Sorgearbeit während der Corona-Pandemie: Mütter übernehmen größeren Anteil – vor allem bei schon zuvor ungleicher Aufteilung

DIW Wochenbericht 9 / 2021, S. 131-139

Jonas Jessen, C. Katharina Spieß, Katharina Wrohlich

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  • Eltern haben während coronabedingter Kita- und Schulschließungen im Frühjahr und Sommer 2020 Großteil der Betreuung ihrer Kinder selbst übernommen
  • Anteil der Familien, in denen Frau die Kinderbetreuung (fast) vollständig übernimmt, hat sich von acht auf 16 Prozent in etwa verdoppelt
  • Insgesamt aber differenziertes Bild: So hat sich Anteil der Familien, in denen Sorgearbeit gleich aufgeteilt ist, in der Krise nicht signifikant verändert
  • Große Unterschiede in der Wahrnehmung: 24 Prozent der Mütter sagen, sie hätten im Lockdown Kinderbetreuung alleine gestemmt – unter den Vätern sagen dies nur fünf Prozent
  • Politik sollte finanzielle Anreize für mehr Geschlechtergerechtigkeit bei Aufteilung von Sorgearbeit setzen

„Paare, die vor der Pandemie die Kinderbetreuung gleichmäßig aufgeteilt haben, bleiben offenbar dabei. In Familien, in denen Mütter schon zuvor den größeren Teil übernommen haben, verschärft sich hingegen die Ungleichheit in der Aufteilung.“ Katharina Wrohlich

Eltern haben im Zuge der ersten coronabedingten Kita- und Schulschließungen einen Großteil der Bildungs- und Betreuungsarbeit übernommen. Vielfach wurde in der Öffentlichkeit diskutiert, inwiefern die Corona-Pandemie die Aufteilung von Sorge- und Erwerbsarbeit zwischen Müttern und Vätern verändert hat. Eine Auswertung neuer pairfam-Daten zeigt ein differenziertes Bild: Einerseits hat sich der Anteil der Paare, die sich Kinderbetreuung und Hausarbeit egalitär aufteilen, nicht signifikant verändert. Andererseits ist bei Paaren, bei denen die Frauen bereits vor der Pandemie den überwiegenden Teil der Sorgearbeit übernommen haben, das Ungleichgewicht in der Pandemie noch größer geworden. Im Frühjahr und Sommer 2020 haben Frauen in rund 16 Prozent und damit im Vorjahresvergleich in etwa doppelt so vielen Familien (fast) vollständig die Kinderbetreuung übernommen. Wenn Mütter im Homeoffice arbeiten, erledigen sie auch mehr Sorgearbeit, während dies bei Vätern nicht der Fall ist. Die Aufteilung der Sorgearbeit wird dabei von Müttern und Vätern sehr unterschiedlich wahrgenommen. Die Politik sollte aus einer gleichstellungspolitischen Perspektive bei neuen familienbezogenen Leistungen die ungleiche Verteilung der Sorgearbeit stärker in den Blick nehmen. Helfen könnten beispielsweise finanzielle Anreize für eine gleichmäßigere Aufteilung der Elternzeit.

Im März 2020 wurden im Zuge der Corona-Pandemie zum ersten Mal Kitas und Schulen in ganz Deutschland geschlossen. Zwar konnten Kita-Kinder und SchülerInnen nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 nach und nach wieder vor Ort betreut und beschult werden, eine Rückkehr zur Normalität gab es in den meisten Kitas und Schulen aber nicht – oder sie war nur von kurzer Dauer, bevor es zum zweiten Lockdown kam. Viele Eltern mit jungen Kindern müssen wegen dieser Einschränkungen – häufig neben ihrer Erwerbstätigkeit – die Betreuung und in Teilen auch die Bildung ihrer Kinder mehr oder weniger selbst gewährleisten. Eine Auswertung von DIW-ForscherInnen im Frühjahr 2020 hat gezeigt, dass in zwei Dritteln aller Familien mit Kindern bis zwölf Jahren der alleinerziehende Elternteil oder beide Elternteile erwerbstätig sind – das entspricht mehr als vier Millionen Haushalten.infoVgl. dazu Kai-Uwe Müller et al. (2020): Corona-Krise erschwert Vereinbarkeit von Beruf und Familie vor allem für Mütter – Erwerbstätige Eltern sollten entlastet werden. DIW Wochenbericht Nr. 19, 331–340 (online verfügbar; abgerufen am 23. Februar 2021. Dies gilt auch für alle anderen Online-Quellen dieses Berichts, sofern nicht anders vermerkt). Diese Familien sind in besonderer Weise von den Kita- und Schulschließungen betroffen. Vielfach können sie selbst auf die Betreuung durch die Großeltern als Notfalloption nicht zurückgreifen, um diese in der Pandemie keinem erhöhten Infektionsrisiko auszusetzen.infoVgl. Mathias Huebener und C. Katharina Spieß (2020): Ein Hoch auf alle Omas: In Corona-Zeit Hilfsbereitschaft aber nicht einfordern! Kommentar im DIW Wochenbericht Nr. 42, 810 (online verfügbar).

Wie Eltern die wegfallende Bildung und Betreuung tatsächlich gewährleisten und wie sich die zusätzliche Sorgearbeit auf Mütter und Väter verteilt, ist ein in Politik, Medien und Wissenschaft viel diskutiertes Thema. Bereits im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 wurde einerseits die Befürchtung geäußert, dass Mütter die Hauptlast der zusätzlichen Bildungs- und Betreuungsaufgaben übernehmen müssten und sie daher überdurchschnittlich stark von den Maßnahmen zum Infektionsschutz betroffen seien. In diesem Zusammenhang wurde häufig von einer Retraditionalisierung der Geschlechterrollen gesprochen.infoVgl. zum Beispiel Jutta Allmendinger (2020): Zurück in alte Rollen. Corona bedroht die Geschlechtergerechtigkeit. WZB Mitteilungen Nr. 168, Juni. Auf der anderen Seite wurde – auch von Seiten der Wissenschaft – auf die Möglichkeit hingewiesen, dass die Schließung von Bildungs- und Betreuungseinrichtungen dazu beitragen könnte, die Beteiligung von Vätern an der Kinderbetreuung und Hausarbeit zu steigern und damit mittelfristig einen Wandel der sozialen Normen herbeizuführen.infoVgl. beispielsweise Titan Alon et al. (2020): The impact of COVID-19 on gender equality. NBER Working Paper 26947 (online verfügbar); sowie Claudia Hupkau und Barbara Petrongolo (2020): Work, Care and Gender during the COVID-19 Crisis. Fiscal Studies, Vol. 41, 3, 623–651.

Letztlich ist es eine empirische Frage, wie sich Eltern die zusätzlichen Aufgaben aufgeteilt haben. Dabei geht es neben Kinderbetreuung auch um Hausarbeit, die zum Beispiel Kochen, Putzen und andere Arbeiten umfasst, die nun in einem größeren Umfang anfallen, da die Kinder und viele Eltern mehr Zeit zu Hause verbringen.

Bisherige Analysen: Mütter übernehmen auch im Lockdown Großteil von Kinderbetreuung und Hausarbeit

Zahlreiche empirische Studien haben bereits Erkenntnisse dazu geliefert, wie Paare sich in der Pandemie die Sorgearbeit aufteilen. Beispielsweise konnte auf Basis einer Sondererhebung des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP-CoV) die Vermutung bestätigt werden, dass Mütter den Großteil der zusätzlichen Kinderbetreuung während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 übernommen haben. Während Mütter in diesem Zeitraum ihre Kinder im Alter von bis zu elf Jahren werktags durchschnittlich etwa zehn Stunden lang betreut haben, war die Zeit bei Vätern mit etwa fünf Stunden nur halb so lang. Gleichzeitig belegen die Daten aber auch, dass Väter überproportional mehr Zeit in die Bildung und Betreuung ihrer Kinder investierten als in der Zeit vor der Pandemie und sie ihren Anteil an der gesamten Kinderbetreuung gesteigert haben. Allerdings ist dabei zu beachten, dass sie vor der Pandemie im Durchschnitt deutlich weniger Zeit mit Kinderbetreuung verbrachten als Mütter und das Steigerungspotenzial entsprechend höher war.info2019 brachten Mütter durchschnittlich sieben Stunden und Väter drei Stunden für die Kinderbetreuung auf. Vgl. Sabine Zinn, Michaela Kreyenfeld und Michael Bayer (2020): Kinderbetreuung in Corona-Zeiten: Mütter tragen die Hauptlast, aber Väter holen auf. DIW Aktuell Nr. 51 (online verfügbar).

Auch Ergebnisse auf Basis des Nationalen Bildungspanels (NEPS) im Frühjahr vergangenen Jahres zeigen, dass in dieser Zeit Mütter die zentrale Rolle bei der Kinderbetreuung übernommen haben. Väter haben sich demnach zwar ebenfalls an der Kinderbetreuung beteiligt, allerdings selten allein, in der Regel also gemeinsam mit der Mutter oder mit der Unterstützung von Dritten. In Familien mit unter 14-jährigen Schul- und Kita-Kindern haben in 33 Prozent der Fälle Mütter allein die Betreuung übernommen. In nur sechs Prozent der Fälle galt das für die Väter. In 29 Prozent der Fälle wiederum kümmerten sich beide Eltern, während der Rest noch dritte Personen hinzugezogen hat.infoVgl. Gundula Zoch, Ann-Christin Bächmann und Basha Vicari (2020): Kinderbetreuung in der Corona-Krise: Wer betreut, wenn Schulen und Kitas schließen? NEPS Corona & Bildung, Bericht Nr. 3 (online verfügbar).

Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung zeigt, dass bei Paaren, die vor der Pandemie eine gleichmäßige Aufgabenteilung praktizierten, mehrheitlich auch in der Krise die Aufgaben geteilt wurden. Jedoch ist es seit Beginn der Pandemie in nahezu einem Drittel der Fälle die Frau, die den Hauptteil der Sorgearbeit übernommen hat, während dies nur zu gut zehn Prozent bei Männern der Fall war.infoVgl. Bettina Kohlrausch und Aline Zucco (2020): Corona trifft Frauen doppelt – weniger Erwerbseinkommen und mehr Sorgearbeit. WSI Policy Brief Nr. 40 (online verfügbar). Auch auf Basis der „Mannheimer Corona-Studie“ zeigt sich, dass in den ersten Wochen des Lockdowns im Frühjahr letzten Jahres bei etwa der Hälfte der Familien Mütter allein die Kinderbetreuung übernommen haben. Wie auch in anderen Studien war dies insbesondere in Haushalten mit einem geringeren Einkommen der Fall.infoKatja Möhring et al. (2020): Die Mannheimer Corona-Studie: Schwerpunktbericht zu Erwerbstätigkeit und Kinderbetreuung (online verfügbar). Auf der Basis von pairfam-Daten aus dem Jahr 2020, die für die breite Wissenschaft noch nicht zur Verfügung stehen, zeigt eine Analyse, dass sich auf aggregierter Ebene keine fundamentalen Veränderungen in der Arbeitsteilung ergeben haben, aber der Anteil von Frauen, die die Kinderbetreuung alleine übernehmen, zugenommen hat.infoVgl. Karsten Hank und Anja Steinbach (2021): The virus changed everything, didn’t it? Couples’ division of housework and childcare before and during the Corona crisis. Journal of Family Research, Vol. 33, 1, 99–114. Diese Studie vergleicht Angaben von Paaren aus der regulären pairfam-Befragung im Jahr 2020 vor dem Lockdown mit den Daten der pairfam-Corona-Zusatzbefragung (siehe dazu auch den Kasten in diesem Wochenbericht). Die DJI-Studie „Kind sein in Zeiten von Corona“ belegt, dass nahezu alle Kinder (98 Prozent) von mindestens einem Elternteil betreut wurden – allerdings ist hier keine Differenzierung zwischen Müttern und Vätern möglich. Wenn das jüngste Kind im Haushalt im Krippenalter war, wurden die Kinder besonders häufig von den Großeltern betreut (20 Prozent), obwohl empfohlen wurde, auf diese Kontakte zu verzichten. Vgl. Alexandra Langmeyer et al. (2020): Kind sein in Zeiten von Corona. Ergebnisbericht zur Situation von Kindern während des Lockdowns im Frühjahr 2020 (online verfügbar).

Neue Auswertungen von pairfam-Daten liefern Erkenntnisse zur Aufteilung der Sorgearbeit im ersten Lockdown

Im Folgenden werden Daten der Corona-Zusatzbefragung von pairfam ausgewertet (Kasten). Sie können ebenfalls Antworten geben auf die Frage, wie sich Väter und Mütter in Paarfamilien im Frühjahr und Sommer 2020 Hausarbeit und Kinderbetreuung aufgeteilt haben. Damit beschränken sich die Analysen auf Paarfamilien – was nicht heißen soll, dass die Belastungen von alleinerziehenden Eltern nicht ebenfalls erheblich sind.

Daten

Die Analysen beruhen auf Daten des Beziehungs- und Familienpanels pairfam.infoVgl. dazu Johannes Huinink et al. (2011): Panel Analysis of Intimate Relationships and Family Dynamics (pairfam): Conceptual framework and design. Zeitschrift für Familienforschung, Vol. 23/1, 77–100; und Josef Brüderl et al. (2020): The German Family Panel (pairfam). GESIS Data Archive, Cologne. ZA5678 Data file Version 11.0.0, https://doi.org/10.4232/pairfam.5678.11.0.0. Das Panel wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert und ist ein Kooperationsprojekt der Universität Bremen, der Friedrich-Schiller-Universität Jena, der Universität zu Köln und der Ludwig-Maximilians-Universität München. In der 2008 gestarteten Längsschnittstudie werden jährlich Befragungsdaten von über 12000 zufällig ausgewählten Personen der Geburtsjahrgänge 1971 bis 1973, 1981 bis 1983, 1991 bis 1993 und 2001 bis 2003 (letztere seit 2019) erhoben. In der Studie werden sowohl Hauptauskunftspersonen („Ankerperson“) als auch deren Familienangehörige befragt.

Von Mai bis Juli 2020 wurde eine Corona-Zusatzbefragung durchgeführt.infoVgl. dazu Sabine Walper et al. (2020): The pairfam COVID-19 survey: Design and instruments. Release Version. LMU Munich: pairfam Technical Paper 15 und Sabine Walper et al. (2020): The pairfam OVID-19 survey. GESIS Data Archive, Cologne. ZA5959 Data file Version 1.0.0, https://doi.org/10.4232/pairfam.5959.1.0.0 Dabei liegt der Fokus der Befragung auf coronabedingten Veränderungen im Familienleben. Befragt wurden alle Hauptauskunftspersonen, die in der vorherigen Befragungswelle enthalten waren (oder lediglich temporär in dieser Welle ausfielen). Von diesen 9640 Personen haben sich 3160 an der Corona-Zusatzerhebung beteiligt. Die zugrundeliegenden Analysen beschränken sich auf gemischtgeschlechtliche Paarhaushalte, die angeben, mit einem Kind oder Kindern zusammen zu leben.infoDer Einfachheit halber werden in diesem Bericht gemischtgeschlechtliche Paare mit Kind(ern) im Haushalt als Eltern bezeichnet.

Die Corona-Zusatzbefragung beinhaltet Fragen zur Haushaltszusammensetzung, coronabedingten Einschränkungen, Wohlbefinden und Änderungen in der Erwerbssituation (zum Beispiel Homeoffice oder Kurzarbeit). Dabei werden die Auskunftspersonen sowohl zu ihrer Situation als auch zu der ihres Partners beziehungsweise ihrer Partnerin befragt. Die Befragung enthält außerdem Fragen zur Arbeitsteilung innerhalb der Partnerschaft, dem Hauptthema dieses Berichts. Die entsprechende Frage lautet:

„Wie haben Sie und Ihre Partnerin/Ihr Partner sich derzeit die Arbeit in folgenden Bereichen zeitlich aufgeteilt?“

  • Hausarbeit (Waschen, Kochen, Putzen)
  • KinderbetreuunginfoNeben den dargestellten Fragen zur Sorgearbeit wird auch nach der Aufteilung von Einkaufen, Reparaturen und finanziellen Angelegenheiten/Behördengängen gefragt. Diese Aspekte sind jedoch nicht Gegenstand dieses Berichts.

Die Antwortmöglichkeiten sind:

  • (Fast) vollständig mein/e Partner/in
  • Überwiegend mein/e Partner/in
  • Etwa halbe/halbe
  • Überwiegend ich
  • (Fast) vollständig ich

Für eine einfachere Vergleichbarkeit zwischen Antworten von Frauen und Männern wurde für diesen Bericht eine geschlechtsspezifische Rekodierung vorgenommen, so dass es möglich war, die folgenden Antworten zu unterscheiden: „Der Mann übernimmt diesen Bereich (fast) vollständig“ und „die Frau übernimmt diesen Bereich (fast) vollständig“. Entsprechend wurden auch die anderen Antworten den Müttern und Vätern zugeordnet. Um Veränderungen gegenüber der Vorpandemiezeit untersuchen zu können, wurden als Vergleich Daten zur Arbeitsteilung aus der vorherigen pairfam-Befragungswelle des Jahres 2019 herangezogen. Dementsprechend werden nur Beobachtungen verwendet, für die in entsprechenden Kategorien in beiden Befragungswellen Informationen vorliegen.

Bei allen Analysen in diesem Bericht handelt es sich um gewichtete Berechnungen.infoFür Charakteristika und Merkmale des untersuchten Datensatzes siehe auch Tabelle 1 in diesem Bericht. Insgesamt basieren die Analysen auf Beobachtungen aus 967 Haushalten mit Kindern, für die Angaben aus den Jahren 2019 und 2020 vorliegen.

Methode

In den Analysen wird untersucht, wie sich die Aufteilung der Sorgearbeit im Jahr 2020 im Vergleich zu 2019 verändert hat. Dazu wird ein lineares Wahrscheinlichkeitsmodell geschätzt. Da für alle Paarhaushalte in den Analysen Beobachtungen aus beiden Jahren vorliegen (ein „balanciertes Panel“), werden durchschnittliche Änderungen innerhalb der Paarhaushalte berechnet.infoDas Hinzufügen von weiteren erklärenden Variablen, zum Beispiel das Alter der Eltern oder der Bildungsabschluss, hat durch das balancierte Panel keine Auswirkung auf die dargestellten Punktschätzer.

Die pairfam-Daten beruhen auf einer repräsentativen Stichprobe bestimmter Geburtskohorten in Deutschland. Die hier vorliegenden Analysen basieren auf Angaben der Hauptbefragungspersonen (Kasten), die sowohl Mütter als auch Väter umfassen, wobei in der ursprünglichen Stichprobe versucht wurde, beide Geschlechter in gleichem Umfang aufzunehmen.infoWährend grundsätzlich in pairfam ein ähnlicher Anteil an Frauen und Männern Auskunftspersonen sind, hatten in der Corona-Zusatzbefragung Frauen eine leicht höhere Wahrscheinlichkeit teilzunehmen. Daher sind im Vergleich zur regulären pairfam-Befragung ein größerer Anteil der Auskunftspersonen Frauen (58 statt 53 Prozent in der gesamten Stichprobe). Dies ist ein wesentlicher Unterschied zu anderen Haushalts- und Personenbefragungen, beispielsweise zur SOEP-CoV-Befragung, die zwar bevölkerungsrepräsentativ ist, bei der im Zuge der Corona-Zusatzbefragungen aber eine beliebige erwachsene Person im Haushalt befragt wurde. Zudem wurde in der pairfam-Corona-Befragung explizit nach der Aufteilung der Hausarbeit und Kinderbetreuung mit dem Partner oder der Partnerin gefragt, was in anderen Studien nicht immer der Fall war.

Insgesamt liegen im Rahmen der pairfam-Corona-Befragung, die im Mai, Juni und Juli 2020 stattfand, Informationen zu über 3000 Personen vor, davon waren 967 Personen Eltern mit Kindern im Haushalt, die auch 2019 interviewt wurden. Etwa 60 Prozent der Befragten sind Mütter (Tabelle 1).

Tabelle 1: Merkmale des pairfam-Corona-Datensatzes (Mai bis Juli 2020)

Charakteristika der Stichprobe Anteil in Prozent Coronabedingte Einschränkungen und Erwerbstätigkeit Anteil in Prozent
Frauen 61 Von Kontaktbeschränkungen betroffen 89
Geburtskohorte 1971 bis 1973 40 Schulen sind (teilweise) geschlossen 53
Geburtskohorte 1981 bis 1983 54 Kita ist (teilweise) geschlossen 37
Geburtskohorte 1991 bis 1993 7 Vollzeit erwerbstätig 41
Verheiratet 85 Teilzeit erwerbstätig 31
Abitur 56 Flexiblere Arbeitszeiten 11
Wohnort in Ostdeutschland 14 Homeoffice Vollzeit 21
Interviewmonat: Mai 49 Homeoffice teilweise 24
Interviewmonat: Juni 49 Kurzarbeit 10
Interviewmonat: Juli 2 Netto-Haushalteinkommen ist gesunken 30
Beobachtungen 967 Beobachtungen 967

Anmerkung: Die Stichprobe besteht aus Paarhaushalten mit Kindern, die an der Corona-Zusatzbefragung von pairfam teilgenommen haben. Information zu Schul- und Kitaschließungen beziehen sich auf Haushalte mit Kindern im entsprechenden Alter.

Quelle: pairfam-Corona-Zusatzbefragung.

89 Prozent der Befragten in der Elternstichprobe gaben an, dass zum Befragungszeitpunkt Kontaktbeschränkungen an ihrem Wohnort galten. Bei mehr als der Hälfte (53 Prozent) waren die Schulen (teilweise) geschlossen und 37 Prozent berichteten, dass an ihrem Wohnort zum Interviewzeitpunkt die Kitas (teilweise) geschlossen waren.infoFragen zu Schul- und Kitaschließungen werden lediglich von Eltern beantwortet, deren Kinder normalerweise in der Schule oder Kita sind. Jede/r Fünfte gab an, Vollzeit im Homeoffice zu arbeiten und fast ein Viertel der befragten Eltern berichtete, teilweise im Homeoffice zu arbeiten. Zehn Prozent der Befragten waren in Kurzarbeit. Des Weiteren gab fast ein Drittel der Befragten an, dass ihr Netto-Haushaltseinkommen im Zuge der Corona-Pandemie gesunken sei.

Anteilig mehr Paare, in denen sich Mutter fast vollständig um Kinderbetreuung kümmert

Vor der Corona-Pandemie, also im Jahr 2019, gab mit 59 Prozent die Mehrheit der Befragten an, dass die Kinderbetreuung „überwiegend“ von der Frau übernommen wurde (Abbildung 1). In 31 Prozent der Fälle war die Kinderbetreuung „in etwa gleich“ aufgeteilt. Acht Prozent der Befragten gaben an, dass die Kinderbetreuung „(fast) vollständig die Frau“ übernommen habe. In weniger als drei Prozent aller Haushalte kümmerte sich 2019 „(fast) vollständig“ oder „überwiegend“ der Mann um die Kinderbetreuung.infoVgl. Müller et al. (2020), a.a.O.

Im Vergleich dazu zeigen sich für den Zeitraum von Mai bis Juli 2020 deutliche Verschiebungen: Während der Anteil der Paare, die sich die Kinderbetreuung etwa gleich aufteilen, konstant geblieben ist, hat sich der Anteil der Familien, in denen „überwiegend die Frau“ die Kinderbetreuung übernimmt, stark reduziert (um 13 Prozentpunkte). Im Gegenzug ist der Anteil der Familien, in denen die Frau „(fast) vollständig“ die Kinderbetreuung übernimmt, um acht Prozentpunkte gestiegen. Etwas – wenngleich deutlich geringer – gestiegen ist auch der Anteil der Familien, in denen „überwiegend der Mann“ die Kinderbetreuung übernimmt, von zwei auf vier Prozent. Sehr ähnliche Muster ergeben sich bei der Aufteilung der Hausarbeit, wobei hier Waschen, Kochen und Putzen gemeint sind (Abbildung 1).

Mehr Mütter übernehmen Hausarbeit (fast) vollständig

Die Veränderung in der Aufteilung der Hausarbeit und Kinderbetreuung zwischen 2019 und Mai bis Juli 2020 ist statistisch signifikant, wie die Ergebnisse von Regressionsanalysen zeigen (Tabelle 2). Der Anteil der Paare, bei denen die Kinderbetreuung „(fast) vollständig“ die Frau übernimmt, hat um knapp acht Prozentpunkte zugenommen. Bei der Hausarbeit ist diese Veränderung etwas geringer, hier beträgt der Anstieg gut fünf Prozentpunkte. Allerdings sind diese Veränderungen nur dann identifizierbar und statistisch signifikant, wenn Auskünfte von allen Eltern oder nur der Mütter betrachtet werden. Zieht man nur die Angaben der Mütter heran, ergeben sich größere Veränderungen: Demnach ist der Anteil der Haushalte, in denen sie „(fast) vollständig“ die Hausarbeit übernehmen, um gut neun Prozentpunkte gestiegen, mit Blick auf die Kinderbetreuung beträgt der Zuwachs sogar fast zwölf Prozentpunkte. Untersucht man jedoch nur die Familien, in denen Väter die Auskünfte gegeben haben, finden sich keine statistisch signifikanten Veränderungen der Aufteilung der Hausarbeit und Kinderbetreuung.

Tabelle 2: Arbeitsteilung in der Partnerschaft

Frau übernimmt (fast) vollständig Mann übernimmt mindestens zur Hälfte
Anteil 2019 Anteil 2019
Auskunftsperson Beide Mütter Väter Auskunftsperson Beide Mütter Väter
Kinderbetreuung Kinderbetreuung
8,3 Prozent Corona-Veränderung 7,9*** 11,9*** 2,2 33,2 Prozent Corona-Veränderung 4,9** 0,2 9,1***
in Prozentpunkten in Prozentpunkten
Hausarbeit Hausarbeit
21,6 Prozent Corona-Veränderung 5,1*** 9,4*** −1,7 29,2 Prozent Corona-Veränderung 1,5 0,8 5,0
in Prozentpunkten in Prozentpunkten
Beobachtungen 1898 1160 738 Beobachtungen 1898 1160 738

Anmerkungen: Die Stichprobe besteht aus Paarhaushalten mit Kindern, für die Informationen zur Aufteilung von Kinderbetreuung und Hausarbeit für beide Jahre vorliegen. Die Koeffizienten beziffern den Unterschied von Haushalten, in denen Frauen besagte Tätigkeit im Vergleich zum Vorjahreszeitraum (fast) vollständig beziehungsweise Männer die Tätigkeit mindestens zur Hälfte übernehmen. Sternchen bezeichnen das Signifikanzniveau, das die statistische Genauigkeit der Schätzung angibt. Je mehr Sternchen, desto genauer: ***, ** und * geben die Signifikanz auf dem Ein-, Fünf- und Zehn-Prozent-Niveau an.

Lesebeispiel: Der Anteil der Haushalte, in denen Mütter die Kinderbetreuung (fast) vollständig übernehmen, ist ausgehend von 8,3 Prozent im Jahr 2019 in der Corona-Pandemie um 7,9 Prozentpunkte gestiegen.

Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis der pairfam-Corona-Zusatzbefragung und Welle 11 des pairfam-Datensatzes.

Kaum mehr Paare als zuvor, in denen überwiegend Vater Kinderbetreuung übernimmt

Der Anteil der Paare, bei denen der Mann mindestens zur Hälfte die Kinderbetreuung übernimmt, ist im Frühjahr und Sommer 2020 im Vergleich zu 2019 geringfügig gestiegen: Der Anstieg beträgt im Durchschnitt aller Befragten knapp fünf Prozentpunkte (Tabelle 2). Werden nur Mütter in die Analyse einbezogen, ist dieser Zusammenhang nicht mehr statistisch signifikant; werden nur die Angaben von Vätern betrachtet, verdoppelt sich die durchschnittliche Veränderung nahezu auf gut neun Prozentpunkte. Den Angaben der Väter zufolge ist auch der Anteil der Haushalte, in denen sie mindestens die Hälfte der Hausarbeit übernommen haben, gestiegen (um fünf Prozentpunkte). Betrachtet man jedoch die Angaben aller Eltern oder nur der Mütter, ist diese Veränderung nicht beobachtbar. Unabhängig von der Auskunftsperson lässt sich also festhalten, dass sich der Anteil der Paare, bei denen Väter mindestens die Hälfte der Sorgearbeit übernehmen, in der Pandemie zumindest nicht verringert hat.

Unterschiede in der subjektiven Wahrnehmung der Arbeitsteilung nehmen zu

Unterschiedliche Antworten zwischen Männern und Frauen auf die Frage nach der Arbeitsteilung im Haushalt sind ein häufiges und in der Literatur gut dokumentiertes Phänomen.infoVgl. hierzu beispielsweise Yoshinori Kamo (2000): „He Said, She Said“: Assessing Discrepancies in Husbands’ and Wives’ Reports in the Dividison of Household Labor. Social Science Research 29/4, 459–476; oder Claudia Geist (2010): Men’s and Women’s reports about Housework. In: Judith Treas und Sonja Drobnic (Hrsg.): Dividing the Domestic. Men, Women & Household Work in Cross-National Perspective, 217–240. Im Jahr 2019 gaben im pairfam-Datensatz etwa 29 Prozent der Mütter und 34 Prozent der Väter (in Paarhaushalten) an, dass die Kinderbetreuung „etwa halbe/halbe“ aufgeteilt sei (Tabelle 3). Fast 58 Prozent der Frauen und knapp 60 Prozent der Männer gaben an, dass die Kinderbetreuung „überwiegend von der Frau“ übernommen werde. Eine große Diskrepanz gab es hingegen bei der Kategorie „(fast) vollständig von der Frau“: Knapp zwölf Prozent der Mütter, aber nur drei Prozent der Väter gaben an, dass diese Aufteilung der Kinderbetreuung für sie zutreffend sei. In der Corona-Zusatzbefragung 2020 sind die Unterschiede zwischen den Antworten von Männern und Frauen noch größer geworden – am stärksten zeigt sich dies wiederum in der Kategorie, die angibt, dass die Kinderbetreuung „(fast) vollständig“ von der Frau übernommen wird: Hier gaben 2020 fast 24 Prozent aller Mütter dies als für sie zutreffend an, aber lediglich gut fünf Prozent der Väter. Dies deutet darauf hin, dass sich die Wahrnehmungsunterschiede bezüglich der Aufteilung von Hausarbeit und Kinderbetreuung während der pandemiebedingten Kita- und Schulschließung vergrößert haben.

Tabelle 3: Auskünfte von Müttern und Vätern zur Arbeitsteilung in der Partnerschaft

Jahr: 2019 Mai bis Juli 2020
Auskunftsperson: Mütter Väter Mütter Väter
Anteil in Prozent Differenz in Prozentpunkten Anteil in Prozent Differenz in Prozentpunkten
Kinderbetreuung (Fast) vollständig Frau 11,9 3,0 8,9 23,8 5,2 18,6
Überwiegend Frau 57,8 59,6 −1,8 43,9 48,4 −4,5
Etwa halbe/halbe 28,5 33,7 −5,2 27,6 40,6 −3,0
Überwiegend Mann 1,7 3,3 −1,6 3,7 5,4 −1,7
(Fast) vollständig Mann 0,0 0,4 −0,4 1,0 0,4 0,6
Hausarbeit (Fast) vollständig Frau 26,0 14,8 11,2 35,4 13,1 22,3
Überwiegend Frau 47,4 51,9 −4,5 38,9 48,6 −9,7
Etwa halbe/halbe 21,9 28,6 −6,7 20,3 31,2 −10,9
Überwiegend Mann 3,8 3,6 0,2 4,4 4,6 −0,2
(Fast) vollständig Mann 0,9 1,1 −0,2 1,1 1,5 −0,4
Beobachtungen 578 369 947 578 369 947

Anmerkungen: Die Stichprobe besteht aus Paarhaushalten mit Kindern, für die Informationen zur Aufteilung von Kinderbetreuung und Hausarbeit für beide Jahre vorliegen.

Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis der pairfam-Corona-Zusatzbefragung und Welle 11 des pairfam-Datensatzes.

Mütter kombinieren häufiger Homeoffice und Sorgearbeit

Unabhängig davon, ob Mütter oder Väter geantwortet haben, zeigen weitere Analysen, dass sich bezüglich der Aufteilung der Kinderbetreuung und der Hausarbeit Veränderungen danach ergeben, ob Eltern im Homeoffice arbeiten. Hier werden nur Familien betrachtet, bei denen im Jahr 2019 beide Elternteile erwerbstätig waren. Gehen beide Elternteile ihrer Erwerbsarbeit im Homeoffice nach – dies sind 26 Prozent aller erwerbstätigen Eltern – ist kein statistisch signifikanter Anstieg des Anteils der Familien zu beobachten, in denen die Mutter nahezu ausschließlich die Kinderbetreuung übernimmt (Abbildung 2). Der Anteil der Familien, bei denen die Frau „(fast) vollständig“ die Kinderbetreuung beziehungsweise Hausarbeit übernimmt, ist hingegen am stärksten – um jeweils etwa 16 Prozentpunkte – in den Familien gestiegen, in denen während der Pandemie 2020 nur die Frau im Homeoffice gearbeitet hat. Insgesamt sind dies zwölf Prozent aller erwerbstätigen Eltern, während bei 38 Prozent keiner im Homeoffice arbeitet und bei 23 Prozent nur der Mann im Homeoffice ist. Bemerkenswerterweise ist der Anteil der Familien, in denen nahezu ausschließlich die Frau die Kinderbetreuung übernimmt, auch dort gestiegen, wo keines der Elternteile im Homeoffice gearbeitet hat oder nur der Mann im Homeoffice tätig war. Für die Aufteilung der Hausarbeit trifft das nicht zu, hier sind diesbezüglich keine statistisch signifikanten Veränderungen zu beobachten. Es ist aber festzuhalten, dass Mütter Homeoffice mit Hausarbeit kombinieren, während das bei Männern nicht der Fall zu sein scheint.infoDieses Phänomen wurde in der Literatur bereits für die Zeit vor der Corona-Pandemie gefunden. Vgl. dazu zum Beispiel Claire Samtleben, Yvonne Lott und Kai-Uwe Müller (2020): Auswirkungen der Ort-Zeit-Flexibilisierung von Erwerbsarbeit auf informelle Sorgearbeit im Zuge der Digitalisierung. Expertise für den Dritten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung.

Bei der Interpretation des Zusammenhangs zwischen der Aufteilung der Kinderbetreuung und des bezahlten Arbeitens im Homeoffice ist zu beachten, dass aus den pairfam-Daten nicht hervorgeht, ob das Homeoffice durch den Arbeitgeber angeordnet oder von den Eltern erbeten wurde. Daher ist es im Rahmen dieser Auswertungen nicht möglich, von einem kausalen Effekt der Homeoffice-Nutzung auf die Aufteilung der Sorgearbeit zu sprechen, denn es könnte sein, dass die Eltern die Homeoffice-Arbeit selbst erbeten haben, um die Kinderbetreuung so zu gestalten, wie sie es pandemiebedingt wünschen.

Fazit: Differenziertes Bild bei Aufteilung der Sorgearbeit während Pandemie – Familien aber insgesamt stark belastet

Vielfach wurde in der (Fach-)Öffentlichkeit diskutiert, welche Folgen die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Kita- und Schulschließungen für die Gleichstellung der Geschlechter haben. Dabei gingen die Meinungen weit auseinander: Während die einen von einer „Retraditionalisierung“ sprachen, meinten andere, die Pandemie könnte ein „Gleichheitsbeschleuniger“ sein. Analysen auf Basis der pairfam-Corona-Zusatzbefragung von Mai bis Juli des Jahres 2020 und der pairfam-Befragung aus dem Jahr 2019 legen ein differenzierteres Bild nahe: Zum einen hat sich bei den Paaren, die bereits vor der Pandemie die Kinderbetreuung und Hausarbeit egalitär aufgeteilt haben, nicht viel verändert: Sie – etwa ein Drittel der Paare – berichteten von dieser egalitären Aufteilung auch für die Zeit der Pandemie. Der Anteil derjenigen, bei denen überwiegend die Frau die Sorgearbeit leistet, ist geringer geworden zugunsten eines steigenden Anteils der Paare, bei denen die Frau fast vollständig Kinderbetreuung und Hausarbeit übernimmt. In diesem Sinne ist von einer zunehmenden Traditionalisierung zu sprechen, obwohl auch der Anteil der Paare geringfügig gestiegen ist, bei denen überwiegend der Mann die Sorgearbeit leistet. Dieser Anteil ist mit etwa fünf Prozent aber nach wie vor sehr gering. Bermerkenswert ist, dass es große Unterschiede im Antwortverhalten von Müttern und Vätern gibt. Die Verschiebungen hin zu einem größeren Anteil von Frauen, die fast vollständig die Sorgearbeit übernehmen, wird in erster Linie von Frauen berichtet, nicht von Männern. Diese auch aus früheren Studien bekannten Unterschiede im Antwortverhalten wurden in der Pandemie allerdings noch größer.

Fest steht, dass ein keinesfalls zu vernachlässigender und im Vergleich zu Vorpandemiezeiten größerer Anteil von Müttern meint, fast komplett alleine die Sorgearbeit zu stemmen – auch wenn unbestritten ist, dass sich Väter ebenfalls an der Sorgearbeit beteiligen. Eine Sondersituation wie die gegenwärtige Pandemie führt demnach bei Paaren, die keine egalitäre Aufteilung der Kinderbetreuung und Hausarbeit pflegen, zu einer deutlichen Mehrbelastung für Frauen. Inwiefern dies der gemeinsame Wunsch der Paare – und damit der Mütter und Väter – ist, kann anhand der vorliegenden Daten nicht beantwortet werden. Die Unterschiede in der wahrgenommenen Aufteilung deuten aber darauf hin, dass dies keinesfalls immer der Fall ist.

In jedem Fall sind die Belastungen für Eltern mit Kindern in der Pandemie hoch. Frühere Analysen des DIW Berlin belegen, dass insbesondere Mütter mit jungen Kindern in ihrem Wohlbefinden stark eingeschränkt sind.infoVgl. Mathias Huebener et al. (2020): Wohlbefinden von Familien in Zeiten von Corona: Eltern mit jungen Kindern am stärksten beeinträchtigt. DIW Wochenbericht Nr. 30+31, 527–537 (online verfügbar). Neuere Daten des FamilienMonitor_Corona von DIW Berlin und infratest dimap belegen, dass nach wie vor Mütter weniger mit dem Familienleben zufrieden sind als Väter. Jedoch sinkt in neueren Befragungswellen auch die Zufriedenheit der Väter mit dem Familienleben.infoVgl. dazu den FamilienMonitor_Corona auf der Website des DIW Berlin (online verfügbar). Vgl. auch Mathias Huebener et al. (2021): Kein „Entweder-oder“: Eltern sorgen sich im Lockdown um Bildung und Gesundheit ihrer Kinder, DIW aktuell 59 (online verfügbar).

Zwar hat die Politik an einigen Stellen familienpolitische Leistungen an die Pandemiesituation angepasst,infoVgl. zum Beispiel Jörg M. Fegert, Margarete Schuler-Harms und C. Katharina Spieß (2021): Dazugehören und Zusammenhalten. In: C. Katharina Spieß, Daniel Deckers und Jörg M. Fegert: Zusammenhalt in Corona-Zeiten: familienwissenschaftliche Perspektiven. DIW Politikberatung kompakt Nr. 163 (online verfügbar). ein zu Pandemiebeginn von DIW-ForscherInnen vorgelegter Vorschlag für ein Corona-ElterngeldinfoVgl. Pressemitteilung des DIW Berlin vom 16. April 2020: DIW-ÖkonomInnen fordern Corona-Elterngeld, um erwerbstätige Eltern zu entlasten (online verfügbar). wird allerdings kaum noch diskutiert. Vielmehr wird darauf verwiesen, dass die Zahl der den Eltern zustehenden „Kinderkrankentage“ auf 20 Tage erhöht wurde und diese auch in Anspruch genommen werden können, um die Kinderbetreuung selbst zu übernehmen.infoVgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2020): Fragen und Antworten zu Kinderkrankentagen und zum Kinderkrankengeld (online verfügbar). Allerdings dürften 20 Tage nicht ausreichen, insbesondere wenn weitere Lockdowns folgen und Kinder im Laufe des Jahres und nach dem Lockdown tatsächlich krank werden.infoAuch eine Anpassung der Entschädigung nach dem Infektionsschutzgesetz, die es ermöglicht, diese Entschädigung auch im Fall der Arbeit im Homeoffice zu erhalten, erscheint sinnvoll.

Unabhängig von der Corona-Pandemie könnten weitere Maßnahmen angegangen werden, wenn eine größere Gleichstellung bei der Verteilung von Sorgearbeit erreicht werden soll. Beispielsweise könnten beim Elterngeld bei gleichbleibender Bezugsdauer die Partnermonate auf vier Monate ausgedehnt werden, um Anreize für eine gleichberechtigtere Aufteilung der Sorgearbeit zu setzen.infoVgl. Mathias Huebener et al. (2016): Zehn Jahre Elterngeld: Eine wichtige familienpolitische Maßnahme. DIW Wochenbericht Nr. 49, 1159–1166 (online verfügbar).

Jonas Jessen

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Bildung und Familie

C. Katharina Spieß

Abteilungsleiterin in der Abteilung Bildung und Familie

Katharina Wrohlich

Leiterin in der Forschungsgruppe Gender Economics



JEL-Classification: D13;J16;J22
Keywords: gender, child care, domestic work, families, division of care work, Covid-19, pairfam
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2021-9-1

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