Kindergesundheit im ersten Corona­Lockdown: Weniger Behandlungsfälle und weniger Diagnosen von Infektionen

DIW Wochenbericht 16 / 2021, S. 275-284

Mara Barschkett, C. Katharina Spieß

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  • Studie basiert auf Daten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, die Diagnosen für fast 9,2 Millionen Kinder umfassen
  • Behandlungsfälle von Kindern in ambulanten Arztpraxen im ersten Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 um bis zu 20 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor
  • Vor allem deutlich weniger körperliche Erkrankungen wie Infektionen bei Ein- bis Zwölfjährigen diagnostiziert – Rückgang bei psychischen Krankheiten deutlich geringer
  • Mögliche Erklärungen: Kinder aufgrund von Lockdown und Kontaktbeschränkungen tatsächlich weniger krank und/oder weniger Arztbesuche, um Ansteckungsrisiken zu meiden
  • Gesundheitsschutz in Kitas und Schulen sollte stärker beachtet werden, damit Kinder bestmöglich lernen können

„Corona hat grundsätzlich sehr negative Auswirkungen, aber ein Nebeneffekt ist vielleicht, dass sich Kinder während des ersten Lockdowns seltener mit anderen Infektionskrankheiten angesteckt haben. Man sollte dem Gesundheitsschutz auch nach der Pandemie viel Aufmerksamkeit widmen.“ Mara Barschkett, Studienautorin

Während des ersten Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020 sind die Behandlungsfälle von Kindern in ambulanten Arztpraxen um bis zu 20 Prozent zurückgegangen. Wie diese Studie auf Basis administrativer Diagnosedaten aller gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland zeigt, wurden im zweiten Quartal 2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bei ein- bis zwölfjährigen Kindern vor allem deutlich weniger körperliche Erkrankungen wie Infektionen diagnostiziert. Mit über 50 Prozent war der Rückgang bei jungen Kindern im Alter von ein bis zwei Jahren am größten. Möglich ist, dass aufgrund der Kontaktbeschränkungen beziehungsweise geschlossener Kitas und Schulen tatsächlich weniger Kinder krank waren. Es kann aber auch sein, dass Eltern Ansteckungsrisiken meiden wollten und daher mit ihren Kindern weniger oft in eine Arztpraxis gingen, wenn es nicht unbedingt nötig war. Die Diagnosen psychischer Krankheiten sanken deutlich weniger und die vergleichsweise konstanten Zahlen für Krankheiten wie Diabetes oder Zöliakie sprechen dafür, dass Eltern mit chronisch kranken Kindern auf nötige Arztbesuche nicht verzichteten. Dem Gesundheitsschutz in Kitas und Schulen sollte künftig mehr Beachtung geschenkt werden, denn Gesundheit ist eine wichtige Voraussetzung, damit Kinder bestmöglich lernen können. Außerdem sollte die aktuelle Entwicklung der Gesundheit von Kindern stärker in den Blick genommen werden, da davon auszugehen ist, dass sich diese beispielsweise im psychischen Bereich im weiteren Verlauf der Pandemie eher verschlechtern wird.

Dem Robert-Koch-Institut (RKI) zufolge ist im Jahr 2020 im Zuge der Corona-Pandemie die Häufigkeit vieler anderer meldepflichtiger Infektionskrankheiten deutlich zurückgegangen.infoAnalysen des RKI zur Entwicklung meldepflichtiger Infektionskrankheiten wie Windpocken zeigen, dass die tatsächlichen Infektionen die modellbasierten erwarteten Fallzahlen um 35 Prozent unterschritten, vgl. Madlen Schranz et al: Die Auswirkungen der COVID-19 -Pandemie und assoziierter Public-Health-Maßnahmen auf andere meldepflichtige Infektionskrankheiten in Deutschland (MW 1/2016-32/2020). Epidemiologisches Bulletin des Robert-Koch-Instituts, 7, 3–7. Entsprechende Aussagen bezogen sich dabei meistens auf die Bevölkerung im Allgemeinen. Doch wie hat sich die Gesundheit speziell von Kindern in der Pandemie verändert? Dies ist eine Frage, die nicht nur aus einer gesundheitspolitischen und medizinischen Perspektive relevant ist, sondern auch aus einer bildungspolitischen. Denn es ist vielfach belegt, dass die Gesundheit von Kindern für deren Entwicklung und damit im bildungsökonomischen Sinne auch für das Humanvermögen der gesamten Volkswirtschaft von zentraler Bedeutung ist.infoVgl. zum Beispiel Janet Currie (2020): Child health as human capital. Health Economics, zuerst am 21. Januar 2020 online veröffentlicht (online verfügbar; abgerufen am 14. April 2021. Dies gilt auch für alle anderen Online-Quellen dieses Berichts, sofern nicht anders vermerkt). Gesundheitlich eingeschränkte Kinder können in der Regel nicht in gleichem Ausmaß wie gesunde Kinder lernen und werden damit in ihrer Entwicklung eingeschränkt – eine Benachteiligung, die sich womöglich durch das gesamte Leben zieht und im Verlauf sogar noch verstärkt.infoVgl. zum Beispiel Gabriella Conti, James Heckman und Sergio Urzua (2010): The Education-Health Gradient. American Economic Review, 100 (2), 234–238.

Einschlägige Veröffentlichungen weisen darauf hin, dass klinische Behandlungen von Kindern und Jugendlichen im ersten coronabedingten Lockdown im Frühjahr 2020 zurückgegangen sind. Vielfach wurden Arztbesuche oder Krankenhausaufenthalte verschoben, unter anderem weil Eltern eine Ansteckung auf dem Weg in die Klinik beziehungsweise in der Klinik befürchteten.infoDies zeigen auch internationale Studien. Im September 2020 gaben beispielsweise knapp 30 Prozent der Eltern in einer Umfrage in den USA an, dass sie mindestens einmal einen Arzttermin (für eine Vorsorgeuntersuchung oder akute Beschwerden) für ihr Kind aus Angst vor einer Ansteckung abgesagt haben, vgl. Dulce Gonzalez et al. (2021): Delayed and Forgone Health Care for Children during the COVID-19 Pandemic, Urban Institute, Washington, D.C. Die Zahl der Krankenhausfälle bei Kindern und Jugendlichen sank im ersten Lockdown um 41 Prozent.infoVgl. Kinder- und Jugendarzt (2021): Zahlen, Daten, Fakten: Corona-Delle auch bei Krankenhausfällen. Ausgabe 2/2021, 114–115. Auch internationale Studien belegen entsprechende Trends: Eine US-Studie berichtet von einem Rückgang von Krankhausaufnahmen im pädiatrischen Bereich um 45,4 Prozent im Vergleich zu Vorjahreswerten, vgl. Jonathan H. Pelletier et al. (2021): Trends in US Pediatric Hospital Admissions in 2020 Copared With the Decade Before the COVID-19-Pandemic. JAMA Network Open, 4 (2), 12.

Deutlich weniger Arztbesuche im ersten Lockdown

Bedingt durch den Rückgang von Klinikbesuchen kam es in Deutschland nach dem ersten Lockdown in Krankenhäusern vermehrt zu komplizierten Verläufen bei chronischen Erkrankungen von Kindern, wie beispielweise die Krankenkasse DAK in einer Sonderanalyse berichtet.infoVgl. Kinder- und Jugendarzt (2021), a.a.O. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass Eltern mit ihren Kindern im ersten Lockdown seltener niedergelassene ÄrztInnen aufsuchten. Eine Auswertung von Abrechnungsdaten ambulanter VertragsärztInnen bestätigt dies: Sie zeigt, dass die Zahl der Behandlungsfälle bei Kinder- und JugendärztInnen beziehungsweise PsychologInnen in der zweiten Märzhälfte 2020 um 45 bis 53 Prozent gesunken ist.infoVgl. Sandra Mangiapane et al. (2020): Veränderung der vertragsärztlichen Leistungsinanspruchnahme während der COVID-Krise. Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland.

Ein Rückgang der Arztbesuche im ersten Lockdown kann unterschiedliche Ursachen haben. Geschlossene Spielplätze, der Wegfall des Vereinssports, Home-Kita, Home-Schooling und die Empfehlung, soziale Kontakte weitgehend einzuschränken könnten zu niedrigeren Inzidenzen geführt haben.

Einschlägige Untersuchungen zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, wie sie beispielsweise in der COPSY-Studie erfasst werden, weisen jedoch darauf hin, dass psychische Krankheiten bei Kindern und Jugendlichen zugenommen haben.infoVgl. UKE Hamburg: COPSY-Studie (online verfügbar). Für die COPSY-Studie wurden bundesweit 1040 Kinder und Jugendliche zwischen elf und 17 Jahren sowie 1586 Eltern von Sieben- bis 17-Jährigen online befragt. Für eine Zusammenfassung anderer Studien vgl. auch Robert Schlack et al. (2021): Auswirkungen der COVID-19-Pandemie und der Eindämmungsmaßnahmen auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Journal of Health Monitoring, 5 (4), 23–33. Die Auswertung der COPSY-Daten zeigt deutlich, dass Kinder und Jugendliche die seelischen Belastungen der Corona-Pandemie bereits im Jahr 2020 spürten: 71 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen fühlten sich dadurch belastet. Zwei Drittel von ihnen gaben eine verminderte Lebensqualität und ein geringeres psychisches Wohlbefinden an. Vor der Corona-Pandemie war dies nur bei einem Drittel der Kinder und Jugendlichen der Fall.infoDie Kinder und Jugendlichen erleben während der Krise vermehrt psychische und psychosomatische Probleme: Das Risiko für psychische Auffälligkeiten steigt von rund 18 Prozent vor der Corona-Pandemie auf 31 Prozent während der Krise. Pyschosomatische Symptome wie Reizbarkeit, Schlafprobleme, Kopfschmerzen oder Bauchschmerzen traten wesentlich häufiger auf. Vgl. Ulrike Ravens-Sieberer et al. (2020): Mental Health and Quality of Life in Children and Adoslescents During the Covid-19 Pandemic – Results of the Copsy Study. Deutsches Ärzteblatt ,117, 828–829. Diese Befunde beziehen sich auf Kinder im Alter von sieben bis 17 Jahren.infoAuch Studien aus China und dem Vereinigten Königreich zeigen, dass Kinder und Jugendliche, die bereits vor der Pandemie unter psychischen Problemen litten (zum Beispiel ADHS), besonders stark unter den Folgen der Pandemie leiden. Der Wegfall von Schulroutinen ist hierfür ein möglicher Grund, vgl. Joyce Lee (2020): Mental health effects of school closures during COVID-19. The Lancet, Vol. 4; Jinsong Zhang et al. (2020): Acute stress, behavioural symptoms and mood states among school-age children with attention-deficit/hyperactive disorder during the COVID-19 outbreak. Asian Journal of Psychiatry, 51. Repräsentative Befunde über die psychische Gesundheit jüngerer Kinder liegen nach Kenntnis der Autorinnen dieses Wochenberichts bisher nicht vor. Darüber hinaus ist weniger über physische Beschwerden der Kinder bekannt, die von ÄrztInnen diagnostiziert wurden. Hier setzt dieser Bericht auf Basis repräsentativer Daten der Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) an (Kasten).infoDie Autorinnen danken der Kassenärztlichen Bundesvereinigung für die Bereitstellung der anonymisierten Daten. Die hier dargestellten Analysen erfolgen im Rahmen eines Forschungsschwerpunkts der Abteilung Bildung und Familie des DIW Berlin zur Kindergesundheit und werden alleine von den Autorinnen verantwortet. Er bezieht sich auf Daten, die im Jahr 2019 sowie im Jahr 2020 im und kurz nach dem ersten Lockdown erhoben wurden.

Daten

Die Analysen beruhen auf administrativen Krankenkassendaten aller gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland, die von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) erfasst werden. Die Daten decken rund 90 Prozent der Bevölkerung ab (alle gesetzlich krankenversicherten Personen in Deutschland). Der Datensatz besteht seit 2009 und umfasst auf Patientenebene alle gesicherten Diagnosen (als ICD-10-CodesinfoDie Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision, German Modification (ICD-10-GM) ist die amtliche Klassifikation zur Verschlüsselung von Diagnosen in der ambulanten und stationären Versorgung in Deutschland. Vgl. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: ICD-10-GM (online verfügbar).), die von ambulant tätigen ÄrztInnen gestellt wurden, abgerechnete Kosten, die Anzahl der Behandlungsfälle, Geburtsjahr, -monat und Geschlecht der PatientInnen sowie den Kreis, in dem sie wohnhaft sind.

In dieser Studie werden Daten des zweiten Quartals 2019 und des zweiten Quartals 2020 verglichen. Hierfür werden die Geburtsjahrgänge 2007 bis 2019 betrachtet. In der Analyse werden physische, psychische sowie chronische Krankheiten betrachtet. Zusätzlich wird die Anzahl der Behandlungsfälle hinzugezogen. Aus den über 13000 verschiedenen Diagnose-CodesinfoVgl. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: Klassifikationen – FAQ (online verfügbar)., die grundsätzlich existieren, wurden ausgewählte Gruppen und Untergruppen untersuchtinfoVgl. ICD-Code (online verfügbar).. Die Analyse physischer Beschwerden beruht auf folgenden sogenannten „Kapiteln“: Bestimmte infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99), Krankheiten des Ohres und des Warzenfortsatzes (H60-H95) und Krankheiten des Atmungssystems (J00-J99). Innerhalb dieser Kapitel werden einzelne, besonders häufige oder schwerwiegende Untergruppen betrachtet: Infektiöse Darmkrankheiten (A00-A09), Krankheiten des Mittelohres und des Warzenfortsatzes (H65-H75), akute Infektionen der oberen Atemwege (J00-J06) und Streptokokken-Angina (J03, B95). Als weiteres Kapitel physischer Beschwerden wird das Kapitel „Verletzungen, Vergiftungen und bestimmte andere Folgen äußerer Ursachen“ (S00-T98) analysiert.

Um die Veränderungen bei psychischen Erkrankungen zu erfassen, wird das Kapitel „Psychische und Verhaltensstörungen“ (F00-F99) betrachtet. Innerhalb dieses Kapitels werden die folgenden Untergruppen angeschaut: Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen (F10-F19), Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen (F40-F48), Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen (F60-F69), Entwicklungsstörungen (F80-F89) und Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend (F90-F98). Im Rahmen der Analyse chronischer Krankheiten werden folgende Krankheiten untersucht: Diabetes mellitus (E10-E14), Zöliakie (K90) und Heuschnupfen (J30). Alle Ergebnisvariablen sind binär kodiert, das heißt sie sind 1, wenn ein Kind eine relevante Diagnose mindestens einmal pro Quartal hatte, und sie sind 0, wenn keine relevante Diagnose in diesem Quartal vorlag.

Methode

In den Analysen wird untersucht, wie sich das Vorkommen der verschiedenen Diagnosen im zweiten Quartal 2020 gegenüber dem zweiten Quartal 2019 verändert hat. Dazu wird ein lineares Regressionsmodell geschätzt. In diesem Modell werden wichtige Einflussfaktoren wie Geschlecht und Geburtsmonat der Kinder berücksichtigt. Zusätzlich werden wohnortspezifische Merkmale (auf Kreisebene) berücksichtigt. Die Standardfehler sind auf Kreisebene geclustert. Mit der Regressionsanalyse wird die prozentuale Veränderung der Prävalenz der Krankheiten im Vergleich zum zweiten Quartal im Vorjahr berechnet. Somit ist auszuschließen, dass die Veränderungen in den Diagnosen auf Veränderungen in der Patientenpopulation im Hinblick auf Geschlecht und Alterskomposition zurückzuführen sind.

Objektive Daten zur Gesundheit von über neun Millionen Kindern

Die in diesem Bericht analysierten Daten der KBV beinhalten Angaben zu fast 9,2 Millionen Kindern und erfassen alle von ambulant tätigen ÄrztInnen gestellten Diagnosen, die diese im Rahmen ihrer Abrechnungen an die gesetzlichen Krankenkassen weitergegeben haben. Damit basieren die Daten nicht auf subjektiven Angaben der Eltern. Die in den Daten erfassten Kinder beziehungsweise die bei ihnen festgestellten Diagnosen bilden die Grundgesamtheit aller Kinder ab, die von Januar 2019 bis Juni 2020 mindestens einmal einen niedergelassenen Arzt beziehungsweise eine niedergelassene Ärztin aufgesucht haben.infoDamit umfassen die Daten nahezu alle gesetzlich krankenversicherten Kinder, da in einem Zeitraum dieser Länge die meisten Kinder mindestens einen Arztbesuch aufweisen. Es werden Daten des jeweils zweiten Quartals der Jahre 2019 und 2020 untersucht.

Die analysierten Daten umfassen Diagnosen und Behandlungsfälle für Kinder vom zweiten bis zum 13. Lebensjahr.infoArztbesuche im ersten Lebensjahr von Kindern werden nicht erfasst, da in diesem Alter die Abrechnung von Arztkosten vielfach über die Mutter erfolgt und Kinder noch keine eigene Krankenkassenkarte haben. Die Kinder werden in vier Altersgruppen eingeteilt:

• Kinder im sogenannten „Krippenalter“, also Ein- bis Zweijährige, von denen in Vorpandemiezeiten 38,5 Prozent eine Kita besuchten.infoAutorengruppe Bildungsberichterstattung (2020): Bildung in Deutschland 2020. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung in einer digitalisierten Welt.

• Kinder im sogenannten Kindergartenalter, also Drei- bis Fünfjährige. Von ihnen besuchten vor der Pandemie 94 Prozent und damit nahezu alle eine Kindertagesbetreuung.infoVgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2020), a.a.O.

• Grundschulkinder im Alter von sechs bis zehn Jahren.

• Schulkinder im Alter von elf bis zwölf Jahren, die in der Regel noch betreut werden müssen. Von ihnen besuchten vor der Pandemie 26 Prozent am Nachmittag einen Hort, 23 Prozent nutzten ganztätige Schulangebote.infoVgl. zum Beispiel Christian Alt et al. (2018): DJI-Kinderbetreuungsreport 2018.

Verglichen werden die Diagnosen und Behandlungsfälle des jeweils zweiten Quartals der Jahre 2019 und 2020, also die Monate April bis Juni. Mitte März 2020 wurden Kitas und Schulen geschlossen, am 23. März 2020 begann der erste bundesweite Corona-Lockdown. Am 20. April wurde mit der schrittweisen Öffnung unter anderem des Einzelhandels begonnen und ab dem 4. Mai konnten Schulen und Kitas unter strengen Vorgaben wieder öffnen. Damit decken die Daten des zweiten Quartals 2020 die Phase des ersten Lockdowns und einige Wochen danach ab. Die Daten ermöglichen es, Merkmale der Kinder wie das Geschlecht oder das Alter, die mit der Gesundheit der Kinder zusammenhängen, zu berücksichtigen (Kasten). Es können außerdem die Unterschiede zwischen Landkreisen und kreisfreien Städten im Umgang mit dem Lockdown einbezogen werden.infoDie Berücksichtigung des Kreises, in dem ein Kind wohnt, ist auch wichtig, um andere gesundheitsrelevante regionale Unterschiede zu berücksichtigen, etwa die regionale Umweltbelastung.

Betrachtet werden ausgewählte Diagnosegruppen und die Behandlungsfälle pro Kind

Der analysierte Datensatz enthält grundsätzlich alle gestellten Diagnosen, die von ambulanten ÄrztInnen abgerechnet wurden. Für die Analysen dieses Berichts wurden zentrale physische Beschwerden ausgewählt, die zum einen sehr häufig vorkommen und die durch die mit dem ersten Lockdown verbundenen Maßnahmen vermutlich beeinflusst wurden – dies sind zum Beispiel Infektionen der Atemwege. Darüber hinaus wurden andere häufige Kinderkrankheiten untersucht: Infektionen, Krankheiten des Ohres und des Warzenfortsatzes und Krankheiten des Atmungssystems. Innerhalb dieser Diagnosegruppen wurden Diagnosen, die von besonderem Interesse sind, einzeln ausgewertet (Kasten). Da zu erwarten war, dass etwa aufgrund seltenerer Spielplatzbesuche und weniger Freizeitsport die Zahl der Verletzungen zurückgegangen ist, wurde zusätzlich die Diagnosegruppe Verletzungen analysiert.infoDabei handelt es sich nur um Verletzungen im privaten Bereich, da Verletzungen, die in Kitas und Schulen vorkommen, nicht über die KBV abgerechnet werden, sondern über die Unfallkassen.

Neben diesen physischen Beschwerden werden psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen untersucht, die insbesondere auch langfristig gravierende Folgen für die kindliche Entwicklung haben können. Eine weitere Diagnosegruppe, die betrachtet wird, sind chronische Krankheiten. Sie sollten von den mit dem Lockdown verbundenen Maßnahmen unbeeinflusst sein. Dabei wird zwischen Diabetes, Zöliakie und Heuschnupfen unterschieden.infoDie Auswahl der Diagnosen erfolgte vor dem Hintergrund von Diskussionen mit KollegInnen aus der Medizin. Die finale Auswahl verantworten jedoch allein die Autorinnen des Beitrags. Darüber hinaus wird die Anzahl aller Behandlungsfälle in den jeweiligen Quartalen erfasst, als Indikator für die Anzahl der durchschnittlichen Arztbesuche pro Kind.infoEin Behandlungsfall ist die Behandlung desselben Versicherten beziehungsweise derselben Versicherten durch dieselbe Arztpraxis im selben Kalendervierteljahr zulasten der derselben Krankenkasse (§ 21 Abs. 1 BMV-Ä.). Es ist möglich, dass ein Behandlungsfall mehrere Arztbesuche umfasst. Damit kann ausgeschlossen werden, dass die ausgewählten Diagnosegruppen ein verzerrtes Bild wiedergeben und andere Krankheiten, die eventuell zu vermehrten Behandlungsfällen geführt haben, versehentlich außen vor bleiben – dies würde sich dann zumindest in der Anzahl aller Behandlungsfälle wiederspiegeln.

Veränderungen insbesondere bei körperlichen Erkrankungen

Die Veränderungen bei den ausgewählten Diagnosen und allen Behandlungsfällen im zweiten Quartal 2020 im Vergleich zum zweiten Vierteljahr 2019 werden für die unterschiedlichen Altersgruppen getrennt betrachtet.

Kinder im Krippenalter: Deutlich weniger Infektionen

Unter den ein bis zwei Jahre alten Kindern, die gesetzlich krankenversichert sind und zwischen Januar 2019 und Juni 2020 mindestens einmal beim Arzt waren, wurde im zweiten Quartal 2019 bei nahezu 24 Prozent eine Infektion diagnostiziert (Abbildung 1, oberer Teil). Krankheiten des Ohres waren im zweiten Quartal 2019 mit fast zehn Prozent weniger häufig, dafür kommen aber Atemwegserkrankungen mit einer Inzidenz von knapp 39 Prozent relativ oft vor. Verletzungen wurden mit vier Prozent deutlich seltener diagnostiziert. Im zweiten Quartal des Jahres 2020, also im und kurz nach dem ersten coronabedingten Lockdown, lag der Anteil der Kinder mit diagnostizierten ansteckenden physischen Krankheiten um mindestens die Hälfte niedriger als ein Jahr zuvor. Am größten war der Rückgang mit 78 Prozent bei diagnostizierten Krankheiten des Mittelohrs und des Warzenfortsatzes. Der Rückgang bei den Verletzungen ist mit sieben Prozent hingegen eher gering.

Diagnosen bei psychischen Erkrankungen und Verhaltensstörungen (Abbildung 1, mittlerer Teil) sind im Krippenalter sehr selten, sie kamen nur bei knapp sieben Prozent der ein- bis zweijährigen Kinder in den analysierten Daten vor. Auch hier sind die Diagnosen von 2019 auf 2020 tendenziell rückläufig, allerdings sind die Rückgänge sehr gering (insgesamt liegen sie bei drei Prozent).

Chronische Erkrankungen haben keine größere Bedeutung, bei weniger als zwei Prozent der Kinder in dieser Altersgruppe wurden die dargestellten Krankheiten diagnostiziert (Abbildung 1, unterer Teil). Zudem zeigt sich wie erwartet bei den einzelnen Diagnosen keine signifikante Veränderung vom zweiten Quartal 2019 zum zweiten Quartal 2020. Die Zahl der Behandlungsfälle hat sich bei sehr jungen Kindern von 0,9 auf 0,8 Fälle pro Kind reduziert (Abbildung 2).

Kinder im Kindergartenalter: Ähnlich große Rückgänge der körperlichen Erkrankungen

Bei Kindern der Altersgruppe von drei bis fünf Jahren, die im zweiten Quartal 2020 Kitas in der Regel höchstens eingeschränkt besuchen konnten, sind die Häufigkeiten der unterschiedlichen Diagnosen – was physische Beschwerden und Verletzungen angeht – nicht sehr viel anders als in der jüngeren Altersgruppe. Auch hier zeigt sich, dass im zweiten Quartal 2020 die Diagnosen in fast allen Bereichen um weit über 50 Prozent zurückgegangen sind (Abbildung 3, oberer Teil). Der größte Rückgang ist hier mit 77 Prozent bei infektiösen Darmerkrankungen und Streptokokken-Angina festzumachen – absolut betrachtet entspricht dies allerdings in beiden Fällen einem kleinen Rückgang von knapp vier auf ein Prozent der Kinder. Der Rückgang bei den Verletzungen ist statistisch nicht signifikant.

Bei den Diagnosen psychischer Erkrankungen, die in dieser Altersgruppe 2019 mehr als doppelt so häufig auftraten wie bei Kindern im Krippenalter, ist der Rückgang sehr moderat (Abbildung 3, mittlerer Teil). Insgesamt gingen die psychischen Erkrankungen und Verhaltensstörungen um sieben Prozent zurück. Chronische Krankheiten veränderten sich vom zweiten Quartal 2019 zum zweiten Quartal 2020 kaum (Abbildung 3, unterer Teil). Die Anzahl der Behandlungsfälle sank um 20 Prozent (Abbildung 2).

Grundschulkinder: Ein Fünftel weniger Verletzungen

Diagnosen bei Grundschulkindern unterscheiden sich insofern von denen anderer Kinder, als bei ihnen grundsätzlich weniger Infektionskrankheiten diagnostiziert werden (Abbildung 4, oberer Teil). Auch in dieser Altersgruppe nahmen die Diagnosen im Quartal des ersten Lockdowns ab, allerdings relativ betrachtet nicht so stark wie in den jüngeren beiden Altersgruppen. Lediglich bei der Diagnose Streptokokken-Angina ist ein ähnlich großer Rückgang zu beobachten, während der Rückgang bei Infektionen von 14 auf acht Prozent betroffener Kinder „nur“ 44 Prozent betrug. Bemerkenswert ist, dass die Häufigkeit von Verletzungen um 20 Prozent abnahm.

Diagnosen im Bereich psychischer Erkrankungen sind bei Kindern im Grundschulalter grundsätzlich häufiger als bei jüngeren Kindern. Auch hier ist ein Rückgang im Vergleich der beiden Quartale zu verzeichnen (Abbildung 4, mittlerer Teil). Verglichen mit den beiden anderen Altersgruppen fallen die Rückgänge mit etwa zwölf Prozent etwas größer aus. Der Anteil von Kindern mit Diabetesdiagnosen als eine der chronischen Krankheiten veränderte sich auch in dieser Altersgruppe nicht bedeutend (Abbildung 4, unterer Teil).

Ältere Schulkinder: Behandlungsfälle etwas weniger gesunken als bei jüngeren Kindern

Die Ergebnisse für die Elf- bis Zwölfjährigen ähneln denen der Grundschulkinder: Bei den Verletzungen ist hier ein Rückgang von 33 Prozent zu verzeichnen, der absolut betrachtet aber klein ist und zwei Prozentpunkte ausmacht (Abbildung 5, oberer Teil). Auch bei psychischen Krankheiten und Verhaltensstörungen ergeben sich relativ zu den jüngeren Schulkindern größere Rückgänge (Abbildung 5, mittlerer Teil) – allerdings sind diese verglichen mit den Rückgängen bei physischen Erkrankungen deutlich geringer. Bei Diabetes- und Zöliakie-Diagnosen sind keine größeren Veränderungen zwischen dem zweiten Quartal 2019 und dem zweiten Quartal 2020 zu beobachten (Abbildung 5, unterer Teil). Die Zahl der Behandlungsfälle nahm um 16 Prozent ab (von 0,7 auf 0,6 pro Kind) und damit etwas weniger als bei den jüngeren Schulkindern (Abbildung 2).

Gründe für Rückgang der Diagnosen sind wohl vielfältig

Quer über alle Altersgruppen sind zwischen den zweiten Quartalen der Jahre 2019 und 2020 Rückgänge bei diagnostizierten Krankheiten von Kindern bis zum 13. Lebensjahr festzumachen. Besonders hoch sind in allen Altersgruppen, noch verstärkt bei den jüngeren, die Rückgänge bei den diagnostizierten körperlichen ansteckenden Erkrankungen. Die Ursachen dafür können auf Basis der verfügbaren Daten nicht identifiziert werden. Es können jedoch unterschiedliche Gründe vermutet werden: Zum einen ist davon auszugehen, dass einige Eltern mit ihren Kindern nicht zum Arzt beziehungsweise zur Ärztin gingen, um Ansteckungen zu vermeiden – gerade am Anfang der Pandemie, als noch wenig über das Ansteckungsrisiko mit dem Corona-Virus bei Kindern bekannt war, könnte dies ein Grund gewesen sein. Allerdings, so legen die Befunde nahe, war dies nur dann der Fall, wenn keine schweren Krankheitsverläufe, zum Beispiel chronische Erkrankungen, vorlagen.

Zum anderen könnten die mit dem Lockdown verbundenen Kontakteinschränkungen beziehungsweise geschlossene Kitas, Schulen und Spielplätze dazu geführt haben, dass sich Kinder weniger mit infektiösen Erkältungs- oder Darmviren angesteckt haben als vor der Pandemie und damit tatsächlich weniger krank waren.infoDas RKI hat den Rückgang meldepflichtiger Infektionen für Erwachsene bereits vermeldet, siehe dazu auch die erste Fußnote dieses Wochenberichts. Allerdings können geschlossene Kitas und Schulen mittel- bis langfristig mit anderen negativen Folgen verbunden sein, die sich im sozioemotionalen Bereich und im Sozialverhalten von Kindern wiederspiegeln – insbesondere wenn die weiteren Kita-Schließungen im zweiten Lockdown mitbedacht werden. Inwiefern und in welchem Ausmaß dies der Fall ist, müssen künftige Forschungsarbeiten zeigen.

Kurzfristig hat der Lockdown bei Kindern unter sechs Jahren zu keinen größeren signifikanten Änderungen in der Diagnose psychischer Erkrankungen oder Verhaltensstörungen geführt – die Diagnosen in diesem Bereich haben nicht zugenommen, bei jüngeren Kindern jedoch auch nicht abgenommen. Wenn auch hier mit einbezogen wird, dass einige Eltern aufgrund der Ansteckungsrisiken von einem Arztbesuch Abstand genommen haben, ist dies bemerkenswert. Wie die COPSY-StudieinfoVgl. UKE Hamburg, a.a.O. und auch andere Studien vermuten lassen, könnten mittel- bis langfristig auch klinisch messbare psychische Erkrankungen zunehmen.

Aus anderen Befragungen ist bekannt, dass Familien in der Pandemie sehr belastet sind: Die Zufriedenheit mit dem Familienleben insbesondere bei Müttern mit sehr jungen Kindern hat kurz nach Beginn des ersten Lockdowns abgenommen und auch die Zufriedenheit mit der Kinderbetreuung ist stark zurückgegangen. Auch dieser Rückgang in der mütterlichen Zufriedenheit könnte sich mittelfristig auf die Gesundheit der Kinder auswirken.infoVgl. Mathias Huebener et al. (2020): Wohlbefinden von Familien in Zeiten von Corona: Eltern mit jungen Kindern am stärksten beeinträchtigt. DIW Wochenbericht Nr. 30/31, 527–537 (online verfügbar).

Für Grundschulkinder und auch die etwas älteren Schulkinder lässt sich festhalten, dass der Rückgang der Diagnosen physischer Krankheiten im ersten Corona-Lockdown nicht ganz so groß ausfällt wie bei jüngeren Kindern. Inwiefern dies damit zusammenhängt, dass sich Kinder in dieser Altersgruppe grundsätzlich nicht mehr so schnell und häufig anstecken oder Eltern hier weniger besorgt waren, dass sich ihre Kinder in den Arztpraxen mit dem Corona-Virus ansteckeninfoDies kann damit verbunden sein, dass das Immunsystem mit zunehmendem Alter von Kindern stärker ist., kann auf Basis der verwendeten Daten nicht beurteilt werden. Bemerkenswert ist der Rückgang der Verletzungen – hier könnte ein Grund darin liegen, dass der Freizeitsport weggefallen ist und Kinder sich damit im Mittel weniger bewegten.

Bei Kindern aller Altersgruppen sind keine größeren Rückgänge bei chronischen Krankheiten, also insbesondere im Bereich Diabetes und Zöliakie, zu beobachten – dies sind Krankheiten, die durch Kontaktbeschränkungen nicht beeinflusst werden. Das verdeutlicht, dass Eltern mit chronisch kranken Kindern trotz Corona-Pandemie nicht auf Arztbesuche verzichtet haben – womit auch nicht von schwereren Verläufen chronischer Krankheiten oder Nachholeffekten auszugehen ist. Die ärztliche Versorgung hat in diesem Bereich – so die Ergebnisse dieser Untersuchung – nicht gelitten.

Fazit: Kindergesundheit im weiteren Verlauf und auch nach der Pandemie im Blick haben

Eine gute Gesundheit ist ein zentraler Aspekt für die Entwicklung von Kindern. Wie der FamilienMonitor_Corona des DIW BerlininfoVgl. FamilienMonitor_Corona des DIW Berlin (online verfügbar). zeigt, machen sich im zweiten Lockdown viele Eltern große Sorgen um die Gesundheit ihrer Kinder, ebenso wie um die Bildung ihrer Kinder: Im Januar dieses Jahres sorgten sich etwa 90 Prozent der Eltern um die Bildung ihrer Kinder. Um die Gesundheit des Kindes machten sich etwa 80 Prozent große oder einige Sorgen.infoVgl. Mathias Huebener et al. (2021): Kein „Entweder- oder“: Eltern sorgen sich im Lockdown um Bildung und Gesundheit ihrer Kinder. DIW aktuell Nr. 59 (online verfügbar). Mit dem zweiten Lockdown, anhaltend hohen Infektionszahlen und den Ergebnissen von Studien wie der COPSY-Studie ist demnach nicht ausgeschlossen, dass mittelfristig klinisch messbare psychische Erkrankungen gerade bei Kindern und Jugendlichen eher zunehmen. Hier bedarf es einer besonderen Aufmerksamkeit, wenn auch längerfristige Folgen so früher psychischer Probleme verringert werden sollen.infoVgl. dazu zum Beispiel die Vorschläge des Wissenschaftlichen Beirats für Familienfragen in seiner jüngsten Stellungnahme: C. Katharina Spieß, Margarete Schuler-Harms, Jörg M. Fegert und der Wissenschaftliche Beirat für Familienfragen (2020): Erholung und gezielte Unterstützung für Familien: Ein nachhaltiges Investitionsprogramm muss differenzieren (erscheint in Kürze online). Darüber hinaus ist zu befürchten, dass aufgrund von Bewegungsmangel und teilweise schlechter Ernährung auch physische Probleme zunehmen, die beispielsweise mit Übergewicht oder anderen Folgen verbunden sind.infoEine Studie aus Japan belegt zum Beispiel, dass eine Corona-Folge eine signifikante Zunahme adipöser Kinder ist, vgl. Reo Takaku und Izumi Yokoyama (2021): What the COVID-19 school closure left in its wake: Evidence from a regression discontinuity analysis in Japan. Journal of Public Economics 195, 104364.

Der Befund, wonach im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 der Anteil der Kinder mit diagnostizierten Infektionen, Atemwegserkrankungen und Erkrankungen des Ohres deutlich gesunken ist, ist sehr wahrscheinlich zumindest teilweise auf Kita- und Schulschließungen zurückzuführen und könnte sich entsprechend auch für den weiteren Pandemieverlauf ergeben. Dies kann ein Hinweis darauf sein, dass bei wieder geöffneten Kitas und Schulen der Kindergesundheit und damit verbundener Ansteckungsrisiken mehr Aufmerksamkeit zukommen sollte. Gleichwohl das sogenannte „Gute-Kita-Gesetz“infoVgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Das Gute-KiTa-Gesetz (online verfügbar). die Kindergesundheit als ein eigenständiges Handlungsfeld guter Kita-Qualität benannt hat, hat keines der Bundesländer diese als ein Feld ausgewählt, das mit den zusätzlichen Mitteln des Bundes angegangen wird. Kleinere Kita-Gruppen und größere Außengelände sind zwei beispielhafte Ansatzpunkte, die dazu beitragen können, Ansteckungsrisiken grundsätzlich zu senken. Darüber hinaus könnte in Anlehnung an Beispiele aus dem Ausland auch medizinisches Fachpersonal in Kitas tätig sein, um frühzeitig Krankheiten zu diagnostizieren und Kinder bei nicht schweren Krankheitsverläufen zu begleiten – dies würde gleichzeitig die Eltern entlasten.infoEin solches Konzept setzt allerdings eine Erweiterung des Auftrags von Kitas voraus, die sich dann zu Zentren für Familien entwickeln würden und Familien in vielerlei Hinsicht unterstützen, vgl. beispielsweise Sophia Schmitz und C. Katharina Spieß (2019): Familien im Zentrum – Unterschiedliche Perspektiven auf neue Ansatzpunkte der Kinder-, Eltern- und Familienförderung (online verfügbar).

Auch im Grundschulbereich sollte nach der Pandemie der Aspekt der Kindergesundheit einen wichtigen Stellenwert haben – hier wurde in der Diskussion um adäquate Hygienekonzepte, Luftfilter, Masken, Schnelltests und Impfungen bereits viel über Ansteckungsrisiken im Klassenraum diskutiert. Nur gesunde Kinder lernen sowohl im kognitiven als auch im nichtkognitiven Bereich effektiv und effizient.infoAuch hier wäre zu überlegen, ob wie in Norwegen und Schweden medizinisch ausgebildetes Fachpersonal die Gesundheit der Kinder kontrolliert. Studien zeigen, dass dies die Gesundheit der Kinder und auch andere Ergebnismaße tatsächlich langfristig positiv beeinflusst, vgl. zum Beispiel Rita Ginja (mit Signe A. Abrahamsen and Julie Riise): School Health Programs: Education, Health, and Welfare Dependency of Young Adults. Vortrag beim Berlin Applied Micro Seminar am 22. März 2021; Gerard J. van den Berg und Bettina M. Siflinger (2020): The effects of day care on health during childhood: evidence by age. IZA Discussion Paper 11447. Eine alternde Gesellschaft wie die deutsche sollte das Humanvermögen mit höchster Priorität fördern und somit auch viel in die Gesundheitsprävention von Kindern investieren.

Mara Barschkett

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Staat



JEL-Classification: I10;I14;I20;J13
Keywords: child health, physical health, mental health, gender, Covid-19
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2021-16-1
Frei zugängliche Version: (econstor)
http://hdl.handle.net/10419/233791

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