Die Regulierung von Offshore-Finanzdienstleistungen geht schwierige Umwege: Interview

DIW Wochenbericht 43 / 2020, S. 822

Jakob Miethe, Erich Wittenberg

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Herr Miethe, Offshore-Finanzplätze sind für Ihre Verschwiegenheit und Intransparenz bekannt. Mit einem neuen Forschungsansatz haben Sie jetzt versucht, hinter die Kulissen zu schauen. Wie haben Sie das gemacht? Der Hintergrund ist, dass man aus dem Offshore-Finanzplatz selbst an fast keine Daten herankommt und deshalb etwas kreativer werden muss. Zuerst einmal muss man Aktivitäten identifizieren, die eigentlich versteckt werden sollen. Hier habe ich es indirekt gemacht. Die Idee ist, sich anzuschauen, was passiert, wenn kleine Inseln in der Karibik, im Pazifik oder im indischen Ozean, auf denen Offshore-Positionen gebucht werden, von katastrophalen Stürmen getroffen werden. Dann vergleiche ich, was parallel dazu im internationalen Finanzsektor passiert, der seine Positionen auf dieser Insel bucht. Die Frage, die ich stelle ist, ob Offshore-Finanzdienstleistungen tatsächlich auf diesen Inseln stattfinden oder ob sie von woanders gebucht werden.

Das heißt, sie können mit dieser Methode feststellen, ob auf diesen Offshore-Finanzplätzen tatsächlich gearbeitet wird oder nicht? Jede Forschung hat gewisse Unsicherheiten, aber ja, das kann man mit dieser Methode herausfinden. Vor allem, weil wir es mit anderen Inseln vergleichen können, die von denselben Wirbelstürmen getroffen werden, aber nicht als Offshore-Finanzplatz gelten und transparent sind. Und hier sehen wir nach einem Sturm Einbrüche, sowohl lokal als auch im Finanzsektor. Die Infrastruktur fällt aus, der Strom ist weg und Leute müssen evakuiert werden. Unter solchen Umständen sollte auch eine Bank nicht normal arbeiten können.

Aber trotzdem leiden die Finanzgeschäfte auf einem Offshore-Finanzplatz nicht, während alles andere auf der Insel brach liegt? Genau. Um die lokalen Zustände zu beobachten, nutzt die Studie Nachtlichtdaten von der NASA, also Satellitendaten, um zu testen, wie lange es nach einem Sturm dunkel bleibt. Im Durchschnitt ist das Nachtlicht auf betroffenen Inseln neun Monate lang etwa 20 Prozent geringer, sowohl auf Offshore-Finanzinseln, als auch auf Nicht-Offshore-Finanzinseln. Wenn wir uns dann den internationalen Bankensektor anschauen, dann stellen wir auf Nicht-Offshore-Finanzplätzen Einbrüche fest, aber auf Offshore-Finanzplätzen nicht. Der internationale Bankensektor und internationale Finanzinvestoren reagieren überhaupt nicht, als wäre nichts passiert, während alles andere einbricht.

Was bedeutet das für die Regulierung dieser Finanzplätze? Im Grunde genommen lassen sie sich ja dort, wo sie sich offiziell befinden, gar nicht regulieren, weil dort eigentlich gar nichts stattfindet. Genau das ist das Problem. Für die Regulierung bedeutet es, dass wir Offshore-Finanzplätze nicht regulieren können, indem wir diese Orte oder Länder regulieren. Wenn zum Beispiel Deutschland versucht, deutsche SteuerhinterzieherInnen, die international aktiv sind, zu erwischen, dann werden Abkommen genutzt, die dafür sorgen, dass uns beispielsweise die Caymaninseln oder die britischen Jungferninseln Daten übermitteln. Das ist natürlich problematisch, wenn die entsprechende Insel, selbst wenn sie wollte, vor Ort überhaupt keine Untersuchungen durchführen kann, weil die Position woanders ausgeführt wird und lokal nur gebucht wird. Darum ist es meiner Meinung nach ein schwieriger Umweg, zu versuchen, als deutsche Behörde Informationen über die eigenen SteuerhinterzieherInnen, die wahrscheinlich von den Finanzdienstleistern nebenan bedient werden, von einer kleinen Insel auf der anderen Seiten des Planeten zu kriegen.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

O-Ton von Jakob Miethe
Die Regulierung von Offshore-Finanzdienstleistungen geht schwierige Umwege - Interview mit Jakob Miethe