Parteien haben die Chance, Eingewanderte langfristig an sich zu binden: Interview

DIW Wochenbericht 28 / 2021, S. 500

Jannes Jacobsen, Erich Wittenberg

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Herr Jacobsen, inwieweit identifizieren sich Menschen, die nach Deutschland eingewandert sind, mit einer der politischen Parteien in Deutschland? Im Jahr 2019 gaben etwas mehr als ein Drittel der Personen, die nach Deutschland eingewandert sind oder deren Kinder, eine Parteiidentifikation an. Wenn wir die zwei vorherigen Befragungswellen noch mit dazu nehmen, sehen wir, dass rund die Hälfte dieser Personen einer Partei zuneigt. Das bedeutet, dass langfristig betrachtet rund die Hälfte der Eingewanderten in Deutschland parteipolitisch ungebunden ist.

Wie lange dauert es, bis nach Deutschland eingewanderte Personen sich genauso häufig mit einer Partei verbunden fühlen wie Menschen ohne Einwanderungsgeschichte? Das lässt sich nicht eindeutig beziffern. Allerdings sehen wir, dass in den 15 Jahren nach Zuwanderung 50 Prozent der Eingewanderten in Deutschland wenigstens einmal berichten, sich mit einer Partei zu identifizieren.

Das entspricht dem Wert, den das DIW Berlin bereits 2009 festgestellt hat. Warum hat sich seitdem nichts geändert? Das ist richtig. Wir können seitdem keine Dynamik weder in die eine, noch in die andere Richtung feststellen.

Mit welchen Parteien identifizieren sich die Eingewanderten am meisten? Noch Mitte der 1980er Jahre haben sich knapp über 50 Prozent der Eingewanderten mit der SPD identifiziert, mit der CDU knapp unter 40 Prozent. Seitdem ist der Anteil bei der SPD gesunken. Diesen Trend sehen wir grundsätzlich in der Bevölkerung, sodass sich aktuell etwas mehr als ein Drittel sowohl mit der CDU/CSU als auch mit der SPD identifizieren. Doch obwohl immer weniger Eingewanderte sich an die SPD gebunden fühlen, berichten Eingewanderte trotzdem relativ gesehen häufiger eine Parteiidentifikation mit der SPD als die restliche Bevölkerung. Bei den Grünen sehen wir einen positiven Trend, allerdings ist der sowohl in der allgemeinen Bevölkerung wie auch bei Eingewanderten zu verzeichnen.

Gibt es hierbei Unterschiede zwischen den Herkunftsländern der eingewanderten Personen? Die Parteiidentifikation der Eingewanderten nach Deutschland ist sehr heterogen. Personen, die aus Osteuropa oder der ehemaligen UdSSR kommen, identifizieren sich überproportional häufig mit der CDU/CSU. Personen aus Anwerbeländern, beispielsweise der Türkei oder Südeuropa, identifizieren sich überproportional mit der SPD. Personen aus Westeuropa, beispielsweise der Schweiz oder den Niederlanden, neigen überproportional den Grünen zu. Interessant ist, dass Personen aus Serbien überproportional der Partei Die Linke zuneigen.

Was kann getan werden, um die Parteiidentifikation von Menschen mit Einwanderungsgeschichte zu stärken? Die SPD hat während der Schröder-Regierung die Türkei als EU-Beitrittskandidaten ins Spiel gebracht. Dies hat sich sicherlich auch auf die langfristige Parteibindung der Türkeistämmigen an die SPD ausgewirkt. Gleichzeitig sehen wir, dass die CDU/CSU traditionell als Interessensvertretung von Personen aus Osteuropa oder der ehemaligen UdSSR gilt. Personen, die als Geflüchtete nach Deutschland gekommen sind, beispielsweise aus Syrien oder Eritrea, fühlen sich an die Regierungsparteien, also CDU/CSU oder SPD gebunden. Das heißt, wenn die Besonderheiten eingewanderter Personen und deren Geschichte in den parteipolitischen Programmen beachtet umgesetzt wird, haben die Parteien eine Chance, Eingewanderte langfristig an sich zu binden.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Themen: Migration

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