Mit einer ambitionierten Teststrategie den Schaden begrenzen: Kommentar

DIW Wochenbericht 52/53 / 2020, S. 1002

Hannes Ullrich

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Zu Beginn der Pandemie haben WissenschaftlerInnen schnell festgestellt, dass die Eindämmung der Pandemie im Kern ein Informationsproblem ist. Wäre jede infektiöse Person sofort erkennbar, ließe sich die Übertragung des Virus leicht eindämmen. Dies ist jedoch bei einem Virus wie SARS-Cov-2 dadurch erschwert, dass erkennbare Symptome weitgehend denen gängiger Infekte gleichen und ein beträchtlicher Anteil der Infektionen ohne oder mit milden Symptomen verlaufen. Aus diesem Grund läuft selbst eine gut ausgestattete Kontaktnachverfolgung dem Infektionsgeschehen stets hinterher, besonders insoweit sie symptombasiert erfolgt.

Die beste Technologie zur Erkennung von Infektionen mit SARS-Cov-2 sind die bekannten PCR-Tests, die Infektionen im gesamten Verlauf mit hoher Sicherheit bestätigen und ausschließen können. Diese Art von Tests wurde in Deutschland früh intensiv genutzt, was sicher zum kontrollierten Verlauf im Frühjahr beigetragen hat. Bei steigender Inzidenz stoßen die Labore aber an Kapazitätsgrenzen, was sich in verzögerten Testergebnissen und schließlich der Fokussierung auf symptombasierte Testungen niederschlägt. Da damit eine kontrollierte Eindämmung quasi unmöglich wird, bleiben nur drastische individuelle Verhaltensänderungen und schließlich der Lockdown mit all seinen sozialen und wirtschaftlichen Folgen.

Während bei der Erforschung von Impfstoffen überragende Erfolge erreicht wurden, erscheint die Umsetzung von skalierbaren Screeningstrategien und -infrastrukturen weniger Beachtung gefunden zu haben. Hürden stellte hierbei unter anderem die Skepsis gegenüber Tests von vermeintlich geringerer diagnostischer Qualität dar. Dabei ist aber entscheidend für die Qualität eines Tests, welches Ziel er verfolgt: PCR-Tests können zuverlässig Infektionen diagnostizieren und die Inzidenz abbilden. Antikörpertests können Hinweise auf überstandene Infektionen liefern. Antigentests können Personen schnell und häufig, zum Beispiel mehrmals pro Woche, informieren, ob von ihnen eine akute Ansteckungsgefahr ausgeht. Regulatorische Vorgaben und Skepsis in medizinischen Kreisen bremsen insbesondere Antigentests aus. Nicht zuletzt werden auch Bedenken geäußert, dass negative Testergebnisse ungewünschte, risikofreudigere Verhaltensreaktionen hervorrufen könnten. Diese Bedenken basieren aber nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Vergleichbare Bedenken konnten bereits in Sachen Mund-Nasen-Schutz wissenschaftlich widerlegt werden.

Hätte der Staat seine Milliarden auch in Testinfrastrukturen investiert, hätte sich das vermutlich in geringeren Infektionszahlen niedergeschlagen. Es würde sich aber auch heute noch lohnen. Denn mit einer ausreichenden Impfrate, mit der wir wieder zur Normalität zurückkehren können, ist vor dem Sommer 2021 nicht zu rechnen. Die sich im Aufbau befindliche Infrastruktur für Impfungen könnte sich in der Zwischenzeit als Teil einer massiven Ausweitung von Tests anbieten. Dies gäbe unserer Gesellschaft ein leicht zugängliches Instrument zur Infektionskontrolle in die Hand, das weniger scharfe und lange Kontaktbeschränkungen bis zum nächsten Sommer ermöglichen könnte – und der Pandemiemüdigkeit entgegentreten würde.

Einige Gemeinden verfolgen bereits aktive Teststrategien – zum Beispiel Tübingen – und sind damit erfolgreich. Genau wie die Bundesregierung Wirtschaftshilfen in dreistelliger Milliardenhöhe zugesprochen hat, könnten Gemeinden und Länder auch mit einem Milliardenbetrag an Bundesmitteln beim Aufbau von Testinfrastrukturen unterstützt werden. Diese Investition wäre nur ein Bruchteil der bereits getragenen staatlichen und gesellschaftlichen Kosten und würde Leben retten. Es ist daher zu bedauern, dass die Bundesregierung nicht bereits viel umfassender und früher in diesen Teil der Pandemiebekämpfung investiert hat.

Eine mutige Umsetzung einer Teststrategie hätte nicht nur einen direkten positiven Effekt, sondern wäre auch eine sinnvolle Investition in die Zukunft, in der Pandemien mit möglicherweise noch gefährlicheren Krankheitserregern Teil der Realität sein werden.

Dieser Beitrag ist in einer etwas längeren Fassung am 15. Dezember 2020 im Tagesspiegel erschienen.

Hannes Ullrich

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Unternehmen und Märkte