Die Müttererwerbstätigkeit und die Renteneinkommen gleichen sich in Ost und West an: Interview

DIW Wochenbericht 38 / 2020, S. 730

C. Katharina Spieß, Erich Wittenberg

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Frau Spieß, in der DDR lag die Erwerbsquote von Frauen im arbeitsfähigen Alter deutlich höher als in Westdeutschland. Sie haben die Berufstätigkeit von Müttern mit betreuungsbedürftigen Kindern und ihre Einstellung zur Erwerbstätigkeit untersucht. Inwieweit zeigen sich hier noch heute Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland? Die Erwerbstätigkeit von Müttern mit betreuungsbedürftigen Kindern unter elf Jahren hat sich seit der Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland in beiden Landesteilen angenähert. Auch bei den in Ost- und Westdeutschland angestiegenen Teilzeitquoten von Frauen gibt es eine Angleichung. Allerdings zeigt sich bei der Vollzeiterwerbstätigkeit keine Angleichung. Hier sehen wir deutlich, dass Mütter in Ostdeutschland immer noch eine höhere Erwerbstätigenquote bei den Vollzeiterwerbstätigen haben als Mütter in Westdeutschland.

Ist die Erwerbseinstellung unabhängig vom Alter der Mütter? Nein. Wir können sehr deutlich sehen, dass es gerade in Ostdeutschland bei jüngeren Frauen bemerkenswerterweise eine geringere Zustimmung zur Vollzeiterwerbstätigkeit von Müttern mit kleinen Kindern gibt als bei älteren Alterskohorten. Das heißt, Menschen, die mehr Erfahrungen mit der DDR hatten, stimmen einer Vollzeiterwerbstätigkeit von Müttern eher zu als die jüngeren Alterskohorten. Aber auch in Westdeutschland können wir bei Frauen diesen Trend beobachten, wenn auch nicht so deutlich.

Inwieweit hat der Zuzug von Menschen aus der ehemaligen DDR nach Westdeutschland die Erwerbstätigkeit von westdeutschen Frauen beeinflusst? KollegenInnen am DIW haben untersucht, wie sich die Zuwanderung nach der Wiedervereinigung in Regionen, die nahe der ehemaligen innerdeutschen Grenze lagen, auf die Erwerbstätigkeit insbesondere von Frauen ausgewirkt hat. Wir sehen, dass in diesen Regionen, die einen überdurchschnittlichen Zuzug verzeichnen können, die Erwerbstätigkeit von Frauen tatsächlich höher war als in den anderen Regionen.

Welchen Einfluss hat die höhere Erwerbstätigkeit der Frauen in Ostdeutschland auf das Renten-, beziehungsweise das Alterseinkommen? Kollegen von mir konnten feststellen, dass sich die Leistungen, die Personen aus der gesetzlichen Rentenversicherung beziehen, über die Jahre nach der Wiedervereinigung angeglichen haben. Bei anderen Alterseinkommen gibt es allerdings nach wie vor große Unterschiede, die auch dadurch zustande kommen, dass in Westdeutschland Viele private und betriebliche Renteneinkommen oder Vermögenseinkommen haben. Die Alterseinkommen zwischen Ost und West sind also insgesamt noch unterschiedlich, gleichwohl wir bei dem Einkommen aus der gesetzlichen Rente Angleichungen beobachten können.

Wie ist die Angleichung von Ost und West in Bezug auf den Umgang mit der Corona-Pandemie zu sehen? Mit dem Wohlbefinden in dieser Krise haben sich KollegInnen befasst und können sehen, dass es in dieser Coronazeit in der Lebenszufriedenheit doch wieder zu Unterschieden gekommen ist. Bei den Ostdeutschen ist die Einsamkeit stärker als im Westen gestiegen. Interessant ist aber, dass dieses Empfinden von Einsamkeit auch wieder schneller zurückging als im Westen. Wir können aber auch sehen, dass Frauen, die im Osten leben, häufig stärker mental von der Coronakrise betroffen waren als Männer und Frauen in Westdeutschland. Dagegen sind jüngere Kohorten im Osten krisenresistenter als ihre AltersgenossInnen im Westen und auch als die ältere Generation im Osten. Die jüngere Kohorte im Osten ist also relativ gut durch die Coronakrise gekommen, wenn man dies am Wohlbefinden festmacht.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Audio-Interview (MP3)

C. Katharina Spieß

Abteilungsleiterin in der Abteilung Bildung und Familie