Geflüchtete willkommen zu heißen, bedeutet ihre Potenziale zu nutzen: Kommentar

DIW Wochenbericht 21 / 2021, S. 364

Daniel Graeber

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1600 Straftaten gegen Geflüchtete wurden laut Bundesinnenministerium im letzten Jahr wieder dokumentiert. Obwohl der Trend seit dem Rekordjahr 2016 nach unten geht, zeigt diese hohe Anzahl an Beleidigungen, Volksverhetzungen, Sachbeschädigungen und Gewalttaten, dass beträchtliche Teile unserer Gesellschaft Geflüchteten ablehnend bis feindselig gegenüberstehen. Diese Hasskriminalität kann die Integration von Geflüchteten nachhaltig negativ beeinflussen. Auch deshalb müssen wir fremdenfeindlichen Gruppen entschieden entgegentreten und weiterhin eine positive Haltung gegenüber Geflüchteten fördern. Das ist jetzt wichtiger denn je, sind doch Auseinandersetzungen über Ressourcen im Zuge der Covid-19-Pandemie zu erwarten.

Zugewanderte abzulehnen aus Sorge, ins Hintertreffen zu geraten, bleibt empirisch unbegründet. Die Forschung zeigt, dass Zuwanderung weder Arbeitsplätze gefährdet noch zu sinkenden Einkommen führt. Ganz im Gegenteil: Häufig sind auch positive Effekte zu erwarten. So können Zugewanderte durch ihre hohe Mobilität dazu beitragen, lokale Knappheiten von Arbeitskräften zu verringern. Man kann also davon ausgehen, dass niemand durch Zuwanderung schlechter gestellt wird.

Gleichzeitig gehen Straftaten gegen Geflüchtete nicht spurlos an den Betroffenen vorbei. So zeigt eine Studie von Felicitas Schikora und mir, dass Angriffe auf Unterkünfte von Geflüchteten die psychische Gesundheit der Betroffenen deutlich verschlechtern (online verfügbar). Dies kann wiederum zu schlechteren wirtschaftlichen Entscheidungen führen und somit womöglich zu einer schlechteren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Integration. Das heißt, die Geflüchteten könnten sich nicht auf die Art und Weise in die Gesellschaft einbringen, wie es ihnen ohne Übergriffe möglich wäre. Das ist dramatisch, wird doch ohne Not eine ganze Gruppe von Menschen potenziell schlechter gestellt.

In seinem Buch „Die Außenseiter“ hat Philipp Ther in einer historischen Analyse eindrucksvoll gezeigt: Die Integration von Geflüchteten war stets am erfolgreichsten, wenn die aufnehmenden Gesellschaften sie willkommen geheißen haben. Hasskriminalität, so wie oben beschrieben, ist ein extremer Ausdruck von Ablehnung – und damit genau das Gegenteil einer integrationsfördernden Offenheit. Wir können also klar daraus schließen, dass sowohl die Geflüchteten als auch unsere Gesellschaft davon profitieren würden, wenn die Straftaten auf Geflüchtete verhindert werden. Dazu gehört schon im Vorfeld, dass PolitikerInnen davon absehen, Geflüchteten das im Grundgesetz verankerte Asylrecht in Abrede zu stellen, nicht vorhandene Verteilungskonflikte herauf zu beschwören oder offenkundige Hetzjagden zu bagatellisieren, um nur ein paar Beispiele fremdenfeindlicher Rhetorik zu nennen. All dies schafft gefühlte Realitäten, auf deren Grundlage Menschen handeln. Hier gilt es solchen Entgleisungen zu entgegnen, um zu verhindern, dass Menschen Geflüchteten mit einer negativen Grundhaltung entgegentreten oder sogar Straftaten gegen sie verüben. Angesichts eines erwartbar hitzigen Wahlkampfs gilt es sich das immer wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Darüber hinaus sollte es PolitikerInnen sowie uns allen ein großes Anliegen sein, den Geflüchteten Integrationsangebote zu machen, sodass sie mit der Mehrheitsgesellschaft in Kontakt kommen. Studien haben gezeigt, dass so Vorurteile abgebaut werden können und die ablehnende Haltung gegenüber Geflüchteten abnimmt. Zudem hat unsere Studie gezeigt, dass Geflüchtete mit besseren Sprachkenntnissen weniger stark auf die Straftaten auf ihre Unterkünfte reagieren. Wir vermuten, dass dies daran liegt, dass diese Geflüchteten eher imstande sind, sich ein Bild von der Lage zu machen.

Wenn wir Geflüchtete vor Angriffen schützen und ihnen Integrationsangebote machen, bin ich davon überzeugt, dass wir die Potenziale, die Geflüchtete mitbringen, effektiv nutzen können.

Daniel Graeber

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel

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