Gesundheitsprävention in Kitas und Schulen sollte höheren Stellenwert erhalten: Interview

DIW Wochenbericht 16 / 2021, S. 285

Mara Barschkett, Erich Wittenberg

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Frau Barschkett, was genau haben Sie sich in der Studie zur Kindergesundheit angesehen und auf welchen Daten basiert sie? Wir haben in unserer Studie untersucht, wie sich die Gesundheit von Kindern im zweiten Quartal 2020, also während des ersten Corona-Lockdowns und in den ersten Wochen danach, gegenüber dem zweiten Quartal 2019 verändert hat. Dafür haben wir Daten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung genutzt und uns auf Kinder im Alter zwischen ein und zwölf Jahren fokussiert. Grundsätzlich können wir einen Rückgang an Behandlungsfällen von bis zu 20 Prozent beobachten.

Bei welchen Diagnosen ist ein besonders starker Rückgang zu beobachten? Wir beobachten einen besonders starken Rückgang an Diagnosen bei ansteckenden Krankheiten wie zum Beispiel Atemwegsinfekten. Bei chronischen Krankheiten konnten wir keine merkliche Veränderung feststellen, das heißt, dass Kinder, die an einer Krankheit wie zum Beispiel Diabetes leiden, genauso häufig medizinisch versorgt wurden wie im Jahr zuvor. Bei psychischen Krankheiten können wir zwar kleine Rückgänge feststellen, diese sind allerdings wesentlich geringer als bei den physischen Beschwerden und nicht immer im statistischen Sinne signifikant.

Wie unterscheiden sich die Effekte in den verschiedenen Altersgruppen? Bei den ansteckenden Krankheiten sind diese Rückgänge besonders stark bei sehr jungen Kindern im Krippen- oder Kita-Alter. Allerdings sind sie auch in den älteren Altersgruppen bedeutend. Bei den Grundschulkindern beträgt der Rückgang immer noch 40 Prozent, während es bei den jüngeren Kindern über 50 Prozent sind. Bei Verletzungen ist es umgekehrt. Da sind die Rückgänge wesentlich größer bei älteren Kindern, die vor der Pandemie wahrscheinlich sportlich aktiver und häufiger draußen unterwegs waren.

Wo liegen die Gründe für den Rückgang der Diagnosen? Die Gründe können sehr vielfältig sein, mit den Daten in unserer Studie können wir das nicht klären. Aber ein Grund könnte sein, dass Eltern mit ihren Kindern aus Angst vor einer Corona-Infektion seltener eine Arztpraxis besuchten. Ein anderer möglicher Grund ist, dass es tatsächlich weniger Infektionen gab, denn die Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus, beispielsweise Kita- und Schulschließungen sowie die allgemeinen Kontaktbeschränkungen, könnten dazu geführt haben, dass sich auch andere Infektionskrankheiten nicht so stark verbreiteten. Es ist also gut möglich, dass es wirklich weniger Infektionen gab. Für die Verletzungen haben wir noch eine andere Erklärung: Weil Freizeitsportmöglichkeiten und anderes weggefallen sind, haben sich die Kinder vielleicht auch weniger bewegt und somit weniger häufig verletzt.

Welche gesundheitspolitischen Konsequenzen ließen sich aus Ihren Ergebnissen ableiten? Corona hat grundsätzlich sehr negative Auswirkungen, aber ein Nebeneffekt ist vielleicht, dass sich Kinder während des ersten Lockdowns seltener mit anderen Infektionskrankheiten angesteckt haben. Es wurde viel diskutiert, wie wir Schulen und Kitas zu einem sichereren Ort in Sachen Infektionsschutz machen können. Da wurde über Luftfilter, Hygienemaßnahmen und kleinere Gruppengrößen gesprochen, dass man Außengelände mehr nutzt und vieles andere mehr. Das sind Dinge, die man in der Zukunft nicht alle wieder vergessen sollte – die Gesundheit der Kinder sollte auch künftig eine große Bedeutung in Kitas und Schulen haben. Aber wir wissen aus anderen Studien, dass es auch viele negative Effekte auf die Gesundheit von Kindern gibt, die sich im weiteren Verlauf der Pandemie zeigen und die vermutlich mittel- bis langfristig an Bedeutung gewinnen werden. Internationale Analysen zeigen zum Beispiel, dass Kinder aufgrund des Lockdowns eher übergewichtig sind. Allgemein sollte man auch in Zeiten nach der Pandemie mehr in die Gesundheitsprävention von Kindern investieren.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

O-Ton von Mara Barschkett
Gesundheitsprävention in Kitas und Schulen sollte höheren Stellenwert erhalten - Interview mit Mara Barschkett,

Mara Barschkett

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Bildung und Familie

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