Stop-and-Go der deutschen Wirtschaft bis in den Sommer hinein: Interview

DIW Wochenbericht 11 / 2021, S. 209

Claus Michelsen, Erich Wittenberg

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Herr Michelsen, auch wenn die Corona-Maßnahmen in den meisten Bundesländern gelockert wurden, ist das Leben in Deutschland noch immer massiven Einschränkungen unterworfen. Welche Auswirkungen hat das auf die Entwicklung der deutschen Wirtschaft? Die deutsche Wirtschaft ist nach wie vor durch die Pandemieentwicklung gekennzeichnet. Das trifft vor allem Dienstleistungsbereiche teilweise sehr hart, die einerseits ihren Geschäftsbetrieb einstellen mussten, um die Infektionen zu reduzieren, andererseits damit konfrontiert sind, dass die VerbraucherInnen weniger nachfragen. Die Industrie hingegen kommt bislang ganz gut durch den Winter und wird kräftig zum Aufholprozess und zur Erholung beitragen.

Kommen die Lockerungen zu früh oder sind sie notwendig, um die deutsche Wirtschaft am Leben zu halten? Wir haben Inzidenzwerte, die deutlich über denen des vergangenen Frühjahrs liegen. Insofern verwundert es, dass jetzt schon weitreichende Lockerungen beschlossen wurden. Das hat natürlich Konsequenzen auch für die Wirtschaft, denn einerseits können jetzt mehr Geschäfte öffnen und Dienstleistungen erbracht werden, andererseits sind die Lockerungen auch an den Infektionsverlauf geknüpft. Das heißt, wenn die Werte wieder steigen, dann müssen die Geschäfte auch wieder schließen. Deshalb erwarten wir bis in den Sommer hinein ein Stop-and-Go. Das nimmt Sicherheit über die Planbarkeit der Geschäfte und ist auch für die Wirtschaft nicht besonders gut. Insofern hätte man sich auch vorstellen können, die Inzidenzen zunächst weiter runterzudrücken, um eine dritte Infektionswelle zu vermeiden.

Inwieweit ist es unter den aktuellen Bedingungen überhaupt möglich, eine Konjunkturprognose zu erstellen? Die Konjunkturprognose ist in solchen Zeiten schon eine größere Herausforderung als sonst, denn wir haben neben den allgemeinen Modellrisiken ganz erhebliche externe Einflüsse. Das Pandemiegeschehen ist ein solcher, die Politik, die immer wieder Entscheidungen trifft und sie wieder revidiert, ein weiterer. Das führt letztlich dazu, dass man die Prognosen oft verändern oder revidieren muss.

Wie groß ist die Gefahr einer Insolvenzwelle? Normalerweise würde man erwarten, dass in einer solchen Krise auch die Zahl der Unternehmen, die Insolvenz anmelden müssen, stark steigt. Das ist momentan anders, denn die Meldepflicht für Insolvenzen ist ausgesetzt und der Staat reicht umfangreiche Hilfen aus. Wir sehen daher die paradoxe Situation, dass im Krisenjahr 2020 sehr viel weniger Unternehmen Insolvenz angemeldet haben, als man das üblicherweise beobachtet. Allerdings werden viele Unternehmen, die ihren Geschäftsbetrieb jetzt noch aufrechterhalten, möglicherweise im Sommer, wenn die Insolvenzmeldepflicht wieder gilt, feststellen, dass auch sie diesen Antrag stellen müssen. Das heißt, wir werden uns auf steigende Insolvenzzahlen einstellen müssen.

Was kann die Bundesregierung noch tun, um die Konjunktur zu stützen? Das Konjunkturpaket aus dem vergangenen Jahr hat in Deutschland einen erheblichen Impuls gegeben, der allerdings bei weitem nicht so groß ist wie der Impuls in den USA. Die USA, aber auch Japan oder andere Volkswirtschaften nutzen die aktuelle Situation, um die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Volkswirtschaften zu stärken. Sie investieren kräftig in öffentliche Infrastruktur und Dekarbonisierung. Das würden wir auch der Bundesregierung empfehlen. Jetzt ist eine günstige Zeit, öffentliche Investitionen anzuschieben, denn wir wissen, dass sie große Multiplikatoreffekte mit sich bringen. Jeder eingesetzte Euro in öffentliche Infrastruktur bringt eine hohe gesamtwirtschaftliche Rendite mit sich.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

O-Ton von Claus Michelsen
Stop-and-Go der deutschen Wirtschaft bis in den Sommer hinein - Interview mit Claus Michelsen,



JEL-Classification: E66;F01
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2021-11-4
Frei zugängliche Version: (econstor)
http://hdl.handle.net/10419/233778

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