Ausbau ganztägiger Angebote für Schulkinder darf nicht an Baden-Württemberg scheitern! Kommentar

DIW Wochenbericht 40 / 2020, S. 782

C. Katharina Spieß

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Dass die ganztägige Bildung und Betreuung für Kinder im Grundschulalter dringend ausgebaut werden soll, darin sind sich viele einig. Beim erforderlichen Ausbau der Kapazitäten unterstützt der Bund die Länder mit Finanzhilfen in Höhe von insgesamt 3,5 Milliarden Euro. Nun will er sogar noch einen Schritt weiter gehen und sich an den Betriebskosten beteiligen. Eine großartige Idee, die allerdings an einem Bundesland scheitern könnte: Baden-Württemberg hat bisher noch Bedenken, der entsprechenden Verwaltungsvereinbarung zuzustimmen.

Obwohl laut Kultusministerkonferenz immerhin schon zwei Drittel der Schulen ganztägig organisiert sind, reichen die vorhandenen Plätze bei weitem noch nicht aus. Um den bis 2025 erwarteten Bedarf zu decken, müssten bis zu einer Million neue Plätze geschaffen werden. Dafür werden mindestens 5,3 Milliarden Euro Investitionskosten und 3,2 Milliarden Euro Betriebskosten veranschlagt. Hinzu kommen die Ausgaben für die Qualifizierung von zusätzlichem Personal, das in diesem Bereich arbeiten soll. Kurzfristig ist dies sicherlich kein preiswertes Unterfangen.

Viele Gründe sprechen dafür, dass sich diese Investitionen kurz- und langfristig lohnen – und machen die bisherige ablehnende Haltung Baden-Württembergs umso unverständlicher. Zahlreiche empirische Erhebungen weisen darauf hin, dass der Ausbau ganztägiger Angebote für Schulkinder die Erwerbstätigkeit von Müttern erhöht. Die Möglichkeit, die eigene Arbeitszeit auszudehnen, wird sich auf die Einkommen von Frauen auswirken und somit mittel- bis langfristig auch den Gender Wage Gap sowie den Gender Pension Gap reduzieren.

Auch mit Blick auf das Humanpotential von morgen und übermorgen ist der Ausbau ganztägiger Bildungs- und Betreuungsangebote sinnvoll. Empirische Untersuchungen zeigen jedoch, dass die ganztägigen Bildungsangebote von hoher Qualität sein müssen, um positive Effekte bei den Kindern zu erzielen. Will die öffentliche Hand Folgekosten vermeiden, lohnt es sich, von Anfang an auf Sparzwänge zu verzichten und die für ein qualitativ gutes Angebot notwendigen Ressourcen zu mobilisieren. Mittel- bis langfristig wird sich das auszahlen, denn gut ausgebildete Schülerinnen und Schüler sind später diejenigen, die im Mittel höhere Steuern zahlen.

Außerdem kann eine gute ganztägige Bildungs- und Betreuungssituation einen wertvollen Beitrag zur Integration von Kindern mit Flucht- und Migrationshintergrund leisten. Hier liegen gute Voraussetzungen vor: Bereits 2018 besuchen 51 Prozent der 12- und 14-Jährigen mit Fluchthintergrund eine Ganztagsschule, bei den Gleichaltrigen mit anderem Migrationshintergrund sind es 41 Prozent und „nur“ 32 Prozent der anderen Kinder. Auch Integration kostet den Bund – diese Kosten könnten langfristig reduziert werden, wenn noch bessere Bildungs- und Betreuungsangebote für Kinder mit Flucht- und Migrationshintergrund bereitstehen.

Wenn Mütter mehr arbeiten können, sorgt dies auch für Mehreinnahmen auf Seiten der öffentlichen Hand. Berechnungen des DIW Berlin, die davon ausgehen, dass sich das Arbeitsvolumen von Müttern mit Grundschulkindern bei einem Ausbau um etwa drei bis sieben Prozent erhöht, zeigen: Insbesondere die Sozialversicherungsträger profitieren. Zählt man letztere zum Bund, ist es sehr wohl gerechtfertigt, dass sich dieser nicht nur an den Investitionskosten, sondern auch an den Betriebskosten beteiligt, denn er ist kurz- bis langfristig einer der Hauptprofiteure des Ausbaus.

Das hat der Bund eingesehen und hat den Ländern eine entsprechende Verwaltungsvereinbarung vorgelegt. Auf Ablehnung stieß er einzig und allein in Baden-Württemberg: Das Land will bisher nicht zustimmen, weil die kommunalen Betreuungsangebote des Landes in der Vereinbarung nicht berücksichtigt wurden. Es gilt rasch eine Lösung zu finden, denn es ist an der Zeit, massiv in das Ganztagesangebot zu investieren. Auf keinen Fall darf dieses Zukunftsprojekt scheitern – auch nicht an einzelnen Länder. Denn dazu ist die zu erwartende Rendite zu hoch!

C. Katharina Spieß

Abteilungsleiterin in der Abteilung Bildung und Familie

Themen: Familie, Bildung