Erfolge, aber auch weiteres Potential bei der schulischen und außerschulischen Integration geflüchteter Kinder und Jugendlicher

DIW Wochenbericht 34 / 2020, S. 579-589

Ludovica Gambaro, Daniel Kemptner, Lisa Pagel, Laura Schmitz, C. Katharina Spieß

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  • Schulische und außerschulische Aktivitäten können zur Integration geflüchteter Kinder und Jugendlicher beitragen
  • Repräsentative IAB-BAMF-SOEP-Befragung Geflüchteter zeigt, dass sich Großteil der Kinder und Jugendlichen an Schulen wohl fühlt
  • Sie nutzen häufig ganztägige Schulangebote und Hort-Angebote
  • Nutzung von Schul-AGs und Sportvereinen bei Geflüchteten geringer als bei Gleichaltrigen ohne Migrationshintergrund
  • Durch gezielte Angebote in diesem Bereich kann die Integration weiter befördert werden

„Vielen Schulen ist es gelungen, geflüchtete Kinder und Jugendliche so in den Schulalltag zu integrieren, dass ein Großteil sich in der Schule wohl fühlt und dort gute soziale Kontakte knüpfen kann. Dennoch sollten Angebote vor allem bei Schul-AGs und außerschulischen Aktivitäten, wie dem Freizeitsport, gezielt ausgeweitet werden.“ Laura Schmitz

In den letzten Jahren sind viele Kinder und Jugendliche mit ihren Familien nach Deutschland geflüchtet. Ihre Integration ist von zentraler Bedeutung für ihr Leben heute und ihren weiteren Lebensweg. Wichtige Indikatoren einer erfolgreichen Integration sind das Zugehörigkeitsgefühl zu ihren Schulen, ihre Teilnahme an schulischen und außerschulischen Aktivitäten sowie ihre sozialen Kontakte. Dieser Bericht beleuchtet diese Indikatoren auf Basis der Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), insbesondere der IAB-SOEP-Migrationsstichproben und der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten. Die Ergebnisse zeigen, dass die Integration von Zwölf-, 14- und 17-Jährigen, die mit Familienangehörigen nach Deutschland gekommen sind, grundsätzlich auf einem guten Weg ist: Sie fühlen sich ihrer Schule zugehörig und besuchen vermehrt schulische Ganztags- sowie Hortangebote. Dadurch wird ihnen der ganztägige Kontakt mit Gleichaltrigen, die schon länger in Deutschland leben, ermöglicht. Die vergleichsweise geringe Beteiligung geflüchteter Kinder und Jugendlicher an Schul-AGs zeigt jedoch, dass das Potential noch nicht ausgeschöpft ist. Hier sollten Bemühungen verstärkt werden, um eine höhere Teilnahme zu erreichen. Auch bei außerschulischen Aktivitäten besteht weiteres Potential. So könnten etwa Sportvereine noch aktiver um eine Teilnahme geflüchteter Kinder und Jugendlicher werben.

Die Integration der nach Deutschland geflüchteten Familien und ihrer Mitglieder ist eine der zentralen Aufgaben deutscher Integrationspolitik. Allerdings sind dabei altersspezifische Bemühungen erforderlich, denn Integration ist erfolgreicher, wenn die spezifischen Bedürfnisse der AdressatInnen berücksichtigt werden. Unter allen Personen, die als AsylantragsstellerInnen registriert wurden, betrug in den Jahren 2015 und 2016 der Anteil der Elf- bis 18-Jährigen rund zehn Prozent.infoVgl. BAMF (2016): Das Bundesamt in Zahlen 2015. Asyl, Migration und Integration. Nürnberg (online verfügbar) und BAMF (2017): Das Bundesamt in Zahlen 2016. Asyl, Migration und Integration. Nürnberg (online verfügbar). In den zehn Prozent enthalten sind auch Kinder und Jugendliche, die alleine nach Deutschland kamen. Diese sind in der Datenbasis dieses Berichts nicht berücksichtigt. Dies bedeutet allerdings nicht, dass ihre Integration kein mindestens ebenso wichtiges Thema ist. Es bedarf jedoch einer gesonderten Analyse, die mit den hier untersuchten Daten nicht möglich ist. Dieser Bericht untersucht ihre Integration anhand schulischer und außerschulischer Aktivitäten.

Die erfolgreiche Integration von Kindern und Jugendlichen birgt spezifische Herausforderungen: Sie müssen zum Beispiel sehr schnell die deutsche Sprache erlernen, um in deutschsprachigen Schulen mitarbeiten zu können. Dies ist nicht nur kurzfristig für die Schullaufbahn bedeutsam, sondern auch für den Übergang in eine berufliche Ausbildung und somit für die eigenständige Lebensführung. Bei gemeinsamen Aktivitäten, etwa im Sportverein, können auf einer niedrigschwelligen Ebene wichtige Kontakte entstehen und Austausch stattfinden, etwa über weitere berufliche Perspektiven.infoVgl. Bundesregierung (2011): Nationaler Aktionsplan Integration. Zusammenhalt stärken-Teilhabe verwirklichen. Berlin (online verfügbar). Neben dem Unterricht, der Hortbetreuung und schulischen Aktivitäten außerhalb des Lehrplans sind dementsprechend auch außerschulische Freizeitaktivitäten und Angebote wichtig. Diese schaffen zusätzliche Gelegenheiten, um zum Beispiel die deutsche Sprache zu sprechen oder zu hören und mit der deutschen Kultur in Kontakt zu kommen.

In diesem Bericht wird die Nutzung dieser Angebote und Durchführung dieser Aktivitäten durch geflüchtete Kinder und Jugendliche im Alter von zwölf, 14 und 17 Jahren untersucht, die mit mindestens einem erwachsenen Familienangehörigen zusammenleben. Dabei wird der Begriff Kinder für Geflüchtete im Alter von zwölf Jahren verwendet und die älteren Gruppen als Jugendliche bezeichnet. Zudem wird die Nutzung der Angebote durch Geflüchtete mit der durch Gleichaltrige mit und ohne Migrationshintergrund verglichen.infoAlle Kinder und Jugendlichen der Vergleichsgruppe mit Migrationshintergrund stammen aus einem Haushalt mit direktem Migrationshintergrund. Die Kinder und Jugendlichen selbst sind MigrantInnen der ersten (etwa ein Viertel) oder zweiten Generation (etwa drei Viertel). Ein Vergleich allein mit Kindern und Jugendlichen der ersten Generation ist aufgrund von zu geringen Fallzahlen nicht sinnvoll. Dies soll einerseits aufzeigen, ob geflüchtete Kinder und Jugendliche im Vergleich zu Gleichaltrigen mit Migrations-, aber ohne Fluchthintergrund bei der Integration Besonderheiten aufweisen. Andererseits soll der Vergleich mit Gleichaltrigen ohne Migrationshintergrund Informationen dazu liefern, ob mit einer Konvergenz hin zur Mehrheitsgesellschaft zu rechnen ist. Als Datengrundlage dient das Sozio-oekonomische Panel (SOEP), insbesondere die IAB-SOEP-Migrationsstichproben und die IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten (Kasten 1).

Als Datengrundlage dient das Sozio-oekonomische Panel (SOEP), das auch die IAB-SOEP-Migrationsstichproben und die IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten enthält.

Im SOEP werden Personen nach ihrem Geburtsland und ihrer Staatsangehörigkeit gefragt. Ausländerinnen und Ausländer sowie nicht in Deutschland geborene Personen werden zusätzlich gefragt, wann sie nach Deutschland eingewandert sind, beziehungsweise aus welchem Land ihre Eltern eingewandert sind und welchen rechtlichen Status sie bei ihrer Einreise hatten. Die Haushalte und die darin lebendenden Kinder und Jugendlichen werden in drei Vergleichsgruppen entsprechend der erwachsenen Bezugsperson, die den Haushaltsfragebogen des SOEP ausgefüllt hat (sogenannter Haushaltsvorstand; in den meisten Fällen der Vater oder die Mutter), eingeteilt: (1) Die erwachsene Bezugsperson ist geflüchtet und seit 2013 nach Deutschland eingewandert. Das bedeutet gerade bei älteren Kindern und Jugendlichen, dass sie oft zusammen mit ihren Eltern nach Deutschland geflüchtet sind; (2) die erwachsene Bezugsperson und gegebenenfalls ihre Partnerin oder ihr Partner sind nach Deutschland zugewandert, haben aber keinen Fluchthintergrund; (3) die erwachsene Bezugsperson und gegebenenfalls ihre Partnerin oder ihr Partner stammen aus Deutschland und haben keinen Migrationshintergrund.

Im SOEP werden für ausgewählte Kohorten altersspezifische Fragebögen eingesetzt, welche Kinder, die im Befragungsjahr zwölf Jahre alt werden, selber beantworten. Des Weiteren beantworten Jugendliche, welche im Befragungsjahr 14 bzw. 17 Jahre alt werden, spezifische Fragen. Da diese Gruppen zu ihren schulischen und außerschulischen Aktivitäten selbst Auskunft geben können, basieren die Analysen im vorliegenden Bericht auf dieser Selbstauskunft. Allerdings wurden nicht alle Themenbereiche in allen drei Altersgruppen erfragt. Daher beziehen sich die Auswertungen teilweise auf Teilstichproben. Dies ist im Text und in den Abbildungen entsprechend erwähnt.

Unterschiede zwischen diesen Gruppen von Kindern und Jugendlichen können – aber müssen nicht – auf Integrationsdefizite hinweisen. Sie können aber auch auf andere sozioökonomische Merkmale der Familien zurückgeführt werden. So ist gut dokumentiert, dass Geflüchtete bei ihrer Ankunft niedrigere Bildungsabschlüsse und geringere Beschäftigungsquoten haben als der Durchschnitt der deutschen Bevölkerung.infoVgl. zum Beispiel Herbert Brücker et al. (2019): Geflüchtete machen Fortschritte bei Sprache und Beschäftigung. DIW Wochenbericht Nr. 4, 56–70 (online verfügbar). Vgl. auch den Beitrag in diesem Themenheft: Cornelia Kristen et al. (2020): Mehrheit der Geflüchteten hat höhere Bildung im Vergleich zur Herkunftsgesellschaft. DIW Wochenbericht Nr. 34, 564–578. Die geringeren Beschäftigungsquoten sind allerdings auch auf Arbeitsbeschränkungen zurückzuführen, denen sie im Aufnahmeland unterliegen. Für einige Kinder mit Migrationshintergrund zeigt sich, dass diejenigen der ersten Einwanderungsgeneration besonders oft von einer Kombination aus sozialen, kulturellen und finanziellen Notlagen betroffen sind.infoVgl. Deutsches Jugendinstitut e. V., Susanne Lochner und Alexandra Jähnert (Hrsg.) (2020): DJI-Kinder- und Jugendmigrationsreport 2020 – Datenanalyse zur Situation junger Menschen in Deutschland. München und Halle an der Saale (online verfügbar). Daher berücksichtigt dieser Bericht beim Vergleich jene sozioökonomischen Merkmale, die sich in anderen Studien als relevant für Nutzungsunterschiede gezeigt haben (Kasten 2).infoVgl. zum Beispiel Jan Marcus, Janina Nemitz und C. Katharina Spieß (2013): Ausbau der Ganztagsschule: Kinder aus einkommensschwachen Haushalten im Westen nutzen Angebote verstärkt. DIW Wochenbericht Nr. 27, 11–23 (online verfügbar); sowie Adrian Hille, Annegret Arnold und Jürgen Schupp (2013): Freizeitverhalten Jugendlicher: Bildungsorientierte Aktivitäten spielen eine immer größere Rolle. DIW Wochenbericht Nr. 40, 15–25 (online verfügbar).

Die Unterschiede in der ganztätigen Nutzung von Schul- und Hortangeboten sowie schulischen und außerschulischen Aktivitäten zwischen geflüchteten Kindern und Jugendlichen sowie den in Deutschland lebenden Gleichaltrigen mit und ohne Migrationshintergrund werden durch multivariate Regressionsanalysen untersucht. Hierzu werden mittels der Methode der kleinsten Quadrate zwei verschiedene Typen von Regressionsmodellen geschätzt.

Modell 1 ermittelt die statistische Signifikanz der Unterschiede zwischen den Gruppen von Kindern und Jugendlichen. Hierzu wird die Teilnahme an Aktivitäten oder die Nutzung von Angeboten auf die Zugehörigkeit zu den unterschiedlichen Gruppen regressiert – (1) Kinder und Jugendliche mit Migrations-, aber ohne Fluchthintergrund sowie (2) Kinder und Jugendliche ohne Migrationshintergrund im Vergleich zu (3) Kindern und Jugendlichen mit Fluchhintergrund. Dabei werden Indikatoren für die Altersgruppen zwölf, 14 und 17 Jahre berücksichtigt. Die geschätzten Koeffizienten für die ersten beiden Gruppen zeigen die – für Unterschiede in der Alterszusammensetzung der beiden Gruppen korrigierten – Differenzen zwischen der Geflüchtetengruppe und der jeweiligen Vergleichsgruppe. Dabei interessiert besonders, ob diese Differenz statistisch signifikant ist, sich also unwahrscheinlich als zufällige Abweichung erklären lässt.

Modell 2 berücksichtigt zusätzlich, ob ein Teil des Unterschieds sich über den familiären Hintergrund der Kinder und Jugendlichen erklären lässt. Hierzu werden als zusätzliche erklärende Variablen Merkmale des familiären Hintergrunds und der sozioökonomischen Situation der Familie in die Regression aufgenommen. Dies sind die Anzahl der Bildungsjahre der Bezugsperson im Haushalt, das Nettohaushaltsäquivalenzeinkommen,infoDas Nettoäquivalenzeinkommen richtet sich nach der OECD-Äquivalenzskala, die durch die Gewichtung von Mitgliedern innerhalb eines Haushaltes den Vergleich von Einkommenssituation von Haushalten unterschiedlicher Größe und Zusammensetzung ermöglicht, siehe Glossareintrag zum Äquivalenzeinkommen (online verfügbar). die Haushaltsgröße, der Haushaltstyp (alleinerziehend oder Paarhaushalt) sowie eine Variable, die angibt, ob weder die Bezugsperson noch eine Partnerin oder ein Partner einer Erwerbstätigkeit nachgeht. Es wird also der Teil der Differenzen herausgerechnet, der in Zusammenhang mit den sozioökonomischen Unterschieden zwischen den geflüchteten Kindern und Jugendlichen und ihren Vergleichsgruppen steht.

Etwa zwei Drittel der geflüchteten Kinder und Jugendlichen besuchten Vorbereitungsklassen

Um die nach Deutschland geflüchteten Kinder und Jugendlichen in das Bildungssystem zu integrieren, finden verschiedene schulorganisatorische Modelle Anwendung: Neben der sofortigen Beschulung in Regelklassen (meist mit zusätzlicher Sprachförderung) werden viele neu zugewanderte Schülerinnen und Schüler zunächst ganz oder teilweise in Vorbereitungsklassen unterrichtet.infoVgl. Mona Massumi et al. (2015): Neu zugewanderte Kinder und Jugendliche im deutschen Schulsystem. Köln (online verfügbar). Diese Klassen mit regional unterschiedlichen Bezeichnungen (Willkommensklasse, Übergangsklasse, Intensivklasse, Sprachlernklasse etc.) sollen neu zugewanderten Schülerinnen und Schülern ohne ausreichende Deutschkenntnisse einen schnellen Spracherwerb ermöglichen.infoVgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung (Hrsg.) (2016): Bildung in Deutschland 2016: Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung und Migration. Bielefeld (online verfügbar). Die separate Beschulung soll dabei nur übergangsweise – maximal ein bis zwei Jahre – erfolgen. Welche Form der Beschulung für die Integration Geflüchteter am günstigsten ist, wird kontrovers diskutiert. Häufig wird die separierte Beschulung aufgrund von eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten zu Einheimischen und der größeren Gefahr der Ausgrenzung und Stigmatisierung kritisiert. Andererseits kann in Vorbereitungsklassen gezielter auf die Bedürfnisse geflüchteter Kinder und Jugendlicher eingegangen werden.infoFür eine Abwägung der Argumente für und gegen Vorbereitungsklassen siehe Aladin El-Mafaalani und Mona Massumi (2019): Flucht: Forschung und Transfer. IMIS und BICC State-of-Research Papier 08a (online verfügbar).

Regionale Studien legen nahe, dass nahezu alle neuzugewanderten Schulpflichtigen zunächst separat beschult werden.infoVgl. Juliane Karakayalı et al. (2017): Die Kontinuität der Separation: Vorbereitungsklassen für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche im Kontext historischer Formen separierter Beschulung. DDS – Die Deutsche Schule 109 (3), 223–235 (online verfügbar); sowie Argyro Panagiotopoulou, Lisa Rosen und Stefan Karduck (2017): Exklusion durch institutionalisierte Barrieren. Einblicke in die pädagogische Praxis einer sogenannten Vorbereitungsklasse für geflüchtete Kinder und Jugendliche in einem marginalisierten Quartier von Köln. In: Rauf Ceylan, Markus Ottersbach und Petra Wiedemann (Hrsg.): Neue Mobilitäts- und Migrationsprozesse und sozialräumliche Segregation. Wiesbaden, 115–131 (online verfügbar). Hingegen zeigen die empirischen Befunde in diesem Bericht, dass mehr als ein Drittel der geflüchteten Zwölf-, 14- und 17-Jährigen bei ihrem Schulbeginn in Deutschland sofort in Regelklassen lernte (Tabelle).infoDer DJI Kinder- und Jugendmigrationsreport 2020 berichtet anhand der IAB-BAMF-SOEP-Befragung Geflüchteter, dass im Jahr 2017 knapp ein Drittel der geflüchteten Schulkinder eine Vorbereitungsklasse besuchte (S. 211). Diese Analysen beziehen sich auf den Befragungszeitpunkt im Jahr 2017 und umfassen alle geflüchteten Kinder im Schulalter, während der vorliegende Bericht die Angaben der Zwölf-, 14- und 17-Jährigen über die Beschulungsart zu Beginn ihrer Schulzeit in Deutschland auswertet. Abweichende Ergebnisse können dadurch erklärt werden, vgl. DJI, Lochner und Jähnert (2020), a.a.O. Auch die Befürchtung einer dauerhaften Separierung Geflüchteter scheint unbegründet, da nur etwa ein Fünftel der Geflüchteten angibt, vor ihrem Wechsel in eine Regelklasse länger als ein Jahr in einer Vorbereitungsklasse gelernt zu haben. Allerdings lernten mit 44 Prozent fast die Hälfte aller geflüchteten Kinder und Jugendlichen zunächst ausschließlich in Vorbereitungsklassen und waren damit im Unterricht komplett getrennt von einheimischen Gleichaltrigen. Diese Form der Beschulung wird durch den fehlenden Anschluss an eine Regelklasse und den damit einhergehenden erschwerten Übergang besonders kritisiert.

Tabelle: Besuch einer Vorbereitungsklasse durch Geflüchete (Zwölf-, 14- und 17-Jährige)

In Prozent

Beschulungsart bei Schulbeginn Altersgruppe Anteil derer, die länger als zwölf Monate in einer Vorbereitungsklasse lernten1
Zwölf Jahre 14 Jahre 17 Jahre Durchschnitt
Regelklasse 30 40 38 36
Sowohl Vorbereitungsklasse als auch Regelklasse 23 22 18 20 18
Ausschließlich Vorbereitungsklasse 47 38 45 44 22

1 Durchschnitt über alle Altersgruppen. Nach Abschluss des Besuchs einer Vorbereitungsklasse erfolgt üblicherweise ein Wechsel in eine Regelklasse.

Anmerkungen: Werte basieren auf 677 befragten geflüchteten Kindern und Jugendlichen im Alter von zwölf, 14 und 17 Jahren, die Angaben zu ihrer Beschulungsart gemacht haben.

Quellen: SOEP v.35, Jahre 2017-2018, gewichtet; eigene Berechnungen.

Die meisten geflüchteten Kinder und Jugendlichen fühlen sich ihrer Schule zugehörig

Unabhängig davon, ob die Schülerinnen und Schüler Vorbereitungsklassen oder Regelklassen besuchen, kann der Schulbesuch für geflüchtete Kinder und Jugendliche stabilisierend wirken und ihrem Alltag Struktur geben. Schülerinnen und Schüler, die sich an ihrer Schule akzeptiert und unterstützt fühlen, zeigen eine höhere Lernmotivation und ein höheres Selbstbewusstsein.infoFür einen Überblick, siehe Karen F. Osterman (2000): Students' need for belonging in the school community. Review of Educational Research 70 (3), 323–367 (online verfügbar). Die Entwicklung eines solchen Schulzugehörigkeitsgefühls kann daher Geflüchteten die Schulintegration erleichtern.infoVgl. Maryam Kia-Keating und B. Heidi Ellis (2007): Belonging and Connection to School in Resettlement: Young Refugees, School Belonging, and Psychosocial Adjustment. Clinical Child Psychology 12 (1), 29–43 (online verfügbar).

Der Großteil der befragten zwölf-, 14- und 17-jährigen Geflüchteten zeigt ein hohes Zugehörigkeitsgefühl zu seiner Schule. Im Mittel geben sie bei den sechs Aussagen zur Erfassung der Schulzugehörigkeit ein statistisch signifikant höheres Zugehörigkeitsgefühl an, als dies bei denselben Aussagen für eine Vergleichsgruppe von 15-Jährigen der deutschen PISA-Studie 2018 der Fall ist (Abbildung 1).infoDie Berechnung des Mittelwertunterschieds beruht auf Daten von 3939 Teilnehmenden der 2018er PISA Studie aus Deutschland. Vgl. Julia Mang et al. (in Vorbereitung): PISA 2018 Skalenhandbuch. Dokumentation der Erhebungsinstrumente. Der Unterschied zur den vorliegenden Daten ist statistisch signifikant auf dem Ein-Prozent-Niveau. Bei jeder der sechs Fragen zeigen zwischen 80 und 95 Prozent der Geflüchteten eine (starke) Zustimmung bzw. bei negativ formulierten Aussagen eine (starke) Ablehnung. Vor allem bei den Aussagen „Ich habe das Gefühl, zu dieser Schule zu gehören“ und „In der Schule finde ich leicht neue Freundinnen und Freunde“ übersteigen die Zustimmungswerte der Geflüchteten diejenigen der Teilnehmenden an der 2018 in Deutschland durchgeführten PISA-Studie deutlich.

Vielen Schulen ist es demnach gelungen, neu zugewanderte Kinder und Jugendliche so in den Schulalltag zu integrieren, dass ein Großteil sich in der Schule wohl fühlt und dort gute soziale Kontakte knüpfen kann. Da Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund typischerweise ein geringeres oder gleich hohes Schulzugehörigkeitsgefühl im Vergleich zu Gleichaltrigen ohne Migrationshintergrund haben,infoOECD (2017): Students' sense of belonging at school and their relations with teachers. In OECD (Hrsg.): PISA 2015 Results (Volume III): Students' Well-Being. Paris (online verfügbar). ist dieser Befund für die Geflüchteten besonders positiv zu bewerten.infoIm Gegensatz dazu zeigte sich für geflüchtete Jugendliche im Bildungstrend 2018, dass sie zwar eine hohe soziale Eingebundenheit und Schulzufriedenheit haben, diese jedoch signifikant geringer ausgeprägt sind als bei gleichaltrigen Kindern und Jugendlichen ohne Fluchthintergrund. Vgl. Sofie Henschel et al. (2019): Zuwanderungsbezogene Disparitäten. In: Petra Stanat et al. (Hrsg.): IQB-Bildungstrend 2018. Mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen am Ende der Sekundarstufe I im zweiten Ländervergleich. Münster, New York, 326–330 (online verfügbar).

Ein besonders hoher Anteil geflüchteter Kinder und Jugendlicher nutzt ganztägige Schul- und Hortangebote

Ein Schulbesuch am Vormittag erlaubt es, in Regelklassen mit gleichaltrigen Kindern und Jugendlichen ohne Fluchthintergrund in Kontakt zu kommen. Wenn geflüchtete Kinder und Jugendliche sich darüber hinaus am Nachmittag mit Gleichaltrigen austauschen können, die schon länger oder schon immer in Deutschland leben, kann dies Integrationsbemühungen weiter unterstützen. Entsprechende Möglichkeiten bestehen, wenn ganztägige Schul- oder Hortangebote genutzt werden. Diese werden in der Regel jeden Wochentag besucht und ermöglichen grundsätzlich einen intensiven Austausch.

Im Hinblick auf die Nutzung von ganztägigen Schulangeboten lässt sich festhalten, dass geflüchtete Kinder und Jugendliche im Alter von zwölf und 14 Jahren besonders häufig ein Ganztagsschulangebot nutzen (Abbildung 2). Bei den Geflüchteten liegt der Anteil bei 51 Prozent, während er bei Gleichaltrigen mit Migrationshintergrund bei etwa 41 Prozent und bei denen ohne Migrationshintergrund bei 32 Prozent liegt. Die Differenz der hohen Nutzungsquote der Geflüchteten zu der von Kindern ohne Migrationshintergrund ist statistisch signifikant (Abbildung 3, Modell 1).

Allerdings lässt sich dieser Unterschied durch Merkmale der Eltern und des Haushalts, also des familiären Hintergrunds der Kinder und Jugendlichen erklären (Abbildung 3, Modell 2). Wenn in einer multivariaten Regression derjenige Teil der Differenz herausgerechnet wird, der sich über familiäre Merkmale erklären lässt, wird der Unterschied kleiner und statistisch insignifikant. Diese Ergebnisse weisen somit darauf hin, dass insbesondere – wenn auch nicht alleine – der familiäre Hintergrund der geflüchteten Kinder und Jugendlichen ihren Ganztagsschulbesuch beeinflusst.

In jedem Fall kann die Nutzung ganztägiger Schulangebote Integration erleichtern. Studien deuten darauf hin, dass sich der Besuch einer Ganztagsschule positiv auf soziale Kompetenzen insbesondere von Kindern mit Migrationshintergrund auswirken kann.infoNatalie Fischer, Hans Peter Kuhn und Ivo Züchner (2011): Entwicklung von Sozialverhalten in der Ganztagsschule. In: Natalie Fischer et al. (Hrsg.): Ganztagsschule: Entwicklung, Qualität, Wirkungen. Längsschnittliche Befunde der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG). Weinheim, 246–266 (online verfügbar). So birgt die ganztägige Betreuung ein großes Potential für die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrations- oder Fluchthintergrund.infoDennoch besteht hier Verbesserungsbedarf. So sehen beispielsweise weniger als die Hälfte der Grundschulen, ein Drittel der Schulen der Sekundarstufe I (ohne Gymnasien) und nur elf Prozent der Gymnasien in ihren Konzepten vor, Inklusion und Integration gezielt durch Ganztagsangebote zu fördern. Vgl. StEG-Konsortium (Hrsg.). (2019): Ganztagsschule 2017/2018. Deskriptive Befunde einer bundesweiten Befragung. Frankfurt am Main, Dortmund, Gießen, München (online verfügbar).

Ein ähnliches Bild wie beim Ganztagsbesuch zeigt sich auch im Hinblick auf die Hortnutzung von Zwölfjährigen. Hier liegt der Anteil der Kinder, die einen Hort besuchen, bei den untersuchten Geflüchteten bei etwa 22 Prozent, während er bei den Kindern mit Migrationshintergrund bei elf Prozent und bei denen ohne Migrationshintergrund bei acht Prozent liegt (Abbildung 2). Die Differenz der Nutzungsquoten der geflüchteten Kinder zu denen ohne Migrationshintergrund ist wiederum statistisch signifikant (Abbildung 3, Modell 1). Abermals wird der Unterschied kleiner und statistisch insignifikant, wenn sozioökonomische Merkmale der Familie berücksichtigt werden (Abbildung 3, Modell 2).

Geflüchtete Jugendliche nehmen seltener an Schulaktivitäten außerhalb des regulären Unterrichts teil

Neben ganztägigen Schul- und Hortangeboten sind Schülerinnen und Schüler vielfach auch zur Teilnahme an extracurricularen Schulaktivitäten am Nachmittag in der Schule. Auch hier können sich Kinder und Jugendliche mit Fluchthintergrund mit Gleichaltrigen ohne Fluchterfahrung austauschen, was förderlich auf ihre Integration wirken kann.infoMarta Kindler, Vesselina Ratcheva und Maria Piechowska (2015): Social networks, social capital and migrant integration at local level. European literature review. IRIS Working Paper Series 6/2015 (online verfügbar). Die Schulangebote außerhalb des regulären Unterrichts, für die eine Teilnahme mit den hier verwendeten Daten erfasst wird, umfassen Arbeitsgemeinschaften (AGs), welche am Nachmittag von den Schulen angeboten werden, wie Musik-, Theater-, Sport-, Schulzeitungs- und sonstige AGs, sowie Aktivitäten als Schul- oder KlassensprecherIn. Sofern Jugendliche angeben, an einer oder mehrerer dieser Aktivitäten teilzunehmen, wird dies als Teilnahme an einer extracurricularen Schulaktivität definiert. Die Daten liegen für 14- und 17-Jährige vor.

Insgesamt liegt die Teilnahmequote bei geflüchteten Jugendlichen bei 32 Prozent, während sie bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund bei 51 und bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund bei 63 Prozent liegt (Abbildung 4). Die Differenz in den Teilnahmequoten der Geflüchteten zu denen der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund ist statistisch signifikant (Abbildung 5, Modell 1). Die weiteren multivariaten Schätzungen weisen darauf hin, dass sich etwa die Hälfte dieser Unterschiede über Familienmerkmale erklären lässt. Wenn der Anteil der Differenz herausgerechnet wird, der sich über den familiären Hintergrund der Jugendlichen erklären lässt, werden die Unterschiede zudem statistisch insignifikant (Abbildung 5, Modell 2). Die Ergebnisse zeigen also, dass es primär der familiäre Hintergrund der geflüchteten Jugendlichen ist, der die Unterschiede erklärt und weniger der Fluchthintergrund an sich.infoDies ist anders als bei der Gruppe der geflüchteten Jugendlichen in: C. Katharina Spieß, Franz Westermaier und Jan Marcus (2016): Kinder und Jugendliche mit Fluchthintergrund nutzen freiwillige Bildungsangebote seltener-mit Ausnahme der Schul-AGs. DIW Wochenbericht Nr. 35, 765–773 (online verfügbar). Dieses Ergebnis sollte bei integrationspolitischen Maßnahmen bedacht werden.

Da die Teilnahme an sportlichen Aktivitäten unter integrationspolitischen Gesichtspunkten eine besondere Bedeutung hat, wie zum Beispiel auch der Nationale Aktionsplan Integration der Bundesregierung festhält,infoVgl. Bundesregierung (2011), a.a.O. wird die Teilnahme an einer Sport-AG gesondert betrachtet. Während nur neun Prozent der geflüchteten Jugendlichen an einer Sport-AG teilnehmen, sind es 17 Prozent der Jugendlichen mit Migrationshintergrund und 18 Prozent der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund (Abbildung 6). Es besteht also auch hier ein Aufholpotential wenn über die Teilnahme an sportlichen Aktivitäten in der Schule die Integration von geflüchteten Jugendlichen vorangebracht werden soll. Dies wird besonders deutlich, wenn man den Anteil der Mädchen unter den Geflüchteten betrachtet, die an einer Sport-AG teilnehmen. Insbesondere sie sind nur zu einem geringen Anteil in Sport-AGs vertreten.infoDer Anteil der Mädchen unter den Geflüchteten, die an einer Sport-AG teilnehmen, beträgt knapp 17 Prozent. Somit nehmen insgesamt lediglich knapp vier Prozent der Mädchen mit Fluchthintergrund an einer solchen AG teil, während es bei den Jungen in dieser Gruppe zwölf Prozent sind. Dies zeigt, dass das Anliegen des Aktionsplans Integration der Bundesregierung, den Mädchen- und Frauenanteil in schulischen Sportangeboten zu steigern, noch nicht hinreichend umgesetzt werden konnte.infoVgl. Bundesregierung (2011), a.a.O.

Kinder mit Fluchthintergrund sind seltener Mitglied in Sportvereinen als Kinder ohne Migrationshintergrund

Neben schulischen Angeboten existiert eine Vielzahl von außerschulischen Aktivitäten, welche im Hinblick auf die Integration und auch die non-formale Bildung von geflüchteten Kindern und Jugendlichen relevant sind.infoDie Bildungseffekte können für Kinder und Jugendliche im Allgemeinen gezeigt werden, vgl. zum Beispiel Charlotte Cabane, Adrian Hille und Michael Lechner (2016): Mozart or Pelé? The effects of adolescents' participation in music and sports. Labour Economics 41(C), 90–103 (online verfügbar). Auch hier wird ein besonderes Augenmerk auf sportliche Aktivitäten gelegt. Aufgrund der geringeren Sprachbarrieren beim Sport und der Möglichkeit, im Team zu agieren, können diese als besondere Chance gesehen werden, die Integration zu fördern.

Bei der Mitgliedschaft in einem Sportverein für zwölfjährige Kinder zeigt sich ein differenziertes Bild (Abbildung 7). Der Anteil liegt bei geflüchteten Kindern bei 52 Prozent und bei denen mit Migrationshintergrund nur geringfügig niedriger bei 48 Prozent. Bei Kindern ohne Migrationshintergrund liegt der Anteil dagegen erheblich und statistisch signifikant höher bei nahezu 70 Prozent (Abbildung 8, Modell 1).infoAndere Studien zeigen, dass 39 Prozent der Jugendlichen mit Migrationshintergrund und 57 Prozent der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund ihrer präferierten Sportart meist in Vereinen nachgehen, vgl. DJI, Lochner und Jähnert (2020), a.a.O. Diese Zahlen beziehen sich jedoch auf 17-Jährige, nicht wie in dieser Studie auf Zwölfjährige. Die entsprechenden Informationen liegen für geflüchtete Jugendliche nicht vor. Zudem unterscheiden sich die Analysen in Bezug auf die Definition des Migrationshintergrundes, indem dort der Migrationshintergrund sich auf Personen bezieht, die selbst oder ein Elternteil von ihnen nicht seit Geburt die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen.

Die detaillierteren Analysen weisen darauf hin, dass sich etwa zwei Drittel dieses Unterschieds über den familiären Hintergrund erklären lassen und sich bei Berücksichtigung von Familienmerkmalen die Anteile nicht mehr statistisch signifikant unterscheiden (Abbildung 8, Modell 2). Auch hier zeigt sich in Detailanalysen ein „Gender Gap“, der in Verbindung mit anderen kulturellen Gegebenheiten in den Herkunftsländern stehen könnte. Gleichwohl ist der Mädchenanteil in Sportvereinen bei Geflüchteten aber höher als bei Sport-AGs.infoDer Mädchenanteil liegt in der Gruppe der zwölfjährigen Geflüchteten bei knapp über einem Drittel. Somit besuchen 43 Prozent der Mädchen und 60 Prozent der Jungen mit Fluchthintergrund regelmäßig einen Sportverein. Das könnte darauf hinweisen, dass bei Sportvereinen das „Migranten-Mainstreaming“infoMit „Migranten-Mainstreaming“ ist gemeint, dass gleichberechtigte Teilhabemöglichkeiten in den Strukturen des organisierten Sports gefördert werden, vgl. Bundesregierung (2011), a.a.O., 249. zumindest auf einem guten Weg und besser gelungen ist als bei den schulischen Angeboten außerhalb des Kurrikulums. Allerdings muss auch bedacht werden, dass die Datengrundlage es nicht ermöglicht, diese Analysen für Jugendliche durchzuführen, für die sich ein anderes Bild ergeben könnte.

Geflüchtete Kinder und Jugendliche nutzen häufiger Jugendgruppen

Neben sportlichen Aktivitäten stehen auch Jugendgruppen als Nachmittagsangebote zum Austausch mit Gleichaltrigen zur Verfügung. Andere Jugendliche geben an, sich am Nachmittag sozial zu engagieren.

Was die Teilnahme an Jugendgruppen betrifft, sind geflüchtete Kinder und Jugendliche überdurchschnittlich häufig vertreten (Abbildung 9). So nahmen 41 Prozent der geflüchteten Kinder und Jugendlichen daran teil, während dies nur 14 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund und 28 Prozent der Kinder und Jugendlichen ohne Migrationshintergrund angegeben haben.infoEine andere aktuelle Studie findet in Bezug auf die Teilnahme an Jugendgruppen keine Unterschiede zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund, vgl. DJI, Lochner und Jähnert (2020), a.a.O. Geflüchtete Kinder wurden nicht in diese Analysen mit einbezogen. Die Diskrepanz zu den hier angeführten Zahlen liegt möglicherweise in der unterschiedlichen Definition des Migrationshintergrundes begründet (Kasten 1). Diese Unterschiede sind statistisch signifikant und lassen sich nicht über die familiären Hintergründe erklären (Abbildung 10, Modell 2). Es scheint also einen direkten Zusammenhang zwischen der Teilnahme an Jugendgruppen und dem Flüchtlingsstatus zu geben. Dies könnte damit verbunden sein, dass ein Teil der Anbieter von Jugendgruppen spezifisch geflüchtete Kinder und Jugendliche ansprechen.

Bei den Angaben zu sozialem Engagement liegt der Anteil geflüchteter Kinder und Jugendlicher bei 25 Prozent, der Anteil Gleichaltriger mit Migrationshintergrund bei 22 Prozent und der Anteil Jugendlicher ohne Migrationshintergrund bei 32 Prozent (Abbildung 9). Ein statistisch signifikanter Unterschied ist hier nicht gegeben (Abbildung 10).

Insbesondere jüngere Geflüchtete sprechen oft Deutsch mit ihren Freundinnen und Freunden

Neben der Teilnahme an außerschulischen Aktivitäten ist auch der regelmäßige Kontakt mit deutschsprachigen Jugendlichen für die Integration der Geflüchteten von Bedeutung. So können Freundschaften zu Jugendlichen der Mehrheitsgesellschaft das soziale Kapital von Jugendlichen mit Migrationserfahrung fördern.infoVgl. DJI, Lochner und Jähnert (2020), a.a.O. In diesem Kontext wurden die Zwölf-, 14- und 17-Jährigen zu ihren sozialen Kontakten befragt. Geflüchtete Kinder und Jugendliche treffen mit einem Anteil von etwa acht Prozent sehr viel häufiger gar keine Freundinnen und Freunde innerhalb eines gesamten Monats, als dies bei Gleichaltrigen mit und ohne Migrationshintergrund der Fall ist (Abbildung 11). Allerdings ist der Anteil derer, die täglich Freundinnen und Freunde treffen, mit 81 Prozent bei den Geflüchteten auf dem gleichen Niveau wie bei den anderen Gruppen. Somit scheint es eine kleine von sozialer Isolation mit Gleichaltrigen bedrohte Teilgruppe der Geflüchteten zu geben.

Mit Freundinnen und Freunden auf Deutsch zu kommunizieren, kann für das Erlernen oder die Verfestigung deutscher Sprachkenntnisse wichtig sein. Sofern sich geflüchtete Kinder und Jugendliche mit Freundinnen und Freunden treffen, sprechen sie überwiegend Deutsch (Abbildung 12). Bei den 17-Jährigen sind es 70 Prozent und bei den 14-Jährigen 66 Prozent, die neben anderen Sprachen auch Deutsch mit ihren Freundinnen und Freunden sprechen. Demgegenüber sprechen die zwölfjährigen Kinder in über 90 Prozent der Fälle überwiegend Deutsch mit ihren Freundinnen und Freunden.

Fazit: Insbesondere bei den jüngeren Geflüchteten ist viel erreicht, weitere Anstrengungen sind dennoch erforderlich

Die Integration von Kindern und Jugendlichen, die mit ihren Familien nach Deutschland geflüchtet sind, ist ein zentraler Bestandteil der Integrationspolitik. Gemessen an der Nutzung unterschiedlicher schulischer und außerschulischer Bildungs- und Freizeitangebote ist diese Integration vielfach gelungen. Dies zeigt sich im Vergleich zu Gleichaltrigen des Aufnahmelandes. So äußern geflüchtete Kinder und Jugendliche etwa ein überdurchschnittlich großes Zugehörigkeitsgefühl zu ihrer Schule. Dies ist ein zentraler Befund, auf dem aufgebaut werden kann. Dennoch darf der Anteil der geflüchteten Kinder und Jugendlichen, die sich nicht zugehörig fühlen, nicht aus dem Blick verloren werden. Zudem sollte die Entwicklung in den nächsten Jahren im Auge behalten werden, um zu überprüfen, ob das hohe Zugehörigkeitsgefühl auch eine Integration in anderen Bereichen erleichtert oder ob es sich um einen anfänglichen Optimismus handelt, der aufgrund des zunächst neuen, sicheren und geregelten Alltags entsteht.

Weitere Anstrengungen sind insbesondere erforderlich, damit mehr Kinder und Jugendliche mit Fluchthintergrund an Schul-AGs teilnehmen. Hier könnten Schulen noch stärker auf bestehende AG-Angebote aufmerksam machen und Mitschülerinnen und -schüler sich um ihre geflüchteten Klassenkameraden bemühen.

Geflüchtete nutzen vermehrt ganztägige Schul- und Hortangebote. Auch hier besteht eine große Chance, einen Austausch zu ermöglichen und sie mit der Sprache und dem Alltagsleben von Kindern und Jugendlichen in Deutschland vertraut zu machen. Sport gilt als ein weiterer, zentraler Ansatzpunkt, um Integration zu fördern. Auch wenn mehr als die Hälfte der Kinder mit Fluchthintergrund in Vereinen ist, könnte hier noch mehr investiert werden. Sportvereine könnten für Geflüchtete noch attraktiver gemacht werden. Dies könnte durch gezielte Angebote oder auch niedrigere Vereinsbeiträge erreicht werden, sofern es diese nicht bereits gibt.

Geflüchtete sind zu einem bemerkenswert hohen Anteil in Jugendgruppen. Ebenso geben sie genauso häufig an, sozial engagiert zu sein wie andere Gleichaltrige. Im Hinblick auf soziale Kontakte lässt sich festhalten, dass insbesondere die Zwölfjährigen vielfach mit ihren Freundinnen und Freunden Deutsch sprechen. Ihre Integration scheint besser fortgeschritten zu sein als die älterer Jugendlicher – zumindest, wenn man dies an der Sprache festmacht. In jedem Fall zeigt sich, dass Bemühungen von Kommunen, Ländern und dem Bund, Geflüchtete auch über schulische und außerschulische Angebote zu integrieren, wohl vielfach erfolgreich waren. Wichtig ist, dass diese Anstrengungen nicht nachlassen und entsprechende Ressourcen von der öffentlichen Hand bereitgestellt werden. Denn letztlich sind die individuellen und gesellschaftlichen Kosten einer nicht erfolgreichen Integration sehr viel höher als die Kosten einer proaktiven Integrationspolitik.

Laura Schmitz

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Bildung und Familie

Lisa Pagel

Doktorandin in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel

Ludovica Gambaro

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Bildung und Familie

C. Katharina Spieß

Abteilungsleiterin in der Abteilung Bildung und Familie



JEL-Classification: F22;J61
Keywords: refugees, children, youth, social integration, non-formal activities
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2020-34-4