Patient Erde: Wie klimagerecht ist „klimaneutral“? Kommentar

DIW Wochenbericht 11 / 2021, S. 222

Claudia Kemfert

get_appDownload (PDF  104 KB)

get_appGesamtausgabe/ Whole Issue (PDF  4.07 MB)

Plötzlich ist alles „klimaneutral“. Die Menschen sind begeistert. Klimaneutral – das wollen alle werden. Das Wort versöhnt UmweltschützerInnen und FridaysForFuture-AktivistInnen mit Hardcore-KapitalistInnen und Großindustriellen, Wissenschaft und Politik. Aber ist klimaneutral wirklich klimagerecht?

Als sich 2015 die Weltnationen in Paris verpflichteten, den Anstieg der globalen Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen, vereinbarte man reihenweise „Klimaneutralität“. Im Bild gesagt: Es herrschte Einigkeit darüber, dass der Planet sterbenskrank ist. Jahrelanger Drogenkonsum hat alle Organe angegriffen, das komplette System droht zu kollabieren. Eine Therapie zur echten Genesung wäre eine gewaltige Herausforderung. Also vereinbarte man als Minimalziel, dass der Planet wenigstens nicht noch kränker werden dürfe: Der Patient sollte künftig parallel zu jeder Öl-, Gas- oder Kohle-Injektion eine Portion Regenwald zu sich nehmen, so dass die Negativwirkung der fossilen Drogen durch entsprechende Frischluftzufuhr „neutralisiert“ werden könne. So weit, so simpel – und wissenschaftlich betrachtet durchaus richtig.

Doch ausgerechnet in dieser als Schonkost gedachten „Neutralisierung“ entdeckten die fossilen Dealer das Schlupfloch zur Fortsetzung ihrer alten Geschäftsmodelle. Statt die Nutzung fossiler Energien zu beenden oder wenigstens zu reduzieren, werden nunmehr Wundermittel und schöne bunte Pillen verkauft, die eine Neutralisierung bloß vorgaukeln: Die simpelste Methode nennt sich „Clean Diesel“, „Clean Coal“ oder „CSS“. Die CO2-Emissionen werden nicht vermieden, sondern lediglich gespeichert und damit das Problem auf später vertagt.

Etwas origineller und eine Goldgrube für die Fossil-Wirtschaft ist „blauer Wasserstoff“: Aus fossilem Erdgas wird (im Verbrauch emissionsfreier) Wasserstoff hergestellt. Die immensen CO2-Emissionen bei der Herstellung sollen aufgefangen und eingelagert werden. Doch es gibt keine Lagerstätten, die Technik ist unerforscht und teuer, das Verfahren extrem ineffizient.

Und die neueste – angeblich emissionsfreie – Designerdroge nennt sich „müllfreie Nukleartechnologie“: Mini-Atom-Reaktoren für den Vorgarten. Doch die High-Tech-Wunderpille gibt es bislang nur auf dem Papier, zahlreiche technische Probleme sind noch nicht mal theoretisch gelöst, und die Risiken und Nebenwirkungen werden verschwiegen. Echte Problemlösung sieht anders aus.

Wirklich gesund wird der Planet nur, wenn wir die Ära der fossilen Energien endgültig beenden. Wir müssen weg von Drogen, rein in eine Entzugsklinik. Deutschland hat den Entzug immerhin schon fest eingeplant: 2022 ist Schluss mit Atomenergie, 2038 mit Kohle. Der Platz in der Klinik ist quasi schon gebucht; es muss nur noch die Klinik gebaut werden. Dafür ist allerdings noch einiges an Arbeit zu leisten.

Die erneuerbaren Energien haben in Deutschland zwar bereits einen Anteil von über 40 Prozent an der Stromerzeugung. Doch eine echte Dekarbonisierung der Wirtschaft geht nur mit einer kompletten Transformation der Energiewirtschaft, einer nachhaltigen Verkehrswende und konsequentem Energiesparen. Stattdessen wurde der Ausbau erneuerbarer Energien gebremst statt gestärkt, die herkömmliche Automobil- und Luftfahrtindustrie staatlich protegiert statt durch Regulierung reformiert. Und nach wie vor wird in neue Erdgaspipelines investiert – obwohl erneuerbare Energien und das Energiesparen längst billiger sind als konventionelle Energien.

Klimaneutralität ist nur ein wichtiges Zwischenziel auf dem Weg in eine nachhaltige Welt. Deutschland wird nach der Wahl im Herbst hoffentlich aus seiner Lethargie erwachen und nach dem Ausstieg aus Atom und Kohle dann auch beherzt den Einstieg in eine Vollversorgung mit erneuerbaren Energien wagen – und zwar in allen Bereichen: mehr Windenergie, mehr Solarenergien, mehr Elektromobilität samt Speicher. Denn nur so entstehen dauerhaft nachhaltige Geschäftsmodelle, die überall in der Welt einen gesunden Planeten, eine gesunde Wirtschaft und gesunde Menschen hervorbringen. Dann wäre „klimaneutral“ auch wirklich „klimagerecht“!

Der Beitrag ist in einer kürzeren Fassung am 8. März 2021 im Handelsblatt erschienen.

Claudia Kemfert

Abteilungsleiterin in der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt

keyboard_arrow_up