber müssen Verbündete für eine gemeinsame europäische Investitionsstrategie finden und Deutschland muss auch seine Hausaufgaben vor Ort machen. Dazu gehört ein wesentlich schnellerer Kohleausstieg als der, der jetzt beschlossen wurde, dazu gehört aber auch der Erdgasausstieg. Weltweit gehandeltes fossiles Erdgas ist oftmals klimaschädlicher als Kohle, weil die Vorkettenemissionen bisher vernachlässigt wurden.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

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