Jede Regulierung von privaten Krankenversicherungen muss Nebenwirkungen bedenken: Interview

DIW Wochenbericht 44 / 2020, S. 836

Shan Huang, Erich Wittenberg

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Frau Huang, bis 2013 hingen die Beiträge in der privaten Krankenversicherung vom Geschlecht ab. In der gesetzlichen Krankenversicherung war das nicht so. Mussten Frauen damals in der privaten Krankenversicherung mehr bezahlen? Ja, das war üblich. Das liegt daran, dass Frauen im Durchschnitt höhere Gesundheitskosten haben. Es hat sich herausgestellt, dass Frauen höhere Beiträge zahlen mussten, weil berechnet wurde, dass sie häufiger zum Arzt gehen. Die Bepreisungsgrundlage in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) war schon immer anders als in der privaten Krankenversicherung (PKV). In der PKV werden die Preise nach Gesundheitsrisiko gesetzt. In der GKV hingegen werden die Beiträge nicht nach dem Gesundheitsrisiko, sondern nach dem Einkommen berechnet.

Im Jahr 2013 dann wurde die sogenannte Unisex-Regelung eingeführt. Warum? Der Unisex-Regelung ging ein Beschluss vom Europäischen Rat voran. Der führte 2004 eine Richtlinie zum gleichberechtigten Zugang für Männer und Frauen zu Dienstleistungen und Gütern ein. Allerdings waren Versicherungen davon lange ausgeschlossen. Das heißt, bis 2013 konnten sie immer noch unterschiedliche Preise für Männer und Frauen nehmen. Im Jahr 2011 dann legte der europäische Gerichtshof ein Urteil vor, das festlegte, dass Frauen und Männer in Versicherungen ebenfalls die gleichen Preise bezahlen sollten.

Wie hat sich das auf die Beitragssätze ausgewirkt? Das hängt stark davon ab, welche Krankenversicherung und welche Verträge man sich anschaut, aber im Allgemeinen besteht die Tendenz, dass in der PKV die Preise für Frauen gesunken sind.

Wie hat sich die Einführung der Unisex-Regelung auf das Wechselverhalten zwischen der privaten und der gesetzlichen Krankenkasse ausgewirkt? Wir beobachten, dass Männer vor 2009 mit einer sehr viel höheren Wahrscheinlichkeit in die PKV wechselten als Frauen. Diese Geschlechterlücke schloss sich allerdings nach Einführung der Unisex-Tarife. Dieser Effekt kann sich aus zwei Teileffekten zusammensetzen. Einerseits kann es sein, dass Männer im Vergleich zu vorher weniger häufig in die PKV wechseln, andererseits aber auch, dass Frauen nach Einführung der Unisex-Regelung häufiger in die PKV wechseln. Es zeigt sich, dass die Wechselrate für Frauen nach Einführung der Unisex-Regelung im Durchschnitt niedriger liegt als in den Jahren davor. Für Männer liegt die Wechselrate aber noch niedriger und auch dadurch kann sich die Geschlechterlücke schließen.

Wie wirkt sich die Einführung der Unisex-Regelung auf verschiedene Berufsgruppen aus? Wir beobachten einen deutlichen Unterschied je nach Berufsgruppe. Bei Beamten wirkt sich die Unisex-Regelung kaum aus. Einen geringen Effekt sehen wir bei Angestellten, für die der Wechsel in die PKV jedoch restringiert ist auf die höchste Einkommensgruppe. Die stärksten Effekte sehen wir für Selbstständige und Minijobber, für die sich die Geschlechterlücke beim Wechsel in die PKV deutlich schloss.

Was bedeuten Ihre Ergebnisse für den deutschen Gesundheitsmarkt? Die Unisex-Regelung hatte nie das ausdrückliche Ziel, eine Geschlechterlücke zu schließen, und sie hatte auch nicht das Ziel, sich auf die Verteilung von Gesundheitsrisiken innerhalb des deutschen Krankenversicherungssystems auszuwirken. Allerdings können solche Änderungen in den regulatorischen Rahmenbedingungen durchaus dazu führen, dass gesündere Menschen eher aus der GKV austreten und in die PKV eintreten. Das kann sich zulasten der Finanzierbarkeit des gesetzlichen Systems auswirken, da der Risikopool sich derart verschlechtern könnte, dass die Preise mit der Zeit steigen und das gesetzliche System nicht mehr tragbar wird.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

O-Ton von Shan Huang
Jede Regulierung von privaten Krankenversicherungen muss Nebenwirkungen bedenken - Interview mit Shan Huang

Shan Huang

Doktorandin in der Abteilung Unternehmen und Märkte

Themen: Gesundheit, Gender