Euro 2020: Geld schießt keine Tore, hat aber Prognosekraft: Kommentar

DIW Wochenbericht 26 / 2021, S. 456

Gert G. Wagner

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Geld schießt keine Tore. Das machen die SpielerInnen immer noch selbst. Aber der Marktwert professioneller Fußballspieler ist trotzdem ein guter Indikator, den Ausgang von Wettbewerben wie der Euro 2020 zu prognostizieren. Sportlich reizvoll daran ist, dass man daneben liegen kann. Zu Turnierbeginn deutete alles darauf hin, dass die Auswahlmannschaft England wegen ihres hohen Marktwertes die Europameisterschaft gewinnt. Im Achtelfinale trafen die „Three Lions“ auf Deutschland. Beide Mannschaften hatten jede Menge historisches Gepäck aus vergangenen Duellen im Tornister, so dass ein Fußballdeuter wie Gary Lineker recht behalten haben könnte: „… und am Ende gewinnen immer die Deutschen“. Ein Blick auf die Marktwertprognose lohnt sich umso mehr.

Mit Hilfe der von transfermarkt.de geschätzten Marktwerte der Spieler der teilnehmenden Teams konnten die Gewinner der Fußball-WM der Männer 2006, 2010 und 2018 richtig prognostiziert werden. Auch bei den Europameisterschaften lag die Methode gut – was wegen der zeitweiligen sportlichen Überlegenheit der Spanier allerdings nicht besonders schwierig war: 2008 und 2012 wurde das teure spanische Team Europameister; Portugal war 2016 eine echte Überraschung (und zwar bei jeder Prognosemethode).

Die englische Mannschaft ging anhand der Marktwerte als klarer Favorit in die Europameisterschaft (Durchschnittsmarktwert der Spieler zum Beginn der Euro 49 Millionen Euro). Danach folgten Frankreich mit knapp 40 Millionen Durchschnittsmarktwert und Spanien mit etwa 38 Millionen. Erst dann kamen die deutsche Auswahl mit 36 Millionen, Portugal mit 32, Italien mit 29 und Belgien mit 26 Millionen.

Das Ergebnis der Euro-Vorrunde haben die Marktwerte gut prognostiziert: Nur drei der 16 Teams in der Ko-Runde haben Marktwerte, die nicht zu den höchsten 16 gehören (Schweden, Tschechien und Wales). Zum Redaktionsschluss dieses Beitrags sind im Achtelfinale in vier Spielen nur zweimal die Marktwert-Favoriten weitergekommen. In KO-Spielen entscheidet natürlich der Zufall mehr als bei drei Vorrundenspielen oder gar in einer ganzen Fußballsaison.

Der Marktwert ist eine Metrik, die offenbar die Leistungsstärke der Spieler gut abbildet. Die Marktwerte sind in den meisten Fällen keine wirklich anhand von realisierten Transfers gemessenen Transferwerte, sondern beruhen auf der Einschätzung der Spielstärke der Spieler – im Falle von transfermerkt.de durch die Betreiber und die Fans, die mitmachen. Die so geschätzten Marktwerte sind also ein sehr guter Indikator für die Wettkampfstärke von Teams.

Bei der Einschätzung der Spielstärke und der Wettkampfbedeutung durch transfermarkt.de erfolgt die Gewichtung der verschiedenen Fähigkeiten, die ein Fußballspieler und eine Fußballmannschaft haben sollten, um zu gewinnen, intuitiv durch die Schätzer. Da die Marktwert-Methode regelmäßig genauso gut ist oder sogar besser als komplizierte Prognosemodelle, bedeutet das, dass die intuitive Gewichtung der Gewichtung durch Modellbauer überlegen ist. Mit anderen Worten: Prognosemodelle anhand der Daten und Ergebnisse der Vergangenheit zu trainieren – wie die Analyse von Daten im Bereich der KI gerne genannt wird – führt nicht zu besseren Ergebnissen als menschliche Intuition, die zur Schätzung von Marktwerten als Weisheit der Vielen führt.

Wettquoten sind ebenso wie die Marktwerte bei transfermarkt.de ein Ausdruck der Schwarmintelligenz (der englische Ausdruck „Wisdom of the Crowd“ trifft es noch besser). Da es sich bei Wettenden aber um eine Gruppe handelt, die gerade beim Fußball nicht unbedingt rein professionell Informationen verarbeiten und entsprechend wetten, sondern auch Aberglaube eine Rolle spielt, ist die Weisheit der vielen Wettenden nicht so gut wie die Weisheit derer, die Marktwerte schätzen. Freilich: auch bei der Schätzung von Marktwerten mag Diskriminierung eine Rolle spielen, wenn man etwa die Unterbewertung der belgischen Mannschaft anschaut: Sie steht in der FIFA-Rangliste aufgrund der sehr guten Ergebnisse der vergangenen Jahre an der Spitze und bei der Euro 2020 im Viertelfinale.

Gert G. Wagner

Senior Research Fellow in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel

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