Bei Wohngebäuden gab es in den vergangenen zehn Jahren nur wenige Einsparungen: Interview

DIW Wochenbericht 40 / 2020, S. 780

Jan Stede, Erich Wittenberg

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Herr Stede, wie hat sich der Heizenergiebedarf in Wohngebäuden in den letzten Jahren entwickelt? Der Heizenergiebedarf in Wohngebäuden ist im letzten Jahr temperaturbereinigt, also unter Berücksichtigung des warmen Winters, um etwas mehr als drei Prozent gesunken. Damit sind wir jetzt wieder ungefähr auf dem Niveau von 2010. In den letzten zehn Jahren ist also nicht viel passiert.

Wie stark sind die CO₂-Emissionen durch den Rückgang im Heizenergiebedarf gesunken? Die CO₂-Emissionen sind temperaturbereinigt in der letzten Dekade um etwa drei Prozent gesunken. Wenn man die Bereinigung weglässt, sind das etwa 20 Prozent, also deutlich mehr. Man kann dadurch sehen, dass der Rückgang der CO₂-Emissionen in den letzten zehn Jahren vor allem auf höhere Temperaturen in den Wintern zurückzuführen ist. Wir hatten in den vergangenen zehn Jahren Winter, die fast ein Grad wärmer waren als in den Jahren zuvor.

Worauf ist der temperaturbereinigte Rückgang der CO₂-Emissionen zurückzuführen? Es gibt neben dem Einfluss der Temperaturen auch den Einfluss von technischer Energieeffizienz, also zum Beispiel energetischer Gebäudesanierung. Die Haushalte haben zudem die Möglichkeit, ihr Verhalten anzupassen, also mehr oder weniger zu heizen oder anders zu lüften. Und zuletzt kann auch auf andere Brennstoffe umgestellt werden, beispielsweise auf erneuerbare Energien.

Wie haben sich die Heizausgaben entwickelt? Die Heizausgaben haben leicht zugenommen. Die Preise für Öl und Gas sind im letzten Jahr deutlich stärker gestiegen als im Jahr zuvor, um knapp sechs Prozent. Da aber gleichzeitig der Bedarf zurückging, waren die Ausgaben mehr als zwei Prozent höher. Dabei sind die regionalen Unterschiede relativ deutlich. So kosten beispielsweise in Hamburg Öl und Gas im Durchschnitt 5,5 Cent je Kilowattstunde, im Saarland sind es 6,7 Cent, also 22 Prozent mehr.

Reicht der derzeitige Rückgang der CO₂-Emissionen, um die Klimaziele zu erreichen? Nein. Selbst wenn dieser Rückgang, den wir zuletzt durch die wärmeren Winter hatten, so weiterginge, würde er nicht ausreichen, um die Klimaziele zu erreichen, die wir uns für 2030 gesetzt haben. Der Gebäudesektor insgesamt macht bis zu einem Viertel der Gesamtemissionen aus, und gerade bei Wohngebäuden gab es in den vergangenen 20 Jahren verhältnismäßig wenige Einsparungen. Hier müssen wir dringend die Emissionen senken, um die Klimaziele zu erreichen.

Was müsste geschehen, um die Emissionen weiter zu reduzieren? Vor allem ist hier sicherlich die technische Energieeffizienz, also die energetische Gebäudesanierung, zu nennen. Wer in einem Haus wohnt, in dem es zieht, wird nun einmal heizen müssen, um nicht im Kalten zu sitzen. Insofern muss da vor allem technisch etwas passieren.

Sollten energetische Sanierungen und erneuerbare Energien noch stärker gefördert und ausgebaut werden? Auf jeden Fall. Wir werden in Zukunft sicherlich nicht nur Passivhäuser haben, deshalb müssen die verbleibenden Energiemengen aus erneuerbaren Energien gedeckt werden. An dieser Stelle werden wir definitiv deutlich mehr erneuerbaren Strom brauchen, beispielsweise Wärmepumpen oder auch erneuerbare Fernwärme, um diesen Bedarf irgendwann CO₂-neutral zu decken. Gleichzeitig ist es wichtig, wenn man über energetische Sanierung und auch über steigende Energiepreise durch eine höhere CO₂-Bepreisung spricht, die soziale Seite nicht zu vergessen. Die Mieterinnen und Mieter haben nur bedingt Einfluss auf ihre Heizkosten und sind dem ein Stück weit ausgeliefert. Eine Option wäre hier, einen Teil der Einnahmen aus einer höheren CO₂-Bepreisung in Form einer Pro-Kopf-Klimaprämie zurückzuerstatten.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

O-Ton von Jan Stede
Bei Wohngebäuden gab es in den vergangenen zehn Jahren nur wenige Einsparungen - Interview mit Jan Stede

Jan Stede

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Klimapolitik