Für einen globalen, nicht einen nationalen Humanismus: Kommentar

DIW Wochenbericht 15 / 2021, S. 272

Marcel Fratzscher

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Die Empörung in Deutschland ist groß, dass einige wenige Länder deutlich schneller bei den Corona-Impfungen vorankommen. Bei dem Anspruchsdenken, immer global führend zu sein, geraten unsere enormen Privilegien in den Hintergrund. Dieses nationale Denken macht uns blind für die Realität, dass alle wichtigen Herausforderungen unserer Zeit – vom Klimaschutz über die wirtschaftliche Globalisierung bis hin zum technologischen Wandel – nur mit starker globaler Solidarität und Kooperation gelöst werden können. Ausgeblendet wird beispielsweise auch bei den Impfungen wieder einmal das Schicksal der Menschen in Afrika und anderen armen Regionen der Welt. Dabei sind es vor allem die Menschen in den ärmsten der armen Länder, die der Pandemie besonders schutzlos ausgeliefert sind. Sie haben meist kein gutes Gesundheitssystem und keine starke soziale oder wirtschaftliche Absicherung. Prognosen der Economist Intelligence Unit zeigen, dass Menschen in Afrika ihre Impfungen im Durchschnitt ein bis zwei Jahre später erhalten werden als in Europa oder den USA.

Auch in anderen Fällen ist diese ignorante Haltung gegenüber Entwicklungsländern zu beobachten. So sterben weltweit fast jedes Jahr 600000 Menschen, meist Kinder in Afrika, an Malaria, und dies schon seit Jahrzehnten – eine jährlich wiederkehrende menschliche Tragödie fast in der Größenordnung einer Corona-Pandemie. Da sie nur Menschen betrifft, die keine Stimme haben und für uns unsichtbar sind, sind sie den meisten Europäerinnen und Europäern nicht wichtig genug, um ihnen ausreichend Schutz und Hilfe zukommen zu lassen. Beim Wettlauf um einen Impfstoff gegen Covid-19 scheuen hingegen Pharma-Unternehmen und Regierungen keine Kosten, weil der wirtschaftliche und politische Nutzen eines solchen Impfstoffs für die Industrieländer enorm ist.

Nicht nur in Bezug auf Gesundheit und Impfungen leiden die ärmsten Länder und Menschen sehr viel stärker. Die eindringliche Warnung der Welternährungsorganisation vor einer massiven Hungersnot in diesem Jahr stößt bei uns auf taube Ohren. Die Weltbank moniert, dass durch die Pandemie bereits jetzt mehr als 100 Millionen Menschen weltweit wieder in die absolute Armut gerutscht sind. Investoren und Banken haben Kredite aus Entwicklungsländern abgezogen, so dass einigen nun eine Schulden- und Wirtschaftskrise droht. Kurzum, die kommenden fünf Jahre könnten wirtschaftlich, sozial und politisch für viele Entwicklungsländer katastrophal werden. Das darf und kann uns schon allein aus moralischen Gründen nicht egal sein, aber auch nicht aus ökologischen und wirtschaftlichen.

Wir vergessen gerne, dass Biontech ohne den US-Pharmariesen Pfizer und ohne globale Kooperation den Impfstoff nicht hätte entwickeln und auf den Markt bringen können. Viele der 43000 Probandinnen und Probanden, die bei der Erprobung des Impfstoffs beteiligt waren, stammen aus der Türkei, Brasilien, Argentinien und Südafrika. Oder zynischer ausgedrückt: Die Zusammenarbeit mit Menschen in ärmeren Ländern ist uns recht, wenn es darum geht einen unbekannten und möglicherweise riskanten Impfstoff zu testen. Wenn dieser sich allerdings als erfolgreich erweist, dann werden bei den Impfungen die Menschen in den reichen Ländern bevorzugt.

Die Klimakrise zu bewältigen wird ohne Einbeziehung der ärmsten Länder und ohne massive Unterstützung der Industrieländer unmöglich sein. Auch bei der Ausgestaltung der digitalen Transformation, der Globalisierung in Bezug auf Wirtschaft und Finanzsystem sowie der Migration sind wir zunehmend global voneinander abhängig. Ein neuer Humanismus erfordert, Nationalismus und Populismus zurückzudrängen und Multilateralismus und globale Kooperation zu stärken. Dies gilt für die Bekämpfung von Pandemien und Ursachen von Konflikten genauso wie für den Schutz von Klima, Umwelt und Diversität, für Globalisierung und technologischen Wandel. Nur als eine starke globale Gemeinschaft werden wir diese Herausforderungen bewerkstelligen können. Auch deshalb dürfen uns die anderen Länder der Welt nicht egal sein – gerade bei der Bekämpfung der Pandemie. Das Virus kennt ja auch keine Grenzen.

Dieser Beitrag ist in einer längeren Version am 25. März 2021 bei ZEIT Online erschienen.

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